Ein Freund schickte dieser Tage einen Artikel vom „Umweltinstitut München e. V.“ herum. Unter der Überschrift „Frau Reiche, es reicht!“ wird die Wirtschaftsministerin Reiche scharf angegriffen. Solange das sachlich bleibt und Behauptungen mit Daten und Fakten unterlegt werden, ist dagegen grundsätzlich nichts einzuwenden.
Aber der Artikel strotzt vor Signalwörtern und einem Dauerstrom an Statements, die einzeln durchdacht und in Frage gestellt werden müssten. Schon im ersten Satz wird die Zustimmung des Lesers abgeholt („Mit jeder internationalen Krise wird klarer…“), ich fühle, wie mein Kopf sofort anfängt zu nicken, denn natürlich habe ich das ja auch gemerkt, ich bin ja nicht blöd.
Weiter geht es mit „Sie [die Abhängigkeit von fossilen Importen] macht Haushalte und Wirtschaft verwundbar und ist immer mit der Gefahr verbunden, dass wir am Ende nicht ausreichend versorgt sind.“
Oh weh! Wir sind verwundbar! Ich bin in Gefahr! Und diese Korrelation zwischen der Abhängigkeit und der Gefahr ist immer vorhanden. Ein furchtbares Ende erwartet mich.
„Die steigenden Kosten für Öl und Gas und die historisch niedrigen Gasspeicherstände im Zuge des Irankrieges machen dies gerade wieder mehr als deutlich.“ – Mein Kopf nickt wieder. Wie recht doch der Autor dieser Zeilen hat, ich merke es im Geldbeutel, das ist der Beweis. Und dann wird der Rest des Artikels auch stimmen. Bei neurolinguistischer Programmierung (NLP) würde man von Pacing und Rapport sprechen, mein Gehirn wird gerade gekapert.
Man kann jetzt den Rest des Artikel weiter zerpflücken, Begriffe wie „Sabotage der Energiewende“ als stark überspitzt und die Formulierung „den Preis bezahlen am Ende die Bürger:innen.“ als Panikmache bezeichnen.
Denn bei genauerer Betrachtung werde ich hier manipuliert, mein Panik-Knopf gedrückt. Und unter Panik setzen Denkprozesse aus, es gibt nur noch die Optionen Angriff oder Flucht. Ich lese gar nicht mehr so genau, was da geschrieben steht, nur noch der Aufruf zur Handlung: „Fordern Sie jetzt mit uns Bundeskanzler Friedrich Merz auf…“ schwirrt mir im Kopf herum. Holla, die Lösung ist ja ganz einfach!
Und da sind wir an einem Punkt, der uns im Alltag gar nicht so selten begegnet. Egal, um welches Thema es geht, welche Gruppierung, Interessenvertretung oder Partei auftaucht. Irgendwo wird die Bühne von Marktschreiern übernommen, nachprüfbare Fakten ersetzen sie durch kecke Behauptungen, Denkprozesse unterbinden sie durch ein Dauerfeuer aus ihrer Ideologie.
Ohren zuhalten, damit man wieder zu klaren Gedanken kommt. Oft ist es auch hilfreich, die kritisierte Gegenseite genauer zu betrachten. Recht häufig kann man dabei ohne übertriebenen Aufwand ein deutlich neutrales Bild erhalten.
Am Ende – siehe oben – ist die Anzahl der Nach-Plapperer größer als die der Nach-Denker. Und letztere sind leider auch sehr viel leiser, so dass man im Sinne der Akklamation (Zurufen) im antiken Sparta von vornherein das Abstimmungsergebnis absehen kann.
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