Mein Blog erhebt den Anspruch, interdisziplinär zu sein. In
diesem Sinne spannen wir heute den Bogen zwischen den Ergebnissen der
Pisa-Studie 2025 und der Soziologie, vertreten durch Niklas Luhmann (1927 bis
1998) und seiner Systemtheorie.
Die „Zitate“ (kursiv gesetzt) sind fiktiv, also vermutete
Aussagen des Soziologen, wenn er heute mit der aktuellen Situation konfrontiert
würde.
Die Ausgangslage ist bekannt. Die deutschen Schülerinnen und Schüler erreichen bei Pisa 2025 in Mathematik 464, im Lesen 465 und in den Naturwissenschaften 486 Punkte. Gleichzeitig ist der Anteil der Jugendlichen mit sehr niedrigen Kompetenzständen langfristig gestiegen.
Die übliche Schlussfolgerung lautet: Das Bildungssystem muss
besser werden.
Luhmann: „Warum wird
ein Problem, das in einer Gesellschaft entsteht, eigentlich immer demjenigen
System zugerechnet, in dem es sichtbar wird?“
These 1: Das Bildungssystem ist nicht die Gesellschaft
Das klingt zunächst banaler als es ist.
Schule findet nicht im luftleeren Raum statt. Kinder kommen
nicht als unbeschriebene Blätter in die erste Klasse. Sie bringen ihre
familiäre Sozialisation, ihre Sprache, ihre Medienerfahrungen, ihre
Lerngewohnheiten und ihre Vorstellungen von Leistung bereits mit.
Familie, Medien, Wirtschaft, Politik, Recht und Bildung sind
bei Luhmann unterschiedliche gesellschaftliche Systeme. Sie funktionieren nach
unterschiedlichen Logiken.
Die Familie orientiert sich an Zugehörigkeit und
persönlicher Beziehung. Die Wirtschaft an Zahlung und Nichtzahlung. Das Recht
an Recht und Unrecht. Die Politik an Macht und Entscheidung. Die Wissenschaft
an wahr und unwahr. Und das Bildungssystem? An Lernen.
Das Problem beginnt dort, wo die Erwartungen dieser Systeme
in der Schule zusammenlaufen.
Luhmann: „Die Schule
kann nur das leisten, was sie als Schule leisten kann. Dass die Gesellschaft
von ihr mehr erwartet, verändert zunächst nur ihre Belastung – nicht ihre
Funktion.“
These 2: Gesellschaftliche Veränderungen werden im Klassenzimmer sichtbar
Nehmen wir beispielsweise das Smartphone.
Das Mediensystem produziert Kommunikation, die auf
Aufmerksamkeit angewiesen ist: schnell, emotional, visuell und ständig neu.
Schule dagegen verlangt Konzentration, Abstraktion und eine Belohnung, die
möglicherweise erst nach einer Stunde, einem Schuljahr oder einem Abschluss
kommt.
Das ist keine moralische Bewertung. Es sind unterschiedliche
Kommunikationslogiken. Die übliche Fragestellung lautet: „Warum können Schüler sich
schlechter konzentrieren?“
Luhmann: „Welche
Veränderungen in der gesellschaftlichen Kommunikationsumwelt machen bestimmte
Formen schulischer Kommunikation zunehmend unwahrscheinlich?“
These 3: Die Schule soll zunehmend Probleme lösen, die sie nicht selbst erzeugt
Sprache, Erziehung, Integration, soziale Konflikte,
psychische Belastungen, Medienkompetenz, Inklusion – all das landet irgendwann
im Bildungssystem. Vieles davon ist zweifellos sinnvoll und notwendig.
Aus systemtheoretischer Sicht entsteht eine interessante
Verschiebung: Die Schule soll immer mehr gesellschaftliche Funktionen mit
übernehmen und gleichzeitig ihre eigentliche Funktion erfüllen – Lernen zu
ermöglichen.
Luhmann: „Je mehr
Fremderwartungen ein System verarbeiten muss, desto interessanter wird die
Frage, wie viel Kommunikation für seine eigentliche Funktion noch übrigbleibt.“
These 4: Auch die Politik kann das Bildungssystem nicht einfach steuern
Politik kann Lehrpläne ändern, Programme auflegen,
Schulformen verändern, Digitalisierung beschließen und Evaluationen anordnen.
Aber jede politische Entscheidung muss anschließend vom Bildungssystem
verarbeitet werden.
Mehr politische Entscheidungen erzeugen deshalb zunächst
einmal mehr Kommunikation, nicht automatisch mehr Lernen. Damit entsteht
möglicherweise ein bemerkenswerter Kreislauf:
* Pisa misst → Politik reagiert → Schule reformiert → Schule
wird erneut gemessen. *
Pisa beobachtet also das Bildungssystem und erzeugt damit
selbst neue Kommunikation über das Bildungssystem. Das ist ziemlich genau die
Art von Beobachtung zweiter Ordnung, für die Luhmann sich interessiert hätte.
Luhmann: „Kann Politik
das Bildungssystem überhaupt steuern – oder kann sie nur Entscheidungen
produzieren, die das Bildungssystem anschließend nach seiner eigenen Logik
verarbeitet?“
Wobei uns die Systemtheorie bezüglich der Pisa-Studie helfen kann
Vielleicht ist der Pisa-Rückgang gar nicht einfach ein
„Versagen der Schule“.
Eine Gesellschaft verändert sich. Familie verändert sich.
Medien verändern sich. Wirtschaft verändert sich. Politik reagiert darauf.
Recht setzt neue Rahmenbedingungen. Und all diese Veränderungen treffen auf ein
Bildungssystem, das weiterhin nach seiner eigenen Logik funktionieren muss. Übliche Frage: „Wer ist schuld an den schlechten Pisa-Ergebnissen?“
Luhmann: „Welche
gesellschaftlichen Systeme erzeugen welche Erwartungen an Bildung – und wo
geraten diese Erwartungen miteinander in Konflikt?“
Das wäre keine Erklärung der Pisa-Ergebnisse im empirischen Sinne. Luhmanns Theorie ist keine Pisa-Kausaltheorie, sondern vielmehr ein Beobachtungsinstrument. Aber die Systemtheorie fragt nicht, wie wir das Bildungssystem reparieren, sondern hilft uns zu verstehen, dass wir von einem einzigen System erwarten, die Folgen der Veränderungen fast aller anderen Systeme zu reparieren.
Was heißt das jetzt
Im Sinne meines Blogs und des gewohnt philosophischen Untertons
schließe ich mit einer Frage, die ich dem großen Soziologen in den Mund lege
und die ich gerne den allgegenwärtigen Besserwissern und Talkshow-Moderatoren
zurufen möchte.
Luhmann: „Wenn wir die
Gesellschaft nicht von außen beobachten können, sondern immer nur aus einem
bestimmten System heraus – wie kommen wir dann überhaupt auf die Idee, es gäbe
eine zentrale Lösung für ein Problem, das in mehreren Systemen gleichzeitig entsteht?“
*
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