Upps, das kleine Kind wackelt ein wenig, dann sitzt es wieder auf seinem Po. Windelgeschützt ist der Aufprall stark gedämpft, aber es ist natürlich nicht das erwünschte Ziel. Der kleine Mensch ist quer durch das Wohnzimmer gekrabbelt, hat sich dann am Couchtisch hochgezogen, aber die Beinchen wollen noch nicht zuverlässig tragen und ein Loslassen der Tischplatte führt fast unweigerlich zum Umfallen. Gerade hat er sich bei einem erneuten Versuch das Kinn gestoßen, weint kurz, gibt aber nicht auf.
"Mein Gott", sage ich, "Das kann ja nichts werden! Du musst den Musculus quadriceps femoris stärker anspannen, den Gluteus medius aktivieren und den Körperschwerpunkt nach vorne verlagern. Achte darauf, dass der rechte Fuß flächig aufsetzt, das linke Knie nicht nach innen knickt und der Bauch angespannt bleibt. Rücken gerade, Schultern zurück, Arme zum Ausgleich seitlich ausstrecken! Und vergiss nicht, beim nächsten Schritt rechtzeitig die Fußheber zu aktivieren. Also: erst den Schwerpunkt verlagern, dann das rechte Bein strecken und gleichzeitig das linke belasten. Na los, das muss doch zu schaffen sein!"
Ich bin nicht sicher, ob das Kind mir zugehört, meine klare Anleitung richtig verstanden hat. Vermutlich ist es ein Kommunikationsproblem, ich springe hin und versuche, meine Anweisungen noch einmal langsam zu wiederholen, greife mir das Kind und drehe es zu mir, damit es mir auch zuhört. Doch es nützt nichts, es macht wieder alles falsch, wackelt, fällt, nutzt ganz offensichtlich die falschen Muskeln mit der falschen Spannung und setzt auch die Gewichtsverlagerung falsch ein.
"Unbelehrbar", schießt mir durch den Kopf. Und ich habe auch Recht damit. Es ist im wörtlichen Sinne nicht belehrbar. Die unzähligen Details der vielen beteiligten Muskeln, die Koordination, das Timing, die Automatisierung von Korrekturen im Sinne von Gleichgewicht kann man nicht lehren. Das Kind muss das alles selbst erfahren, ausprobieren, sein Gehirn übernimmt die Mammutaufgabe zur Orchestrierung aller notwendigen Details. Von außen vorgeben, anleiten, rational vorgehen ist weder sinnvoll noch möglich. Was zählt und den Lernerfolg ermöglicht ist die Motivation ("ich will laufen") und das eigene Erleben.
Fühlen, dass die Wackelei ein wenig kürzer war, dass der erste zaghafte Schritt gelingt, nach diversen Anläufen (während derer das Gehirn die Koordination optimiert) dann der zweite Schritt. Erfolg! Die Richtung stimmt, gleich nochmal und weitere Feinabstimmung.
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Warum meinen wir, dass dieses "Lernen durch Erfahrung" als Erwachsener nicht mehr geht? Setzen stattdessen auf Grafiken und Bilder, Anleitungen, Kommunikation und Lehren, was viel besser erfahren werden könnte?
Ich war mal bei einem Stimmtraining. Dort stand die Gesangslehrerin vor mir und: "„Also, so wird das nie ein klangvoller Ton! Du musst das Zwerchfell stärker einsetzen, die Stimmlippen optimal schließen und den Kehlkopf etwas tiefer positionieren. Den Ton bitte weiter nach hinten verlagern, gleichzeitig die Resonanzräume im Kopf öffnen und den Klang zu etwa 30 Prozent über die Nase führen. Achte darauf, dass du den Bauch nach außen wölbst, ohne die Spannung im Beckenboden zu verlieren. Die Zunge locker lassen, den Unterkiefer entspannen und die Lippen leicht nach vorne stülpen! Und jetzt bitte noch mehr Brustresonanz, aber ohne zu drücken. Na los, ist doch ganz einfach, mach‘ nochmal.“
Es war mir nicht möglich, diese ganzen Anweisungen zu beachten, mal hatte ich dieses Detail, mal jenes im Fokus. Alles andere war dann wieder weg, insgesamt kein Fortschritt, sondern ein hin- und her. Was mir beigebracht wurde, musste ich mir aufschreiben, zur nächsten Woche hatte ich es wieder vergessen. Anstrengend, frustrierend.
Und jetzt das. Meine (neue) Stimmtrainerin steht vor mir, lässt mich tönen und summen, regt an, die Ohren zuzuhalten, das Vibrieren im Körper zu fühlen, die eigene Stimme zu genießen, damit zu spielen, Rauigkeiten und Kratzen nicht nur zu akzeptieren, sondern als Teil der Stimme zu schätzen. Eine unerwartete Stimmgewalt bricht ohne Anstrengung aus mir heraus, ich staune; werde ermutigt, in dieser Richtung weiter zu probieren. Tatsächlich, da geht noch was, mein ganzer Körper vibriert, der Raum ist erfüllt mit einer mir selbst fast fremden Stimme.
"Mach das noch mal, halte mal abwechselnd die Nasenlöcher zu, probier‘ aus, was dir besser gefällt" höre ich. Und: "War das anstrengend?" – Nein, anstrengend war es nicht, aber es war eine Überraschung, eine Selbstwahrnehmung, eine Bewertung, die aus mir selbst herauskam. Ein Erfolgserlebnis, nicht beim ersten Anlauf, aber mit jedem neuen Versuch ein bisschen besser. Stolz war ich auf das Erreichte. Um in der Analogie zu bleiben stand ich auf wackeligen Füßen, aber ich stand; Die Welt vor mir, mit meinen eigenen Füßen erreichbar.
Lernen also nicht durch Pauken, nicht durch zu befolgende Anweisungen, auch nicht durch Rückmeldung von außen. Sondern durch eigene Wahrnehmung, die Zufriedenheit mit dem soeben erreichten kleinen Fortschritt, die Begeisterung für das aufsteigende Gefühl.
Diese Lernerfahrung und die erstaunlich schnelle Entwicklung lassen sich auch für Jugendliche und Erwachsene erleben, wenn wir über alle Arten von körperlicher Fertigkeit (Sport) oder indirekt körperlichen Aspekten (Stimme) sprechen. Es geht aber prinzipiell auch bei rein intellektuellem Lernen, hierbei ist es hilfreich, sich selbst gegenüber besonders aufmerksam zu sein. Die spielerische Erweiterung des Wortschatzes in einer Sprache oder die Erschließung von neuen Wissensgebieten kann auch als Erlebnis und Wohlgefühl wahrgenommen werden.
Und so heißt es auch hier: Lernen wie die Kinder, dem Gehirn ist ein innerliches positives Feedback mehr als genug, es ist motivierend und erfolgsfördernd. Und da alle Denkprozesse nun einmal komplex sind, bezieht sich dieses intrinsische Feedback nicht nur auf ein mehr oder weniger isoliertes Detail, sondern steuert den gesamten Lernablauf, siehe die beschriebene Koordination verschiedenster Aspekte beim Laufenlernen oder Stimme trainieren.
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