Dienstag, 7. Januar 2025

Such dir, was zu dir passt.

Vorne sitzt er in so einer Art Schneidersitz, die Beine wirken wie verknotet, aufrecht dabei, Augen geschlossen. Hinter ihm eine riesige Klangscheibe mit schönen Ornamenten, indirekt erhellt von einer nicht sichtbaren Glühbirne. Von meinem Platz auf der Matte aus sieht er aus wie ein Erleuchteter, umgeben von einer Gloriole.

Mit sanfter Stimme spricht er zu seinen Schülern, fast ein Flüstern, mit dem er in fließender Bewegung aus seiner Beinverknotung in den Stand kommt. Mehr oder weniger ungelenk folgen wir seinem Vorbild und nun stehen alle Kursteilnehmer.

 In fließenden Bewegungen geht es durch die Stunde, mit jedem Atemzug eine Aktion, keine Unterbrechung, die ganze Zeit ist der eigene Atem die Rhythmusmaschine. Hoch, tief, vorbeugen, durchstrecken, öffnen, schließen. Ohne einen Stopp, ohne eine Pause.

Such dir was zu dir passt
Vom Nebenraum höre ich die lautstarken Anweisungen der Trainerin. Kontrastprogramm: Dröhnend laute Musik, darüber das Geschrei der Instruktorin, sie feuert ihren Kurs an, wie ein Feldwebel fordert sie eine höhere Geschwindigkeit, mehr Wiederholungen, kraftvollere Ausführung.

Es läuft Tabata, in kurzen Wechseln zwischen Anspannung und Pause wird dem Körper Höchstleistung abverlangt. Wie in Trance eine schwitzende Masse, die sich richtig auspowert. Eine Stunde voller Maximalleistung, fliegendem Puls, brennenden Muskeln.

Es liegt auf der Hand, dass die Yogastunde eher der Entspannung, die HIIT-Stunde eher der Kräftigung dient. Was aber der Körper ganz anders sieht, er fühlt sich in beiden Fällen gleichermaßen trainiert und reagiert entsprechend. Objektive Messung des Trainingserfolgs zeigt keinen signifikanten Unterschied. Es kommt viel mehr auf den Trainer als auf die zu Grunde liegende Sportart an.

Zwei Erkenntnisse ergeben sich daraus: Die Annahme, dass Sport nur dann trainiert, wenn er weh tut und die Muskeln brennen, ist schlichtweg verkehrt. Und die Auswahl der für einen selbst geeigneten Sportart ist weniger eine Frage der vermeintlichen Intensität, als viel mehr der persönlichen Neigung.

Ach und noch was: Für die Führung und die hieraus entstehende Performance eines Teams gilt analog das Gleiche.

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Mittwoch, 1. Januar 2025

Sie befinden sich hier (2025)

Auf der Zeitachse befinden wir uns gerade an der Übergabestelle des Jahres 2024 an das Jahr 2025. An einem für uns ganz genau definierten Punkt zwischen einem unendlichen Teil davor und einem unendlichen Teil danach.

Wir blicken zurück, registrieren gute und schlechte Ereignisse einer vergangenen Periode, die wir „Jahr“ nennen. Wir blicken nach vorne, verstrickt zwischen Planung, Hoffnung und Prognose. Einzigartig für diesen Wechsel und doch so wiederkehrend wie die Begegnungen auf dem Wochenmarkt.

Sie befinden sich hier

Da ist es zum Beispiel wieder, dieses Gefühl der auslaufenden 1960er Jahre (Deep Purple, „Child in Time“).

Sweet child in time / You'll see the line / The line that's drawn between / Good and bad

Kriege, Vertreibungen, Kampfhandlungen. Und irgendwer zieht eine imaginäre Linie, die bestimmt, was gut ist und was schlecht. Manche schlagen sich auf die Seite von Russland, andere auf die Seite der Ukraine. Sehen Israel kritisch oder Palästina. Schütteln den Kopf über Syrien.

See the blind man / Shooting at the world / Bullets flying / Ohh taking toll

Hinter allem stecken Menschen, die ihre Macht erhalten oder ausbauen wollen. Oder Angst vor Machtverlust haben. Die es schon immer gab, Millionen und Abermillionen Menschen auf dem Gewissen für ein fragwürdiges Ziel, das noch nie erreicht wurde.

If you've been bad / Oh Lord I bet you have / And you've not been hit / Oh by flying lead

Und dazu die Zahllosen, die für irgendein virtuelles Ziel in den Kampf ziehen. Die für einen Glauben, einen Fleck auf der Landkarte oder Familienbande töten und sich töten lassen. Wie ein nachwachsender Rohstoff sind sie das Triebmittel in der Kriegsmaschine.

You'd better close your eyes / Ooohhhh bow your head / Wait for the ricochet

Dazwischen die, die gar nicht mitmachen wollen und trotzdem sterben müssen. Fast noch schlimmer, weil sie ihr Leben lassen und noch nicht mal in der Überzeugung leben, dies für einen guten Zweck getan zu haben. Gezwungen von einem abstrusen Machtapparat, der geschickt die Hierarchie zu nutzen weiß.

I wanna hear you sing

Zugegeben, ein etwas trüber, weinerlicher Abgesang auf das Jahr 2024. Aber gleichzeitig auch ein Aufruf, dass im immer wiederkehrenden gegenseitigen Zerfleischen nur ein Kampf sinnvoll ist, nämlich der, den Kampf („diplomatisch“) zu beenden. Denn auch das ist – Gott sei Dank – am Ende des Horrors immer wieder passiert und damit ein schönes Ziel für 2025. 

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Mittwoch, 18. Dezember 2024

Alles kann, nichts muss

Saß ich dieser Tage mal wieder in einer Präsentation und wurde mit Powerpoint-Folien konfrontiert, die da auf einem hochauflösenden Bildschirm gezeigt wurden. Ich war hin- und hergerissen, weniger wegen der Inhalte, als vielmehr wegen der Faszination für den Bildschirm und die Präsentation. Begeisterung erfasste mich angesichts der beeindruckenden Schärfe des Bildes und der eindrucksvollen Anzahl der Bildpunkte.

Alles kann nichts muss
Aber aus einiger Entfernung, also von meinem Sitzplatz aus, konnte ich nur noch die Überschrift lesen, ein paar Kästchen erkennen und vermuten, dass die darin sichtbaren Striche bei näherer Betrachtung wohl Texte sein sollten. Warum nur, so fragte ich mich, warum müssen die Ersteller solcher Folien das volle Auflösungsvermögen ausschöpfen? Können sie nicht einfach die Regeln, die noch vor wenigen Jahren gültig waren befolgen, und auf Folien nicht mehr als sieben Zeilen Text (in der entsprechenden Größe) unterbringen?

Der Trend der Verkleinerung scheint sich fortzusetzen, endlich kann man alle Gedanken zu einem Thema auf einer Seite unterbringen. Die Informationen zu gliedern, aufzuteilen und so den Zuschauer auf eine Gedankenreise mitzunehmen, scheint keine Rolle zu spielen. „Hier ist mein Bild, es ist dein Problem, wenn du es nicht erkennen kannst“, scheint der Antritt der Folienmaler zu sein.

Selten lässt sich herausfinden, ob es die Verliebtheit in Details, die Begeisterung für ein Thema oder schlicht die Unfähigkeit ist, auf den Punkt zu kommen. Aber unabhängig davon wird der Betrachter (nennen wir ihn mal Kunde dieser Präsentation) so gar nicht in den Mittelpunkt gestellt, eigentlich sogar außer Acht gelassen.

So wie man einen Porsche auch mit 80 Stundenkilometern über die Landstraße fahren kann, gilt auch hier: nicht alles, was möglich ist, sollte man auch bis zum Limit ausschöpfen. Auch wenn der Bildschirm oder Beamer Schriftgröße 8 Punkt noch fehlerfrei darstellt, ist für das entspannte Betrachten eine gut lesbare Schriftart in Größe 20 Punkt wünschenswert. Für die Darstellung der (Kern-)Botschaft ist das allemal adäquat.

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Mittwoch, 11. Dezember 2024

Seitensprung oder Affäre?

In vielen Partnerschaften wird ein mehr oder weniger modernes Modell ausgelebt, bei dem sich die Beteiligten nicht verbindlich und fest aneinander binden. Da geht der Mann auch mal mit einer anderen Frau ins Bett oder die Frau sucht Erfüllung in den Armen eines Liebhabers. So oder so gibt es da einerseits die spontanen und kurzfristigen Aktionen (Seitensprung), andererseits aber auch die mehr oder weniger geplanten und andauernden Verbindungen (Affäre). Je nach Beziehung erfolgt dies heimlich oder sogar in offener Kommunikation, vielleicht sogar expliziter Übereinkunft.

Seitensprung oder Affäre
Der aktuell gesellschaftlich übliche Standard ist eine monogame Ehe, langsam aufgeweicht durch neuere Arten des Zusammenlebens. Eine gewisse Verbindung also zu Abläufen und Prozessen im Unternehmen. Hat man erst mal die Ordnung schriftlich fixiert, dann gibt es einen regulären Prozess, dem man folgen muss. Spontan und im Einzelfall kann man abweichen, das dann heimlich oder mit einer Sondergenehmigung. Der Seitensprung des Prozessmodells sozusagen.

Oder man weicht dauerhaft vom vorgesehenen Vorgehen ab. Schafft sich seinen eigenen Prozess, modifiziert die Schritte, deren Abfolge oder lässt sogar irgendwelche Teilprozesse aus. Das ist dann vielleicht sogar eine bessere Variante (vergleichbar des "richtigen" Partners), aber um im Bild der Beziehungen zu bleiben muss man darüber reden, ob man nicht zuerst die Scheidung einreicht. Den eigenen Prozess neben dem anderen laufen zu lassen widerspricht der geforderten Eindeutigkeit - die man natürlich in dem Zusammenhang gleich auch noch mit in Frage stellen kann.

Möglicherweise müssen wir uns von der klassischen Prozesskette verabschieden. Starr und geradezu altmodisch folgen wir Workflows, bleiben dabei, auch wenn sich längst die Sinnfrage stellt. Zementiert in Tools ist eine Änderung nicht möglich, fast wirkt es wie gemeinsame Kinder, die man erst mal weiterbetreuen muss, bevor man seiner Wege zieht.

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Mittwoch, 4. Dezember 2024

Sozialer Fußabdruck

Sozialer Fußabdruck

In Zeiten von Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein begegnet mir immer wieder der Begriff des ökologischen Fußabdrucks. Es geht darum, ob wir im Ressourcenverbrauch so bedacht agieren, dass nach unserer Anwesenheit auf der Erde möglichst wenig verbraucht, das heißt für die Nachwelt verschwunden ist. Oder auch andere Aspekte wie der Zustand der Umwelt, die wir in verschlechterter Form unseren Nachfahren überlassen.

Meist geht es um die Entnahme von Rohstoffen oder Treibmitteln in einer Geschwindigkeit, die über der natürlichen Produktion oder Regeneration liegt. Oder um einflussnehmende Faktoren wie mehr oder weniger schädliche Emissionen. Das alles sind Probleme, die sowohl den Einzelnen als auch die Gesellschaft oder sogar die gesamte menschliche Population betreffen. Dies ist bei der Betrachtung und Bearbeitung jedenfalls zu beachten und wird naturgemäß noch dadurch erschwert, dass es viele Interdependenzen gibt, die kaum zu überschauen sind.

Einen weniger beachteten Fußabdruck hinterlässt aber jeder Einzelne von uns auch im täglichen (Geschäfts-)Leben. Denken wir zum Beispiel an die Müllbeseitigung im öffentlichen Raum. Würden die Bürger die nicht mehr verwendeten Becher, Verpackungen und was auch immer in die (eigenen) Mülltonnen werfen, bräuchten wir keine Aufräumkommandos. Das gilt analog auch für die Kaffeetassen im Büro, die "eigentlich" jeder selbst spülen oder wegräumen könnte. Und schließlich noch als Beispiel die privaten Krankenversicherungen, die bereitwillig auch mehr oder weniger unnötige Untersuchungen und Maßnahmen bezahlen.

In den genannten Beispielen ist der Auslöser nur indirekt betroffen. Steht die nächtlich ausgetrunkene Sektflasche irgendwo in der Fußgängerzone, wird für die Entsorgung ja nicht der Konsument nach seinem Gelage zur Kasse gebeten. Auch der bequeme Kollege im Büro muss nicht mit einem Gehaltsabzug wegen fehlendem Einräumen der Spülmaschine rechnen. Das ist dann irgendwo zwischen Unachtsamkeit und Rücksichtslosigkeit zu verorten.

Noch schlimmer wird es, wenn der persönlich erhaltenen Zusatzleistung ein Anspruchsdenken vorausgeht. Ich zahle so viel für meine Krankenkasse und außerdem erwarte ich als privat Versicherter eine Premiumbehandlung. Da ist es doch selbstverständlich, dass ich auch teure Untersuchungen in Anspruch nehmen kann, egal wie groß der Erkenntnisgewinn beim Arzt sein mag. Was dabei viele übersehen, dass auch das dafür notwendige Geld ja irgendwo herkommen muss, und es ist nicht gerade überraschend, dass es gemittelt von allen Versicherten eingesammelt wird.

Anders ausgedrückt kann man festhalten, dass bei Missachtung der Auswirkungen, seien es Aufwände oder Kosten, diese auf eine Vielzahl von Personen umgelegt werden. Die Gemeinschaft zahlt am Ende für jeden Vorteil, den sich der Einzelne verschafft. Da sollte man sich immer mal wieder kritisch fragen, wie groß der ökologische, aber auch der ökonomische (bzw. soziale) Fußabdruck gerade ist.

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Dienstag, 26. November 2024

Gleichgewichte allenthalben

Wir Physiker schauen bekanntlich gerne Äpfel an. Wenn sie da so am Baum hängen, sind sie in einem Gleichgewicht aus Erdanziehung und Haltekraft des Stils. Die Kräfte sind ausgeglichen, der Apfel schaukelt vielleicht ein wenig im Wind, hängt aber gut an seinem Zweig. Bis ein kräftiger Windstoß kommt, der Stil bereits ein wenig brüchig und schon löst sich die Frucht und fällt herunter. Auch in dieser Flugphase ist wieder ein Gleichgewicht zu beobachten, hier spielt die Erdanziehung eine Rolle, aber auch der Luftwiderstand.

Im nächsten Moment prallt das Obststück auf dem Boden auf, bleibt liegen und ist natürlich wieder im Gleichgewicht. Er würde ja weiterfallen, wenn da nicht die Wiese im Weg wäre. So bleibt er ein paar Meter unter seinem bis gerade noch etablierten Hängeort liegen und verrottet langsam.

Alles in der Natur ist austariert, man kann Kräfte bestimmen, die auf ein Objekt einwirken und erhält ein Ergebnis, das alle Einflüsse berücksichtigt. Das gilt selbstredend nicht nur für die Kinematik, sondern auch für chemische Prozesse oder gar soziologische Phänomene. Beim Betrachten von Nahrungsketten begegnen wir der Einstellung von Gleichgewichten genauso wie bei der Populationsentwicklung. Gibt es von einer Sorte zu viele in einem bestimmten Raum, wird entweder die Nahrung knapp oder es werden Mindestabstände unterschritten, was zu Konflikten, Vertreibungen oder Ermordungen führt.

Gleichgewichte allenthalben
Dabei ist unbedingt zu betonen, dass sich die Gleichgewichte immer (meist sogar ziemlich schnell) und bestmöglich einstellen. Im mathematischen Sinne folgen sie einem Gradienten und finden den kürzesten Weg, um einen neuen Gleichgewichtszustand zu erreichen. Dies ganz ohne Wertung und absolut emotionslos. Es mag uns verstören, wenn wir die Veränderungen des Erdklimas beobachten, aber es ist die unbarmherzige Reaktion der Natur auf die Aktionen der Menschen.

Gleichgewichte sind a priori weder gut noch schlecht, auch die Erderwärmung ist zunächst neutral nur die Änderung einer Messgröße. Schlecht wird diese Entwicklung erst durch unsere Bewertung, die in den meisten Fällen - das möchte ich herausarbeiten - aus unserer persönlichen oder gesellschaftlichen, jedenfalls aber menschlichen Perspektive heraus erfolgt. Etwas naiv könnte man die Klimaveränderung sogar als wünschenswerte Verbesserung feiern, endlich kein Schnee mehr im Winter, statt dessen Sonne satt für alle Liebhaber dünner Kleidung.

Setzt sich die Entwicklung fort, müssen wir halt unser Leben daran anpassen, darin ist der homo sapiens ja geübt. Und wieder stellt sich ein Gleichgewicht ein, vielleicht wird auch unser Körper im Laufe der nächsten Generationen hitzeresistent, bekommen wir keinen Sonnenbrand oder Hautkrebs mehr. Und wenn uns das nicht gelingt, dann kennt die Natur kein Pardon und die Menschheit stirbt aus. Sicher nicht das, was wir wollen, aber aus etwas allgemeinerer Sicht eine ganz normale Gleichgewichtsreaktion. Die übrigens schon ganz viele Pflanzen- und Tierarten erlebt haben. Nur wir wollen es nicht wahrhaben, dass für uns dieselben Gesetze gelten wie für andere Spezies.

Abschließend noch die Anregung, auch den Umgang miteinander, Bevölkerungen oder Gemeinschaften als Systeme zu verstehen, die einen gewissen stabilen Zustand haben, ein Gleichgewicht eben. Was nicht bedeuten muss, dass eingependelte Zustände nicht wieder in Bewegung kommen können, wie das Bild vom bei Wind herabfallenden Apfel verdeutlicht.

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Mittwoch, 20. November 2024

Von Zauberern, Entertainern und Politikern

Auf den großen Bühnen dieser Welt stehen Frauen und Männer, die ihren Zuschauern etwas präsentieren. Ob sie nun ein Lied singen, große Reden schwingen oder etwas Artistisches vorführen - in jedem Fall kommt man zur Unterhaltung. Vielleicht ist es ein Zeitvertreib, eine Anregung oder das Staunen über irgendeine Leistung – jedenfalls sind wir im Normalfall freiwillig dort und lassen die Darbietung auf uns wirken.

Zauberer, Entertainer, Politiker

Dabei kann man diese Veranstaltung grundsätzlich in Zauberei und Entertainment unterteilen. Bei der reinen Unterhaltung ist alles offensichtlich, da ist kein Trick dabei, alles ist so zu verstehen, wie man es sieht. Ein Orchester arbeitet sich durch die Partitur, die entstehende Musik ist handgemachter Klang nach bestimmten Regeln und Vorgaben. Keine Überraschung, kein Hinterfragen der Entstehung. Nur wer es ganz genau nimmt, kann sich mit Musiktheorie oder gar der Physik der Tonerzeugung beschäftigen.

Ganz anders bei der Zauberei: Hier sehen und erleben wir etwas, was der Erfahrungswelt widerspricht. Ein Gegenstand verschwindet, ein anderer taucht unvermittelt auf, Waffen scheinen keine Verletzungen hervorzurufen. Doch das alles ist natürlich nicht echt, es gibt Tricks, mit denen der vermeintliche Magier uns nur vorgaukelt, dass so seltsame Sachen passieren. Im Kern funktioniert fast jeder Zaubertrick so, dass der Zuschauer abgelenkt ist und irgendetwas beobachtet, während an anderer Stelle etwas passiert. Man kann das zur Kenntnis nehmen und unter gelungener Illusion ablegen oder sich Gedanken machen, wie der Zauberer das wohl angestellt hat. Und ihn vielleicht sogar vor dem Publikum mit der Enthüllung seiner geheimen Vorgehensweise konfrontieren.

Da denke ich an Politiker: Die eine Fraktion handelt im Verborgenen, die Wähler werden abgelenkt, wir nehmen nur den Ausschnitt wahr, den die politischen Zauberer uns vermitteln wollen. Das läuft irgendwo zwischen unvermeidlicher Hintergrundarbeit, mangelhafter Kommunikation und Klüngelei. Kommt so ein Aspekt entgegen der Planung ans Tageslicht, wird es meist peinlich für die Akteure. Wir haben ihren Zaubertrick enttarnt, zeigen, wie das Kaninchen in den Hut kam oder wieso eine Entscheidung abweichend von einer Mehrheitsmeinung getroffen wurde.

Öffentliche Debatten entstehen, Rücktritte werden gefordert, Entrüstung über das unerhörte Vorgehen. Einem amerikanischen Präsidenten, der Sex mit einer Praktikantin hatte, wurde dies in der lautstark geführten Debatte fast zum Verhängnis. Zwar war der gerichtliche Aspekt sein Meineid, aber dass es überhaupt zu diesem Wellengang kam lag an der Heimlichkeit der Aktion und der moralischen Erwartung, dass ein Präsident so etwas einfach nicht macht. Im Sinne der VIP-Menschen: Die Enttarnung eines Zauberers.

Ganz anders der Antritt von Donald Trump. Als ehemaliger Entertainer versucht er gar nicht, Dinge zu verbergen. Dass er mit einer Pornodarstellerin verkehrt und dafür Schweigegeld zahlt, ist allgemein bekannt. Zu keinem Zeitpunkt streitet er das ab, agiert ganz offen und stopft seinen Kritikern mit dem Hinweis auf Privatangelegenheiten und Best-Practice den Mund. Ein Entertainer eben, er unterhält die Wähler und setzt (zumindest an dieser Stelle) nicht auf Täuschung.

An diesen beiden Beispielen kann man zum einen die unterschiedlichen Typen erkennen, auch die aus vermeintlichen Verfehlungen abgeleiteten Reaktionen springen ins Auge. Erfolgreicher und ohne Angst vor Entdeckung und Shitstorm leben die Personen, die sich als Entertainer outen. Getreu dem Motto: Du bekommst was du siehst. Und wenn ich es mir anders überlege, bekommst du etwas anderes. Aber nichts passiert hinter deinem Rücken. Wer andererseits heimlich im Sinne eines Zauberers agiert, muss fortwährend mit Entdeckung und unangenehmem Zur-Rede-stellen rechnen. Und nicht zuletzt die Frage beantworten, warum er es nicht gleich gesagt hat.