Bei uns im Büro ist das neue Paradigma der Selbstorganisation von Teams angekommen. Da gibt es keine vorgegebenen Strukturen mehr, keiner hat von Vornherein klar die Führung, da kommen einfach ein paar Personen zusammen und - schwupps - wie auf dem Hühnerhof gibt es eine Ordnung. Nein, nein, ich würde nicht von Hackordnung sprechen, laut Fachkundigen ist es mehr das Ergebnis gegenseitiger Einsicht und daraus erwachsender Führung und Unterordnung.
Gerade habe ich das bei einer kleinen Reisegruppe erlebt. Wir waren zu viert unterwegs, kein ausgewiesener Reiseführer, aber einer von uns war schon mal hier gewesen. Es hätte sich also angeboten, dass er den kleinen Trupp angeführt, die Richtung vorgegeben hätte. Aber das war nicht der Fall. Zwar fachkundig war er so gar kein Führungsexperte, mehr so der Mitläufer-Typ. Ob er aus dem Herzen heraus die mit Vorauslaufen verbundene Verantwortung scheute oder ob er einfach keine Lust darauf hatte: Keine Ahnung. Jedenfalls machte er keine Anstalten, seine drei anderen hinter sich zu versammeln.
Erst mal gab es eine kleine Pause, zwei unterhielten sich, damit sie nicht in die Verlegenheit der Routenführung kamen, der dritte holt sein Handy heraus und startet Google. "Mir nach!" ruft er, saust vorneweg und übersieht dabei einen Abzweig, so dass die kleine Truppe eine Weile in die falsche Richtung läuft. Seinem Selbstvertrauen schadet es nichts, voller Elan stürmt er voran, die Gesprächigen laufen einfach hinterher, der Ortskundige bildet den Abschluss.
Mit leichter Verspätung wegen der ungeschickten Bögen und mehreren notwendigen Neuorientierungen kommen wir am Ziel an. Das ganze Team hat gute Laune, vorneweg der selbsternannte Reiseführer, die ungestörten Plaudertaschen und der in Stille versunkene Fachmann. Würde man sie jetzt in einer Review-Runde befragen würde keinem eine Optimierung einfallen, sind doch alle mit dem Ergebnis zufrieden und ihrer jeweiligen Rolle und ihrem Charakter glücklich.
So funktioniert also Selbstorganisation. Ich sage ja nicht, dass sie nicht funktionieren kann, auch nicht, dass sie ein grundsätzlich schlechtes Modell ist. Aber in der Praxis ist der Mensch mit der größten Klappe oder derjenige, der irgendeine Rolle an sich reißt, nicht unbedingt die Idealbesetzung. Und das Schlimmste: Das Team merkt es noch nicht mal. Wie die Lemminge stürzen sie sich freudestrahlend kollektiv ins Meer.
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