Mittwoch, 16. September 2026

Pisa – mal systemtheoretisch betrachtet

Mein Blog erhebt den Anspruch, interdisziplinär zu sein. In diesem Sinne spannen wir heute den Bogen zwischen den Ergebnissen der Pisa-Studie 2025 und der Soziologie, vertreten durch Niklas Luhmann (1927 bis 1998) und seiner Systemtheorie.

Die „Zitate“ (kursiv gesetzt) sind fiktiv, also vermutete Aussagen des Soziologen, wenn er heute mit der aktuellen Situation konfrontiert würde.

Pisa – mal systemtheoretisch betrachtet

Die Ausgangslage ist bekannt. Die deutschen Schülerinnen und Schüler erreichen bei Pisa 2025 in Mathematik 464, im Lesen 465 und in den Naturwissenschaften 486 Punkte. Gleichzeitig ist der Anteil der Jugendlichen mit sehr niedrigen Kompetenzständen langfristig gestiegen.

Die übliche Schlussfolgerung lautet: Das Bildungssystem muss besser werden.

Luhmann: „Warum wird ein Problem, das in einer Gesellschaft entsteht, eigentlich immer demjenigen System zugerechnet, in dem es sichtbar wird?“

These 1: Das Bildungssystem ist nicht die Gesellschaft

Das klingt zunächst banaler als es ist.

Schule findet nicht im luftleeren Raum statt. Kinder kommen nicht als unbeschriebene Blätter in die erste Klasse. Sie bringen ihre familiäre Sozialisation, ihre Sprache, ihre Medienerfahrungen, ihre Lerngewohnheiten und ihre Vorstellungen von Leistung bereits mit.

Familie, Medien, Wirtschaft, Politik, Recht und Bildung sind bei Luhmann unterschiedliche gesellschaftliche Systeme. Sie funktionieren nach unterschiedlichen Logiken.

Die Familie orientiert sich an Zugehörigkeit und persönlicher Beziehung. Die Wirtschaft an Zahlung und Nichtzahlung. Das Recht an Recht und Unrecht. Die Politik an Macht und Entscheidung. Die Wissenschaft an wahr und unwahr. Und das Bildungssystem? An Lernen.

Das Problem beginnt dort, wo die Erwartungen dieser Systeme in der Schule zusammenlaufen.

Luhmann: „Die Schule kann nur das leisten, was sie als Schule leisten kann. Dass die Gesellschaft von ihr mehr erwartet, verändert zunächst nur ihre Belastung – nicht ihre Funktion.“

These 2: Gesellschaftliche Veränderungen werden im Klassenzimmer sichtbar

Nehmen wir beispielsweise das Smartphone.

Das Mediensystem produziert Kommunikation, die auf Aufmerksamkeit angewiesen ist: schnell, emotional, visuell und ständig neu. Schule dagegen verlangt Konzentration, Abstraktion und eine Belohnung, die möglicherweise erst nach einer Stunde, einem Schuljahr oder einem Abschluss kommt.

Das ist keine moralische Bewertung. Es sind unterschiedliche Kommunikationslogiken. Die übliche Fragestellung lautet: „Warum können Schüler sich schlechter konzentrieren?“

Luhmann: „Welche Veränderungen in der gesellschaftlichen Kommunikationsumwelt machen bestimmte Formen schulischer Kommunikation zunehmend unwahrscheinlich?“

These 3: Die Schule soll zunehmend Probleme lösen, die sie nicht selbst erzeugt

Sprache, Erziehung, Integration, soziale Konflikte, psychische Belastungen, Medienkompetenz, Inklusion – all das landet irgendwann im Bildungssystem. Vieles davon ist zweifellos sinnvoll und notwendig.

Aus systemtheoretischer Sicht entsteht eine interessante Verschiebung: Die Schule soll immer mehr gesellschaftliche Funktionen mit übernehmen und gleichzeitig ihre eigentliche Funktion erfüllen – Lernen zu ermöglichen.

Luhmann: „Je mehr Fremderwartungen ein System verarbeiten muss, desto interessanter wird die Frage, wie viel Kommunikation für seine eigentliche Funktion noch übrigbleibt.“

These 4: Auch die Politik kann das Bildungssystem nicht einfach steuern

Politik kann Lehrpläne ändern, Programme auflegen, Schulformen verändern, Digitalisierung beschließen und Evaluationen anordnen. Aber jede politische Entscheidung muss anschließend vom Bildungssystem verarbeitet werden.

Mehr politische Entscheidungen erzeugen deshalb zunächst einmal mehr Kommunikation, nicht automatisch mehr Lernen. Damit entsteht möglicherweise ein bemerkenswerter Kreislauf:

* Pisa misst → Politik reagiert → Schule reformiert → Schule wird erneut gemessen. *

Pisa beobachtet also das Bildungssystem und erzeugt damit selbst neue Kommunikation über das Bildungssystem. Das ist ziemlich genau die Art von Beobachtung zweiter Ordnung, für die Luhmann sich interessiert hätte.

Luhmann: „Kann Politik das Bildungssystem überhaupt steuern – oder kann sie nur Entscheidungen produzieren, die das Bildungssystem anschließend nach seiner eigenen Logik verarbeitet?“

Wobei uns die Systemtheorie bezüglich der Pisa-Studie helfen kann

Vielleicht ist der Pisa-Rückgang gar nicht einfach ein „Versagen der Schule“.

Eine Gesellschaft verändert sich. Familie verändert sich. Medien verändern sich. Wirtschaft verändert sich. Politik reagiert darauf. Recht setzt neue Rahmenbedingungen. Und all diese Veränderungen treffen auf ein Bildungssystem, das weiterhin nach seiner eigenen Logik funktionieren muss. Übliche Frage: „Wer ist schuld an den schlechten Pisa-Ergebnissen?“

Luhmann: „Welche gesellschaftlichen Systeme erzeugen welche Erwartungen an Bildung – und wo geraten diese Erwartungen miteinander in Konflikt?“

Pisa – mal systemtheoretisch betrachtet

Das wäre keine Erklärung der Pisa-Ergebnisse im empirischen Sinne. Luhmanns Theorie ist keine Pisa-Kausaltheorie, sondern vielmehr ein Beobachtungsinstrument. Aber die Systemtheorie fragt nicht, wie wir das Bildungssystem reparieren, sondern hilft uns zu verstehen, dass wir von einem einzigen System erwarten, die Folgen der Veränderungen fast aller anderen Systeme zu reparieren.

Was heißt das jetzt

Im Sinne meines Blogs und des gewohnt philosophischen Untertons schließe ich mit einer Frage, die ich dem großen Soziologen in den Mund lege und die ich gerne den allgegenwärtigen Besserwissern und Talkshow-Moderatoren zurufen möchte.

Luhmann: „Wenn wir die Gesellschaft nicht von außen beobachten können, sondern immer nur aus einem bestimmten System heraus – wie kommen wir dann überhaupt auf die Idee, es gäbe eine zentrale Lösung für ein Problem, das in mehreren Systemen gleichzeitig entsteht?“

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