Es ist Nachmittag, der Verkehr fließt bei strahlendem Sonnenschein und wenigen Lastwagen störungsfrei vor sich hin. Die Autobahn ist normal befahren, weder ausgesprochen leer noch an der Grenze zu Staugefahr.
Plötzlich erscheint unvermittelt ein Tempolimit, ab hier soll man nur noch 80 fahren. Keine weitere Begründung wie „Brückenschäden“, „Spurrillen“ oder dergleichen, auch nach Augenscheint ist kein Auslöser für die Vorgabe zu entdecken.
Die meisten Autofahrer um mich herum ignorieren das Schild, fahren unvermindert mit Reisegeschwindigkeit weiter, der eine oder andere schaut etwas überrascht, weil ich auf LKW-Geschwindigkeit verlangsame. Im Großen und Ganzen scheine ich mit der Befolgung der Vorgabe alleine da zu stehen.
Erst denke ich darüber nach, ob die Schilder vielleicht einfach nach dem Räumen einer Baustelle stehengeblieben oder andersherum als erste Maßnahme einer noch nicht eingerichteten Baustelle aufgebaut sind. Oder ob es eine Gefahr gibt, die man nicht kennen kann, ein bekannter Unfallschwerpunkt, der durch das Tempolimit entschärft werden soll.
Dann fange ich aber an, mich zu ärgern, weil ich fortwährend überholt werde und in meinem Kopf geradezu höhnische Kommentare aus den Nachbarfahrzeugen zu hören meine. Es fallen Begriffe wie Schleicher, Sonntagsfahrer, Verkehrshindernis. Ich könnte genauso wieder aufs Gas gehen, aber ich bin dafür zu brav, halte mich an die gerade wiederholte Beschilderung und wünsche mir eine höhere Instanz, die die Draufgänger zur Kasse bittet: Einen Blitzer.
Aber hier wird nicht geblitzt. Alle, die die Regel mit Füßen treten haben einen Vorteil, den ich aus Pflichtbewusstsein oder Angst vor einem Strafzettel nicht habe. Dabei ist es eigentlich gar nicht die Geschwindigkeit, am Ende geht es ja nur um Minuten oder gar Sekunden, die man früher oder später ankommt.
Nein, ich ärgere mich über mich selbst, dass meine Selbstdisziplin mich in dieser Situation zu einer inneren Zerreißprobe herausfordert. Aus meiner Perspektive bin ich der Verlierer, habe ich einen Nachteil.
Objektiv stimmt das aber gar nicht. Mein Vorteil besteht darin, dass ich mit Sicherheit nicht geblitzt werde. Entsprechend werde ich mich sicher nicht über einen Bußgeldbescheid ärgern müssen. Und ich kann mit dem guten Gefühl fahren, mich korrekt verhalten zu haben. Dummerweise ist dieser Vorteil unsichtbar und zukünftig.
Der Vorteil der Schnellfahrers ist dagegen sofort sichtbar: Sie fahren an mir vorbei.
Und damit wird die Erfahrung geradezu philosophisch. Wie geht man mit Regeln um: Ist es in jedem Fall sinnvoll, sie in Frage zu stellen und ihre Beachtung individuell zu entscheiden? Oder nimmt man sie zunächst mal als Basis für Ordnung und befolgt sie, auch wenn sich die Notwendigkeit für den Einzelnen aktuell nicht erschließt?
Weiterführend dann die Feststellung, dass man nur Regeln anordnen sollte, die man auch gleich mit Kontrolle und Sanktionen versieht. Auslöser hierfür ist die merkwürdige menschliche Neigung, Regeln nicht nur danach zu beurteilen, ob sie sinnvoll sind, sondern auch danach, ob andere sich ebenfalls an diese halten.
Und noch eine Ebene tiefer erkennt man den Feedback-Mechanismus zwischen (öffentlicher) Ordnung, ihrer Befolgung und der Intensität notwendiger Kontrolle. Ohne Regeln braucht man keine Kontrolle, ohne Übertretung von Vorgaben aber auch nicht.
Womit man dann zu kulturellen Fragestellungen kommt, bei denen Positionen wie „freie Fahrt für freie Bürger“ ebenso ins Spiel gebracht werden wie der Begriff „Polizeistaat“. Dies naturgemäß im Wesentlichen von den Mitmenschen, die sich ihr eigenes und für sie optimiertes Regelwerk gebaut haben. Was diese nicht verstanden haben: Regeln gibt es, um einen allgemeingültigen Ordnungsrahmen vorzugeben, da ist kein Spielraum für individuelle „gefühlte“ Auslegung.
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