Der Begriff der Eselsbrücke rührt daher, dass Esel wasserscheue Tiere sind. Selbst schmale Bäche wollen sie nicht durchwaten, da sie aufgrund der spiegelnden Oberfläche nicht erkennen können, wie tief das Gewässer ist. Daher baute man für die Lasttiere einst kleine Brücken, um sich Umwege und Zeit zu sparen. Das liegt - anders als oft dargestellt wird - gar nicht daran, dass Esel dumm wären, dass sie von Natur aus störrisch sind oder dem Menschen das Leben schwer machen wollen. Nein, es liegt daran, dass sie die Lage nicht zuverlässig einschätzen können und mit ängstlicher Vorsicht reagieren.
Es ist nur mit massiver Gewalt möglich, einen Esel über das Gewässer zu führen, selbst wenn man vor ihm her watet und er doch erkennen muss, dass es gar nicht beängstigend tief ist. Auch nicht, wenn man beruhigend auf ihn einredet, andere Tiere drumherum ohne Zögern ins Wasser steigen. Hilft nichts, ohne Brücke wird es nichts oder gibt zumindest erheblich Widerstand.
Auch in manchen beruflichen Situationen bin ich von Eseln umgeben. Sie scheuen den neuen Weg, sehen vor sich ein Hindernis, dass ihnen unüberwindbar scheint oder dass sie zumindest nicht einschätzen können, ihnen Angst einjagt und sie deshalb scheuen lässt. Ähnlich wie bei ihren tierischen Pendants denkt man spontan an Uneinsichtigkeit oder gar Sturheit, dabei steckt im Kern die Angst vor der Übergangsphase dahinter. Da nützt es auch nichts, dass andere ohne Probleme voranmarschieren, auch das Ausmalen einer rosigen Zukunft vermag diese Menschen nicht zu motivieren.
Eine Eselsbrücke muss her, eine Möglichkeit, die Angst einflößende Trennlinie zu überschreiten. Das kann im Einzelfall die Option zur Umkehr sein, ein Angebot zur Verringerung des Risikos oder eine persönliche Hilfe und Begleitung. Vielleicht gibt es auch einen Weg, der mit einem kleinen Umweg zu einer Furt führt, wo das Hindernis so klein ist, dass seine Behandlung kein Problem mehr darstellt.
Man darf nicht unterschätzen, wie weit verbreitet Angst vor Veränderungen ist. Da wird dann jeder Strohhalm ergriffen, um die unliebsame Umstellung zu vermeiden, diverse sachliche und emotionale Argumente ins Feld geführt, aber am Ende fehlt die Eselsbrücke, die die Transformation begleiten muss. Dies wird leider oft übersehen, weil viele andere Menschen völlig klaglos oder zumindest ohne signifikanten Widerstand mitlaufen und gerade Führungskräfte meist dieses Zurückschrecken von sich selbst nicht kennen.
Aber mit einem "stell dich nicht so an" oder der heimlichen Unterstellung der Sturheit oder Dummheit kommt man weder bei Eseln noch bei ängstlichen Mitarbeitern weiter.
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