Vor kurzem war ich zu Gast in einer Wiesbadener Altbauwohnung und habe zwischendurch die Toilette besucht. Als Handwerker habe ich Verständnis, dass man bei Renovierungen aus alten Beständen hier und da Kompromisse eingehen muss, nicht alles lässt sich auf den heute üblichen Stand heben, wovon manche Gewerke mehr, andere weniger betroffen sind. Elektroleitungen kann man auch in alten Wänden ohne Probleme neu verlegen, das Versetzen von Innenwänden kann schon aufwändiger sein und beim Thema Decke beziehungsweise Boden muss man je nach Anspruch in die Trickkiste greifen. Aber es geht.
Deutlich komplizierter wird es dann mit dem Abwasser. Während man Frischwasser kreuz und quer durch das Haus verlegen kann, weil es ja unter Druck steht, muss man beim Abwasser ein gewisses Gefälle einhalten, hat zum Teil recht dicke Rohre zu verlegen und ab einem gewissen Punkt mit höchster Wahrscheinlichkeit dann eine vorhandene Verrohrung, die man nur mit absurdem Aufwand versetzen kann.
Das ist dann genau der Punkt, an dem eine Mischung aus Fachkundigkeit und Einfallsreichtum gefordert ist. Wobei bei den Installateuren natürlich der erste Punkt im Vordergrund steht, Einfallsreichtum oder gar Ästhetik hatten sie nicht in der Berufsschule.
Ich habe das Ergebnis dann persönlich begutachten können und war entsetzt. Ein Rohr, das quer von der Wand in den Boden verschwand, ein altmodischer Tiefspüler mit Abstand zur Wand deutlich im Raum montiert, ein dahinter in einer Nische aufgehängter Spülkasten mit mehreren Bögen angeschlossen und ein je nach Perspektive unübersehbares Abwasserrohr.
Es funktionierte alles, kein Grund für eine Reklamation. Hätte ich den Handwerker auf sein Werk angesprochen hätte er mir erklärt: "Das geht nicht anders". - "Doch", wäre meine Antwort gewesen, "das geht anders. Weg mit dem Aufputz-Spülkasten, ein Unterputz-Spülkasten in die Nische, Verkleidung davor, alles zentrieren und ein moderner Tiefspüler dran. In der Verkleidung verschwindet dann auch gleich noch dieses abenteuerliche Diagonalrohr, auf Wunsch kann man den ganzen Zauber noch verputzen oder mit modernen Fliesen verkleiden." Möglicherweise hätte sich eine Diskussion über DIN sowieso angeschlossen, dass ich die Verantwortung für den zu geringen Abstand zur Toilettenbürste trage und überhaupt auch an Behinderte denken müsse. Und natürlich im Auge behalten sollte, dass mein exotischer Wunsch auch montiert werden muss, was angesichts der räumlichen Enge für den Installateur eine kaum zu bewältigende Aufgabe darstellt. Aber am Ende hätte er mit der schriftlichen Versicherung meiner Verantwortung für die Unterschreitung des Bürstenabstandes und unter Maulen und Wehklagen in der Enge des Räumchens ein topmodernes Gäste-WC eingerichtet.
Also, es geht anders. Auch wenn ein erwiesener Fachmann eine bestimmte Lösung konzipiert und umsetzt, sie gegen Änderungswünsche verteidigt. Mit schwierig nachzuprüfenden Begründungen kommt, warum nur sein Vorschlag sinnvoll oder regelkonform ist. Und da sind wir an dem Punkt, den ich immer wieder höre: Eine Entscheidung, ein Weg, eine Maßnahme sei alternativlos. Woher dieses Wort aufgetaucht ist und sich jetzt auf der Bühne der Sprache breit macht, ist mir unbekannt. Aber wenn man darauf achtet, sind zahlreiche Diskussionen von diesem Begriff geprägt. Er steht als Behauptung im Raum und plötzlich ist man in der Defensive. Da kann nicht ich als Kunde zwischen verschiedenen Optionen wählen, nein, ich muss dem Fachmann auf Augenhöhe sagen können, wie und warum er meine favorisierte Lösung umsetzen kann und soll.
Was beim Handwerker notfalls mit Nachdruck funktioniert, wird auf der politischen Bühne wesentlich schwieriger. In Gremien getroffene Entscheidungen sind nun mal fixiert, um im Bild zu bleiben sind der Aufputz-Spülkasten und der Tiefspüler schon bestellt. Jetzt werden mir die Entscheider nur noch wortreich begründen, warum sie auch montiert werden müssen. So eine Art Retoure und Bestelländerung ist an diesem Punkt gar nicht mehr möglich. Und ohne Überzeugung des Gremiums schon gar nicht. Willkommen in diesem Zusammenhang der Begriff der Alternativlosigkeit, und schon kann man entweder das eigene Denken abschalten oder auf das Denken von Anderen, zum Beispiel von Gutachtern verweisen.
Heraus kommt dann vielleicht ein funktionales Gäste-WC – schön ist was anderes.
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