Mittwoch, 26. August 2026

Entscheidungen und die Rembrandt-Frage

Ein bekannter Sketch von Otto Waalkes nahm Quizsendungen auf die Schippe und formulierte eine Frage an den Kandidaten, der sich als Rembrandt-Experte vorstellte:
"Bei einem Bild von Rembrandt wird die Frau des Malers als Göttin der Jagd dargestellt. Wie hieß der Mann der Frau des Malers?" - Antwort des Kandidaten: "Wie? Welches Malers? Rembrandt?" - "Absolut korrekt"

Einerseits führt Otto hier die Albernheit damaliger Fernsehsendungen vor. Andererseits ist es aber auch ein schönes Beispiel, wie man eine Frage so formulieren kann, dass sie vom Prüfling richtig beantwortet wird. Egal, wie gut er sich auskennt. Man könnte auch sagen, als Prüfer habe ich es in der Hand, ob der Prüfling mit Bravour besteht oder durchfällt.

Entscheidungen und die Rembrandt-Frage

Also Quizsendung oder Prüfung? Nicht nur, auch beliebige Entscheidungen und deren nach außen getragenen Begründungen gehorchen diesem Prinzip. Zuerst wird im stillen Kämmerlein ein Thema durchdacht, diskutiert, evaluiert und schließlich entschieden. Und dann, aber eben erst dann, wird die Begründung erarbeitet.

Diese passt dann perfekt zur gefundenen Lösung.

In einer Prüfung sähe das so aus: Erst mal ein lockeres Gespräch zu Sondierung, wie pfiffig ist das Gegenüber, dann ein paar Fragen, ob er das zu prüfende Fach verstanden hat. Es folgt die innere Einschätzung, wo der Kandidat fachlich steht, ob er sich gut auskennt, eine entsprechend gute Note verdient hat, oder ob er eher eingeschränkte Kenntnisse aufweist und weniger gut abschneidet. Schlimmstenfalls sogar durch die Prüfung fällt.

Und dann kommen die Fragen, die die Note begründen. Lief es bis dahin gut, dann kommt die Rembrandt-Frage. "Sehen Sie, das hat doch ganz toll geklappt, ein sehr gutes Prüfungsergebnis." Und wenn es nicht gut lief, der Daumen nach unten zeigt? Dann folgen Fragen zur Fußnote auf Seite 257. Ehrlicherweise hat der Prüfling ab diesem Punkt keine Chance mehr, aber er geht mit dem Gefühl aus der vermasselten Prüfung, dass er den Durchfaller verdient hat.

Wenn sich also ein Gremium für Option A entschieden hat, dann ist die Arbeit noch nicht fertig. Jetzt kommt noch der wichtige Teil, denn die Beteiligten und Betroffenen müssen noch „abgeholt“ werden. Man muss noch die Rembrandt-Frage formulieren, damit sie mehr oder weniger zwingend die Antwort geben, die man ihnen in den Mund gelegt hat.

Nein, das sind keine Suggestiv-Fragen. Es sind normale Fragen, die aber von der Logik her nur eine bestimmte Antwort erlauben. Und die muss Option A lauten.

*

Abonniere den Kanal "Eckhards Blog By Dr.-G." auf WhatsApp

Mittwoch, 19. August 2026

Sehr vorausschauend

In der heutigen Zeit bin ich sehr froh, dass es Menschen gibt, die nicht nur an den nächsten Tag denken. Bei denen Ankündigungen, Vorbereitungen und einleitende Maßnahmen nicht hopplahopp daherkommen. Gerade im Zusammenhang mit Handwerk im öffentlichen Raum erleben wir da eine große Spreizung. Am Freitag war noch nichts zu erkennen, am Montagmorgen werden die Autos abgeschleppt, die den seit Monaten geplanten Baumfällarbeiten im Wege stehen.

Sehr vorausschauend

Aktuell das Gegenteil. Da schlendere ich durch die August-Hitze auf dem Bahnhofsparkplatz zu meinem Auto. Trotz der Schulferien muss ich bis zum anderen Ende, weil ein Teil der Parkplätze mit Schildern abgesperrt ist. Nicht nur mit Parkverbot, sondern mit absolutem Haltverbot (VZ-283). Ordnungswidrig handelt, wer auch nur stoppt, um einen Fahrgast aufzunehmen oder den Einkaufswagen ins Auto zu entleeren. Das muss ja höchste Wichtigkeit haben.

Ich bleibe im Schatten stehen und betrachte das darunter angebrachte Zusatzschild: „ab 17.12.25 bis 10.12.26“. Aha. Die immerhin bislang schon über 220 Tage genutzt, um zwei Dixi-Häuschen aufzustellen und damit die Baustelle einzurichten. Welche auch immer das sein mag. Das ist zweifellos sehr vorausschauend, man könnte auch sagen ein wenig übertrieben.

Selbst wenn es gar kein unangemessen langer Vorlauf ist, sondern eine ungeplante Verzögerung eingetreten ist: Wäre da nicht eine Neuplanung und damit einhergehend die Freigabe der jetzt gesperrten Parkplätze richtig gewesen?

In Gedanken vertieft gehe ich weiter, male mir aus, wie die Qualität der restlichen Organisation sein dürfte. Kein Wunder, wenn sich nichts bewegt, in einer Kombination aus Bürokratie und vorgeschobener Bürokratie hängenbleibt. Und machen wir uns nichts vor: Am Ende ist das nicht nur lästig für die Bürger, sondern macht jeden Vorgang auch noch für alle teurer.

Schließlich zeigen aber beide Extrema (also überfallmäßige Änderungen und sinnlose Dauerabsperrung), dass die Bürger nicht im Mittelpunkt stehen und das Verständnis fehlt, wer am Ende der Prozesskette der Auftraggeber (und Finanzierer) ist. Ein klein wenig „Der Kunde ist König“ sollte in den Köpfen der Verwaltung auch für den Kunden Bürger vorhanden sein.

*

Abonniere den Kanal "Eckhards Blog By Dr.-G." auf WhatsApp

Mittwoch, 12. August 2026

Es geht doch!

Die typische deutsche Baustelle. Insbesondere zu beobachten auf Autobahnen. Im Vorfeld bekommt man es in der Presse mit, vielleicht ist es auch kurz in den Nachrichten. Demnächst - zum Ende des Jahres - wird irgendwas an der Fahrbahn gemacht. Dann passiert erst mal nichts. Oder doch, denn ein beladener Transporter rückt an und stellt erste Schilder auf. Eine Woche Pause, es folgt ein ganzer Laster, der die demnächst zu bearbeitende Spur absperrt.

Pause. Einige Wochen passiert nichts, dann kommt ein PKW, begutachtet die Absperrung, verschwindet wieder, hat vermutlich ein Reinigungskommando bestellt, denn nur wenige Tage später wird mit einer Kehrmaschine die langsam verstaubende Fahrbahn gefegt. Und dann endlich kommt ein Bautrupp, verteilt über die Kilometer irgendwelche Baugeräte, Werkzeuge, stellt ein Dixie-Häuschen auf. Dann kehrt wieder Ruhe ein, die Handwerker werden wohl auf einer anderen Baustelle gebraucht.

Ein Bagger trifft ein, das ist zwar angesichts der langen Baustelle ein wenig unterbesetzt, aber zumindest ein Anfang. Allerdings steht er erst mal nur da, gebaggert wird nicht. Der Zustand hält ein paar Wochen, insgesamt ist die Baustelle schon einige Monate alt, die nicht gemähten Randstreifen verlottern langsam. Ein zweiter Bagger trifft ein, sogar ein dritter. Und Baggerführer, Laster für den Abtransport der jetzt allmählich entfernten Oberdecke.

Wie es scheint ist dieser Arbeitsschritt nun erledigt, denn die Bagger werden wieder abgezogen, die Absperrung bleibt, ansonsten wird es wieder leer auf der Baustelle. Etwa einen Monat später kommen andere Bagger. Sie machen sich an der Seite zu schaffen, wie man im Laufe der nächsten Wochen beobachten kann, sind sie wohl für die Entwässerung zuständig, erstellen Gräben, heben altes Rohrwerk aus und warten wie gewohnt auf die Lieferung der neuen Rohre.

Die Zeit geht ins Land, die alten Rohre sind entfernt, Abläufe sind eingemessen und auf die neue Verrohrung montiert, die Unterdecke hat über den Winter stark gelitten. Ein Gutachterteam war da und hat festgestellt, dass sie unter diesen Umständen ebenfalls ausgetauscht werden muss. Es kommt zu Verzögerungen im weiteren Verlauf, aber am Ende kommt die erste Firma mit ihren drei Baggern wieder angerückt und baut die Unterdecke aus.

So geht es schrittchenweise voran, kurze Arbeitsphasen folgen auf lange Pausen, Wechsel der ausführenden Unternehmen, gelegentliche Instandhaltung der nicht betroffenen Fahrbahn. Nach einer Nettozeit von wenigen Monaten und einer Gesamtlaufzeit von knapp zwei Jahren können die Autos wieder über die bearbeitete Spur rollen. Im Radio wird das freudige Ereignis gebührend gefeiert und geht einen Tag lang durch die Lokalnachrichten.

Die Bürger fragen sich, warum das in Deutschland so schleppend läuft und schielen nach China. Zu Corona-Zeiten haben Bautrupps dort in wenigen Wochen ein ganzes Krankenhaus hingestellt. Vielleicht nicht für die Ewigkeit, aber auch nicht so improvisiert, dass es direkt wieder zusammengebrochen wäre. In Deutschland haben wir zu dieser Zeit länger gebraucht um vorhandene Turnhallen zu Impfzentren umzuwandeln.

Und jetzt das.

Es geht doch!

Im März tauchen nach kurzer Ankündigung Transporter an der Einmündung der L3273 auf die B275 auf, ändern mit Schildern die Verkehrsführung, installieren eine Ampel und machen den Weg frei für Bagger und LKW. Schlag auf Schlag ist der alte Belag weg, Erdreich entfernt, wird der abgesperrte Bereich etwas verschoben, die Ampel nachjustiert. Schon nach wenigen Tagen lässt sich erahnen, wo der neue Kreisverkehr entstehen wird, zügig und systematisch werden verschiedene Seiten der Baustelle vorangetrieben, Erdreich bewegt, Rohre verlegt. Jeden Tag sieht man auch als Laie einen Fortschritt, staunt über die dennoch aufgeräumte Fläche. Keine verträumten Bauarbeiter, kein herumfliegender Müll, stattdessen von Zeit zu Zeit kurze Visite der Bauaufsicht und weiter geht’s.

Es ist eine Freude zuzuschauen, fast macht es Spaß, wenn man kurz an der Baustellenampel warten muss, weil man wieder etwas Neues entdecken kann. Waren es gestern die Randsteine um das Rondell, ist es heute die Erdfüllung darin. Ich bin geradezu neugierig, was ich morgen sehe. Und das bei der freudigen Mitteilung, dass die Bauarbeiten im Plan liegen.

Es geht doch.

Mit guter Planung und vielleicht einem Quäntchen Glück ist eine Baustelle auch in Deutschland 2026 kein Hexenwerk. Wer auch immer dafür verantwortlich ist, dass hier mal etwas so läuft, wie ich es früher normal gefunden hätte: Dieser Mensch hat einen Orden allein schon dafür verdient, dass er mir wieder Mut macht. Mut, dass wir vielleicht doch etwas schneller hinbekommen, als es zerfällt.

Oder liegt es am Ende daran, dass die ausführende Baufirma (Eiffage) aus Frankreich kommt?

*

Abonniere den Kanal "Eckhards Blog By Dr.-G." auf WhatsApp

Donnerstag, 6. August 2026

It's business, my friend

Vor einigen Wochen war ich bei einem Vortrag, in dem es unter anderem um unser Verhältnis zu Amerika ging, das transatlantische Bündnis und die langjährige gute Zusammenarbeit. Ja, sogar das Wort Freundschaft fiel in diesem Zusammenhang und die tollen Ergebnisse, die beide Seiten im Laufe der Jahrzehnte erzielt hatten. Die legendäre Luftbrücke wurde angesprochen, auch die enge wirtschaftliche Zusammenarbeit, von Kooperationen und militärischen Operationen ganz zu schweigen.

Doch dann kam die Sprache auf die aktuelle Administration, auf die Regierung unter Donald Trump und den Abbau dieses altgewohnten Teamplays. Unter dem zentralen Motto "make amerika great again" beginnt Politik mit einem Blick in den Spiegel, nach oben erhoben, um das auf dem Boden stehend Porzellan nicht sehen zu müssen. Dem großen Ziel werden Beziehungen untergeordnet, alle Verknüpfungen auf den Prüfstand gestellt. Und insbesondere wird das Wort 'Freundschaft' durch das Wort 'Business' ersetzt. Heute Schulterklopfen, morgen Rausschmiss, so wie wir es schon oft in den amerikanischen Spielfilmen gesehen haben.

It's business my friend

Das ist für Europäer, insbesondere vielleicht sogar Deutsche, schwer zu verstehen. Wir gehen von einem anderen Verständnis einer Beziehung aus, rücken Tugenden wie Unvergänglichkeit, zumindest aber Nachhaltigkeit, in den Mittelpunkt. Das kollidiert natürlich mit einer rein geschäftlich basierten Zusammenarbeit, die so etwas wie Kursschwankungen kennt und sich auch schon mal ändern kann. Den Wunsch nach Planbarkeit muss man damit zurückstellen oder zumindest ganz anders umsetzen. Volatilität ist Teil des Zusammenspiels, nicht nur eine exotische Panne.

Und diese Mentalität kriecht dann nicht nur in die höchsten politischen Ebenen, sie findet sich auch in Unternehmensführungen, im sozialen Umfeld oder in Partnerschaften wieder. Ob das Modell eines lebenslangen Arbeitsverhältnisses bei ein und derselben Firma heute noch zeitgemäß ist, sei dahingestellt. Dass ein erzwungenes Hin- und Her in Deutschland noch nicht en vogue ist, ist aber auch unübersehbar. Denn es ist ja nicht nur der Wechsel des Unternehmens und vielleicht einiger Aufgaben, auch das gesamte Umfeld, Netzwerke, Abläufe sind neu. Und noch viel schlimmer wird durch einen erzwungenen Wechsel auch das Selbstwertgefühl angekratzt.

Wer sich für seine Aufgabe engagieren soll, die von Managern gewünschten leuchtenden Augen bekommen soll, der muss dafür motiviert sein. Das kann für eine gewisse Zeit ein äußerer Impuls sein, Geld oder schicker Dienstwagen vielleicht, aber irgendwann muss dann die intrinsische Motivation greifen. An der Stelle wird es emotional und wer hier mit Rationalität antwortet, der bringt das vormals vorhandene Engagement schnell zum Erliegen. Den Mitarbeitern klar zu machen, dass das Arbeitsverhältnis eine reine Geschäftsbeziehung ist, der einzelne Mitarbeiter eine austauschbare 'human ressource' darstellt, ist für freiwillige Zusatzarbeit von Leistungsträgern fatal.

Schachzüge in dieser Richtung stellen eben auch das bisherige Verhalten der Führung in Frage. Wo ist denn die Wertschätzung, wenn es auf einmal nicht mehr auf individuelle Qualitäten oder besondere Leistungen ankommt? Retrospektiv werden dann auch in der Vergangenheit liegende positive Erfahrungen in Frage gestellt, Neubewertungen stehen ins Haus, das Vertrauen bröckelt. "It's business, my friend" kombiniert mit einem freundlichen Händedruck, mit dem man auch gleich die Klappbox für die persönlichen Wertsachen übergibt, kann gerne Schule machen. Nur bitte nicht in Deutschland.

*

Abonniere den Kanal "Eckhards Blog By Dr.-G." auf WhatsApp