Mittwoch, 7. Oktober 2026

Die Macht der Bezahlung

Als die Lebensmittel-Diskounter langsam in der Fläche ankamen, boten sie minderwertige Qualität in unattraktiver Verpackung in schäbigen Läden mit ramschiger Präsentation an. Beschädigte Mehlpackungen auf Europaletten verteilten ihren Inhalt so lange in die Gänge, bis sie von Kunden gekauft oder schlicht leergestaubt waren. Doch der abschreckendste Faktor waren die Angestellten. Sie schienen zu einer Art zweitklassiger Gesellschaft zu gehören, für Rewe und Co hatte es nicht gereicht. Berichten in der Presse zu Folge waren sie dramatisch unterbezahlt und leiteten daraus das Recht ab, ihre Unzufriedenheit deutlich sichtbar vor sich her zu tragen oder an den Kunden auszulassen.

Da waren die Kaufwilligen nicht etwa die Könige, sondern die lästigen Hindernisse, die beim Verschieben der Paletten im Weg standen. Die es gar wagten, mit Fragen zu Produkten den Arbeitsablauf zu stören oder sich im schlimmsten Fall sogar erdreisteten, Kritik zu äußern. Ein Zustand, der sich aber sehr geräuscharm und schleichend verbesserte. Heute sind Aldi und Lidl gut zahlende Arbeitgeber, die Läden sehen zum Teil sehr ansprechend aus und die fleißigen Mitarbeiter helfen überwiegend freundlich weiter.

Die Macht der Bezahlung
Was wir im Lebensmittelbereich nur noch aus der Erinnerung hervorkramen können, beobachte ich aber heutzutage in anderen Branchen. Der Gesichtsausdruck, der bei Ryanair zum Einstellungskriterium zu gehören scheint, ist nur ein Beispiel dafür, wie eng Angestellte die zur Show getragenen Miene an ihre Entlohnung koppeln. Das amerikanische 'Check-your-smile', das dort in den Angestellten-Toiletten hängt, ist für den europäischen Raum, speziell Deutschland, eher ein unbekannter Aufruf. Dabei kostet ein Lächeln nichts; macht eine miesepetrige Laune die Situation für keinen der Beteiligten angenehmer.

Im Gegenteil: Je mehr ich im Selbstmitleid versinke, die unangemessen niedrige Bezahlung als Beleidigung empfinde und insbesondere persönlich nehme, desto näher liegen Unzufriedenheit und Hadern mit dem eigenen Schicksal. An dieser Stelle macht es Sinn, sich stattdessen die Optionen 'Change it - Love it - Leave it' vor Augen zu führen. Wenn ich es nicht ändern kann ("Change it"), zum Beispiel durch Wechsel der Tätigkeit, dann sollte ich eine Kündigung in Erwägung ziehen ("Leave it"). Und wenn auch das keine Option ist, dann ist es ratsam, sich mit der Situation zu arrangieren, bestenfalls sogar positive Aspekte für sich zu entdecken ("Love it").

Bezahlung und ihre mehr oder weniger angemessene Höhe ist das eine, wie ich damit umgehe ist das andere. Und jedenfalls muss man es nicht unbedingt dazu kommen lassen, dass die Bezahlung die komplette Kontrolle über Umgang und Laune - auch den Kollegen, Freunden, Partnern gegenüber - übernimmt.

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