Mittwoch, 21. Januar 2026

Empathie für Gefühllose

Immer wenn ich das Wort Empathie höre, denke ich an einfühlsame Psychologen, Sitzen im Stuhlkreis, vielleicht eine unangezündete Kerze in der Mitte und Gespräche darüber, wie man sich fühlt. Atmosphäre und Gespräche sind geprägt von einer Aura des Verstehens, der betrachtete eigenen und fremden Gefühlswelt.

Nun gibt es Menschen, die genau das lieben, die es großartig finden, sich mit ihren Mitmenschen darüber auszutauschen, wie sich fühlen und was dies oder jenes mit ihnen macht. Die ein naturgegebenes Gespür für das fremde und das eigene Seelenleben zu haben scheinen. Und genau das auch ausleben und thematisieren. Dafür ist ihnen jede Alltagssituation recht und ein explizit hierfür angebotener Austausch wie der von mir erwähnte Stuhlkreis erst recht.

Empathie für Gefühllose

Ich gehöre nicht dazu. Empathie bedeutet für mich keinen schwingungserfüllten Raum, sondern ganz nüchtern die Beschäftigung mit meinem Gegenüber. Ohne irgendeine psychologische Antenne kann ich meinem Mitmenschen ins Gesicht sehen, seine Mimik oder auch Gestik verfolgen und so einen Eindruck erhalten, in welcher Stimmungslage er sich befindet, welche Gefühle und Gedanken er vielleicht gerade hat. Das ist beim Pokerspiel genauso hilfreich wie bei Verhandlungen oder der Besprechung von Beziehungsthemen.

Und ich kann zweitens den Standpunkt meines Gesprächspartners einnehmen. Was motiviert ihn zu seiner Aussage, was ist die (eigentliche) Botschaft, was ist sein (vielleicht unausgesprochener) Appell an mich. Perspektivwechsel ist ein Grundpfeiler der Empathie, sich in den anderen hinzuversetzen eine Voraussetzung dafür, dass ich mein Verhalten an ihm orientiere. 

Eine Aktion hat immer zwei Seiten. Mein Gegenüber hat etwas für mich Gutes gemacht oder gesagt. Ich bekomme also ein kleines Geschenk, irgendetwas, was nicht erkauft oder erzwungen ist. Wenn es mir gefällt gehe ich darauf ein und gebe in irgendeiner Form positives Feedback, sei es ein Dank, ein Lob, eine Gegengabe. Das hat nicht nur das Ziel eines reinen Dankes oder einer höflichen Reaktion, sondern das nüchterne Kalkül, dass ich mir eine gelegentliche Wiederholung wünsche.

Daneben gibt es aber noch einen zweiten Grund, warum man auf das Geschenk reagieren sollte. Es ist die Frage, was in der Gegenseite vorging, was sie motiviert hat. War es ein kleiner Liebesbeweis, ein Versuch mich zu bestechen, die Freude am Schenken oder die Gegengabe für ein Geschenk, das ich irgendwann mal übergeben habe. Wie auch immer, dies gilt es zu ermitteln und seine eigene Reaktion daran auszurichten.

Und drittens ist es zentral wichtig, das Geschenk als solches nicht nur zu erkennen, sondern diese Wahrnehmung auch zu kommunizieren. Mit anderen Worten anzusprechen, dass man gerade etwas ungefragt erhalten hat. Wie überschwänglich die Reaktion ausfällt, wie ehrlich sie ist oder ob sie sprachlich, als Umarmung oder andere Geste ausfällt: Das richtet sich auf den Einzelfall und die Situation. In jedem Fall aber signalisiert man damit, dass man etwas wahrgenommen, es nicht als selbst-verständlich genommen hat.

Zwar hat Empathie etwas mit Gefühlen zu tun, aber grundsätzlich erfordert sie eher generelle Aufmerksamkeit und Berücksichtigung der Beobachtung bei der eigenen Reaktion. Und dafür braucht man weder einen Stuhlkreis noch eine besondere psychologische Antenne. Allerdings gibt es Menschen, denen die Kette Beobachten-Hineinversetzen-Reagieren leichter fällt, andere die dies entweder anstrengend finden oder als Schnickschnack abtun.

Letzteres würde ich als Sichtweise nicht empfehlen, da sie das Leben außerhalb der eigenen Umgebung deutlich konfliktreicher und schwieriger macht. Egal, ob diese Umgebung von Bauhandwerkern oder Vorstandsmitgliedern geprägt ist.

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