Mittwoch, 29. Juli 2026

Fools, Tools, Daten

Ein Sprichwort sagt "A Fool with a tool is still a fool". Wenn wir das ein wenig abstrahieren, können wir die Begriffe ersetzen und kommen wieder zu einer aktuellen und höchst zutreffenden Erkenntnis. Sagen wir "A KI without data is still a stupid robot", oder so ähnlich. Will sagen: Wir dürfen nicht erwarten, dass Künstliche Intelligenz einen Mangel an Daten oder deren Qualität ausgleichen kann. Da hat sich in den letzten Jahrzehnten auch nichts geändert: Solange ich mich erinnern kann empfehlen renommierte Beratungshäuser die Beschäftigung mit Daten, deren Bereitstellung und Qualitätssicherung.

Fools, Tools, Daten
Also alles nicht neu, oder doch? Neu ist, dass die Mängel heute nicht mehr so offensichtlich sind, zum Teil aber auch der geradezu naive Glaube an die Allmacht eines Sprachmodells über die Unzulänglichkeiten hinwegtäuscht. Was an den Daten unbrauchbar, widersprüchlich, lückenhaft oder falsch zugeordnet ist soll irgendein Algorithmus retten. An dieser Stelle geschieht ein Wunder, möchte man meinen. Aber es geschieht eben nicht.

In seinem Buch "Charakter ist kein Handicap" stellt Rupert Lay die Frage, was passieren muss, damit man einlenkt, seine Meinung ändert, zur Einsicht kommt. Dies wundervoll universelle Frage möchte ich hier auf die Priorisierung der Datenqualität loslassen. Was, liebe Entscheider, muss denn passieren, damit ihr erkennt, dass Datenqualität kein Schmuck am Nachthemd ist, sondern die Basis für alle auf Daten beruhenden Entscheidungen?

Egal, ob wir Prozessketten aufbauen, Kundengruppen identifizieren, Strategien entwickeln oder Entwicklungen priorisieren: Ohne verlässliches Datenmaterial geht es nicht. Da helfen keine automatisierten Workflows, intelligente Roboter, mehrdimensional Grafiken. Was vorne nicht stimmt kann hinten nicht zum richtigen Ergebnis führen. Und selbst die mühselige und aufwändige Arbeit der Verbesserung und Ergänzung ist bestenfalls ein Schritt in die richtige Richtung. Entscheidend ist, schon bei der Quelle anzusetzen und nicht zu sparsam mit Prüfungen zur Plausibilität, Dubletten und Vollständigkeit umzugehen.

Nicht allein, dass die Korrekturkosten am Anfang des Lebenszyklus eines Datensatzes relativ gering sind, hier kann man ohne übergroßen Aufwand mit modernen Methoden viel Arbeit durch Computer erledigen lassen. Eine unscharfe Suche in der Datenbank, ein Vergleich mit ähnlichen Datensätzen, die Validierung oder Einschränkung eingegebener Daten zum Beispiel bei einer Datumswahl können viel Müll vermeiden. Wer dann noch weitere künstliche oder menschliche Qualitätssicherer einsetzt, Erfahrungswerte in Regeln überführt und Querchecks einbaut kann schnell ein Niveau erreichen, das Mitbewerber neidisch macht.

Nächste Ausbaustufe ist die regelmäßige Kontrolle der Daten, Aktualisierung, allerlei Kreuz- und Querchecks zur Lebenszeit des Datensatzes. Ist noch alles plausibel, haben sich nach Informationen aus anderen Systemen möglicherweise Änderungen ergeben? Lässt sich aus einem Briefwechsel ableiten, dass der Kunde umgezogen ist, ohne dass der Bearbeiter dies in den Stammdaten nachgezogen hat?

Und die Beerdigung? Sie wird gerne völlig unterschätzt. Grundsätzlich kann man verlorene Kunden in einer separaten Datenbank vorhalten, aber für aktuelle Entscheidungen sollte man sich auf den tatsächlichen Stand beziehen. Was nicht mehr gebraucht wird muss weg, zumindest durch eine Markierung als ruhend erkennbar sein. Simple Maßnahme, aber wichtig. Im erweiterten Sinne gilt nämlich auch für die Arbeit der KI das Need-to-know-Prinzip. Der Bot soll nur das wissen und in seine Ergebnisse einfließen lassen, was er wissen muss und sinnvolle Basis ist.

Also, liebe Manager: Glaubt nicht an himmlische Möglichkeiten der KI, glaubt lieber an die allgegenwärtige Bequemlichkeit der Mitarbeiter, die geringe Halbwertszeit ursprünglich korrekter Daten und die Notwendigkeit des regelmäßigen Aufräumens. Da steckt in so manchem Vorgang noch viel vom Kleinkind, das lieber spielen als lernen möchte und lieber Spielzeug aus dem Schrank holt, als dorthin zurückzuräumen.

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Mittwoch, 22. Juli 2026

Ich bin das nicht schuld

Ich bin das nicht schuld
Wie gewohnt sitze ich morgens am Bahnhof, der Zug ist wie gewohnt verspätet, also die Zeit nutzen, schon mal das Notebook herausholen, anmelden, ein paar Gedanken notieren. Ein etablierter Ablauf, ich merke schon gar nicht mehr, dass er nicht dem Plan, sondern der Realität entspricht. Was ich aber merke ist der harte Sitz: Da ist unter mir eine aus Stahlrohren gefertigte Bank. Die Sitzfläche ist eine Art Stahlrost, es zieht von unten, die einzelnen Streben sind einfach nur hart. Entweder hat man einen Po, der ausreichend gepolstert ist oder man hat ein Polster dabei oder man stört sich nicht daran oder man muss leiden.

"Unbequem! Eine Zumutung! Warum gibt es nichts bequemeres?" möchte man den Monteuren dieser Sitzgelegenheit zurufen. Doch die zucken nur mit den Achseln, wurden lediglich beauftragt, diese Stahlkonstruktionen auf dem Bahnsteig zu platzieren.

Es liegt nämlich an den Schlossern, die haben das Teil zusammengebaut oder mit Maschinen hergestellt, sie hätten eine weichere Oberfläche einsetzen müssen. Darauf angesprochen verweisen sie auf ihren Auftrag, da ist kein Wort von Polsterung die Rede, das Werkstück wurde streng nach den Vorgaben gefertigt.

Woher mögen also die Zeichnungen kommen? Wir befinden uns auf der Planungsebene. Ein Konstruktionsbüro hat die Statik berechnet, Querschnitte festgelegt, Abstände der Stahlrohre, Traglast und Scherkräfte ermittelt und eine Montagemöglichkeit berücksichtigt. Polsterung ist allerdings nicht dabei, sie gehört nicht zur Tragfertigkeit des Bauelementes.

Die Vorgaben für dieses Büro kommen von einem Konsortium des eigentlichen Auftraggebers, das ist irgendein Unternehmen der Deutschen Bahn. Ein Gremium an Verantwortlichen wälzen Aktenordner an formalen Vorgaben, berücksichtigen Budgets und lassen sich von Erfahrungen mit den bisherigen Wartebänken berichten. Haltbarkeit, Kosten, aber auch typische Schwachstellen und Wartungsaufwände. An dieser Stelle kommen auch Gebrauchsspuren bis hin zu Vandalismusschäden in Betracht.

Polsterung fällt an dieser Stelle heraus, ist nicht dauerhaft zu reinigen, verschleißt oder wird beschädigt. Sie kostet Geld, verbessert aber nicht die Grundfunktion, also die Möglichkeit, sich hinzusetzen. Also: weg damit.

Sind also diese Sachbearbeiter, Entscheider, Auftraggeber die Auslöser meiner Schmerzen am Po? Eigentlich nicht, sie treffen auf der Basis ihrer Informationen eine sinnvolle Entscheidung. Auf einer zur Hälfte herausgerissenen oder mit Bier vom Vorabend durchtränkten Sitzfläche möchte ich ja auch nicht sitzen. Also stabil, unverwüstlich, durchlässig, aber eben auch hart bauen.

Ich bin das nicht schuld

Die eigentlichen Steuerer sind also die Asozialen, die das bereitgestellte Equipment missbrauchen, beschädigen, sich nicht zu benehmen wissen. Die Sachen kaputt machen, ihre Kräfte messen oder darauf pinkeln. Und damit haben wir das Ende der Kette erreicht, haben den Punkt identifiziert, der in großer Tiefe - auf den ersten Blick vielleicht sogar unsichtbar - als Ausgangspunkt bezeichnet werden kann.

Wenn ich also das nächste Mal eine unbequeme Situation erlebe, mich über einen Ablauf oder eine Entscheidung ärgere, dann werde ich mal genauer hinschauen, in die Tiefe gehen und vermutlich auch bei steigenden Kosten der Krankenkassen, vermeintlich unfähigen Angestellten eines Unternehmens oder sonstigen Ärgernissen einen ganz anderen Kern herausbekommen.

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Mittwoch, 15. Juli 2026

Alles dreht sich um Software

"Daten sind das neue Gold", erzählen die Berater und pfeifen damit im dunklen Wald, denn Daten zu bearbeiten, verteilen, organisieren ist ein Geschäft, das ihnen wohlbekannt ist. Da kann man im Laufe der Jahre ständig neue Ansätze entwickeln, Modelle einführen, Computerprogramme installieren und damit bei Entscheidungsträgern leuchtende Augen hervorrufen. Daten sind was Feines, sind sie beim Kunden vorhanden kann man mit ihnen irgendwas Nützliches machen, hat er sie nicht kann man für den Aufbau einer Datenübersicht sorgen.

Alles dreht sich um Software

Ganz anders ist das mit Software. Diese mehr oder weniger aufwändigen Computerprogramme haben sich längst verselbstständigt. Heute interessiert es nur noch am Rande, in welcher Sprache ein Tool geschrieben ist, selbst Integrierbarkeit oder Lauffähigkeit in sogenannten Containern werden immer mehr zur Selbstverständlichkeit. Und im Grunde unbemerkt werden die ehemals deterministischen Algorithmen immer klüger, selbst wenn sie nicht explizit als KI deklariert werden.

Der Slogan müsste also "Software ist die neue Basis" heißen. Produkte, die ihre Qualität früher im Wesentlichen aus ihrer Hardware schöpften, werden mit Software ergänzt. Erst wird die eingebettete Software zu einem wichtigen Kaufkriterium, schließlich übernimmt sie die Führung und die Hardware ist nur noch der nun einmal notwendige Körper um die Bits und Bytes. Wir beobachten diesen Trend beispielsweise bei Automobilen. Ein VW Käfer bestand vorwiegend aus Metall und ein paar Drähten, die die Lampen mit Strom versorgten. Sein Enkel (der New Beetle) ist bereits mit über hundert Sensoren ausgestattet, die in mehreren Bordcomputern ausgewertet werden und Motorzustand sowie Fahrparameter steuern. Und bei Autos von Tesla ist es kein Geheimnis, dass wir es mit einem rollenden Rechenzentrum zu tun haben.

Ähnliches gilt für Fotokameras, bei denen die Präzision der Optik immer unwichtiger wird, weil die Software hinter dem Chip geräteindividuell die Abbildungsfehler herausrechnet. Züchtung von immer lichtempfindlicheren Chips ist unsinnig, weil auch hier schlaue Algorithmen Verwacklungen verfolgen und entfernen können. Der Body ist nur noch die Hülle für die Montage des Objektivs, einen Bildschirm und Bedienelemente. Viele Smartphones machen das nebenher.

Doch auch vor vermeintlich konservativen Branchen macht dieser Trend nicht Halt. Jüngst verkündete Jamie Dimon, der CEO der Großbank J. P. Morgan, dass sie zukünftig weniger Banker und mehr KI- und Technologieexperten einstellen wollen. Ein Wechsel der gesuchten Personalprofile, Tendenz also auch hier, Fachlichkeit durch Software und KI zu ersetzen. Und so wenig wie wir im täglichen Leben (und ohne nostalgische Gefühle) einen VW Käfer fahren wollen, so wenig werden wir auf Dauer ohne die allseits vorrückende Software zufrieden sein. Ein erfahrener Bankberater ist toll, aber wenn ich bessere Ratschläge von ChatGPT bekomme, ist er überflüssig.

Der Zug rollt, nicht nur die fortschreitende Technisierung, auch deren Vernetzung sind in Bewegung geraten und nicht aufzuhalten. Immer selbstverständlicher und für den Anwender unbemerkt tauschen Computer untereinander ihre Daten aus, bestellen ohne menschliche Intervention Ersatzteile oder steuern Produktionsstraßen. Längst reicht es nicht mehr, wenn eine Maschine Löcher stanzt, sie muss auch "teamfähig" mit den zugelieferten und weitergereichten Werkstücken umgehen können sowie auf Befehl der zentralen Orchestrierung ihre Arbeit anpassen.

Maschinen und deren Steuerung werden menschlicher, und dafür brauchen sie eben Software, zusätzlich zu den Motoren, Lagern und Werkzeugen. Ohne es zu merken ist auch hier eine Welle der Stilllegung im Gange, der Ersatz etablierter Technik durch eine neue Generation "smarter" Hardware. Nicht nur Mitarbeiter müssen umgeschult oder gar durch Menschen mit anderen Kompetenzen ersetzt werden, auch Geräte sind von immer kürzeren Verwendungszyklen betroffen.

Anmerkung: In diesem Zusammenhang mag man sich fragen, wie dieser hohe Veränderungsdruck und die Notwendigkeit der Flexibilität und regelmäßigen Umschulung zur Erhöhung des Rentenalters passt.

Halten wir fest, dass eine Werteverschiebung stattfindet, weg von Hardware hin zu Software. Und damit natürlich auch eine Verschiebung der Schwerpunkte der jeweiligen Produktion (Maschinenbau versus Software-Entwicklung), was wiederum zu Umdenken auf allen Unternehmensebenen von der operativen Ebene bis zum Vorstand und vom Einkauf bis zum Vertrieb führt.

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Mittwoch, 8. Juli 2026

Mein Schwammtuch wird älter

Mein Schwammtuch wird älter

 Da liegt es vor mir im Waschbecken, ein wenig zuerknautscht und die Ränder stehen hoch. Trocken, ziemlich steif und mit dem einen oder anderen Fleck, der sich im Laufe der Zeit im Schwamm festgesetzt hat. Die Grundfarbe des Schwammtuches ist noch weitgehend erhalten geblieben, ein wenig verblichen vielleicht, aber der lilafarbene Ton ist noch deutlich zu erkennen.

Ich erinnere mich an das Auspacken aus der dünnen Plastikfolie, in der es mit seinen Kameraden zum Kauf angeboten worden war. Durch irgendeine Substanz war es zu diesem Zeitpunkt ganz weich und geschmeidig, obwohl es wochen- oder gar monatelang keine Feuchtigkeit von außen abbekommen hatte. Also erst mal durchwaschen, kneten und dann in strahlender Frische am Waschbecken bereitlegen.

Täglich dann der Einsatz, wenn es darum ging, die Wasserreste aus dem Waschbecken zu entfernen. Saugstark und ohne Rückstände zu hinterlassen sorgte es für einen strahlenden Waschtisch. Seifenreste mit einem Wisch entfernt, Wassertropfen wie von Zauberhand verschwunden. Ausdrücken, noch mal drüberwienern und fertig.

Das fällt ihm heute viel schwerer. Manchmal muss ich eine Stelle zweimal putzen, mal lässt es sich nicht so einfach ausdrücken oder das Aufwecken aus der nächtlichen Steife dauert länger. Auch die durch den Gebrauch angesammelten Rückstände nehmen natürlich mit der Zeit zu. Immer häufiger muss ich das Schwammtuch mit einem Haushaltsreiniger durchspülen und die Mischung aus Kalk, Makeup, Seife und Rasur zu entfernen.

Aber trotz der Pflegemaßnahmen und dem behutsamen Gebrauch merke ich doch, dass die Leistung nachlässt, die Flecken zunehmen und die Saugkraft langsam zu wünschen übriglässt. Keine Frage: Ich lasse den Schwamm trocknen, gebe ihn in den Müll und ersetze ihn durch ein neues Exemplar.

So einfach ist das mit einem Schwammtuch. Wegwerfen und ersetzen. Das geht mit mir selbst und meinen Mitmenschen nicht so leicht. Wenn ich morgens aufstehe und erst mal die Beine ausschütteln muss, vielleicht sogar an irgendeiner Stelle meines Körpers etwas schmerzt, dann kann ich meinen Alterungsprozess vielleicht mit sportlicher Aktivität verlangsamen, aufhalten kann ich ihn nicht.

Schlimmer noch die geistige Alterung. Wie beim Schwammtuch sammeln sich in meinem Gedächtnis immer mehr Rückstände an, unangenehme Erinnerungen, negative Erfahrungen, mehr oder weniger verarbeitete Durchhänger in meinem Leben. Und die einschneidenden Erlebnisse haben langfristige Veränderungen in mir ausgelöst, ähnlich wie die endgültig eingezogenen Flecken im Schwamm.

Wenn es doch nur mich beträfe. Aber das ist natürlich nicht der Fall. Alle Menschen um mich herum werden ja auch älter, steifer, starrer. Auch sie haben irgendwelche vielleicht negativen Erfahrungen gemacht, gehen nicht mehr vorbehaltlos an Situationen heran oder auf andere Menschen zu. Und selbst die "Seifenreste", Positives also, lässt sich nicht mehr mit einem Schwenk entfernen. Da steigen die Ansprüche, denn der legendäre Zelturlaub mit dem lustigen Zwischenfall am Baggersee kann heute nur noch durch eine Karibik-Kreuzfahrt getoppt werden.

Schließlich kennen auch die Unternehmen dieses Phänomen. Ältere Angestellte haben mehr Erfahrung, im Idealfall sitzt jeder Handgriff. Aber die Wendigkeit und der Umgang mit neuen Ansätzen ändern sich, ein 'das haben wir immer so gemacht' kommt immer öfter. Man muss sich nicht wundern, dass diese Arbeitnehmer dann mehr oder weniger lautlos gegen jüngere Ressourcen ausgetauscht werden. Im Sinne von 'neue Schwammtücher saugen gut' kehr die notwendige Geschmeidigkeit wieder ein, sind die Widerstände gegen Veränderung verringert.

Das kann man von zwei Seiten betrachten, zum einen aus der Perspektive der Personalabteilung, zum anderen aus dem Blickwinkel der Mitarbeiter. Zwar ist der Alterungsprozess unausweichlich, aber wie deutlich der Altersstarrsinn von uns Besitz ergreift liegt schon in unserer Hand. Sorgfältige Selbstbeobachtung, Einholen von Feedback echter Freunde und bei Bedarf beherztes Gegensteuern sind die Mittel der Wahl. Damit wir nicht wie fleckige und versteifende Schwammtücher vom Arbeitsmarkt entsorgt und ersetzt werden.

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Donnerstag, 2. Juli 2026

Reisegruppe und Selbstorganisation

Bei uns im Büro ist das neue Paradigma der Selbstorganisation von Teams angekommen. Da gibt es keine vorgegebenen Strukturen mehr, keiner hat von Vornherein klar die Führung, da kommen einfach ein paar Personen zusammen und - schwupps - wie auf dem Hühnerhof gibt es eine Ordnung. Nein, nein, ich würde nicht von Hackordnung sprechen, laut Fachkundigen ist es mehr das Ergebnis gegenseitiger Einsicht und daraus erwachsender Führung und Unterordnung.

Reisegruppe und Selbstorganisation

Gerade habe ich das bei einer kleinen Reisegruppe erlebt. Wir waren zu viert unterwegs, kein ausgewiesener Reiseführer, aber einer von uns war schon mal hier gewesen. Es hätte sich also angeboten, dass er den kleinen Trupp angeführt, die Richtung vorgegeben hätte. Aber das war nicht der Fall. Zwar fachkundig war er so gar kein Führungsexperte, mehr so der Mitläufer-Typ. Ob er aus dem Herzen heraus die mit Vorauslaufen verbundene Verantwortung scheute oder ob er einfach keine Lust darauf hatte: Keine Ahnung. Jedenfalls machte er keine Anstalten, seine drei anderen hinter sich zu versammeln.

Erst mal gab es eine kleine Pause, zwei unterhielten sich, damit sie nicht in die Verlegenheit der Routenführung kamen, der dritte holt sein Handy heraus und startet Google. "Mir nach!" ruft er, saust vorneweg und übersieht dabei einen Abzweig, so dass die kleine Truppe eine Weile in die falsche Richtung läuft. Seinem Selbstvertrauen schadet es nichts, voller Elan stürmt er voran, die Gesprächigen laufen einfach hinterher, der Ortskundige bildet den Abschluss.

Mit leichter Verspätung wegen der ungeschickten Bögen und mehreren notwendigen Neuorientierungen kommen wir am Ziel an. Das ganze Team hat gute Laune, vorneweg der selbsternannte Reiseführer, die ungestörten Plaudertaschen und der in Stille versunkene Fachmann. Würde man sie jetzt in einer Review-Runde befragen würde keinem eine Optimierung einfallen, sind doch alle mit dem Ergebnis zufrieden und ihrer jeweiligen Rolle und ihrem Charakter glücklich.

So funktioniert also Selbstorganisation. Ich sage ja nicht, dass sie nicht funktionieren kann, auch nicht, dass sie ein grundsätzlich schlechtes Modell ist. Aber in der Praxis ist der Mensch mit der größten Klappe oder derjenige, der irgendeine Rolle an sich reißt, nicht unbedingt die Idealbesetzung. Und das Schlimmste: Das Team merkt es noch nicht mal. Wie die Lemminge stürzen sie sich freudestrahlend kollektiv ins Meer.

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Mittwoch, 24. Juni 2026

Das Bauchgefühl der KI

Das Bauchgefühl der KI
Vor Jahrzehnten – der Begriff der Künstlichen Intelligenz war nur in Forschungsinstituten bekannt – kam ein großes Kreditinstitut auf die Idee, auch in sozialen Brennpunkten oder weniger wohlhabenden Gegenden Kredite auszugeben. Grundlage für die Vergabe war ein Ranking des Antragstellers, in das verschiedene Faktoren einbezogen wurden.

In Vorbereitung dieser Maßnahme wurden alle Kreditvergaben der vergangenen Jahre untersucht und alle zur Verfügung stehenden Informationen in die Beurteilung aufgenommen. Da waren Alter, Geschlecht, Adresse, Körpergröße, Automarke und diverse Informationen über das Umfeld und die Nachbarschaft enthalten (Datenschutz war damals noch nicht so empfindlich wie heute).

In mühsamer Arbeit wurden die ganzen Eingangsparameter bezüglich ihrer Auswirkungen auf die Kreditwürdigkeit untersucht und am Ende kamen nur fünf Eingangsgrößen heraus, die als Paket eine sehr hohe Trennschärfe ermöglichten. Absolut überraschend war einer der Parameter die Automarke des Nachbarn.

Niemand der Experten konnte die Auswahl erklären, aber es war unübersehbar und selbst nach wiederholten und sorgfältigen Testläufen konnte man sich mit dieser Auswahl in die Praxis wagen. Und tatsächlich funktionierte das Modell, war der Geschäftsfall positiv. Auch wenn für die Entscheider oder die Antragsteller unbefriedigend, konnte der Spreu vom Weizen getrennt werden.

Was man daraus lernt ist die Möglichkeit, aus der Strukturierung von Daten überraschende Schlüsse ziehen zu können. Wir kennen dieses Phänomen ja aus heutigen KI-Prozessen und könnten in diesem Zusammenhang von einem „Bauchgefühl der KI“ sprechen. Und so, wie wir erfahrenen Vertriebsmitarbeitern eine gute „Menschenkenntnis“ zuschreiben, so kann man dies offensichtlich auch in technischen Prozessen abbilden.

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Mittwoch, 10. Juni 2026

Mischung und Entmischung

Mein Schokomüsli ist eine Mischung aus Schokostückchen, Kakaopölsterchen und Haferflocken. Das alles in einem definierten Verhältnis, das zu diesem spezifischen Produkt führt, mit seinen Nährwerten und seinem typischen Geschmack.

Wenn ich die Umverpackung aus dem Supermarkt öffne und den Plastikbeutel mit dem Müsli herausnehme, dann sehe ich zwar die verschiedenen Bestandteile, aber sie sind nicht gleichmäßig verteilt. Vielmehr haben sich die Haferflocken deutlich sichtbar von den restlichen Ingredienzien getrennt und diese wiederum sind auch nicht überall gleichermaßen vertreten.

Mischung und Entmischung
Ich nehme den Beutel, stelle ihn auf den Kopf, schüttele ihn durch, knete, schüttele wieder und drehe ihn unter fortgesetztem Schütteln auf verschiedene Seiten. Langsam scheint sich der Inhalt zu einer einheitlichen Mischung zu formen. Aber schon beim Umfüllen in mein Vorratsglas geht ein Teil der mühsam erkämpften Gleichmäßigkeit wieder verloren.

Ähnliche Phänomen können wir auch in der Gesellschaft beobachten. Projekte zur Auflockerung allzu homogener Strukturen bezüglich Alter, Herkunft, sozialer Ebene oder anderer Eigenschaften verlaufen nahezu immer im Sande. Generationsübergreifendes Zusammenleben funktioniert ebenso selten wie die Kombination aus sozialem Wohnungsbau und Komfortbebauung.

Auch in Unternehmen bildet sich typischerweise eine bestimmte Mischung aus Mitarbeitern aus, die sich an der Kultur und der vorhandenen Struktur orientiert. Reorganisationen stören zwar die entstandenen lokalen Domänen, aber mit der Zeit bilden sich dann doch wieder kleine Abschnitte mit intern homogenem Kern aus.

In allen Fällen ist die Herstellung einer bunten und gleichmäßigen Mischung – sei es an menschlichen Charakteren, intellektuellem Niveau, Wohnkultur etc. – ein energieraubender Antritt. Leichtgängig und ohne äußeres Zutun treten mit der Zeit Entmischungseffekt ein. Es entsteht ein „Chinatown“, setzen sich die Akademiker gegenüber den Kollegen ohne Hochschulabschluss ab.

Übrigens findet man diesen Effekt auch bei Kunden. Hier sind die Auswirkungen schon lange bekannt und werden in Form verschiedener Modellreihen oder sogar verschiedenen Marken differenziert bedient. Sehr clever, denn in diesem Fall wird keine Energie in die Herstellung einer Mischung verwendet, sondern die nun mal vorhandene Entmischung akzeptiert und darauf reagiert.

Genau das ist es, was wir auch bei allen anderen Themen als Option im Auge behalten sollten. Ist eine Mischung überhaupt notwendig oder wünschenswert? Oder ist es nicht viel geschickter, den Status Quo zu akzeptieren und das weitere Vorgehen daran auszurichten.

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