Wie gewohnt sitze ich morgens am Bahnhof, der Zug ist wie gewohnt verspätet, also die Zeit nutzen, schon mal das Notebook herausholen, anmelden, ein paar Gedanken notieren. Ein etablierter Ablauf, ich merke schon gar nicht mehr, dass er nicht dem Plan, sondern der Realität entspricht. Was ich aber merke ist der harte Sitz: Da ist unter mir eine aus Stahlrohren gefertigte Bank. Die Sitzfläche ist eine Art Stahlrost, es zieht von unten, die einzelnen Streben sind einfach nur hart. Entweder hat man einen Po, der ausreichend gepolstert ist oder man hat ein Polster dabei oder man stört sich nicht daran oder man muss leiden.
"Unbequem! Eine Zumutung! Warum gibt es nichts bequemeres?" möchte man den Monteuren dieser Sitzgelegenheit zurufen. Doch die zucken nur mit den Achseln, wurden lediglich beauftragt, diese Stahlkonstruktionen auf dem Bahnsteig zu platzieren.
Es liegt nämlich an den Schlossern, die haben das Teil zusammengebaut oder mit Maschinen hergestellt, sie hätten eine weichere Oberfläche einsetzen müssen. Darauf angesprochen verweisen sie auf ihren Auftrag, da ist kein Wort von Polsterung die Rede, das Werkstück wurde streng nach den Vorgaben gefertigt.
Woher mögen also die Zeichnungen kommen? Wir befinden uns auf der Planungsebene. Ein Konstruktionsbüro hat die Statik berechnet, Querschnitte festgelegt, Abstände der Stahlrohre, Traglast und Scherkräfte ermittelt und eine Montagemöglichkeit berücksichtigt. Polsterung ist allerdings nicht dabei, sie gehört nicht zur Tragfertigkeit des Bauelementes.
Die Vorgaben für dieses Büro kommen von einem Konsortium des eigentlichen Auftraggebers, das ist irgendein Unternehmen der Deutschen Bahn. Ein Gremium an Verantwortlichen wälzen Aktenordner an formalen Vorgaben, berücksichtigen Budgets und lassen sich von Erfahrungen mit den bisherigen Wartebänken berichten. Haltbarkeit, Kosten, aber auch typische Schwachstellen und Wartungsaufwände. An dieser Stelle kommen auch Gebrauchsspuren bis hin zu Vandalismusschäden in Betracht.
Polsterung fällt an dieser Stelle heraus, ist nicht dauerhaft zu reinigen, verschleißt oder wird beschädigt. Sie kostet Geld, verbessert aber nicht die Grundfunktion, also die Möglichkeit, sich hinzusetzen. Also: weg damit.
Sind also diese Sachbearbeiter, Entscheider, Auftraggeber die Auslöser meiner Schmerzen am Po? Eigentlich nicht, sie treffen auf der Basis ihrer Informationen eine sinnvolle Entscheidung. Auf einer zur Hälfte herausgerissenen oder mit Bier vom Vorabend durchtränkten Sitzfläche möchte ich ja auch nicht sitzen. Also stabil, unverwüstlich, durchlässig, aber eben auch hart bauen.
Die eigentlichen Steuerer sind also die Asozialen, die das bereitgestellte Equipment missbrauchen, beschädigen, sich nicht zu benehmen wissen. Die Sachen kaputt machen, ihre Kräfte messen oder darauf pinkeln. Und damit haben wir das Ende der Kette erreicht, haben den Punkt identifiziert, der in großer Tiefe - auf den ersten Blick vielleicht sogar unsichtbar - als Ausgangspunkt bezeichnet werden kann.
Wenn ich also das nächste Mal eine unbequeme Situation erlebe, mich über einen Ablauf oder eine Entscheidung ärgere, dann werde ich mal genauer hinschauen, in die Tiefe gehen und vermutlich auch bei steigenden Kosten der Krankenkassen, vermeintlich unfähigen Angestellten eines Unternehmens oder sonstigen Ärgernissen einen ganz anderen Kern herausbekommen.
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