Mal ehrlich: Seit wenigen Jahren ist sie allgegenwärtig, zunehmend sichtbar und in beeindruckend viele Alltagssituationen integriert. Künstliche Intelligenz bestimmt mittlerweile unser Leben, hält überall Einzug und ist weder wegzudenken noch aufzuhalten. Die ängstlichen Zeitgenossen bangen mehr oder weniger heimlich um ihre Jobs, skeptisch schauen sie auf den vermeintlichen Big Brother oder stellen überhaupt die Arbeit der unfassbaren Assistenten in Frage.
Die Begeisterten hingegen befragen zu jeder Lebenslage den virtuellen Partner, lassen sich Formulierungen bis hin zu ganzen Abhandlungen erstellen und scheinen nur auf die geduldigen Handlanger gewartet zu haben. Es gibt fast nichts, was man nicht delegieren kann, was Chatbots nicht besser können und was man nicht diskussionslos von seinem eigenen Schreibtisch wischen kann.
Ja, ChatGPT und Kollegen übernehmen die Routinetätigkeiten, die immer einen Teil der Arbeitszeit in Anspruch genommen haben. Endlich ist Zeit für die wirklich wertschöpfende Arbeit, für Kreativität, hochwertige Gedanken. Weg mit dem lästigen Ballast, der bislang das Leben dominiert hat. Bahn frei für das Ausprobieren neuer Wege, Techniken, Produkte. Gespräche mit Kollegen, menschliche Arbeit, die Computer nicht erledigen können.
Und an dieser Stelle kommen mir langsam Zweifel. Fangen wir mal damit an, dass zwischen all den individuellen und intellektuell anspruchsvollen Arbeiten eine Routinearbeit auch mal entspannend sein kann. Ich kenne mich mit Thema xy aus, trage irgendwelche Daten hier und dort ein, rufe mir bekannte Programme in einer mir gewohnten Reihenfolge auf und kann dabei sozusagen während der Arbeit ein wenig entspannen. Danach noch ein Kaffee und ich bin wieder bereit für die nächste anspruchsvolle Tätigkeit. Diese Entspannungsphase entfällt jetzt, denn diese Arbeit hat mir mein Bot ja abgenommen.
Zweitens ist ja nicht jeder Mitarbeiter ein kreativer Mensch, der mit seiner Arbeitskraft bei Wegfall sämtlicher Standardaufgaben etwas anfangen kann. Wenn man diese Kolleginnen und Kollegen auffordert, etwas Schönes mit ihrer Zeit zu tun, sind sie hilflos und bitten um Instruktion, was sie machen sollen. Vielleicht unbewusst sind sie gar nicht daran interessiert, ihr Arbeitsfeld selbst gestalten zu können oder sind zumindest zunächst mit dieser für sie ungewohnten Form der Selbstführung überfordert.
Drittens gibt es Menschen, die ihre Routine ausgesprochen lieben. Von unserer Grundstruktur sind wir nun mal so angelegt, dass wir "Gewohnheitstiere" sind. Dauernd Neues zu erleben ist zwar spannend, aber auch anstrengend. Wenn erst mal die Abläufe verinnerlicht sind fühlen wir uns sicher, können die Arbeit nebenher erledigen. So wie wir beim Autofahren nicht mehr bewusst an das Betätigen der Kupplung und Drehen des Lenkrades denken müssen.
Der Segen der aktuellen Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz wirkt also gar nicht so glückstreibend, wie wir es gerne von manchen Mitmenschen dargestellt bekommen. Selbst die vorgeblich so lästigen Standardaufgaben kann man offensichtlich ein klein bisschen liebhaben und dann eifersüchtig auf den Bot schauen, der sie einem abzunehmen droht.
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