Mittwoch, 30. September 2026

Ich und Krebs? Das kann nicht sein!

Vorweg: Die folgende Geschichte ist rein fiktiv.

Ich habe (keinen) Krebs

Nach einer Reihe von Untersuchungen und einigen Stunden in verschiedenen Diagnosestationen und Messapparaturen sowie noch viel mehr Stunden in irgendwelchen Warteräumen bin ich nun wieder im Sprechzimmer des Arztes. "Sie haben Krebs", lässt er mich wissen. - "Nein", sage ich, "das kann nicht sein." - "Doch, Sie haben Krebs." - "Irgendwo hat wahrscheinlich jeder ältere Mensch Krebs. Das ist normal." - "Das darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wir müssen über eine Therapie sprechen."

"Ja", sage ich, "Sie haben Recht. Wir müssen darüber sprechen. Allerdings heute nicht mehr, ich habe schon wieder einige Stunden in Wartezimmern verbracht, habe noch Termine und der Krebs muss halt warten." - Der Arzt schaut mich ungläubig an, wiederholt nur etwas hilflos sein Statement vom diagnostizierten Krebs und der notwendigen Therapie, räumt ein, dass ich als Patient natürlich das letzte Wort habe.

"Ach und ich werde mir natürlich noch eine zweite Meinung einholen, so ganz überzeugt bin ich von der Diagnose noch nicht. Ich habe zwar Beschwerden, aber die können ja auch ganz andere Ursachen haben." - "Sicher", erwidert der Arzt, "obwohl es in Ihrem Fall keine Zweifel gibt. Es besteht Handlungsbedarf, damit wir in die Behandlung einsteigen." Er ist der Arzt, fachkundig und nach einigen Untersuchungen vielleicht auch auf mich bezogen informiert. Aber wer weiß das? Es wäre ja nicht der erste Mediziner, der eine Fehldiagnose stellt, weil er das nachplappert, was irgendein anderer Facharzt ihm ins Ohr flüstert und auf meine Kosten drauflos hantiert.

"Für heute reicht es erstmal, vielen Dank und noch einen schönen Tag", während ich aufstehe und auf die Tür zuhalte, "ich lasse es mir mal durch den Kopf gehen und komme dann gegebenenfalls wieder auf Sie zu, das könnte aber ein paar Tage dauern."
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Nein, in Unternehmen gibt es keine Ärzte. Und auch keine Röntgengeräte, Labore für Blutproben, Ultraschalldiagnostik und Stethoskope. Aber es gibt Menschen, die den Apparat insgesamt im Auge halten, egal, ob es nun ihr Job ist oder ob sie es aus persönlichem Interesse tun. Die die Entwicklung beobachten, sich Gedanken machen und diese auch mehr oder weniger deutlich zur Sprache bringen. Und ob man sie nun zum Feedback eingeladen hat, vielleicht sogar dafür bezahlt oder ob es eine eher diffuse Rückmeldung ist, die man aus der Belegschaft oder der Presse bekommt: Ohren aufhalten und die Informationen auf sich wirken lassen.

Betrachte ich Unternehmen wie Nokia, dann hat das so überhaupt nicht geklappt. Der Absturz dieses Marktführers ist legendär. Oder aktuelleres Beispiel ist der Volkswagen-Konzern. Ebenfalls schon frühe Zeichen nicht so berücksichtigt, wie es notwendig gewesen wäre. "Ihr Unternehmen hat Krebs" wurde mit zu wenig Beachtung bedacht. Die Antworten wären vermutlich ähnlich wie in meinem fiktiven Gespräch mit dem Arzt. Abstreiten, Zeit verschwenden und zögerlich handeln, Dramatik unterschätzen, so lange weiter fragen, bis man die gewünschte Antwort bekommt.

Und für die Zukunft: Vor ein paar Tagen hatte ich die neueste Ausgabe der Stiftung Warentest in der Hand. Einer der Testberichte drehte sich um Kompaktkameras. Der Testsieger ein technisch ausgereiftes Modell von Sony, 3.229 Euro. Zum Vergleich lief ein Apple iPhone 17 Pro mit, Kostenpunkt 1.269 Euro. Nicht ganz die gleiche Qualität, aber fotografisch gesehen eine respektable Konkurrenz, handlich, immer dabei, und nebenbei noch mit Bildbearbeitung ausgestattet. Von all den Annehmlichkeiten eines Smartphones ganz zu schweigen. Da wird die Luft für Sony, Canon, Fujifilm und so weiter langsam dünn. Aber sie machen fröhlich weiter.
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Staatlich geht das aber auch. Wir können in der Presse mitverfolgen, dass die junge Generation in der Schule wieder schwächere Leistungen vorweist, in internationalen Vergleichen schlecht abschneidet. Zwar wird hier immerhin der Handlungsbedarf erkannt und mal wieder geht ein Pisa-Schock durchs Land, aber die Reaktionen werden schon schwächer, viele Bürger drehen sich in ihrem Bett um, murmeln etwas von Verantwortung der Schule und schlummern weiter. "Für heute reicht es erst mal"

Jetzt heißt es das Übel an der Wurzel zu fassen, ohne Panik, aber beherzt alles, aber auch alles schonungslos und ohne political correctness oder sonstige Hemmungen anzugehen. Stattdessen im Stil von Casablanca "verhaften Sie die üblichen Verdächtigen": Kultusminister, Schulen, Lehrer. Das demonstriert Bewegung, bekämpft den Krebs aber bestenfalls hier und da und auch nur symptomatisch. Und das, wo der Krebs schon gestreut hat.
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Fazit: Diagnose ernst nehmen, zweite Meinung ist erlaubt, aber nicht mit dem Ziel das Problem wegzudiskutieren. Das geht nämlich weder mit dem Körper, noch im Unternehmen, noch beim Staat. Dann beherzt eine Therapie ohne Denkverbote einleiten. Dieser Schritt ist besonders schwierig, weil schmerzhaft, eventuell mit Einschränkungen und Ärger verbunden und obendrein möglicherweise kostenintensiv. Und wenn ein Kurswechsel gelingt, dann auch an die Nachsorge denken. Was im Krankenhaus die anschließende Bestrahlung ist, ist bei Unternehmen und beim Staat ein geeignetes Controlling. Was augenscheinlich ja bei Pisa versagt hat, sonst wäre der anfänglich positive Trend nicht wieder abgekippt.

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Mittwoch, 23. September 2026

Alternativlos - oder: Das geht nicht anders

Vor kurzem war ich zu Gast in einer Wiesbadener Altbauwohnung und habe zwischendurch die Toilette besucht. Als Handwerker habe ich Verständnis, dass man bei Renovierungen aus alten Beständen hier und da Kompromisse eingehen muss, nicht alles lässt sich auf den heute üblichen Stand heben, wovon manche Gewerke mehr, andere weniger betroffen sind. Elektroleitungen kann man auch in alten Wänden ohne Probleme neu verlegen, das Versetzen von Innenwänden kann schon aufwändiger sein und beim Thema Decke beziehungsweise Boden muss man je nach Anspruch in die Trickkiste greifen. Aber es geht.

Alternativlos - das geht nicht anders
Deutlich komplizierter wird es dann mit dem Abwasser. Während man Frischwasser kreuz und quer durch das Haus verlegen kann, weil es ja unter Druck steht, muss man beim Abwasser ein gewisses Gefälle einhalten, hat zum Teil recht dicke Rohre zu verlegen und ab einem gewissen Punkt mit höchster Wahrscheinlichkeit dann eine vorhandene Verrohrung, die man nur mit absurdem Aufwand versetzen kann.

Das ist dann genau der Punkt, an dem eine Mischung aus Fachkundigkeit und Einfallsreichtum gefordert ist. Wobei bei den Installateuren natürlich der erste Punkt im Vordergrund steht, Einfallsreichtum oder gar Ästhetik hatten sie nicht in der Berufsschule.

Ich habe das Ergebnis dann persönlich begutachten können und war entsetzt. Ein Rohr, das quer von der Wand in den Boden verschwand, ein altmodischer Tiefspüler mit Abstand zur Wand deutlich im Raum montiert, ein dahinter in einer Nische aufgehängter Spülkasten mit mehreren Bögen angeschlossen und ein je nach Perspektive unübersehbares Abwasserrohr.

Es funktionierte alles, kein Grund für eine Reklamation. Hätte ich den Handwerker auf sein Werk angesprochen hätte er mir erklärt: "Das geht nicht anders". - "Doch", wäre meine Antwort gewesen, "das geht anders. Weg mit dem Aufputz-Spülkasten, ein Unterputz-Spülkasten in die Nische, Verkleidung davor, alles zentrieren und ein moderner Tiefspüler dran. In der Verkleidung verschwindet dann auch gleich noch dieses abenteuerliche Diagonalrohr, auf Wunsch kann man den ganzen Zauber noch verputzen oder mit modernen Fliesen verkleiden." Möglicherweise hätte sich eine Diskussion über DIN sowieso angeschlossen, dass ich die Verantwortung für den zu geringen Abstand zur Toilettenbürste trage und überhaupt auch an Behinderte denken müsse. Und natürlich im Auge behalten sollte, dass mein exotischer Wunsch auch montiert werden muss, was angesichts der räumlichen Enge für den Installateur eine kaum zu bewältigende Aufgabe darstellt. Aber am Ende hätte er mit der schriftlichen Versicherung meiner Verantwortung für die Unterschreitung des Bürstenabstandes und unter Maulen und Wehklagen in der Enge des Räumchens ein topmodernes Gäste-WC eingerichtet.

Also, es geht anders. Auch wenn ein erwiesener Fachmann eine bestimmte Lösung konzipiert und umsetzt, sie gegen Änderungswünsche verteidigt. Mit schwierig nachzuprüfenden Begründungen kommt, warum nur sein Vorschlag sinnvoll oder regelkonform ist. Und da sind wir an dem Punkt, den ich immer wieder höre: Eine Entscheidung, ein Weg, eine Maßnahme sei alternativlos. Woher dieses Wort aufgetaucht ist und sich jetzt auf der Bühne der Sprache breit macht, ist mir unbekannt. Aber wenn man darauf achtet, sind zahlreiche Diskussionen von diesem Begriff geprägt. Er steht als Behauptung im Raum und plötzlich ist man in der Defensive. Da kann nicht ich als Kunde zwischen verschiedenen Optionen wählen, nein, ich muss dem Fachmann auf Augenhöhe sagen können, wie und warum er meine favorisierte Lösung umsetzen kann und soll.

Was beim Handwerker notfalls mit Nachdruck funktioniert, wird auf der politischen Bühne wesentlich schwieriger. In Gremien getroffene Entscheidungen sind nun mal fixiert, um im Bild zu bleiben sind der Aufputz-Spülkasten und der Tiefspüler schon bestellt. Jetzt werden mir die Entscheider nur noch wortreich begründen, warum sie auch montiert werden müssen. So eine Art Retoure und Bestelländerung ist an diesem Punkt gar nicht mehr möglich. Und ohne Überzeugung des Gremiums schon gar nicht. Willkommen in diesem Zusammenhang der Begriff der Alternativlosigkeit, und schon kann man entweder das eigene Denken abschalten oder auf das Denken von Anderen, zum Beispiel von Gutachtern verweisen.

Heraus kommt dann vielleicht ein funktionales Gäste-WC – schön ist was anderes.

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Mittwoch, 16. September 2026

Pisa – mal systemtheoretisch betrachtet

Mein Blog erhebt den Anspruch, interdisziplinär zu sein. In diesem Sinne spannen wir heute den Bogen zwischen den Ergebnissen der Pisa-Studie 2025 und der Soziologie, vertreten durch Niklas Luhmann (1927 bis 1998) und seiner Systemtheorie.

Die „Zitate“ (kursiv gesetzt) sind fiktiv, also vermutete Aussagen des Soziologen, wenn er heute mit der aktuellen Situation konfrontiert würde.

Pisa – mal systemtheoretisch betrachtet

Die Ausgangslage ist bekannt. Die deutschen Schülerinnen und Schüler erreichen bei Pisa 2025 in Mathematik 464, im Lesen 465 und in den Naturwissenschaften 486 Punkte. Gleichzeitig ist der Anteil der Jugendlichen mit sehr niedrigen Kompetenzständen langfristig gestiegen.

Die übliche Schlussfolgerung lautet: Das Bildungssystem muss besser werden.

Luhmann: „Warum wird ein Problem, das in einer Gesellschaft entsteht, eigentlich immer demjenigen System zugerechnet, in dem es sichtbar wird?“

These 1: Das Bildungssystem ist nicht die Gesellschaft

Das klingt zunächst banaler als es ist.

Schule findet nicht im luftleeren Raum statt. Kinder kommen nicht als unbeschriebene Blätter in die erste Klasse. Sie bringen ihre familiäre Sozialisation, ihre Sprache, ihre Medienerfahrungen, ihre Lerngewohnheiten und ihre Vorstellungen von Leistung bereits mit.

Familie, Medien, Wirtschaft, Politik, Recht und Bildung sind bei Luhmann unterschiedliche gesellschaftliche Systeme. Sie funktionieren nach unterschiedlichen Logiken.

Die Familie orientiert sich an Zugehörigkeit und persönlicher Beziehung. Die Wirtschaft an Zahlung und Nichtzahlung. Das Recht an Recht und Unrecht. Die Politik an Macht und Entscheidung. Die Wissenschaft an wahr und unwahr. Und das Bildungssystem? An Lernen.

Das Problem beginnt dort, wo die Erwartungen dieser Systeme in der Schule zusammenlaufen.

Luhmann: „Die Schule kann nur das leisten, was sie als Schule leisten kann. Dass die Gesellschaft von ihr mehr erwartet, verändert zunächst nur ihre Belastung – nicht ihre Funktion.“

These 2: Gesellschaftliche Veränderungen werden im Klassenzimmer sichtbar

Nehmen wir beispielsweise das Smartphone.

Das Mediensystem produziert Kommunikation, die auf Aufmerksamkeit angewiesen ist: schnell, emotional, visuell und ständig neu. Schule dagegen verlangt Konzentration, Abstraktion und eine Belohnung, die möglicherweise erst nach einer Stunde, einem Schuljahr oder einem Abschluss kommt.

Das ist keine moralische Bewertung. Es sind unterschiedliche Kommunikationslogiken. Die übliche Fragestellung lautet: „Warum können Schüler sich schlechter konzentrieren?“

Luhmann: „Welche Veränderungen in der gesellschaftlichen Kommunikationsumwelt machen bestimmte Formen schulischer Kommunikation zunehmend unwahrscheinlich?“

These 3: Die Schule soll zunehmend Probleme lösen, die sie nicht selbst erzeugt

Sprache, Erziehung, Integration, soziale Konflikte, psychische Belastungen, Medienkompetenz, Inklusion – all das landet irgendwann im Bildungssystem. Vieles davon ist zweifellos sinnvoll und notwendig.

Aus systemtheoretischer Sicht entsteht eine interessante Verschiebung: Die Schule soll immer mehr gesellschaftliche Funktionen mit übernehmen und gleichzeitig ihre eigentliche Funktion erfüllen – Lernen zu ermöglichen.

Luhmann: „Je mehr Fremderwartungen ein System verarbeiten muss, desto interessanter wird die Frage, wie viel Kommunikation für seine eigentliche Funktion noch übrigbleibt.“

These 4: Auch die Politik kann das Bildungssystem nicht einfach steuern

Politik kann Lehrpläne ändern, Programme auflegen, Schulformen verändern, Digitalisierung beschließen und Evaluationen anordnen. Aber jede politische Entscheidung muss anschließend vom Bildungssystem verarbeitet werden.

Mehr politische Entscheidungen erzeugen deshalb zunächst einmal mehr Kommunikation, nicht automatisch mehr Lernen. Damit entsteht möglicherweise ein bemerkenswerter Kreislauf:

* Pisa misst → Politik reagiert → Schule reformiert → Schule wird erneut gemessen. *

Pisa beobachtet also das Bildungssystem und erzeugt damit selbst neue Kommunikation über das Bildungssystem. Das ist ziemlich genau die Art von Beobachtung zweiter Ordnung, für die Luhmann sich interessiert hätte.

Luhmann: „Kann Politik das Bildungssystem überhaupt steuern – oder kann sie nur Entscheidungen produzieren, die das Bildungssystem anschließend nach seiner eigenen Logik verarbeitet?“

Wobei uns die Systemtheorie bezüglich der Pisa-Studie helfen kann

Vielleicht ist der Pisa-Rückgang gar nicht einfach ein „Versagen der Schule“.

Eine Gesellschaft verändert sich. Familie verändert sich. Medien verändern sich. Wirtschaft verändert sich. Politik reagiert darauf. Recht setzt neue Rahmenbedingungen. Und all diese Veränderungen treffen auf ein Bildungssystem, das weiterhin nach seiner eigenen Logik funktionieren muss. Übliche Frage: „Wer ist schuld an den schlechten Pisa-Ergebnissen?“

Luhmann: „Welche gesellschaftlichen Systeme erzeugen welche Erwartungen an Bildung – und wo geraten diese Erwartungen miteinander in Konflikt?“

Pisa – mal systemtheoretisch betrachtet

Das wäre keine Erklärung der Pisa-Ergebnisse im empirischen Sinne. Luhmanns Theorie ist keine Pisa-Kausaltheorie, sondern vielmehr ein Beobachtungsinstrument. Aber die Systemtheorie fragt nicht, wie wir das Bildungssystem reparieren, sondern hilft uns zu verstehen, dass wir von einem einzigen System erwarten, die Folgen der Veränderungen fast aller anderen Systeme zu reparieren.

Was heißt das jetzt

Im Sinne meines Blogs und des gewohnt philosophischen Untertons schließe ich mit einer Frage, die ich dem großen Soziologen in den Mund lege und die ich gerne den allgegenwärtigen Besserwissern und Talkshow-Moderatoren zurufen möchte.

Luhmann: „Wenn wir die Gesellschaft nicht von außen beobachten können, sondern immer nur aus einem bestimmten System heraus – wie kommen wir dann überhaupt auf die Idee, es gäbe eine zentrale Lösung für ein Problem, das in mehreren Systemen gleichzeitig entsteht?“

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Mittwoch, 9. September 2026

Überraschung

Das Wetter war von Westen herangezogen. Der Himmel dunkel, ein paar erste dicke Tropfen fallen hier und da auf den Boden, wo sie auf einen Gegenstand treffen, hört man ein leises Geräusch. Ich schaue hoch, gerade war es noch hell, der Himmel blau, keine Anzeichen von heraneilendem Niederschlag. Meine Gartengeräte sind verteilt, hier liegt ein Spaten, dort eine Hacke, ein paar Eimer, die Schubkarre und Säcke, teils mit Dünger, teils mit Erde.

Ein Blick auf die Regen-App zeigt eine dunkelblaue Wolke mit rotem Kern, da wird einiges herunterkommen. Als ich vor einer Stunde in den Garten gegangen bin, war davon noch nichts zu sehen. Kein noch so kleines Wölkchen, keinerlei noch so ferne Andeutung von Unwetter. Und jetzt zurückblickend im Zeitverlauf sieht man, wie sich aus dem Nichts ein klitzekleines Pünktchen auftut, einigermaßen in der Nähe, schnell größer wird und dann zu diesem furchteinflößenden Gewitterkonstrukt entwickelt.

Hastig laufe ich durch den Garten, erst mal die wasserempfindlichen Sachen einsammeln, Dünger unter Dach, Schubkarre mit Werkzeug beladen in den Schuppen, die Erdsäcke können notfalls liegenbleiben. Mittlerweile regnet es deutlich, nicht nur gelegentliche Tropfen, ich fühle, wie mein T-Shirt nass wird, das muss jetzt egal sein. Da hinten habe ich noch einige Handwerkzeuge und ein Paar Handschuhe. Ich hechte zu den Handschuhen bevor sie durchweichen, noch den Spaten im Vorbeilaufen und durch den strömenden Regen in Richtung Haus.

Überraschung
Es ging schnell, unerwartet und lässt mich staunen, während ich aus dem Haus den wüsten Wolkenbruch verfolge. Angesichts von Heerscharen von Meteorologen, fortlaufender Verbesserung der Wettermodelle, Computern mit höchster Rechenleistung und so fort bin ich über die Ungenauigkeit überrascht, die sich in meinem Fall innerhalb einer knappen Stunde aus der Unsichtbarkeit zu einem tobenden Unwetter entwickelt hat.

Wieviel größer sind dann erst die möglichen Abweichungen in Fällen ohne diesen enormen Einsatz von Manpower, Forschung und Technik? Wenn nur eine einsame kleine KI die Kundenströme abschätzen und in die Zukunft projizieren soll. Wenn Wachstumsprognosen, Produktentwicklungen oder Trends vorhergesagt werden sollen. Jüngstes Beispiel die Fensterbaufirma Velux, die durch den heißen Sommer von der explosionsartig ansteigenden Bestellmenge an Hitzeschutz und Markisen völlig überrumpelt wurde.

Und natürlich auch Wertentwicklungen, sei es von physischen, aber erst recht bei virtuellen Produkten wie Aktien und deren Ableger. Da malen Analysten allerlei Linien, lassen sich alle möglichen Unternehmensdaten zuliefern, schauen sich auch die Underlyings an, berücksichtigen die bisherigen Verläufe, den Markt, die Branche und gießen das Ganze in aufwändige Modelle. Um am Ende eine Genauigkeit wie mein Wetter-App zu erreichen. Ist im einen Fall vielleicht ein Präsident auf einen protektionistischen Einfall gekommen, ist im anderen Fall eine zunächst kleine Störung im Geldstrom verantwortlich für das Scheitern des Modells.

Zukunft lässt sich in vielen Fällen auch heute noch nicht zuverlässig vorhersagen. Ob es das Wetter betrifft, den Kunden (dieses scheue Wild) oder Aktienkurse. Und zumindest bei den Aktienkursen scheint das niemand zu stören. Beim Kunden beißen sich die Marketingabteilungen die Zähne aus, beim Wetter haben wir resigniert. Einzig beim bequemen Leben, dem liebgewordenen Komfort: Da wollen wir es nicht wahrhaben. Nein, wir extrapolieren in die Zukunft was das Zeug hält, ignorieren naturgegebene Randbedingungen und wundern uns, wenn dann zu irgendeinem Stichtag plötzlich alles in sich zusammenbricht.

Modelle und Berechnungen sind was Feines, aber sie haben ihre Grenzen und spontan überraschende Unzulänglichkeiten. Nicht nur beim Wetter.

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Mittwoch, 2. September 2026

Silberfischchen, Karneval und Leistungsbereitschaft

Im Heizungskeller neben der Waschküche haben sich in letzter Zeit einige Silberfischchen blicken lassen. Ich habe nichts gegen diese Tierchen, aber hier wächst es sich langsam zu einer Epidemie aus und streut vereinzelt bis in die Waschküche. Um dieser Situation Herr zu werden habe ich beim Drogeriemarkt einen Köder gekauft, das ist ein kleiner leimbelegter Papierstreifen, in den man eine für Silberfischchen attraktive Tablette klebt.

Silberfischchen, Karneval und Leistungsbereitschaft
Doch nichts geschah. Die Silberfischchen liefen munter über den Boden, ja, selbst wenn ich mit dem nach Aufbauanleitung als Dreieck gefalteten Köderhäuschen hinter ihnen herlief oder es ihnen direkt vor die Nase stellte machten sie eher einen Bogen drum herum. Ob der Köder veraltet war oder unbrauchbar? Hatte ich Tierchen, die auf diese Köder nicht ansprachen?

Ich fragte nach und die Antwort war verblüffend einfach. "Der Köderstreifen funktioniert vermutlich einwandfrei, aber die Fischchen finden offensichtlich so viel andere Nahrung, dass sie kein Interesse am Köder haben. Sie sind schlichtweg satt."

Das leuchtete mir ein. Wenn in irgendwelchen Ritzen und Nischen, hinter Fußleisten und in Fugen der Verkleidung Ernährendes versteckt ist, dann gibt es keine Motivation, sich mit der Köderkonstruktion zu beschäftigen; Wobei ich noch nicht einmal beurteilen kann, wie attraktiv diese aus der Perspektive eines Silberfischchens ist.

Aber ich kenne die Perspektive der Zuschauer bei Karnevalsumzügen. Wer keine Bonbons hat, zu Hause nicht auf Bergen von Schokoladen oder Popcorn sitzt und dennoch gerne Süßigkeiten mag, der bückt sich für alle Gaben, die von den Fußgruppen und Wagen in das närrische Volk geworfen werden. Die andere Fraktion, also gut versorgt, muss entweder besonders aufregende Pralinen erhalten, diese direkt in den Sammelbeutel gelegt bekommen oder wirft sie unzufrieden den Zugteilnehmern wieder zurück.

Und in der nächsten Stufe - den Angestellten in Unternehmen - oder von mir aus sogar noch allgemeiner in der Gesellschaft - verhält es sich durchaus ähnlich. Wer genug Geld hat, der engagiert sich nicht bei der Arbeit, und wer sich in seiner Versorg-mich-Mentalität auf Kosten des Staates (das ist ein Sammelbegriff für uns alle) wohl fühlt, der ist wie ein Silberfischchen einfach nur satt. Da kann man mit einem wie auch immer gearteten Köder und noch so einfallsreichen Motivationen nur hilflos hinterherlaufen.

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Mittwoch, 26. August 2026

Entscheidungen und die Rembrandt-Frage

Ein bekannter Sketch von Otto Waalkes nahm Quizsendungen auf die Schippe und formulierte eine Frage an den Kandidaten, der sich als Rembrandt-Experte vorstellte:
"Bei einem Bild von Rembrandt wird die Frau des Malers als Göttin der Jagd dargestellt. Wie hieß der Mann der Frau des Malers?" - Antwort des Kandidaten: "Wie? Welches Malers? Rembrandt?" - "Absolut korrekt"

Einerseits führt Otto hier die Albernheit damaliger Fernsehsendungen vor. Andererseits ist es aber auch ein schönes Beispiel, wie man eine Frage so formulieren kann, dass sie vom Prüfling richtig beantwortet wird. Egal, wie gut er sich auskennt. Man könnte auch sagen, als Prüfer habe ich es in der Hand, ob der Prüfling mit Bravour besteht oder durchfällt.

Entscheidungen und die Rembrandt-Frage

Also Quizsendung oder Prüfung? Nicht nur, auch beliebige Entscheidungen und deren nach außen getragenen Begründungen gehorchen diesem Prinzip. Zuerst wird im stillen Kämmerlein ein Thema durchdacht, diskutiert, evaluiert und schließlich entschieden. Und dann, aber eben erst dann, wird die Begründung erarbeitet.

Diese passt dann perfekt zur gefundenen Lösung.

In einer Prüfung sähe das so aus: Erst mal ein lockeres Gespräch zu Sondierung, wie pfiffig ist das Gegenüber, dann ein paar Fragen, ob er das zu prüfende Fach verstanden hat. Es folgt die innere Einschätzung, wo der Kandidat fachlich steht, ob er sich gut auskennt, eine entsprechend gute Note verdient hat, oder ob er eher eingeschränkte Kenntnisse aufweist und weniger gut abschneidet. Schlimmstenfalls sogar durch die Prüfung fällt.

Und dann kommen die Fragen, die die Note begründen. Lief es bis dahin gut, dann kommt die Rembrandt-Frage. "Sehen Sie, das hat doch ganz toll geklappt, ein sehr gutes Prüfungsergebnis." Und wenn es nicht gut lief, der Daumen nach unten zeigt? Dann folgen Fragen zur Fußnote auf Seite 257. Ehrlicherweise hat der Prüfling ab diesem Punkt keine Chance mehr, aber er geht mit dem Gefühl aus der vermasselten Prüfung, dass er den Durchfaller verdient hat.

Wenn sich also ein Gremium für Option A entschieden hat, dann ist die Arbeit noch nicht fertig. Jetzt kommt noch der wichtige Teil, denn die Beteiligten und Betroffenen müssen noch „abgeholt“ werden. Man muss noch die Rembrandt-Frage formulieren, damit sie mehr oder weniger zwingend die Antwort geben, die man ihnen in den Mund gelegt hat.

Nein, das sind keine Suggestiv-Fragen. Es sind normale Fragen, die aber von der Logik her nur eine bestimmte Antwort erlauben. Und die muss Option A lauten.

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Mittwoch, 19. August 2026

Sehr vorausschauend

In der heutigen Zeit bin ich sehr froh, dass es Menschen gibt, die nicht nur an den nächsten Tag denken. Bei denen Ankündigungen, Vorbereitungen und einleitende Maßnahmen nicht hopplahopp daherkommen. Gerade im Zusammenhang mit Handwerk im öffentlichen Raum erleben wir da eine große Spreizung. Am Freitag war noch nichts zu erkennen, am Montagmorgen werden die Autos abgeschleppt, die den seit Monaten geplanten Baumfällarbeiten im Wege stehen.

Sehr vorausschauend

Aktuell das Gegenteil. Da schlendere ich durch die August-Hitze auf dem Bahnhofsparkplatz zu meinem Auto. Trotz der Schulferien muss ich bis zum anderen Ende, weil ein Teil der Parkplätze mit Schildern abgesperrt ist. Nicht nur mit Parkverbot, sondern mit absolutem Haltverbot (VZ-283). Ordnungswidrig handelt, wer auch nur stoppt, um einen Fahrgast aufzunehmen oder den Einkaufswagen ins Auto zu entleeren. Das muss ja höchste Wichtigkeit haben.

Ich bleibe im Schatten stehen und betrachte das darunter angebrachte Zusatzschild: „ab 17.12.25 bis 10.12.26“. Aha. Die immerhin bislang schon über 220 Tage genutzt, um zwei Dixi-Häuschen aufzustellen und damit die Baustelle einzurichten. Welche auch immer das sein mag. Das ist zweifellos sehr vorausschauend, man könnte auch sagen ein wenig übertrieben.

Selbst wenn es gar kein unangemessen langer Vorlauf ist, sondern eine ungeplante Verzögerung eingetreten ist: Wäre da nicht eine Neuplanung und damit einhergehend die Freigabe der jetzt gesperrten Parkplätze richtig gewesen?

In Gedanken vertieft gehe ich weiter, male mir aus, wie die Qualität der restlichen Organisation sein dürfte. Kein Wunder, wenn sich nichts bewegt, in einer Kombination aus Bürokratie und vorgeschobener Bürokratie hängenbleibt. Und machen wir uns nichts vor: Am Ende ist das nicht nur lästig für die Bürger, sondern macht jeden Vorgang auch noch für alle teurer.

Schließlich zeigen aber beide Extrema (also überfallmäßige Änderungen und sinnlose Dauerabsperrung), dass die Bürger nicht im Mittelpunkt stehen und das Verständnis fehlt, wer am Ende der Prozesskette der Auftraggeber (und Finanzierer) ist. Ein klein wenig „Der Kunde ist König“ sollte in den Köpfen der Verwaltung auch für den Kunden Bürger vorhanden sein.

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