Mittwoch, 24. Juni 2026

Das Bauchgefühl der KI

Das Bauchgefühl der KI
Vor Jahrzehnten – der Begriff der Künstlichen Intelligenz war nur in Forschungsinstituten bekannt – kam ein großes Kreditinstitut auf die Idee, auch in sozialen Brennpunkten oder weniger wohlhabenden Gegenden Kredite auszugeben. Grundlage für die Vergabe war ein Ranking des Antragstellers, in das verschiedene Faktoren einbezogen wurden.

In Vorbereitung dieser Maßnahme wurden alle Kreditvergaben der vergangenen Jahre untersucht und alle zur Verfügung stehenden Informationen in die Beurteilung aufgenommen. Da waren Alter, Geschlecht, Adresse, Körpergröße, Automarke und diverse Informationen über das Umfeld und die Nachbarschaft enthalten (Datenschutz war damals noch nicht so empfindlich wie heute).

In mühsamer Arbeit wurden die ganzen Eingangsparameter bezüglich ihrer Auswirkungen auf die Kreditwürdigkeit untersucht und am Ende kamen nur fünf Eingangsgrößen heraus, die als Paket eine sehr hohe Trennschärfe ermöglichten. Absolut überraschend war einer der Parameter die Automarke des Nachbarn.

Niemand der Experten konnte die Auswahl erklären, aber es war unübersehbar und selbst nach wiederholten und sorgfältigen Testläufen konnte man sich mit dieser Auswahl in die Praxis wagen. Und tatsächlich funktionierte das Modell, war der Geschäftsfall positiv. Auch wenn für die Entscheider oder die Antragsteller unbefriedigend, konnte der Spreu vom Weizen getrennt werden.

Was man daraus lernt ist die Möglichkeit, aus der Strukturierung von Daten überraschende Schlüsse ziehen zu können. Wir kennen dieses Phänomen ja aus heutigen KI-Prozessen und könnten in diesem Zusammenhang von einem „Bauchgefühl der KI“ sprechen. Und so, wie wir erfahrenen Vertriebsmitarbeitern eine gute „Menschenkenntnis“ zuschreiben, so kann man dies offensichtlich auch in technischen Prozessen abbilden.

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Mittwoch, 10. Juni 2026

Mischung und Entmischung

Mein Schokomüsli ist eine Mischung aus Schokostückchen, Kakaopölsterchen und Haferflocken. Das alles in einem definierten Verhältnis, das zu diesem spezifischen Produkt führt, mit seinen Nährwerten und seinem typischen Geschmack.

Wenn ich die Umverpackung aus dem Supermarkt öffne und den Plastikbeutel mit dem Müsli herausnehme, dann sehe ich zwar die verschiedenen Bestandteile, aber sie sind nicht gleichmäßig verteilt. Vielmehr haben sich die Haferflocken deutlich sichtbar von den restlichen Ingredienzien getrennt und diese wiederum sind auch nicht überall gleichermaßen vertreten.

Mischung und Entmischung
Ich nehme den Beutel, stelle ihn auf den Kopf, schüttele ihn durch, knete, schüttele wieder und drehe ihn unter fortgesetztem Schütteln auf verschiedene Seiten. Langsam scheint sich der Inhalt zu einer einheitlichen Mischung zu formen. Aber schon beim Umfüllen in mein Vorratsglas geht ein Teil der mühsam erkämpften Gleichmäßigkeit wieder verloren.

Ähnliche Phänomen können wir auch in der Gesellschaft beobachten. Projekte zur Auflockerung allzu homogener Strukturen bezüglich Alter, Herkunft, sozialer Ebene oder anderer Eigenschaften verlaufen nahezu immer im Sande. Generationsübergreifendes Zusammenleben funktioniert ebenso selten wie die Kombination aus sozialem Wohnungsbau und Komfortbebauung.

Auch in Unternehmen bildet sich typischerweise eine bestimmte Mischung aus Mitarbeitern aus, die sich an der Kultur und der vorhandenen Struktur orientiert. Reorganisationen stören zwar die entstandenen lokalen Domänen, aber mit der Zeit bilden sich dann doch wieder kleine Abschnitte mit intern homogenem Kern aus.

In allen Fällen ist die Herstellung einer bunten und gleichmäßigen Mischung – sei es an menschlichen Charakteren, intellektuellem Niveau, Wohnkultur etc. – ein energieraubender Antritt. Leichtgängig und ohne äußeres Zutun treten mit der Zeit Entmischungseffekt ein. Es entsteht ein „Chinatown“, setzen sich die Akademiker gegenüber den Kollegen ohne Hochschulabschluss ab.

Übrigens findet man diesen Effekt auch bei Kunden. Hier sind die Auswirkungen schon lange bekannt und werden in Form verschiedener Modellreihen oder sogar verschiedenen Marken differenziert bedient. Sehr clever, denn in diesem Fall wird keine Energie in die Herstellung einer Mischung verwendet, sondern die nun mal vorhandene Entmischung akzeptiert und darauf reagiert.

Genau das ist es, was wir auch bei allen anderen Themen als Option im Auge behalten sollten. Ist eine Mischung überhaupt notwendig oder wünschenswert? Oder ist es nicht viel geschickter, den Status Quo zu akzeptieren und das weitere Vorgehen daran auszurichten.

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