Dienstag, 30. August 2022

Wenn Vorstände Holz bearbeiten

Kein Kapitän auf einem ernst zu nehmenden Schiff kennt jede Schraube, er weiß meist nicht einmal, wie man den Schiffsdiesel optimal startet oder wie die Tampen korrekt aufgeschossen werden. Das ist auch nicht nötig, er plant den Kurs, legt mit den Offizieren die Etappen fest und delegiert die Detailarbeit an die jeweiligen Spezialisten.

 Ähnlich sind durchaus auch Vorstände unterwegs. Ein deutlicher Unterschied ist jedoch, dass Seeleute gleich welchen Ranges mit den Unbilden des Wassers und des Windes konfrontiert sind. Sie müssen zwangsweise akzeptieren, dass bestimmte Dinge einfach nicht gehen. Je nach Strömung oder Windrichtung ist mancher Kurs schlichtweg nicht oder nur mit verschwenderischem Aufwand zu fahren.

Vom Marktumfeld und sonstigen Randbedingungen wie Arbeitsmarkt, Energiebeschaffung oder Rohstoffen sind alle Branchen mehr oder weniger betroffen. Insofern könnte man hier eine Analogie zur Seefahrt sehen. Doch leitende Angestellte oder Vorstände haben zusätzlich die Eigenschaft, dass sie gewohnt sind, dass ihre Forderungen umgesetzt werden. Was sie wollen wird irgendwie möglich gemacht, zum Teil unter erheblichen Mühen.


Stellen wir uns vor, ein Mensch mit dieser uneingeschränkten Umsetzungserwartung würde Holz bearbeiten. Einen Werkstoff, der sich durch seine manchmal recht widerspenstigen Fasern, seine enthaltenen Wirbel und Maserungen alles andere als homogen verhält. Was mit dem einen Stück geht, ist bei dem nächsten Abschnitt unmöglich. Und auch die grundsätzlichen Eigenschaften lassen sich nicht überlisten. Ich kann wollen, dass Holz weder quillt noch schwindet, aber in der Praxis wird es abhängig von der Feuchtigkeit seine Abmessungen ändern.

Da endet jede Befehlsgewalt, auch Hierarchie ignoriert ein aufgeschnittener Baumstamm geflissentlich. Vielmehr heißt es mit den Gegebenheiten Frieden zu finden, mal von vorne, mal von hinten zu hobeln, Längenveränderungen zu ermöglichen ohne dass sie sich auswirken. Das erfordert eine Mischung aus Erfahrung, Fingerspitzengefühl und Ausprobieren. Mit anderen Worten geht es wieder mal um die Handhabung eines komplexen Systems. Ob nun hohe See, Holz oder Unternehmen.

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Dienstag, 23. August 2022

Ja, nein, aber, und.

Vor mir sitzt ein Kollege mit strahlenden Augen. Eine aus seiner Sicht tolle Idee geht ihm im Kopf herum, der Gedanke lässt ihn nicht los und er muss mir unbedingt davon berichten.

 1. Ja, sage ich, das ist eine wundervolle Idee. Das Ganze solltest du weiter durchdenken, mach‘ mal eine Skizze, jedenfalls solltest du der Sache nachgehen.

 2. Nein, da hast du einige ganz wichtige Punkte übersehen, das kann so nicht gehen. Wenn du es noch mal sorgfältig durchdenkst wirst du feststellen, dass es nicht funktioniert.

 3. Im Grunde ganz interessant, aber so einfach geht das nicht. Könnte ganz gut werden, aber ehrlich gesagt bin ich ein wenig skeptisch.

 4. Der Anfang ist gemacht und ich setze noch eins drauf. Ausgehend von deiner Idee lässt sich der Gedanke fortspinnen und noch weiter ausbauen. 

Welcher Typ sind sie? Der Ja-Sager? Der Abblocker, der Bedenkenträger oder der Motivator?

Im Alltag darauf achten, wie man auf Aktionen reagiert, welches der vier Signalwörter man besonders häufig verwendet. Denn das sagt doch ziemlich viel über die Grundeinstellung aus. Und im Sinne von Neurolinguistischer Programmierung kann man auch erreichen, durch stetig geänderte Wortwahl vom demotivierenden Skeptiker zum ermutigenden Anschieber zu werden. 

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Mittwoch, 17. August 2022

Warum bist Du eigentlich hier?

Also, warum ich im Fitnessstudio bin, das weiß ich. Als Ausgleich zu meiner Bürotätigkeit und dem vielen Sitzen möchte ich mich körperlich fit halten. Andere Kollegen joggen durch die Gegend, manche setzen sich aufs Fahrrad, ich gehe ins Studio.

Da schaue ich mich um und frage mich, was andere Kunden hierhin treibt. Naheliegend sicher auch irgendwelche sportlichen Gründe, vielleicht Muskelaufbau, Bodybuilding, Ausgleich anderer Sportarten oder Rehabilitation nach Unfällen. Eine ganz andere Sparte sind die Männer und Frauen, die eine Hilfe bei der Überwindung ihres inneren Schweinehundes brauchen. Sportkurse und Übungen in der Gruppe sind ein probates Mittel, um von einem Trainer motivierte Anstrengungen zu meistern. Drittens dann die Menschen, die ihre Grenzen fühlen möchten, vielleicht sich selbst auch beweisen wollen, was sie gestemmt bekommen. Oder sich als Kontrast zur Tagesarbeit mal so richtig auspowern wollen.


Habe ich noch eine Gruppe übersehen? Ja, natürlich. Da sind nämlich zu einem durchaus merklichen Teil auch noch Personen, die nur in zweiter Linie wegen der Fitness hier sind. Man möchte andere trainierte Menschen sehen, von diesen gesehen werden oder sich an seiner eigenen Schönheit erfreuen. Ein wenig wie ein Marktplatz mit der Option, sich – zumindest körperlich – ein bisschen zur Schau zu stellen.

Und das ist genau die Stelle, an der manche Anbieter von Produkten oder Dienstleistungen blind sind. Denn diese durchaus beachtliche Fraktion der Kundschaft muss man natürlich ganz anders ansprechen als die offizielle oder als solche sichtbare Zielgruppe. Wichtige Kunden, die ich auch abholen muss, die ich aber nicht mit besonders guten Trainern oder topmodernen Geräten begeistern kann. Wie auch andernorts stellt sich die Frage, warum jemand ausgerechnet hierher kommen oder sogar etwas kaufen sollte. Da ist Kreativität gefragt: Wenn ich als Baumarkt nur Schrauben verkaufe, geht mir ungefähr die Hälfte der potentiellen Käufer durchs Netz, nämlich fast alle Frauen. Was dort die Abteilung mit Dekorationsartikeln ist, ist anderswo das Grillzubehör im Haushaltswarenladen.

Abschließend noch der Hinweis, dass es nicht nur eine Frage des Produktportfolios ist. Auch die Kombination aus sachlichen und emotionalen Komponenten muss so austariert werden, dass man einen möglichst großen Marktanteil erreicht.

Und noch abschließender die Feststellung, dass diese Gedanken auch für abstraktere Gebilde wie zum Beispiel Organisationseinheiten in Unternehmen gelten. Warum sollte sich ein Mitarbeiter für die Tätigkeit in meinem Unternehmen oder (genauer hingeschaut) in dieser Abteilung entscheiden; Vielleicht ist es die Herausforderung (Auspowern), die gemeinsame Arbeit (Sportkurs), die Erholung von einem Burnout in ruhigerem Umfeld (Rehabilitation) oder eine besonders nette Kollegin (Sehen und gesehen-werden). Eher die Karriere (Sache) oder eher das gute Betriebsklima (Emotion)? Ein Unternehmen so aufzustellen und Abteilungen so in Position zu manövrieren, dass sie nicht nur ihre Arbeit machen, sondern attraktiv für Mitarbeiter sind und bleiben, ist neben der strategischen Ausrichtung und Führung die anspruchsvollste Aufgabe für Manager.

Mittwoch, 10. August 2022

Wer für Geld kommt


Holla, da freut sich der Personalchef. Hat er es doch geschafft, einen interessanten Kandidaten für eine Stellenbesetzung zu ergattern, ihm ein paar Krümel und ein geringfügig höheres Gehalt als die Konkurrenz anzubieten.

Das Schnäppchen kommt, nimmt seinen Platz im Getriebe des Unternehmens ein und freut sich über die gute Bezahlung. Immerhin so lange, bis ein paar Headhunter auf ihn aufmerksam werden und ihn mit Angeboten belagern, bis er sich für die nächste Gehaltsrunde nicht mehr mit den Kollegen in der Schlange anstellt, sondern einfach kündigt und eine Tätigkeit bei dem Mitbewerber annimmt.

Mitarbeiterbindung, das weiß natürlich jeder Personaler, die geht nicht nur über Geld, denn das ist ein austauschbarer Köder und mehr oder weniger leicht zu überbieten. Nur emotionale Bindung, attraktives Umfeld, spannende Tätigkeit oder sonstige (persönlichkeitsabhängige) Motivation versprechen eine gewisse Treue zum Unternehmen.

Apropos Treue. Denn dieser schöne Sinnspruch „Wer für Geld kommt, geht auch für Geld wieder“ gilt nicht nur für den Beruf und HR-Abteilung. Er ist genauso zutreffend für alle anderen Formen der Liaison. Beispielsweise singt eine Frau mit Ehrgeiz im örtlichen Chor, weil der Chorleiter sie in besonderem Maße fördert. Lässt er nach und der Leiter eines anderen Chores erkennt das Potential, dann ist ein Wechsel kaum aufzuhalten.

Und in ganz besonderem Feld gilt es auch für die Partnerschaft. Was die Beziehung zusammengeführt hat, kann sie leicht auch wieder trennen. War es das Geld, mit dem der Mann immer angegeben hat? Oder die flotte Sohle, die die Frau bei den Partys aufs Parkett gelegt hat? Ging es um die starken Sprüche oder seine Führungsposition? Nahezu alle Faktoren verändern sich mit der Zeit, es gibt bestimmt einen Mann, der noch mehr Geld hat, eine Frau mit noch heißeren Tanzschritten, den cooleren Spruch und die Macht über noch mehr Menschen.

Wir haben im Chemieunterricht doch gelernt, dass Doppel- oder gar Dreifachbindungen besonders stabil sind. Also nicht nur auf einen Aspekt fokussieren. Und daneben sollte man sich immer vor Augen halten, dass äußere Schönheit vergeht, innere Schönheit besteht (auch in der Unternehmenskultur).

Mittwoch, 3. August 2022

Paragraph 1 in Unternehmen

Wie geht das eigentlich so typischerweise im Unternehmen? Immer erst mal schön die eigenen Interessen sichern, Vorfahrt nur gewähren, wenn es vorgeschrieben ist oder niemand sich beschweren kann. Notfalls auch mal mit hochgekrempelten Ärmeln nehmen, was es gerade zu fassen gibt.

Naja, sage ich, wo bleibt denn da der Paragraph 1?

(1) Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht. (2) Wer am Verkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.

Dieses Grundprinzip hat sich im Straßenverkehr bewährt. Warum nicht auch in einer Organisation mit vielen Mitarbeitern? Sicher nicht ganz wörtlich, aber im übertragenen Sinn ist es naheliegend, dass es neben Vorfahrtsregeln auch so etwas wie Zusammenspiel gibt, auch wenn man sein (organisatorisches) Gegenüber gar nicht kennt.

Nur – hier wie da kommt uns die menschliche Natur in die Quere. Ist ja alles ganz schön, aber Fortschritt (für sich selbst, seine Einheit und so weiter) erzielt man meist nur mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Durchsetzungskraft. Und diese kollidiert häufig mit der Forderung nach Rücksichtnahme. Entweder erzwingt man diese Haltung (wie in der Straßenverkehrs-Ordnung), oder man schafft Anreize.

Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die eigene Arbeit zugunsten anderer Abteilungen und nicht zu deren Lasten zu gestalten. Und dabei die schwierige Balance zu halten, damit man nicht am Ende selbst der Benachteiligte ist. Ein erster und sehr wichtiger Schritt ist die Analyse der Situation: Schädigt ein Teil der Organisation einen anderen Teil oder wurde andererseits bei der Bearbeitung der Aufgaben auch an das Umfeld gedacht?

Erkennen verpflichtet zum Handeln, denn nicht wenig Arbeitsaufwand und emotionale Energie wird mit Rangeleien um Vorfahrt oder schlichter Rücksichtslosigkeit verschwendet.

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