Gerade sitze ich mal wieder in der Regionalbahn. Mir schräg gegenüber eine Mutter mit ihrem Kind, beide kommunizieren in einer mir fremden Sprache. Was ich mitbekomme ist das lautstarke Kreischen des Kindes, vermutlich weil es sich einer Anweisung der Mutter widersetzen will. Da ich kein Wort verstehe, kann ich nicht beurteilen, ob es ein mehr oder weniger normales Gequengel ist, oder ob das Kind geistig behindert ist und deshalb seine Lautstärke und wilden Tritte nicht kontrollieren kann.
Der gesamte Wagon ist belästigt, ein klarer Gedanke ist keinem anderen Fahrgast möglich. Trotzdem greift keiner ein, beschwert sich bei der Mutter oder weist gar das Kind zu Recht. Nein, ein einzelner junger Mensch terrorisiert rund zwei Dutzend Mitmenschen. Würde ich an seiner Stelle Lärm machen, herumrandalieren und für ähnliche Unruhe sorgen, dann wäre der Teufel los. Im einen wie im anderen Fall bildet sich schnell ein gemeinschaftlicher Konsens. Beim Kind sind sich die anderen Fahrgäste einig, dass das Verhalten störend, aber zu tolerieren ist. Es ist ja nun mal ein Kind. Ausländisch jedenfalls, geistig eingeschränkt möglicherweise.
Auch bei Störungen durch mich wären sich die Fahrgäste einig und in der Deckung der vermuteten Gleichgesinnung würde sich unverzüglich der eine oder andere finden, der mich zu Recht weist. Die Gemeinschaft nimmt die Störung auf, reagiert darauf und sorgt für Ruhe. Aber genau dieser Regulierungsprozess setzt im Falle des Kindes aus.
Auch in anderen Situationen zum Beispiel bei Betrunkenen, bei besonders bulligen oder aggressiv wirkenden Zeitgenossen, in bestimmen Fällen auch gegenüber Ausländern setzen diese Regulierungsprozesse aus.
Mal ist es die Angst vor aggressiver Gegenwehr oder die Sorge vor der Unterstellung böser Absichten, Ausländerfeindlichkeit, Intoleranz oder egoistischen Interessen. In anderen Fällen ist es die Einsicht, dass eine Intervention nicht zielführend ist, man bei der anzusprechenden Person kein Verständnis oder keine Änderung herbeiführen kann. Ein Betrunkener, der in der vollen S-Bahn seine Hose herunterzieht und ungeniert masturbiert wird nicht aufgefordert, sich wieder anzuziehen. Vielmehr schauen alle mehr oder weniger beschämt weg.
Und auch die Bestrafung ist ein Feld, das an durchschnittlichen "normalen" Menschen orientiert ist. Wer kein Geld hat, dem kann man keine Geldstrafe auferlegen. Wer auf der Straße schläft, wird sich über eine Übernachtung im Gefängnis vielleicht eher freuen als davor gruseln.
Ein recht komplexer Prozess, diese Selbstregulierung. Von allerlei äußeren Faktoren, der Kultur, dem Umfeld und natürlich der aktuellen gesellschaftlichen Grundeinstellung abhängig. Da darf man sich nicht wundern, wenn er mal mehr, mal weniger funktioniert. Ärgerlich nur, wenn man selbst das Opfer ist, wenn er gerade aussetzt.
Ach ja, gilt auch in Unternehmen. Wie sich Abteilungen formieren, die Angestellten sich gegenseitig in ihrer Haltung zu Mitarbeitern oder Prozessen aufstellen, das unterliegt theoretisch auch einer Selbstregulierung.
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