Mittwoch, 27. September 2023

Was ich wahrscheinlich nie erfahre

Ich saß hinten im Auto. Vor mir meine Freundin, auf dem Fahrersitz ein junger Mann, der mich mit seinem Auto vom Bahnhof abgeholt hatte. Ich kannte ihn bis dahin nicht, meine Freundin schien aber ziemlich vertraut mit ihm. Sie hatte mir nie gesagt, dass unsere Beziehung zu Ende wäre, auch jetzt war das in keiner Weise erkennbar. Und doch war ich wie vor den Kopf geschlagen. Wer war dieser Fahrer, warum hatte sie ihn nie erwähnt, was machte er hier. Und vor allen Dingen: Seit wann ging das schon so?

Eine ganz schlimme Frage, denn rückwirkend wurde ich total unsicher. Eine Beziehung hinter meinem Rücken, das war sicher nicht besonders schwierig, da wir uns nur am Wochenende sahen. War er nur ein Kumpel, war sie in ihn verliebt, was trieben die beiden ohne mein Wissen? Waren ihre  kleinen Liebesbeweise gelogen, womöglich seit Monaten nur noch ein Spiel?

Was ich wahrscheinlich nie erfahren
Tatsächlich war das wie ein Stöpsel, den sie aus meinem Liebesfass gezogen hatte. Ich konnte sie nicht mehr ansehen, geschweige denn küssen oder gar lieben. Innerhalb eines einzigen Augenblickes war es nicht nur zu Ende, es war auch mit einer kleinen Geste rückwirkend viel kaputt gegangen. Vielleicht hätte ich es besser verarbeitet, wenn sie mir die Geschichte und den Verlauf erzählt hätte, aber ich habe es nie erfahren.

Gerade in diesen Tagen denke ich wieder an diese schmerzhafte Trennung. Wieder hat mich ein Mensch verlassen, in diesem Fall aber nicht nur mich, sondern alle Mitmenschen. Aus dem Leben geschieden und auf einmal stelle ich mir Fragen, die ich nicht mehr beantwortet bekomme. Was waren das für letzte Stunden in seinem Leben, was mag er im Vorfeld gedacht haben? Hätte ich mit mehr Aufmerksamkeit etwas merken, eventuell sogar ändern können? Muss ich mir Vorwürfe machen, weil ich zu sehr auf mich und zu wenig auf ihn geachtet habe?

Offensichtlich gibt es Situationen, in denen unsere gewohnte Kommunikation an ihre Grenzen stößt. Sei es, weil jemand den Austausch verweigert, sei es, weil er aus irgendwelchen Gründen nicht mehr stattfinden kann. Und das hinterlässt dann die Gegenseite in Unsicherheit und mit einer Hand voll Fäden, deren Enden sie nicht mehr verbunden bekommt.

Mittwoch, 20. September 2023

Künstliche Intelligenz ist menschlich

In den letzten Jahren entsteht in der Computerwelt ein ganz neues Imperium. Fast unbemerkt macht sich hier eine Technik breit, die von Fachleuten als Künstliche Intelligenz bezeichnet wird. Waren die ersten Versuche noch eher ein wenig tapsig, hat sich der Ansatz zu einer allgegenwärtigen Begleiterscheinung gemausert.
Nicht nur Verkaufsanbieter optimieren die Reihenfolge der Vorschläge, auch Suchmaschinen setzen auf intelligente Verbesserung der Ergebnisse. Und wir erleben die Diskussion um Texte, Bilder und Videos, die von Computern generiert werden.
Ein spannender Fall ist die Suche nach Mustern und daraus abgeleiteten Entscheidungen. Vor einigen Jahren hat die Postbank alle Daten potentieller Kunden gesammelt, deren sie habhaft werden konnte. Und aus diesem Datenpool hat sie mit einem Algorithmus ableiten lassen, welche Kriterien erfüllt sein müssen, um eine möglichst geringe Kreditausfallwahrscheinlichkeit zu haben. Ohne Rücksicht auf logische Zusammenhänge durften in die Einschätzung auch Augenfarbe, Herkunft, bisherige Transaktionen oder Fragen nach dem sozialen Umfeld eingehen. Aus der Vielzahl der erhobenen Daten bildeten sich in der Masse dann bestimmte Cluster und Häufungspunkte. Warum die Ausfallwahrscheinlichkeit erhöht war, wenn der Nachbar einen Opel fährt, deutlich verringert aber, wenn der Nachbar einen BMW besitzt, kann man vielleicht irgendwie begründen, aber so richtig logisch war es nicht.
Aber die KI des Computers fragt nicht nach Logik. Die kann man dann nachträglich hineininterpretieren, sich vielleicht Gedanken machen, warum dieser oder jener Parameter eine Rolle spielt. Aber letztlich ist das völlig egal, denn im Kern kommt es beim Beispiel der Postbank ja darauf an, dass der Kreditgeber sein Geld zurück erhält. Und dass die Wahrscheinlichkeit von der Automarke des Nachbarn abhängt, das ist zwar überraschend, die Begründung aber letztlich egal.

KI ist menschlich
Und da denke ich an Menschen, die besonders zuverlässig gute Entscheidungen treffen. Wenn man sie fragt sagen sie meist, dass sie diese aus dem Bauch heraus treffen. Was bedeutet, dass sie sich der logischen Zusammenhänge selbst nicht bewusst sind. Vielmehr entsteht die Entscheidung nur zu einem Bruchteil aus den bekannten Faktoren, doch den größten Einfluss haben ebenfalls messbare Parameter, nur dass man nicht auf die Idee kommt, diese zu messen. Ein erfolgreicher Investor wird vielleicht auf Bilanzen und Quartalszahlen der in Frage kommenden Unternehmen verweisen. Warum er aber am Ende Aktien des Unternehmens X kauft, jene von Unternehmen Y aber verschmäht obwohl die Kennzahlen eine andere Sprache sprechen, ist ihm nicht zu entlocken. Tatsächlich hat er seine Entscheidung gar nicht zufällig getroffen, sondern Dinge einbezogen, die man üblicherweise gar nicht abfragt. Wie war das doch gleich mit der Automarke des Nachbarn? Im Fall der Investition spielt vielleicht die Haarfarbe des Firmengründers eine Rolle, das Alter der Ehefrau oder die Anzahl der leiblichen Kinder. Das alles steht nicht in der Bilanz, ist auch nicht als direkt logischer Indikator für eine Kaufempfehlung zu verstehen, aber im Sinne von Häufungspunkten dann eben doch relevant – warum auch immer.

Und so stelle ich fest, dass Künstliche Intelligenz durchaus menschliche Züge hat. Man kann aber den Spieß auch umdrehen und an der einen oder anderen Stelle die künstliche Intelligenz als Vorbild nehmen, einfach mal zulassen, dass man nicht jede Entscheidung nach Quartalszahlen oder sonstigen offensichtlichen Indikatoren treffen muss, sondern sich an der Erfahrung orientieren darf und gerne auch mal Energie in die Suche nach den Gemeinsamkeiten bestimmter guter Entscheidungen steckt.

Dienstag, 5. September 2023

Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen

Vielleicht sollte ich vorweg schicken, dass ich nur selten Auto fahre. Und wenn, dann mit meinem altmodischen Benziner. Weder habe ich ein Elektroauto noch habe ich ein Dieselfahrzeug. Und so ist das schon seit vielen Jahren. Die Diskussion zur Manipulation von Messeinrichtungen in Dieseln habe ich am Rande mitverfolgt. Wirklich berührt hat sie mich nicht, höchstens in dem Sinne, dass vielleicht an anderer Stelle auch Benziner betroffen sein könnten. Das war es.

Mittlerweile ist Ruhe eingekehrt, rund acht Jahre sind vergangen, seit es um VW hoch her ging. Der ohnehin eher ferne Ruf ist bei mir komplett verhallt. Bis heute. Da kam ein Brief von meiner Rechtsschutzversicherung, in dem mit den üblichen Jammertönen beteuert wurde, dass sie eine Beitragserhöhung trotz Anstrengung nicht vermeiden könnten. So weit, so gut, doch bei der Begründung merkte ich dann doch auf. Das Klagevolumen hätte sich deutlich erhöht, insbesondere die Auseinandersetzungen wegen „Dieselgate“ hätten enorm zugenommen.

Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen
Dieselgate. Ich neige nicht zu Rechtsstreiten, fahre keinen Diesel und bin auch kein Kunde von VW. Und doch erwischen mich Auswirkungen der illegalen Machenschaften rund um die Motorsoftware. Ich bin Opfer ohne je einem Täter begegnet zu sein und muss für etwas bezahlen, dass nicht nur bestimmte Kundengruppen geschädigt hat, sondern indirekt (über die Kostenerhöhung der Rechtsschutzversicherung) auch zunächst scheinbar unbeteiligte Menschen.

Mit einem Zeitversatz von zig Jahren holt es mich gnadenlos ein. Fast möchte man diese Spätfolgen auch als Kosten an den Verursacher zurückgeben. Nicht nur der Primärschaden, nein auch die Kollateralschäden müssen bei einer ganzheitlichen Betrachtung einbezogen werden. Nebenbei ist noch zu berücksichtigen, dass die Beiträge der Rechtsschutzversicherung nur deshalb steigen, weil manche der angestrengten Prozesse zu Lasten der Kläger (das dürften in der Mehrzahl Dieselfahrer sein) ausgehen. Offensichtlich geben die Gerichte in merklichem Umfang den Autokonzernen Recht oder lasten die Prozessgebühren aus anderen Gründen den Klageführern an.

So oder so: Unbeteiligt und doch betroffen, ganz nach dem alten Sprichwort „Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen“.