Mittwoch, 31. Juli 2024

Agilität ist natürlich

Agilität ist natürlich
Ein Kernelement agilen Vorgehens ist das Ausprobieren, Heranarbeiten an die bestmögliche Lösung durch kleine Schritte und Schauen, ob dieser kleine Schritt in die richtige Richtung ging. Das macht uns die Natur schon seit Millionen von Jahren vor und wir nennen es Evolution. Kleine Abweichung vom Standard, dann wird es spannend, ob sich diese Modifikation behauptet. Durch diese Miniveränderungen in der Entwicklung kommt mit jeder Generation eine ein klein wenig andere Ausprägung auf die Welt. Das beobachten wir beispielsweise in der Anthropologie der Menschheit, aber auch im Entstehen und Aussterben ganzer Populationen.

Auf deutlich kleinerer Zeitskala spielt in diesem Entwicklungsprozess auch die Pubertät eine wichtige Rolle. Wir probieren aus, was wir machen können, loten die persönlichen Möglichkeiten aus und - ganz wichtig in dieser Lebensphase: wir manövrieren uns durch Trial-and-Error in unser Ich. Partnersuche spielt eine bedeutende Rolle, Nachwuchs entsteht und bildet die nächste Generation.

Ein besonderes Auge hatte ich auf Angela geworfen. Meine Gedanken kreisten nur noch darum, wie ich mit ihr zusammen kommen könnte. Schließlich erfüllte sie alle Wünsche, die ich an eine Freundin hatte. Mit ihren dunklen Augen wirkte sie immer sehr nachdenklich, hatte herrlich fließende Bewegungen und über ihren schlanken Beinen einen knackigen Po. Alle Jungs wurden unruhig, wenn sie in der Nähe war und heimlich wurde darüber spekuliert, wie sich ihr Busen anfühlte.

An diese Traumfrau heranzukommen war eine Herausforderung, zumal die Konkurrenz sich auch alle erdenkliche Mühe gab. Lud sie der eine Mitschüler zum Eis essen ein, versuchte der andere sie mit seinen sportlichen Leistungen zu beeindrucken. Hausaufgaben wurden gemeinsam erledigt, Mutproben vor ihren Augen veranstaltet und in der Klasse eine gewisse Aufmüpfigkeit an den Tag gelegt. Und jedes Mal spielte es eine Rolle, wie Angela reagierte, welcher der zahlreichen Verehrer von ihrer Seite den Zuschlag erhielt.

Erfolgreich war am Ende dann ein Junge, der sie nach all der intensiven Anmache seitens der anderen Buben durch eine merkliche Hartnäckigkeit und einfallsreiche Variation seiner Annährung für sich gewinnen konnte. Im Nachhinein betrachtet näherte er sich in kleinen Schritten, probierte mal dies, mal jenes und blieb immer am Ball, auch wenn mal etwas nicht funktionierte. Ein Vorgehen, das wir doch auch bei Agilität im technischen Umfeld immer wieder propagieren und gegenüber den Kunden wählen sollen.

Agilität ist also älter als die Menschheit, eher so alt wie das Universum und damit in uns und unserer Art schlichtweg angelegt. Die Adaption und Anwendung auf den Umgang mit Kunden, die Verfolgung dieses Antritts bei der Projektierung von Vorhaben oder Strukturierung von Umsetzungen liegt also nicht nur nahe, sondern ist schlicht in uns verankert. Ach ja, und der für manche Erwachsene für Agilität erforderliche Mut, das Einlassen auf Neues, das Zulassen von Fehlern, das haben wir beim Kennenlernen von Partnerinnen oder Partnern doch schon gehabt. Also einfach mal denken, man wollte einen attraktiven Mitmenschen begeistern und auch im Projektalltag alle (Agilitäts-)Register ziehen.

Mittwoch, 24. Juli 2024

Ehen und sonstige Versicherungen

Bei genauer Betrachtung haben menschliche Ehen und Versicherungen viele Gemeinsamkeiten. In Kurzform ein paar Parallelen, die zum Nachdenken anregen. So kann man seine eigene Beziehung an etabliertem Vorgehen von Versicherungen orientieren oder andersherum als Anbieter von Policen aus den Abläufen in Ehen lernen.

Der Einfachheit halber habe ich mir 10 Phasen angeschaut und die Bezeichnungen gegeneinandergehalten.

Ehenund sonstige Versicherungen
  1. Kennenlernen / Werbung
    Hier spielen äußere Faktoren eine Rolle, zum Beispiel Plattformen, Bewertungen, Orte mit hohem Flirtfaktor und so weiter.
  2. Annährung / Akquise
    Ist ein erster Kontakt zu Stand gekommen, heißt es nachlegen und die beiden Seiten für einander zu interessieren.
  3. Freundschaft / Probephase
    Nun wird ausprobiert, ob der erste Eindruck stimmt. Passen die Partner zusammen, ist das Versicherungsprodukt geeignet?
  4. Hochzeit / Vertragsabschluss
    An dieser Stelle wird es verbindlich.
  5. Hochzeitstag / Bestandspflege
    Während der Ehe bzw. Laufzeit der Versicherung ist eine gewisse Aufmerksamkeit für die Gegenseite wichtig für die dauerhafte Zufriedenheit. Jahrestage oder gelegentliche Kundenanschreiben sorgen für die Erhöhung der Treue
  6. Bedürftigkeit / Schadensfall
    Ist ein Partner aus irgendeinem Grund auf den anderen angewiesen, dann zeigt sich, wie stabil die Gemeinschaft ist. Entspricht dem Umgang im Leistungsfall.
  7. Fremdgehen / Leistungsstörung
    Wird das Versprechen nicht gehalten, dann ist der Vertrag einseitig verletzt. In der Beziehung ist es der Seitensprung, bei Versicherungen entweder Zahlungsaussetzer oder mangelhafte Zahlung im Leistungsfall.
  8. Eheberatung / Vertragsumstellung
    Retten, was zu retten ist. Ursachen erforschen, neue Wege finden.
  9. Scheidung / Kündigung
    Wenn die Nachbesserung fehlschlägt, wird meistens der Vertrag gekündigt, was im Falle der Ehe als Scheidung bezeichnet wird.
  10. Tod / Vertragsablauf
    Das reguläre Ende.

Mittwoch, 17. Juli 2024

Die Gelassenheit des Sommers

Die Gelassenheit des Sommers
Regen läuft die Scheibe herunter – mal wieder. Mittlerweile ist Juli, seit Monaten gibt es keine zusammenhängende Trockenperiode. Bestenfalls ist mal ein regenfreier Tag zwischen den wolkenverhangenen und wasserreichen Phasen. Und das, obwohl ich dieses Jahr einige Arbeiten im Garten erledigen wollte.

Auf das Wetter habe ich keinen Einfluss, die Arbeiten müssen warten. Und selbst wenn es mal vorübergehend keinen Niederschlag gibt, muss ja die Erde erst mal ein wenig trocknen und der notwendige Handwerker ist auch nicht kurzfristig zu bekommen. Das Gartenprojekt muss also warten, ob mir das nun gefällt oder nicht.

Natürlich könnte ich jetzt überall jammern und klagen, das würde aber die Situation nicht verändern. Und bezüglich Wetter ist auch ein Umplanen nicht möglich. Niemand weiß, wann die ergiebigen Wassermassen endlich ein Ende finden und man nach Trocknung und Organisation der Handwerker anfangen kann. Ob es mir gefällt oder nicht: Ein neuer Termin ist partout nicht festzulegen.

Das ist eine Situation, die man nur mit Gelassenheit angemessen behandeln kann. Gerade dieser Begriff der Gelassenheit, des Zulassens, der Akzeptanz eines nicht beeinflussbaren Zustandes ist hier zentral. Man kann sich nicht dagegen stemmen, es gibt auch bezüglich der Wetterentwicklung keine Alternativwege, weitere Planung ist nicht sinnvoll.

Was wir beim Wetter mehr oder weniger zähneknirschend akzeptieren, wollen wir in anderen – auch betrieblichen – Situationen nicht wahrhaben. „Es muss doch irgendwie gehen“, scheint die Maxime zu sein. Und wenn es dann eben nicht geht, wird die Suche nach einem Schuldigen eingeleitet, der pro forma die Verantwortung übernehmen muss und sanktioniert wird.

Gerade mir ist an manchen Stellen ein lapidares „geht nicht“ ein absolutes Ärgernis. Energie in die Suche nach Alternativen zu stecken wird gar nicht in Betracht gezogen, und wenn überhaupt, dann nur recht zurückhaltend. Das ist nicht der Sinn der Sache; Engagiertes Abklopfen aller denkbaren Lösungen, Bewertung und möglichst Umsetzung sollten im Mittelpunkt stehen. Aber wenn sich selbst nach sorgfältiger Betrachtung – analog zum Wetter – herausstellt, dass man einfach nichts machen kann, dann muss man es lassen. Ge-lassen.

Mittwoch, 10. Juli 2024

Die Krux mit der Messung

Auf halber Strecke nach Frankfurt zweigt eine kleine Bahnlinie ab. Die Schienen sehen recht rostig aus, aber das Gleisbett ist freigeschnitten und grundsätzlich könnte es sein, dass hier noch Züge fahren. Vor ein paar Tagen kam ich mit dem Fahrrad an der Stelle vorbei und entschloss mich spontan, den Radweg entlang der Linie zu nehmen. Tatsächlich gibt es kurz nach dem Abzweig einen Bahnsteig, kein Bahnhofsgebäude, aber immerhin eine Plattform, an der ein Zug halten und die Fahrgäste ein- und aussteigen können.

Ich stieg ab, schaute mir das Wartehäuschen an, kein Aushangfahrplan, nur eine notdürftig überdachte Bank. Nichts deutete darauf hin, dass hier ein Zug fahren könnte. Ich schaute auf die Uhr, kurz vor zwölf, Zeit für eine Mittagsstation. Mit ein paar Handgriffen hatte ich den Rucksack vom Gepäckträger auf die Bank gestellt, packte mein Picknick aus und setzte mich auf die Bank.

Den schönen Ausblick genießend entschloss ich mich, diese Zwischenstation nun zukünftig in meine Radtouren zu integrieren. Und so war dieses Wartehäuschen in den Sommermonaten mein stetes Ziel auf den ansonsten wechselnenden Ausflügen. Ende September waren mal die Pflanzen rund um meine Bank geschnitten, das Unkraut entfernt. Ansonsten passierte nichts, insbesondere habe ich keinen Zug gesehen.

Nach und nach verfestigte sich meine Überzeugung, dass es sich um eine stillgelegte Bahnstrecke handelte. Hier fuhr offensichtlich nie ein Zug. Bestimmt hatte die Deutsche Bahn die Strecke nicht mehr in Gebrauch, musste aber aus irgendwelchen formalen Gründen die Pflege fortsetzen. Eigentlich schön, dass auch diese Teile der Infrastruktur in Schuss gehalten wurden, obwohl sie nicht mehr in Betrieb sind.

Die Krux mit der Messung
Doch meine Gedanken zur Nutzung der Strecke waren falsch, wie ich bei einer Radtour an einem spätherbstlichen Werktag feststellte. Ich hatte ein paar Tage Urlaub genommen, wie gewohnt mein Rad aus der Garage geholt und saß - diesmal noch früher Morgen - wieder auf meiner Aussichtsbank. Und da hörte ich von Ferne einen Zug kommen, eine schwere Diesellokomotive schleppte einen kurzen Zug mit wenigen Wagons diese Nebenstrecke entlang. Zu meiner Überraschung hielt sie sogar an der Plattform an und ein paar Personen stiegen aus.

Vielleicht konnten sie meinen fragenden Gesichtsausdruck sehen, jedenfalls sprach mich ein älterer Mann an. Wir kamen kurz ins Gespräch und ich erfuhr, dass diese Strecke täglich für Berufstätige befahren wurde, jeweils morgens und abends drei Züge im Stundentakt. Das erklärte natürlich, warum die Schienen freigeschnitten waren und bei sorgfältiger Betrachtung hätte mir möglicherweise sogar das niedergetretene Kraut rund um das Wartehäuschen verdächtig sein können. Aber ich war im Laufe der Monate so von der Stilllegung überzeugt, dass ich meine Einschätzung gar nicht mehr in Frage gestellt hatte.

Ich verabschiedete mich von dem weitereilenden Mann, setzte mich wieder auf die Bank und schaute dem davonschnaufenden Zug hinterher. Irgendwie bemerkenswert, dachte ich, zum einen, weil ich bestimmt auch in anderen Situationen nach einiger Zeit mein Urteil nicht mehr in Frage stelle. Sei es bezüglich gekaufter Produkte, Abläufen oder auch Mitmenschen und Beziehungen. Und zum anderen, wie krass ich mit der Folgerung, hier führe überhaupt nie ein Zug daneben gelegen hatte. Ausgehend von eigentlich punktuellen Messungen hatte ich in unzulässiger Weise verallgemeinert. Auch das ein Phänomen, das mir im Alltag immer wieder unterkommt. Mal erwächst hieraus ein unangemessenes Vertrauen, mal stelle ich eine Leistung in Frage, weil ich unbemerkt stets im selben falschen Moment hinschaue.

Messungen sind also immer so eine Sache. Es kommt nicht nur auf die Präzision und die gemessenen Werte an, sondern mindestens genauso wichtig auf die Randbedingungen wie zum Beispiel den Zeitpunkt oder die Perspektive. Nur weil man immer wieder dasselbe feststellt muss es deswegen keine Konstante sein.

Mittwoch, 3. Juli 2024

Erfindungen zu ihrer Zeit

In meiner Studentenzeit habe ich in weinseliger Stimmung mit einem Freund mal ein ESP für Koffer entworfen. Damals waren die Koffer ziemlich schmal, hatten an der kurzen Seite zwei Räder und waren entsprechend kipplig. Was also lag näher, als das bei Autos bewährte Prinzip des Elektronischen Stabilitäts Programms auf den Koffer zu übertragen. Wir wollten die Schräglage des Koffers mit Sensoren messen und ab einem bestimmten Winkel das eine oder das andere Rad sanft bremsen, um so den Koffer über das Einleiten einer leichten Kurve wieder in die aufrechte Position zu bekommen.

Man könnte dieses Prinzip in der heutigen Zeit noch mit Künstlicher Intelligenz ausstatten, die notwendigen Steuerimpulse der Radbremsen der Fahrsituation anpassen, die Kofferbeladung bestimmen und überhaupt aus den Systemreaktionen lernen lassen.

Erfindungen zu ihrer Zeit

Doch was macht irgendein anderer findiger Mensch? Er schraubt statt der bisher zwei Rädchen gleich vier unter den Koffer. Keine Sensoren, keine Elektronik, keine KI und doch ist die Gefahr des Kippens erheblich verringert. Bringt man jetzt noch den Griff so an, dass man die breite Seite zieht, ist ein Umkippen praktisch ausgeschlossen.

Was ist geschehen? Wir hatten einen schönen Abend, haben uns prima amüsiert und in immer verrückteren Details mit dem Problem beschäftigt. Dabei aber nur in eine Richtung gedacht, nämlich den seinerzeit marktüblichen Standard genommen und optimiert. Was fehlte war die Abstraktion, das Abwenden von der mehr oder weniger oberflächlichen Behandlung der Symptome.

Wir hätten zum Beispiel überlegen können, was Kippen im technischen Sinne heißt und wie man es beheben kann. Über Betrachtung des Schwerpunktes, seiner Bewegung und deren Beeinflussung hätte sich vielleicht die Montage weiterer (rollbarer) Unterstützungspunkte ergeben. Alternativ hätten wir (unter Alkoholeinfluss vielleicht sogar noch besser) drauflos phantasieren können, die beiden Reifen in Gedanken abgeschraubt, einen fliegenden Teppich montiert und schließlich beim quergezogenen Vierräderer landen können.

Natürlich, das erleben wir ja immer wieder: Entwicklungen überholen sich, mit einer automatischen Tränke für Pferdekutschen könnte man heutzutage keine Begeisterung mehr hervorrufen. Und ebenso hätten wir vor 40 Jahren vielleicht noch ein Koffer-ESP verkaufen können, heute würde man uns ungläubig anschauen.

Aber neben dem Zahn der Zeit geschuldeten Vergänglichkeit von Entwicklungen entdecke ich immer wieder Neuerungen, die absehbar schon deshalb eine kurze Halbwertszeit haben, weil sie nur Symptome bearbeiten, statt der Ursache auf den Grund zu gehen.

Anmerkung in dieser Sache: Die derzeit viel propagierte Allmacht der Künstlichen Intelligenz heilt in vielen Anwendungsfeldern auch nur Symptome, angefangen bei mangelhafter Datenqualität über Probleme mit der Bereitstellung bis hin zu Schludrigkeit in der Datenauswertung. Und unterstützt an vielen Stellen marode Prozesse, die nach gehöriger Optimierung auch ohne KI flutschen würden.