Mittwoch, 10. Juni 2026

Mischung und Entmischung

Mein Schokomüsli ist eine Mischung aus Schokostückchen, Kakaopölsterchen und Haferflocken. Das alles in einem definierten Verhältnis, das zu diesem spezifischen Produkt führt, mit seinen Nährwerten und seinem typischen Geschmack.

Wenn ich die Umverpackung aus dem Supermarkt öffne und den Plastikbeutel mit dem Müsli herausnehme, dann sehe ich zwar die verschiedenen Bestandteile, aber sie sind nicht gleichmäßig verteilt. Vielmehr haben sich die Haferflocken deutlich sichtbar von den restlichen Ingredienzien getrennt und diese wiederum sind auch nicht überall gleichermaßen vertreten.

Mischung und Entmischung
Ich nehme den Beutel, stelle ihn auf den Kopf, schüttele ihn durch, knete, schüttele wieder und drehe ihn unter fortgesetztem Schütteln auf verschiedene Seiten. Langsam scheint sich der Inhalt zu einer einheitlichen Mischung zu formen. Aber schon beim Umfüllen in mein Vorratsglas geht ein Teil der mühsam erkämpften Gleichmäßigkeit wieder verloren.

Ähnliche Phänomen können wir auch in der Gesellschaft beobachten. Projekte zur Auflockerung allzu homogener Strukturen bezüglich Alter, Herkunft, sozialer Ebene oder anderer Eigenschaften verlaufen nahezu immer im Sande. Generationsübergreifendes Zusammenleben funktioniert ebenso selten wie die Kombination aus sozialem Wohnungsbau und Komfortbebauung.

Auch in Unternehmen bildet sich typischerweise eine bestimmte Mischung aus Mitarbeitern aus, die sich an der Kultur und der vorhandenen Struktur orientiert. Reorganisationen stören zwar die entstandenen lokalen Domänen, aber mit der Zeit bilden sich dann doch wieder kleine Abschnitte mit intern homogenem Kern aus.

In allen Fällen ist die Herstellung einer bunten und gleichmäßigen Mischung – sei es an menschlichen Charakteren, intellektuellem Niveau, Wohnkultur etc. – ein energieraubender Antritt. Leichtgängig und ohne äußeres Zutun treten mit der Zeit Entmischungseffekt ein. Es entsteht ein „Chinatown“, setzen sich die Akademiker gegenüber den Kollegen ohne Hochschulabschluss ab.

Übrigens findet man diesen Effekt auch bei Kunden. Hier sind die Auswirkungen schon lange bekannt und werden in Form verschiedener Modellreihen oder sogar verschiedenen Marken differenziert bedient. Sehr clever, denn in diesem Fall wird keine Energie in die Herstellung einer Mischung verwendet, sondern die nun mal vorhandene Entmischung akzeptiert und darauf reagiert.

Genau das ist es, was wir auch bei allen anderen Themen als Option im Auge behalten sollten. Ist eine Mischung überhaupt notwendig oder wünschenswert? Oder ist es nicht viel geschickter, den Status Quo zu akzeptieren und das weitere Vorgehen daran auszurichten.

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Mittwoch, 27. Mai 2026

Predictive Maintenance: Menschen und Autos

Wer auf Nummer sicher gehen will und es sich leisten kann, der fährt sein Auto regelmäßig zur Inspektion. Da werden die Flüssigkeiten kontrolliert, Riemen ausgetauscht, Filter ersetzt. Manches dabei nach Begutachtung, anderes nach vorgegebenen Serviceintervallen. Der Zahnriemen ist alle hunderttausend Kilometer dran, egal wie gut er noch aussieht - wer hier pennt wird teuer bestraft.

Doch ist das wirklich so? Wie steuern wir denn die Wartung bei unserem menschlichen Körper? Da wird auch nicht die weibliche Brust entfernt, nur weil man ab Mitte 50 mit einem erhöhten Krebsrisiko rechnen muss. Oder Hüftgelenke in vorauseilendem Servicegedanken durch künstliche Bauteile ersetzt, um der anstehenden Arthrose zuvor zu kommen. Da geht den Eingriffen oder medikamentösen Maßnahmen eine Diagnose voraus, in die konkrete Messwerte des Körpers, Risikoabschätzungen und Statistiken eingehen.

Für heutige Technik - Stichwort Künstliche Intelligenz - ein Kinderspiel. Die Auswahl der notwendigen Informationen, Sensoren, Auswertung von Erfahrungswerten und Statistiken sind die Basis von sinnvollen Einschätzungen der Notwendigkeit von Wartungsmaßnahmen. Starre Vorgaben sollten der Vergangenheit angehören, das gilt für unsere Autos genauso wie für die Check-up-Untersuchungen beim Onkel Doktor.

Predictive Maintenance: Menschen und Autos
Nicht wahr, beim Automobil gibt es jährlich einen TÜV-Report. Da gehen Daten aller untersuchten Autos ein und sorgen so für ein recht klares Bild, an welcher Stelle bei welchem Modell besonderes Augenmerk gefordert ist. In Kombination mit den vorhandenen Sensoren und Fehlerprotokollen der Bordcomputer eine solide Grundlage für individuelle Wartungsmaßnahmen.

Ähnlich braucht man nicht für alle Menschen die gleichen Vorsorgeuntersuchungen, erst recht nicht zu gleichen Zeitabständen. Bisherige Untersuchungen, familiäre Vorgeschichte, Statistiken und einige wenige aussagekräftige Messungen geben ein gutes Bild. Und Künstliche Intelligenz kann die hieraus abzuleitenden Schlüsse von der Erfahrung oder Fachkompetenz entkoppeln, dem Arzt mit tiefem Detailwissen auf dem neuesten Stand der Erkenntnis zur Seite stehen.

Der Haken bei der Sache: Es gibt nicht wenige Interessengruppen, die gar nicht begeistert von dieser Entwicklung sind und mit den einfallsreichsten Argumenten gegenhalten. Da wird Angst geschürt, weil man sein Leben angeblich unkontrollierbar in die Hände von Technik legt. Weil Empfehlungen gegeben werden, die auf den ersten Blick überraschend sind und deren Grundlage man sich erst erarbeiten muss.

Und welche Werkstatt möchte schon Kunden, die erst den Zahnriemen wechseln lassen, wenn er wirklich in diesem Fahrzeug, bei dieser Fahrbelastung und diesem Fahrstil auf die Verschleißgrenze zugeht.

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Mittwoch, 20. Mai 2026

Nach-Nachhaltigkeit

Mich faszinieren Begriffe, die irgendwann in der öffentlichen Wahrnehmung und Kommunikation auftauchen, eine Weile als Schlagzeilen, in Foren, Vorträgen und Politiker-Statements zu finden sind, und dann wieder rückstandslos verschwinden.

Nachhaltigkeit ist so ein Thema. Wenn man darunter Rücksicht auf die Umwelt versteht, dann war ich als Kind viel nachhaltiger als es heute Mode ist. Alte Radios wurden nicht weggeworfen, sondern repariert, hilfsweise ausgeschlachtet und zu kleinen Verstärkern umgebaut.

Nach-Nachhaltigkeit
Geschäfte waren persönliche Vorgänge, Kunden wurden nicht verbraucht, sondern aufgenommen und über die Zeit betreut, das Verhältnis gepflegt und im wörtlichen Sinne nachgehalten. Es war vielleicht unangenehm, wenn der Mann hinter dem Schalter mich als Bub fragte, was ich denn mit dem vom Sparbuch abgehobenen Geld machen wollte, aber es war eben auch eine Form von Nachhaltigkeit.

Und heute sind wir in einer Phase der Nach-Nachhaltigkeit. Sei es, dass Kunden als nachwachsender Rohstoff missverstanden werden, sei es, dass Nachhaltigkeitssiegel wichtiger sind als die Verfolgung des Grundgedankens.

Nachhaltigkeit ist eng mit dem Zeitbegriff verknüpft. Sie bindet unser aktuelles Verhalten als Fortentwicklung der Vergangenheit mit einer Zielsetzung für die Zukunft. Wenn wir also von Nachhaltigkeit sprechen, dann betrachten wir die Vergangenheit bis zur Gegenwart und steuern so, dass die gewünschte Zukunft entsteht.

Ähnlich einem Spiegel im Spiegel sollte damit auch die Nachhaltigkeit nachhaltig sein. Dazu muss sie immer mal wieder auf den Prüfstand. Und außerdem ist sie langfristig zu verstehen, ein paar kurzfristig eingeleitete Maßnahmen oder punktuelle Kundenbindungsprogramme sind zwar lobenswert, aber sicher nicht als wirklich nachhaltig zu bezeichnen.

Wir brauchen Nachhaltigkeit, sie ist eine strategische Forderung auch bei Geschäftsmodellen mit eher kurzem Zeithorizont. Wer Kunden schneller verschleißt als er sie gewinnt oder mit Rohstoffen so verschwenderisch umgeht, dass die Wirtschaftlichkeit gefährdet ist, der läuft schon nach kurzer Zeit gegen die Wand.

Weg also von Nachhaltigkeit für die Galerie, rein in die Geschäftsprozesse, die Produkte, die Kundenbeziehungen, den Mitarbeiterumgang (Kultur) und so weiter. Nachhaltigkeit 2.0 umfasst alle Seiten des Unternehmens und wirft schnell auch messbare Deckungsbeiträge ab.

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Mittwoch, 13. Mai 2026

Lasst die Kreativität heraus

Jetzt ist wieder Abiturzeit. Da hat es sich in den letzten Jahren etabliert, dass die Eltern oder Geschwister oder Freunde allerlei Plakate anfertigen, die sie vor der Schule aufhängen und damit den Prüflingen Mut spenden wollen. Eine schöne Mode, die zeigt, wie einfallsreich manche Menschen sind und wie nahezu unerschöpflich der Pool an bemerkenswerten Sprüchen ist.

Lasst die Kreativität heraus!

Ja, wenn wir diese Kreativität doch gleich auch für andere Bereiche nutzen könnten. Sind die Eltern vermutlich knapp fünfzig Jahre alt, dann kann man vermuten, dass sie noch mitten im Berufsleben stehen. Wo sie ja gerne auch ihren Einfallsreichtum beweisen können. Doch wie traurig ist die Verschwendung dieser Ressource, weil Menschen in diesem Alter nicht mehr für Innovation angesprochen werden.

Nein, Neuerungen müssen von jungen Menschen kommen. Da scheiden Eltern von Abiturienten aus, viel zu alt, nur noch für Routinearbeit zu benutzen, komplett eingefahren in ihren Abläufen und deshalb keine Kandidaten für spannende Impulse.

Warum denn? Nicht alleine, dass die Möglichkeiten der älteren Generation ungenutzt verloren gehen, es ist auch die Motivation und die Freude zur Mit- und Neugestaltung, die brach liegt. „Eltern, wehrt euch“, möchte ich sagen, denn Kreativität ist kein Privileg junger Leute, vielmehr eine Eigenschaft, die wir zwar als junge Menschen mitbekommen, die aber mangels Training im Laufe des Lebens verloren gehen kann.

Eigentlich sollte es ja im Interesse der Unternehmen sein, diese Kreativität, diesen Einfallsreichtum zu fördern und zu fordern. Doch was ich so erlebe, wird dies nur recht halbherzig gemacht. Es ist also an der Zeit, den Spieß umzudrehen, nicht auf die Aufforderung zu warten, sondern die Ärmel aktiv hochzukrempeln und auch dort Impulse zu geben, wo sie nicht ausdrücklich angefordert werden.

Das Entfesseln der eigenen Kreativität muss ja nicht nur in der Mal-AG passieren; Oft hilft ein Blick auf die persönlichen Neigungen, begeisternde Aktivitäten in der Kindheit, die Freude an Gestaltung in privat anmutenden Themen. Und plötzlich kommt wieder Leben in eine langsam langweilig werdende Tätigkeit, kann man Kolleginnen und Kollegen mitreißen und Führungskräfte von Alternativen überzeugen.

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Mittwoch, 6. Mai 2026

Das Aussetzen normaler Regulierungsprozesse

Gerade sitze ich mal wieder in der Regionalbahn. Mir schräg gegenüber eine Mutter mit ihrem Kind, beide kommunizieren in einer mir fremden Sprache. Was ich mitbekomme ist das lautstarke Kreischen des Kindes, vermutlich weil es sich einer Anweisung der Mutter widersetzen will. Da ich kein Wort verstehe, kann ich nicht beurteilen, ob es ein mehr oder weniger normales Gequengel ist, oder ob das Kind geistig behindert ist und deshalb seine Lautstärke und wilden Tritte nicht kontrollieren kann.

Das Aussetzen normaler Regulierungsprozesse

Der gesamte Wagon ist belästigt, ein klarer Gedanke ist keinem anderen Fahrgast möglich. Trotzdem greift keiner ein, beschwert sich bei der Mutter oder weist gar das Kind zu Recht. Nein, ein einzelner junger Mensch terrorisiert rund zwei Dutzend Mitmenschen. Würde ich an seiner Stelle Lärm machen, herumrandalieren und für ähnliche Unruhe sorgen, dann wäre der Teufel los. Im einen wie im anderen Fall bildet sich schnell ein gemeinschaftlicher Konsens. Beim Kind sind sich die anderen Fahrgäste einig, dass das Verhalten störend, aber zu tolerieren ist. Es ist ja nun mal ein Kind. Ausländisch jedenfalls, geistig eingeschränkt möglicherweise.

Auch bei Störungen durch mich wären sich die Fahrgäste einig und in der Deckung der vermuteten Gleichgesinnung würde sich unverzüglich der eine oder andere finden, der mich zu Recht weist. Die Gemeinschaft nimmt die Störung auf, reagiert darauf und sorgt für Ruhe. Aber genau dieser Regulierungsprozess setzt im Falle des Kindes aus.

Auch in anderen Situationen zum Beispiel bei Betrunkenen, bei besonders bulligen oder aggressiv wirkenden Zeitgenossen, in bestimmen Fällen auch gegenüber Ausländern setzen diese Regulierungsprozesse aus.

Mal ist es die Angst vor aggressiver Gegenwehr oder die Sorge vor der Unterstellung böser Absichten, Ausländerfeindlichkeit, Intoleranz oder egoistischen Interessen. In anderen Fällen ist es die Einsicht, dass eine Intervention nicht zielführend ist, man bei der anzusprechenden Person kein Verständnis oder keine Änderung herbeiführen kann. Ein Betrunkener, der in der vollen S-Bahn seine Hose herunterzieht und ungeniert masturbiert wird nicht aufgefordert, sich wieder anzuziehen. Vielmehr schauen alle mehr oder weniger beschämt weg.

Und auch die Bestrafung ist ein Feld, das an durchschnittlichen "normalen" Menschen orientiert ist. Wer kein Geld hat, dem kann man keine Geldstrafe auferlegen. Wer auf der Straße schläft, wird sich über eine Übernachtung im Gefängnis vielleicht eher freuen als davor gruseln.

Ein recht komplexer Prozess, diese Selbstregulierung. Von allerlei äußeren Faktoren, der Kultur, dem Umfeld und natürlich der aktuellen gesellschaftlichen Grundeinstellung abhängig. Da darf man sich nicht wundern, wenn er mal mehr, mal weniger funktioniert. Ärgerlich nur, wenn man selbst das Opfer ist, wenn er gerade aussetzt.

Ach ja, gilt auch in Unternehmen. Wie sich Abteilungen formieren, die Angestellten sich gegenseitig in ihrer Haltung zu Mitarbeitern oder Prozessen aufstellen, das unterliegt theoretisch auch einer Selbstregulierung. 

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Mittwoch, 29. April 2026

Die blöden Eingeborenen

Als wir noch richtige Eroberungszüge gemacht haben, da sind wir auch immer mal mit schweren Holzkisten zu den Stämmen gezogen, haben diese Kisten geöffnet und den Eingeborenen die wunderbar glitzernden, aber total wertlosen Glasperlen gezeigt.

In ihrer großen Dummheit haben die Ureinwohner dann ihre Dorfältesten befragt, die mangels besseren Wissens diesen Tand als wunderschöne Geschenke der von weit hergereisten Gäste verstanden haben. Objektiv war der Kram für die Eroberer praktisch ohne Wert und wurde benutzt, um die Stämme zu betrügen. Und damit nicht genug, wurden sie hinter den Kulissen für ihre vermeintliche Blauäugigkeit auch noch verhöhnt.

Die blöden Eingeborenen
Ja, die schlauen Seeleute waren den Eingeborenen in jeder Hinsicht überlegen, konnten ihnen irgendwelche vermeintlichen Schätze vorlegen und ihnen unwahre Geschichten dazu erzählen. Ihren Informationsvorsprung konnten sie nutzen, um die anderen über den Tisch zu ziehen und sich Vorteile zu verschaffen.

Das ist ja heute ganz anders. Wir haben alle unser Internet, sind kluge und gebildete Menschen und lassen uns nicht so leicht einen Bären aufbinden. Oder doch?

Auch und gerade die Nutzung der zahlreichen Angebote an Künstlicher Intelligenz erinnert mich sehr an die Glasperlen, die die Eroberer seinerzeit den gutgläubigen Ureinwohnern vorgelegt haben. Da glitzert es im Internet, ist jedes Bild ein bestaunenswertes Kunstwerk. Sind die Texte von literarischem Tiefgang und die musikalischen Kompositionen besser als die Erzeugnisse der Komponisten.

Doch bei kritischer Betrachtung stellt man fest, dass wir minderwertige Glasprodukte erhalten haben, nicht zu vergleichen mit den Zuchtperlen einer seltenen Muschelsorte. Leicht verdaulich und auf den ersten Blick attraktiv kommen von den selbstbewussten Chatbots Ergebnisse, die mit den mühsam erarbeiteten Werken großer Künstler mithalten zu können scheinen.

Und da stellt sich die Frage, ob wir nicht selber die „blöden Eingeborenen“ sind, die die Qualität und den Wert völlig falsch einschätzen. Die gut gemachte Kombination von Versatzstücken schon für kreativ halten und ein mäßiges Plagiat nicht von einem Original unterscheiden können.

Dabei darf man ja durchaus die Leistungen einer KI nutzen, ihre Ergebnisse in der Produktion von Bildern, Texten oder anderem nutzen und zu schätzen wissen. So wie auch die Eingeborenen sich gerne mit den Glasperlen behängen dürfen und mit ihnen um das Lagerfeuer tanzen. Nur diesen Tand als hochwertige Dinge zu bewerten und einen entsprechenden Gegenwert anzubieten, das ist natürlich fehl am Platz.

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Mittwoch, 22. April 2026

Nur flexibel geht es weiter!

Der Automat trägt die Aufschrift „Drinks & More“, aber leider ist das „More“ alle. Ich schaue mir mal die Auswahl an, da gibt es beispielsweise Koffeingetränke nicht einfach nur als gewöhnlichen Kaffee, sondern auch als „Spezialität“ oder als „Getränk“. Mit den Suppen sieht es allerdings schlecht aus. Vermutlich, weil sie kein Koffein enthalten.

Nur flexibel geht es weiter!
Erste Erkenntnis: Da hilft keine Diskussion. Anders als bei einem Menschen kann man nicht nachfragen, betteln, um Ausnahmen nachsuchen. Was nicht weiterhilft: „Ach bitte, bitte, ich würde doch gerne eine Suppe haben, können Sie nicht noch mal schauen, ob noch was im Vorrat ist?“ Still steht der Automat und lässt sich nicht erweichen.

Zweite Erkenntnis: Aggression ist zwecklos. Gegen den Kasten zu treten, ihn zu schütteln, anzubrüllen, den Stecker zu ziehen – das führt nicht dazu, dass ich meine Suppe bekomme. Selbst die wildesten verbalen oder handgreiflichen Maßnahmen führen nicht zum Erfolg.

Dritte Erkenntnis: Gemeinschaft kann bestenfalls Trost spenden. Eine Demonstration mit Trillerpfeifen, das Skandieren von Parolen („Keine Ruhe, keine Rast – bis die Suppe wieder passt!“) die Mobilisation von großen Menschenmengen sind eine emotionale Stütze, aber Suppe gibt es deswegen nicht.

Vierte Erkenntnis: Kurzfristig ist nicht mit einer Verbesserung zu rechnen. Weder ist realistisch ein Nachfülldienst im Anmarsch, noch ist ein Notdienst erreichbar, der außerhalb normaler Arbeitszeit mit Blaulicht angefahren kommt, um die leeren Behälter aufzufüllen.

Fünfte Erkenntnis: Kein weiterer Automat weit und breit. Leider kann man nicht zu einem anderen laufen, denn im ganzen Gebäude ist nur diese eine Ausgabestelle für Automatensuppen. Und um die Uhrzeit ist auch keine Nicht-Automaten-Alternative verfügbar.

Sechste Erkenntnis: Ausweichen ist angesagt. Suppe fällt aus, mal schauen, was ansonsten in Frage kommt. Oder vielleicht doch woanders schauen. Soll es auf jeden Fall eine heiße Flüssigmahlzeit sein oder geht auch ein Müsliriegel aus dem Nachbarautomat? Muss es überhaupt etwas sein oder kann der Snack ausfallen?

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Wie im richtigen Leben, zum Beispiel am Arbeitsplatz. Nur, dass wir uns dort mit den ersten Erkenntnissen ausgesprochen schwertun. Anders als so einen Automaten kann ich meine Mitmenschen „bearbeiten“, also in irgendeiner Form emotionalen Druck aufbauen, zu überreden versuchen, vielleicht sogar handgreiflich werden.

Bleibt also als Lösung – hier wie da -, dass man flexibel bleibt. Wenn das Umfeld einfach nicht liefert, egal ob es nicht will oder nicht kann, dann müssen wir uns einen anderen Weg suchen. In den allermeisten Fällen geht das sogar, erfordert aber deutlich mehr Einfallsreichtum und Agilität als Jammern oder das Durchdrücken des eigenen Willens.

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