Das Wetter war von Westen herangezogen. Der Himmel dunkel, ein paar erste dicke Tropfen fallen hier und da auf den Boden, wo sie auf einen Gegenstand treffen, hört man ein leises Geräusch. Ich schaue hoch, gerade war es noch hell, der Himmel blau, keine Anzeichen von heraneilendem Niederschlag. Meine Gartengeräte sind verteilt, hier liegt ein Spaten, dort eine Hacke, ein paar Eimer, die Schubkarre und Säcke, teils mit Dünger, teils mit Erde.
Ein Blick auf die Regen-App zeigt eine dunkelblaue Wolke mit rotem Kern, da wird einiges herunterkommen. Als ich vor einer Stunde in den Garten gegangen bin, war davon noch nichts zu sehen. Kein noch so kleines Wölkchen, keinerlei noch so ferne Andeutung von Unwetter. Und jetzt zurückblickend im Zeitverlauf sieht man, wie sich aus dem Nichts ein klitzekleines Pünktchen auftut, einigermaßen in der Nähe, schnell größer wird und dann zu diesem furchteinflößenden Gewitterkonstrukt entwickelt.
Hastig laufe ich durch den Garten, erst mal die wasserempfindlichen Sachen einsammeln, Dünger unter Dach, Schubkarre mit Werkzeug beladen in den Schuppen, die Erdsäcke können notfalls liegenbleiben. Mittlerweile regnet es deutlich, nicht nur gelegentliche Tropfen, ich fühle, wie mein T-Shirt nass wird, das muss jetzt egal sein. Da hinten habe ich noch einige Handwerkzeuge und ein Paar Handschuhe. Ich hechte zu den Handschuhen bevor sie durchweichen, noch den Spaten im Vorbeilaufen und durch den strömenden Regen in Richtung Haus.
Es ging schnell, unerwartet und lässt mich staunen, während ich aus dem Haus den wüsten Wolkenbruch verfolge. Angesichts von Heerscharen von Meteorologen, fortlaufender Verbesserung der Wettermodelle, Computern mit höchster Rechenleistung und so fort bin ich über die Ungenauigkeit überrascht, die sich in meinem Fall innerhalb einer knappen Stunde aus der Unsichtbarkeit zu einem tobenden Unwetter entwickelt hat.
Wieviel größer sind dann erst die möglichen Abweichungen in Fällen ohne diesen enormen Einsatz von Manpower, Forschung und Technik? Wenn nur eine einsame kleine KI die Kundenströme abschätzen und in die Zukunft projizieren soll. Wenn Wachstumsprognosen, Produktentwicklungen oder Trends vorhergesagt werden sollen. Jüngstes Beispiel die Fensterbaufirma Velux, die durch den heißen Sommer von der explosionsartig ansteigenden Bestellmenge an Hitzeschutz und Markisen völlig überrumpelt wurde.
Und natürlich auch Wertentwicklungen, sei es von physischen, aber erst recht bei virtuellen Produkten wie Aktien und deren Ableger. Da malen Analysten allerlei Linien, lassen sich alle möglichen Unternehmensdaten zuliefern, schauen sich auch die Underlyings an, berücksichtigen die bisherigen Verläufe, den Markt, die Branche und gießen das Ganze in aufwändige Modelle. Um am Ende eine Genauigkeit wie mein Wetter-App zu erreichen. Ist im einen Fall vielleicht ein Präsident auf einen protektionistischen Einfall gekommen, ist im anderen Fall eine zunächst kleine Störung im Geldstrom verantwortlich für das Scheitern des Modells.
Zukunft lässt sich in vielen Fällen auch heute noch nicht zuverlässig vorhersagen. Ob es das Wetter betrifft, den Kunden (dieses scheue Wild) oder Aktienkurse. Und zumindest bei den Aktienkursen scheint das niemand zu stören. Beim Kunden beißen sich die Marketingabteilungen die Zähne aus, beim Wetter haben wir resigniert. Einzig beim bequemen Leben, dem liebgewordenen Komfort: Da wollen wir es nicht wahrhaben. Nein, wir extrapolieren in die Zukunft was das Zeug hält, ignorieren naturgegebene Randbedingungen und wundern uns, wenn dann zu irgendeinem Stichtag plötzlich alles in sich zusammenbricht.
Modelle und Berechnungen sind was Feines, aber sie haben ihre Grenzen und spontan überraschende Unzulänglichkeiten. Nicht nur beim Wetter.
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