Da liegt es vor mir im Waschbecken, ein wenig zuerknautscht und die Ränder stehen hoch. Trocken, ziemlich steif und mit dem einen oder anderen Fleck, der sich im Laufe der Zeit im Schwamm festgesetzt hat. Die Grundfarbe des Schwammtuches ist noch weitgehend erhalten geblieben, ein wenig verblichen vielleicht, aber der lilafarbene Ton ist noch deutlich zu erkennen.
Ich erinnere mich an das Auspacken aus der dünnen Plastikfolie, in der es mit seinen Kameraden zum Kauf angeboten worden war. Durch irgendeine Substanz war es zu diesem Zeitpunkt ganz weich und geschmeidig, obwohl es wochen- oder gar monatelang keine Feuchtigkeit von außen abbekommen hatte. Also erst mal durchwaschen, kneten und dann in strahlender Frische am Waschbecken bereitlegen.
Täglich dann der Einsatz, wenn es darum ging, die Wasserreste aus dem Waschbecken zu entfernen. Saugstark und ohne Rückstände zu hinterlassen sorgte es für einen strahlenden Waschtisch. Seifenreste mit einem Wisch entfernt, Wassertropfen wie von Zauberhand verschwunden. Ausdrücken, noch mal drüberwienern und fertig.
Das fällt ihm heute viel schwerer. Manchmal muss ich eine Stelle zweimal putzen, mal lässt es sich nicht so einfach ausdrücken oder das Aufwecken aus der nächtlichen Steife dauert länger. Auch die durch den Gebrauch angesammelten Rückstände nehmen natürlich mit der Zeit zu. Immer häufiger muss ich das Schwammtuch mit einem Haushaltsreiniger durchspülen und die Mischung aus Kalk, Makeup, Seife und Rasur zu entfernen.
Aber trotz der Pflegemaßnahmen und dem behutsamen Gebrauch merke ich doch, dass die Leistung nachlässt, die Flecken zunehmen und die Saugkraft langsam zu wünschen übriglässt. Keine Frage: Ich lasse den Schwamm trocknen, gebe ihn in den Müll und ersetze ihn durch ein neues Exemplar.
So einfach ist das mit einem Schwammtuch. Wegwerfen und ersetzen. Das geht mit mir selbst und meinen Mitmenschen nicht so leicht. Wenn ich morgens aufstehe und erst mal die Beine ausschütteln muss, vielleicht sogar an irgendeiner Stelle meines Körpers etwas schmerzt, dann kann ich meinen Alterungsprozess vielleicht mit sportlicher Aktivität verlangsamen, aufhalten kann ich ihn nicht.
Schlimmer noch die geistige Alterung. Wie beim Schwammtuch sammeln sich in meinem Gedächtnis immer mehr Rückstände an, unangenehme Erinnerungen, negative Erfahrungen, mehr oder weniger verarbeitete Durchhänger in meinem Leben. Und die einschneidenden Erlebnisse haben langfristige Veränderungen in mir ausgelöst, ähnlich wie die endgültig eingezogenen Flecken im Schwamm.
Wenn es doch nur mich beträfe. Aber das ist natürlich nicht der Fall. Alle Menschen um mich herum werden ja auch älter, steifer, starrer. Auch sie haben irgendwelche vielleicht negativen Erfahrungen gemacht, gehen nicht mehr vorbehaltlos an Situationen heran oder auf andere Menschen zu. Und selbst die "Seifenreste", Positives also, lässt sich nicht mehr mit einem Schwenk entfernen. Da steigen die Ansprüche, denn der legendäre Zelturlaub mit dem lustigen Zwischenfall am Baggersee kann heute nur noch durch eine Karibik-Kreuzfahrt getoppt werden.
Schließlich kennen auch die Unternehmen dieses Phänomen. Ältere Angestellte haben mehr Erfahrung, im Idealfall sitzt jeder Handgriff. Aber die Wendigkeit und der Umgang mit neuen Ansätzen ändern sich, ein 'das haben wir immer so gemacht' kommt immer öfter. Man muss sich nicht wundern, dass diese Arbeitnehmer dann mehr oder weniger lautlos gegen jüngere Ressourcen ausgetauscht werden. Im Sinne von 'neue Schwammtücher saugen gut' kehr die notwendige Geschmeidigkeit wieder ein, sind die Widerstände gegen Veränderung verringert.
Das kann man von zwei Seiten betrachten, zum einen aus der Perspektive der Personalabteilung, zum anderen aus dem Blickwinkel der Mitarbeiter. Zwar ist der Alterungsprozess unausweichlich, aber wie deutlich der Altersstarrsinn von uns Besitz ergreift liegt schon in unserer Hand. Sorgfältige Selbstbeobachtung, Einholen von Feedback echter Freunde und bei Bedarf beherztes Gegensteuern sind die Mittel der Wahl. Damit wir nicht wie fleckige und versteifende Schwammtücher vom Arbeitsmarkt entsorgt und ersetzt werden.
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