Mittwoch, 31. Mai 2023

Ist Strategie nicht das Spiel der Wahl?

„Ping“ macht die Schachuhr. Ich starre auf die Figuren auf dem Brett, nebenbei bemerke ich, wie sich mein Gegner entspannt zurücklehnt. Er hat seinen Zug gemacht, jetzt bin ich dran. Ich schaue die Konstellation an, gehe im Geiste meine Optionen durch. Ich könnte mit dem Turm vorpreschen, auch ein Zug mit einem Bauern wäre möglich, aber am geschicktesten scheint mir eine Offensive mit dem Läufer. Wenn da nur nicht der gegnerische Läufer wäre, also vielleicht doch keine so gute Idee. Ich zögere noch, dann entscheide ich mich doch für den Läufer.

„Ping“ macht die Schachuhr. Mein Gegner ist dran, er beugt sich vor, ich versuche zu erraten, was er jetzt denkt. Sieht er die für ihn günstige Aufstellung, nutzt er die Gelegenheit oder plant er möglicherweise einen ganz anderen Verlauf. Nahezu zeitlupenlangsam greift er nach einem Springer. Wieso denn das? Einen Moment noch, dann steht der Springer an seinem neuen Ort.

„Ping“ macht die Schachuhr. Ich staune über seine Entscheidung. Zwei Gedanken beherrschen jetzt meinen Kopf. Zum einen frage ich mich, was mein Gegner im Schilde führt. Und zum anderen versuche ich, meine eigene Strategie fortzusetzen und seinen König in die Enge zu treiben, möglichst bis zur Bewegungsunfähigkeit.

Ist Strategie nicht das Spiel der Wahl
Irgendwie kommt es mir bekannt vor. Wie im richtigen Leben, nur dass es dort kein Schachbrett gibt und keine abgeschlossenen Partien, die man am nächsten Tag noch einmal neu beginnen kann. Aber es gibt Mitmenschen, in die ich mich sachlich und emotional hineinversetzen muss. Welche Ziele verfolgen sie, was haben sie (mit mir) vor, warum handeln sie, wie sie handeln? Andererseits will ich natürlich nicht nur defensiv unterwegs sein, auch meine eigenen Bedürfnisse befriedigen und Ziele erreichen.

Als ob es nicht schwierig genug wäre bin ich von Gegenspielern umgeben und es gibt Kollektiveffekte. Habe ich es mit einem Nachbarn verscherzt, dann ist es ziemlich wahrscheinlich, dass es zukünftig auch Konflikte mit seinen Freunden gibt. Aber auch die Frage, ob mich eine bis dahin fast übersehene Figur auf dem Schachbrett meines Lebens aus einer misslichen Situation rettet. Oder muss ich ein Bauernopfer bringen, für das große Ziel einen Verlust in Kauf nehmen. Doch nicht zu leichtfertig, denn jede Figur auf dem Brett kann früher oder später eine wichtige Rolle spielen.

„Ping“ macht die Schachuhr und reißt mich aus meiner Träumerei. Die Situation hat sich dramatisch zu meinen Ungunsten entwickelt, meine Unaufmerksamkeit ist hart bestraft worden. Heute wird das nichts mehr, ich gebe mich geschlagen und reiche meinem Gegner die Hand.

Mittwoch, 24. Mai 2023

Es muss schon wehtun

Es muss schon wehtun
Lust auf philosophische Texte?

Lieber nicht, weil die zu kompliziert zu lesen sind?

Naja, wären sie einfach, dann könnte sie ja jeder verstehen. Und wer will das schon?

Das hat verschiedene Seiten, die man sich mal genauer ansehen kann. Nur der Vollständigkeit halber erwähne ich, dass die folgenden Gedanken nicht nur für Philosophen, sondern auch für alle anderen Fächer (erwähnenswert vielleicht noch Medizin oder auch die Jagd) gilt.

Da ist zunächst der Autor oder sagen wir die Gemeinschaft der Autoren aus dem betrachteten Kosmos. Die wollen sich abgrenzen, Außenstehende sollen die Gedanken gar nicht verstehen. Ob man das als Differenzierung, Spezialisierung / Fachbegriffe oder als Arroganz bezeichnet sei mal dahingestellt.

Zweitens wurde das in dieser Gruppe immer so gemacht und schau mal, die Kollegen machen es auch. Es wäre mehr oder weniger unklug, hier auszubrechen oder einen deutlich abweichenden Stil zu entwickeln. Dem sozialen Ausschluss aus der Gemeinschaft müsste ich schon eine neue Zielgruppe folgen lassen.

Spannend ist aber auch die Empfängerseite. Oft hat diese gar kein Interesse an meiner vereinfachten Darstellung, wenn philosophische Weisheiten allzu verständlich daherkommen geraten sie schnell in den Verdacht der Trivialität. Philosophie – so ist die unausgesprochene Grundhaltung – muss wehtun, sonst stimmt was nicht.

Wie könnte man mit diesen Erkenntnissen umgehen? Neben der eher technischen Sicht, also der Wahl der Inhalt, der Formulierungen und der Identifikation der Zielgruppe gibt es noch die emotionale Seite. Was soll der Leser denken, wie soll er sich bei der Lektüre fühlen. Vermittle ich ihm lieber den Eindruck, dass er mir in seiner beschränkten Art ohnehin nicht folgen kann oder schiebe ich ihm meine Gedanken so unter, dass er den Eindruck bekommt, er hätte sie selbst entwickelt? Letzteres ist die Kunst, das Gegenüber nicht zum Schüler zu degradieren, sondern am Denkprozess teilhaben zu lassen. Das ist dann zwar immer noch anstrengend, muss aber nicht wehtun.

Mittwoch, 17. Mai 2023

Was nix kostet ist auch nix

Was nix kostet ist auch nix
Es kommt vor, dass mir von bahnbrechenden neuen Erkenntnissen zu altbekannten Themen berichtet wird. Meist wird dabei unspezifisch auf wissenschaftliche Studien verwiesen, werden Erfolgsgeschichten erzählt. Bei genauerer Betrachtung sind die Erkenntnisse oft überhaupt nicht neu, schlichtweg falsch oder nur sehr eingeschränkt (zum Beispiel auf eine spezielle Zielgruppe) zutreffend.

Besonders überzeugend wirkt der Thesen-Cocktail, wenn man noch unstrittig richtige Aussagen zumischt. Der Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes steht außer Zweifel. Auch so manche Binsenweisheit kann zur unterbewussten Vertrauensbildung herangezogen werden.

Bemerkenswert, wie man diese vorgeblich neue Überlegung über viele hundert Seiten ausbreiten kann, daraus einen Spiegel-Bestseller macht und möglicherweise einen Hype auslöst, der viele Anhänger findet. Prädestiniert für solche Wellen sind alle Themen, die möglichst viele Menschen mehr oder weniger heimlich beschäftigen: Gesundheit, Ernährung und Aussehen spielen in unserer Gesellschaft eine große Rolle und bieten entsprechend eine perfekte Bühne… leider auch für Schaumschläger und Scharlatane.

Aber könnte man die Quintessenz einer solchen möglicherweise durchaus interessanten Überlegung auf einer halben DIN-A4-Seite unterbringen? Natürlich nicht. Abgesehen davon, dass man als Leser ja auch ein wenig hängenbleiben will – wir gehen menschentypisch davon aus, dass die Wichtigkeit mit der Größe korreliert. Große Tiere sind gefährlicher, große Nachrichten wichtiger. Oder wie man in anderem Zusammenhang sagt: Was nix kost‘ ist auch nix.

Also wird geschrieben was das Zeug hält. Schließlich geht es nicht darum, nur Denkanregungen zu geben, besser wird jedes Detail ausgerollt und bis zum Ende ausformuliert. Der Vorteil besteht darin, dass der Konsument nicht selber denken muss, diese Leistung kauft er mit dem Buch gleich mit ein. Dafür nimmt er – wahrscheinlich unbewusst – in Kauf, dass die überzeugend dargestellten Lösungen nicht konkret auf an ihn angepasst sind.

Auch wenn wir an anderer Stelle darauf pochen, dass wir Individuen sind, jeder Körper und jeder Geist und erst recht deren Kombination einzigartig sind: Sobald es bequem wird bevorzugen wir kostenpflichtige Lösungen statt die kostenlose, aber anstrengende Transferleistung und Anpassung zu leisten.

Mittwoch, 10. Mai 2023

Die Partitur des Dirigenten

Da steht er an seinem Pult, den Taktstock in der Hand, die Partitur vor sich und um ihn herum die Musiker. Streicher, Bläser, Schlagwerker, vielleicht noch ein Pianist. Die ganzen Instrumente kann der Dirigent nicht selber spielen, das muss er aber auch gar nicht, denn für jedes gibt es jeweils eine Person, die gemäß der Notenblätter die gewünschten Töne hervorbringt. Nein, seine Aufgabe ist es, das Zusammenspiel zu organisieren, zu synchronisieren und die Komposition zu interpretieren.

Versteht man die Strategie eines Unternehmens als Komposition (also zu einem Gesamtwerk zusammengesetzte Elemente), dann gibt es auch hier voneinander abweichende Interpretationen. So wie ein und dieselbe Sonate abhängig vom Dirigenten, der Orchesterbesetzung und den Musikern unterschiedlich klingt, so wird auch eine Strategie je nach Organisationsstruktur, Mitarbeitern und natürlich den Führungskräften unterschiedlich ausgelebt.

Die Partitur des Dirigenten
Anders formuliert ist es ein Irrglaube, dass man mit der Formulierung einer Strategie (Erstellung einer Komposition) bereits alles gesagt hätte. Vielmehr bedarf es jetzt noch eines Dirigenten, der die Partitur vor sich hat und die verschiedenen Gruppen koordiniert und vor allem auch mit seinem Taktstock synchronisiert hält.

Schließlich bedarf es zur Inszenierung eines gelungenen Abends für die Zuhörer nicht nur eines guten Orchesters mit fähigem Dirigenten. Auf keinen Fall darf man das im Hintergrund aktive Management vernachlässigen, ich denke dabei insbesondere an den Intendanten. Zu seinen Aufgaben gehören Strategieentwicklung oder Organisationsuntersuchungen und finanzielle Pflichten (u.a. Finanzkonzeption, Jahresplanung, Controlling des Etats, gute Auslastungszahlen, Kooperation mit Sponsoren). Während im künstlerischen Bereich Intendant und Dirigent wie selbstverständlich getrennte Rollen sind, versuchen viele Unternehmen, beide Aufgaben im Vorstand zu bündeln. Fast möchte ich sagen, dass das schief gehen muss, zumindest aber nicht das optimale Ergebnis erzielen kann.

Mittwoch, 3. Mai 2023

Analoge Chat-GPT

Klaus ist auch so einer. Ich liebe ihn für seine Spontanität und sein Improvisationstalent. Wenn man mit ihm zusammensitzt, vornehmlich nach einer guten Mahlzeit und einem alkoholischen Getränk vor sich, dann wird es meist lustig, zumindest aber kurzweilig. Es ist nicht nur die Vielzahl der Themen, die er im Laufe des Abends streift, nein, aus zwei hingeworfenen Stichworten kann er eine kleine Story machen. Die klingt selbst dann völlig überzeugend, wenn sie an den Haaren herbeigezogen ist.

Ich habe Klaus mal gefragt, ob er auch im Berufsleben so ist. Neigt er auch in Besprechungsrunden zum Erzählen von spontan ausgedachten Geschichten, sind die wie selbstverständlich zitierten Zahlen ein Erzeugnis seiner Phantasie. Diplomatisch und erfinderisch wie gewohnt hat er mir geantwortet, dass es die Mischung macht. So gut es geht unterlegt er die Fakten, die ihm bekannt sind und der Rest, nun der wird mehr oder weniger deutlich erkennbar zugemischt. Aber das nimmt ihm keiner übel, nimmt er seine Zuhörer doch besser mit als jede Powerpoint-Folie oder Excel-Tabelle.

Analoge Chat-GBT
Da muss ich an die Chat-GPTs [Sprach-Roboter, der auf maschinellem Lernen beruht] denken. Eine neue Technologie, sogenannte Sprachmodelle, die Antworten in perfektem Deutsch formuliert aus einzelnen Suchtreffern zusammenbauen. Genau wie Klaus muss das nicht immer so ganz zutreffen, werden Fakten auch mal falsch zusammengeführt oder irreführend ausgebaut.

Wer würde an dieser Stelle an die Boulevardpresse denken, wer glaubt an die Neutralität großer Internet-Suchmaschinen oder ist von der Ausgewogenheit seriöser Nachrichtendienste überzeugt? Irgendwie steckt in jedem ein Klaus und ob der nun aus Fleisch und Blut ist oder ein trainierter Computer seinen Dienst tut: Trau schau wem.

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