Mittwoch, 30. September 2026

Ich und Krebs? Das kann nicht sein!

Vorweg: Die folgende Geschichte ist rein fiktiv.

Ich habe (keinen) Krebs

Nach einer Reihe von Untersuchungen und einigen Stunden in verschiedenen Diagnosestationen und Messapparaturen sowie noch viel mehr Stunden in irgendwelchen Warteräumen bin ich nun wieder im Sprechzimmer des Arztes. "Sie haben Krebs", lässt er mich wissen. - "Nein", sage ich, "das kann nicht sein." - "Doch, Sie haben Krebs." - "Irgendwo hat wahrscheinlich jeder ältere Mensch Krebs. Das ist normal." - "Das darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wir müssen über eine Therapie sprechen."

"Ja", sage ich, "Sie haben Recht. Wir müssen darüber sprechen. Allerdings heute nicht mehr, ich habe schon wieder einige Stunden in Wartezimmern verbracht, habe noch Termine und der Krebs muss halt warten." - Der Arzt schaut mich ungläubig an, wiederholt nur etwas hilflos sein Statement vom diagnostizierten Krebs und der notwendigen Therapie, räumt ein, dass ich als Patient natürlich das letzte Wort habe.

"Ach und ich werde mir natürlich noch eine zweite Meinung einholen, so ganz überzeugt bin ich von der Diagnose noch nicht. Ich habe zwar Beschwerden, aber die können ja auch ganz andere Ursachen haben." - "Sicher", erwidert der Arzt, "obwohl es in Ihrem Fall keine Zweifel gibt. Es besteht Handlungsbedarf, damit wir in die Behandlung einsteigen." Er ist der Arzt, fachkundig und nach einigen Untersuchungen vielleicht auch auf mich bezogen informiert. Aber wer weiß das? Es wäre ja nicht der erste Mediziner, der eine Fehldiagnose stellt, weil er das nachplappert, was irgendein anderer Facharzt ihm ins Ohr flüstert und auf meine Kosten drauflos hantiert.

"Für heute reicht es erstmal, vielen Dank und noch einen schönen Tag", während ich aufstehe und auf die Tür zuhalte, "ich lasse es mir mal durch den Kopf gehen und komme dann gegebenenfalls wieder auf Sie zu, das könnte aber ein paar Tage dauern."
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Nein, in Unternehmen gibt es keine Ärzte. Und auch keine Röntgengeräte, Labore für Blutproben, Ultraschalldiagnostik und Stethoskope. Aber es gibt Menschen, die den Apparat insgesamt im Auge halten, egal, ob es nun ihr Job ist oder ob sie es aus persönlichem Interesse tun. Die die Entwicklung beobachten, sich Gedanken machen und diese auch mehr oder weniger deutlich zur Sprache bringen. Und ob man sie nun zum Feedback eingeladen hat, vielleicht sogar dafür bezahlt oder ob es eine eher diffuse Rückmeldung ist, die man aus der Belegschaft oder der Presse bekommt: Ohren aufhalten und die Informationen auf sich wirken lassen.

Betrachte ich Unternehmen wie Nokia, dann hat das so überhaupt nicht geklappt. Der Absturz dieses Marktführers ist legendär. Oder aktuelleres Beispiel ist der Volkswagen-Konzern. Ebenfalls schon frühe Zeichen nicht so berücksichtigt, wie es notwendig gewesen wäre. "Ihr Unternehmen hat Krebs" wurde mit zu wenig Beachtung bedacht. Die Antworten wären vermutlich ähnlich wie in meinem fiktiven Gespräch mit dem Arzt. Abstreiten, Zeit verschwenden und zögerlich handeln, Dramatik unterschätzen, so lange weiter fragen, bis man die gewünschte Antwort bekommt.

Und für die Zukunft: Vor ein paar Tagen hatte ich die neueste Ausgabe der Stiftung Warentest in der Hand. Einer der Testberichte drehte sich um Kompaktkameras. Der Testsieger ein technisch ausgereiftes Modell von Sony, 3.229 Euro. Zum Vergleich lief ein Apple iPhone 17 Pro mit, Kostenpunkt 1.269 Euro. Nicht ganz die gleiche Qualität, aber fotografisch gesehen eine respektable Konkurrenz, handlich, immer dabei, und nebenbei noch mit Bildbearbeitung ausgestattet. Von all den Annehmlichkeiten eines Smartphones ganz zu schweigen. Da wird die Luft für Sony, Canon, Fujifilm und so weiter langsam dünn. Aber sie machen fröhlich weiter.
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Staatlich geht das aber auch. Wir können in der Presse mitverfolgen, dass die junge Generation in der Schule wieder schwächere Leistungen vorweist, in internationalen Vergleichen schlecht abschneidet. Zwar wird hier immerhin der Handlungsbedarf erkannt und mal wieder geht ein Pisa-Schock durchs Land, aber die Reaktionen werden schon schwächer, viele Bürger drehen sich in ihrem Bett um, murmeln etwas von Verantwortung der Schule und schlummern weiter. "Für heute reicht es erst mal"

Jetzt heißt es das Übel an der Wurzel zu fassen, ohne Panik, aber beherzt alles, aber auch alles schonungslos und ohne political correctness oder sonstige Hemmungen anzugehen. Stattdessen im Stil von Casablanca "verhaften Sie die üblichen Verdächtigen": Kultusminister, Schulen, Lehrer. Das demonstriert Bewegung, bekämpft den Krebs aber bestenfalls hier und da und auch nur symptomatisch. Und das, wo der Krebs schon gestreut hat.
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Fazit: Diagnose ernst nehmen, zweite Meinung ist erlaubt, aber nicht mit dem Ziel das Problem wegzudiskutieren. Das geht nämlich weder mit dem Körper, noch im Unternehmen, noch beim Staat. Dann beherzt eine Therapie ohne Denkverbote einleiten. Dieser Schritt ist besonders schwierig, weil schmerzhaft, eventuell mit Einschränkungen und Ärger verbunden und obendrein möglicherweise kostenintensiv. Und wenn ein Kurswechsel gelingt, dann auch an die Nachsorge denken. Was im Krankenhaus die anschließende Bestrahlung ist, ist bei Unternehmen und beim Staat ein geeignetes Controlling. Was augenscheinlich ja bei Pisa versagt hat, sonst wäre der anfänglich positive Trend nicht wieder abgekippt.

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