Mittwoch, 30. Juni 2021

Mein Wasserhahn tropft (nicht mehr)

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich mag es nicht, wenn der Wasserhahn tropft. Das Geräusch nervt, das herauslaufende Wasser ist lästig, die Undichtigkeit verheißt nichts Gutes. Also nicht überraschend, dass ich mich vor kurzem ziemlich aufgeregt habe, als unter dem Wasserhahn ein kleines Rinnsal zu sehen war.

Bei genauerer Betrachtung war es auch gar nicht der Wasserhahn, das wäre ja noch recht harmlos gewesen. Nein, es war der Anschluss zur Wand. Irgendwo in den Untiefen der Installation eine Leckage, an die man mit einfachem Werkzeug nicht herankommt. Was hilft es? Die Verbindung muss abgedichtet, das Problem behoben werden.

Doch wie staune ich, als ein paar Tage später kein Wasser mehr zu sehen ist. Im ersten Moment freue ich mich, aber dann werde ich nachdenklich. Ist das wirklich gut? Das Verschwinden des Phänomens kann nämlich verschiedene Ursachen haben.

Ein hilfreicher Zeitgenosse könnte den Schaden für mich behoben haben. Allerdings wüsste ich nicht, wer es gewesen sein könnte.

Natürliche Selbstheilung könnte dazu geführt haben, dass sich vielleicht ein Krümel in die Leckstelle gesetzt hat und diese nun abdichtet. Kurzfristig gut, aber das wäre keine zuverlässige Lösung und könnte zu ungewünschten Zeitpunkt erneut tropfen.

Und schließlich kann auch schlicht das Wasser fehlen. Irgendwer hat es abgedreht oder der ganze Strang steht aus mir vielleicht unbekannten Gründen nicht mehr unter Druck. Das wäre dann aber gar nicht gut, schließlich will ich ja auch zukünftig Wasser zapfen können.

So ist das mit den Problemen des Alltags. Sie kommen und meist muss man sie bearbeiten und beheben. In selteneren Fällen übernimmt ein Mitmensch den Vorgang und nimmt mir die Arbeit ab. Gruselig wird es jedenfalls, wenn das Problem ohne erkennbaren Grund verschwindet. Oder aber beruhigend, wenn sich herausstellt, dass es sich – so oder so – erledigt hat.

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Mittwoch, 16. Juni 2021

Die Drehzahl der Menschen

Verbrennungsmotoren haben ihre optimale Arbeitsdrehzahl. Die ist bei Dieselmotoren recht niedrig, wir kennen das Tuckern der Maschinen in Schiffsrümpfen. Bei anderen Motoren ist sie deutlich höher, als Beispiel nenne ich Motorräder. Ist man unter dieser Drehzahl, erhält man geringe Leistung und der Motor könnte unter Last stehenbleiben. Bei zu hoher Umdrehungszahl nimmt die Leistung ebenfalls ab und der Verschleiß nimmt drastisch zu. Es ist also ratsam, jedes Antriebsaggregat weitgehend mit seiner  spezifischen Drehzahl zu betreiben.
Das ist im übertragenen Sinne bei Menschen ähnlich.

Da gibt es diese ruhigen Typen.
Ohne Hast gehen sie durch den Alltag und durchs Leben. Bei Bedarf gehen sie etwas schneller, aber so richtig flott werden sie nie. Versucht man, sie über ihre innere Geschwindigkeit zu bewegen, dann reagieren sie ablehnend und sperrig.
Andererseits die eiligen Zeitgenossen.
Alles muss schnell gehen. Und überhaupt muss sich immer irgendwas bewegen. Im Urlaub wird das Herumliegen am Strand zur Quälerei. Dann wird ihre Drehzahl mächtig nach unten gedrückt. Schlechte Laune und die Suche nach Beschäftigung sind erwartbare Reaktionen.
Dazwischen die Normalos.
Auch die haben ihre Geschwindigkeit, ihren Rhythmus. Sehr individuell und unabhängig vom Thema. Wer durchs Leben eilt, wird dies nicht nur im Beruf machen, sondern auch im Umgang mit seinen Mitmenschen und bei der Wahl seiner Hobbies. Und wer eher betulich unterwegs ist, der lässt seine Ruhe auf sein gesamtes Umfeld ausstrahlen.

Interessant in diesem Zusammenhang auch die körperliche Komponente. Der optimalen Drehzahl entsprechend ist die Wahrscheinlichkeit für Bluthochdruck, Drogenkonsum, Verspannungen etc. einerseits, der Hang zu Depression und Übergewicht andererseits, erhöht.

Und um es ganz deutlich zu sagen: Diese Grundgeschwindigkeit können wir kaum oder gar nicht beeinflussen (sie ist spezifisch für das einzelne Individuum). Wir fahren vielleicht ein langes Leben lang in der Kolonne der Lastwagen ganz rechts oder wir führen ein kurzes Dasein auf der Überholspur. Es ist abwegig, irgendwelchen Mitmenschen ihre träge oder hektische Art vorzuwerfen oder sie zu einer Änderung zu bewegen. Denn wie beim Verbrennungsmotor gibt es nun mal einen Optimalbereich, und der ist – wie der Kölner sagt – bei jedem Jeck anders.

Dienstag, 8. Juni 2021

Eintscheidungsoptionen (Einfach wahr - Teil 1)


Täglich stehen wir unzählige Male vor der Herausforderung, den weiteren Umgang mit einer bestimmten Situation zu entscheiden. Sei es die Kommunikation im Büro, das Engagement in einem Verein oder die Zufriedenheit mit der Freizeitgestaltung.

Bemerkenswert, dass es völlig unabhängig vom Thema grundsätzlich und immer drei Richtungen (Entscheidungsoptionen) gibt:

  1. Love it: Man freundet sich - möglichst auch innerlich - mit der Situation bzw. dem Ergebnis an. Hierzu gehört, sich die Vorteile vor Augen zu führen, die Nachteile realistisch zu bewerten, aber nicht zu überhöhen und Alternativen zu prüfen.
  2. Change it: Wenn es sich unter den gegebenen Bedingungen machen lässt, kann man Änderungen in die Wege leiten. Unbedingt Vorsicht walten lassen (Mitmenschen zu ändern ist oft schwieriger als man denkt) und die Umsetzbarkeit (welche vielleicht nicht beeinflussbaren Beteiligten sind einzubinden) beachten.
  3. Leave it: Das kann eine Kündigung, eine Trennung, eine Verschiebung von Tätigkeiten oder dergleichen sein. Eine Stellung zu verlassen ist durchaus kein Zeichen von Fehler oder Versagen, sondern die Einsicht, dass es anders besser geht. Sehr sorgfältiges Abwägen sollte im Vordergrund stehen, denn weder leichtfertiges Ausweichen (vor unbequemen Gegebenheiten) noch unvernünftiges Verharren (in aussichtslosen Situationen) sind sinnvoll.
Auch wenn diese Darstellung verblüffend trivial erscheint, sie enthält doch sehr viel praktischen Nutzen. Denn sie führt einem vor Augen, dass es keine "Zwischenwege" oder Kompromisse gibt oder auch nur geben kann.

Und dass ein vermeintlich vierter Weg, das Wegschauen, Aufschieben, Entscheidungsvermeiden, nicht gangbar ist. Eher noch kann es sein, dass eine der drei Optionen unter Berücksichtigung der Randbedingungen nicht in Frage kommt.

Ob man nun will oder nicht: Einer der Wege muss beschritten werden, das ist gut zu durchdenken und dann konsequent zu verfolgen.

Dienstag, 1. Juni 2021

Das Vieraugenprinzip oder: Kontrollieren wie die Fliegen

Ich bin ja froh, dass nicht jeder machen kann, was er will. Dass er kontrolliert wird oder zumindest damit rechnen muss, kontrolliert zu werden. In jeder Gemeinschaft lässt sich so ein Mechanismus etablieren, und je unterschiedlicher die Aufgaben und Ausrichtungen der Partner sind, desto zuverlässiger funktioniert der Mechanismus.

Bei Verteilung von Nachtisch an zwei Kinder kann man das ja ganz einfach realisieren, das eine Kind teilt, das andere sucht aus. Fertig.

In der Berufspraxis hat man zum Beispiel die Arbeitsteilung zwischen Front- und Backoffice. Beide Seiten müssen einem Vorgang zustimmen, erst dann kann er durchgeführt werden – wir sprechen dann vom Vieraugenprinzip. Natürlich kann man das noch weiter optimieren, zusätzlich noch eine Revisionsabteilung in den Ablauf integrieren, auch das Compliance-Office darf nicht fehlen, weiterhin noch die Wirtschaftsprüfer und über allem thront noch die Aufsichtsbehörde.

Je mehr Personen eingebunden sind, desto sicherer und stabiler ist das ganze Konstrukt. Dementsprechend bietet es sich an, diese Erkenntnis auf möglichst viele Prozesse anzuwenden. Allerdings bedeutet so eine ausgedehnte Kontrollstruktur auch erhöhten Aufwand und kostet folglich Geld. Je mehr Kontrolle, desto teurer, da rückt dann die Verhältnismäßigkeit in den Mittelpunkt. Sonst bedarf es mehr Budget, als das zu schützende Objekt wert ist.

Es heißt also abwägen, ob ich mit vier Augen (zwei Personen) auskomme, oder ob ich mit tausend Augen kontrollieren muss wie eine Fliege. Übrigens sieht eine Fliege mit ihren vielen (Facetten-) Augen gar nicht wirklich besser. Das ist bei Kontrollen meist auch so.

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Dienstag, 25. Mai 2021

Wetter, Klima, Menschenbilder

Über Wetter kann man sich mit jedem leicht unterhalten. Wie das Wetter heute ist, letztes Jahr um diese Zeit, morgen sein wird. Ergiebig.

Wetter ist immer eine Betrachtung über eine kurze Periode; wenn keine stabile Großwetterlage herrscht, können wir immer nur ein paar Tage in die Zukunft absehen, wie es wahrscheinlich sein wird.

Dann das Klima. Das mittelt über größere Einheiten. Jahreszeiten zum Beispiel, oder Bereiche (Klimazonen). Ob an einem Sommertag vor einigen Jahren 5 cm Niederschlag runtergekommen sind, ist nicht von Belang, vielmehr interessieren hier Mittelwerte.

Und es gibt Mikroklima. Das ist regional gemeint und umreißt das Klima an einer bestimmten Stelle oder abgrenzbaren Region. Ein sehr schönes Beispiel ist ein kleiner Abschnitt des Mainufers in Frankfurt, der von den Einheimischen wegen seiner besonderen klimatischen Bedingungen als „Nizza am Main“ bezeichnet wird.

Die verschiedenen Messwerte (Temperatur, Niederschlag, Windgeschwindigkeit und –richtung, Sonnenstunden und Tagestemperaturdifferenzen) kann man also in unterschiedlicher Form verdichten. Und mal wird daraus eben eine Beschreibung des Wetters, mal des Klimas.

Das wollen wir mal auf das Menschenbild in Unternehmen übertragen. Unter dem Gesichtspunkt der (betriebs-) wissenschaftlichen Führung wird beispielsweise von Kauffeld und Sauer ein Modell vorgeschlagen, in dem Menschbilder auf einer Zeitleiste aneinandergereiht sind. Wie sich das Bild der Menschen in wirtschaftlichem Zusammenhang vom Economic Man (1910) über verschiedene Entwicklungsstufen zum Virtual Man (2010) verändert.

Man könnte es als Klimawandel der Unternehmenskultur bezeichnen: Über Zeitperioden hinweg wird das Selbstbild, aber insbesondere das Bild der Führungskräfte bezüglich ihrer Angestellten zusammengefasst. Woraus sich dann entsprechende Impulse für Organisationsverständnis und –strukturen ergeben.

Es bietet sich an, dieses Modell noch ein wenig zu ergänzen: Wie ist das mit dem Wetter, wo finden wir in Analogie das Mikroklima wieder?

Die tagesaktuelle Stimmung in der Belegschaft hat Ähnlichkeiten mit dem Wetter. Veränderungen ergeben sich meist durch äußere Impulse, Nachrichten zum Beispiel. Da die Reaktionen komplex sind, lässt sich die Veränderung nur kurzfristig vorhersagen. Das ist beim Eingreifen in die Unternehmenskultur grundsätzlich anders, hier sind eher langfristige Effekte und deutlich weniger komplexe Einflussfaktoren zu berücksichtigen, es ist das Pendant zum Klima.

Das Mikroklima schließlich erkennt man in den unterschiedlichen Organisationseinheiten. Die Mitarbeiter im Fachbereich Controlling sind beispielsweise in Ausbildung oder Emotionalität gemittelt ganz anders als Angestellte im Personalbereich oder der IT. Und selbst in noch kleineren Einheiten, Gruppen oder Teams, können sich individuelle Strukturen mit abweichenden Umgangsformen und Bedürfnissen ausbilden.

Wer also aus dem Begriff der Menschenbilder ein Führungsmodell ableiten will, der muss schon genau hinschauen. Sonst pflanzt er in Nizza am Main statt der dort heimischen mediterranen Gewächse nordische Spätorangen. Und darf sich nicht wundern, wenn er bestenfalls Potential verschwendet, schlimmstenfalls aber sogar Missernten einfährt.

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Dienstag, 18. Mai 2021

Helden, Märtyrer, Verbrecher und nichtlineare Systeme

Beschäftigen wir uns mal mit den Tiefen der Mathematik nichtlinearer Systeme (etwas präziser: mehrdimensionaler Systeme mit Termen höherer Ordnung). Keine Lust? Schade, denn wir sind davon umgeben.

Eine typische Eigenschaft nichtlinearer Systeme sind Singularitäten. Aus der Masse treten in bestimmter Dimension und unter gewissen Randbedingungen Einzelfälle hervor. Wir bezeichnen Menschen dieser Gruppe als Stars. Oder auch Sonderlinge, Mitmenschen also, die nicht nur anders sind, sondern von uns abgelehnt bzw. bestmöglich ausgemerzt werden. In beiden Fällen sind es aber keine normalen Menschen. (Normal im Sinne von durchschnittlich und damit gemäß der gewählten Definition keine Singularität.)

Eine zweite wichtige Eigenschaft der Nichtlinearität ist die Ausbildung von Attraktoren. Das sind Zustände, zu denen sich das betrachtete System sozusagen hingezogen fühlt. Im modernen Sprachgebrauch bezeichnet man sie als Influencer, denen wir als Follower an den Lippen hängen.

Heraus kommen als positive Ausprägung also Stars und Helden. Idole mit einem Fanclub, Vorbilder für Viele, nachahmenswert. Stellvertretend für eine solche Singularität nenne ich Mahatma Ghandi. Ein besonderer Mensch, der phasenweise weite Teile von Indien hinter sich versammeln konnte und dem Land aus der Kolonialherrschaft geholfen hat.

In negativer Ausprägung gibt es das leider auch. Menschen, die Gruppen, ja sogar Gesellschaften mobilisieren, damit aber großen Schaden anrichten. Denken wir beispielsweise an das dritte Reich. Hier hat eine Person einen Apparat aufgebaut, der seine Ideologie vertrat. Der erste Schritt also in gewisser Hinsicht analog zu Ghandi. Allerdings leider auf der Basis einer Ideologie, die unzählige Menschenleben gekostet hat, die in einen Weltkrieg geführt hat und uns bis heute in den Knochen steckt.

Und dann – not least – noch eine weitere Kategorie: Die Märtyrer. Auch sie sind singulär, haben ihre (nennen wir es mal) Bewunderer. Jesus Christus hat Menschenmassen in Bewegung gesetzt, ist am Kreuz gestorben und hat durch die Berufung von Aposteln dafür gesorgt, dass er auch nach rund 2000 Jahren immer noch Einfluss auf unser Leben hat.


Zurück zu den nichtlinearen Systemen. Eine in dieser Gedankenreise nicht betrachtete Eigenschaft ist die immanente Komplexität. Sie führt einerseits dazu, dass das Verhalten sozialer Strukturen (sogenannter Gesamtheiten) durch unendlich viele Einflussfaktoren bestimmt ist. Und dass eine kleine Änderung möglicherweise zu enorm großen Auswirkungen führt. Wodurch sich ein System beispielsweise nahezu schlagartig von einem Attraktor wegbewegen kann.

Eine fernab vorhandene Singularität spielt dann ebenfalls keine Rolle mehr. Praktische Auswirkung: Mangels Publicity lässt sich Ghandi irgendwo in der Provinz verprügeln, kommt Hitler nicht über die Dorfpolitik hinaus und schreibt Jesus seine Gleichnisse nur ein paar treuen Lesern von Blogs.

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Dienstag, 11. Mai 2021

Denn man sieht nur die im Lichte


Bertold Brecht erklärt uns in der Dreigroschenoper, wie es mit der Sichtbarkeit steht. Im ersten Moment eine triviale Aussage, aber bestechend durch ihre Einfachheit und ganz besonders durch ihre Auswirkung auf unseren Alltag.

Aber der Reihe nach: Es ist menschlich, sich an Vorbildern zu orientieren. Sie erscheinen uns als positive Beispiele und geben uns eine Orientierung. Wir schauen ihnen zu, bewundern sie insgesamt oder zumindest bestimmte Eigenschaften oder Verhalten. Manchmal wecken sie auch eine sportliche Seite in uns, nach dem Motto „was der kann, kann ich auch“.

Mit recht kleinem Startkapital und mehr oder weniger Fingerspitzengefühle hat ein Bekannter an der Börse einen kleinen Reichtum erhalten. Ein anderer hat mit einer simplen Geschäftsidee in relativ kurzer Zeit eine eigene Firma hochgezogen, Angestellte und gute Reputation am Markt inklusive. Der dritte wurde beim Singen unter der Dusche von einem Agenten für das Showbiz entdeckt und steht jetzt bejubelt auf großen Bühnen.

Nun, das sind alles Entwicklungen, die sich verlockend lesen. Die Lust auf das Nachahmen machen. Allerdings gibt es hier ein deutliches „Aber“: Was ich da gerade aufzähle, das sind alles Erfolgsgeschichten, also Personen, bei denen es geklappt hat. Sie stehen im Sinne von Bertold Brecht im Lichte, man sieht sie. Was man nicht sieht (weil im Dunkeln) sind die nicht erfolgreichen. Kaum ein Mitmensch wird uns anvertrauen, dass er ein kleines Vermögen an der Börse verloren hat. Dass er nach mehreren erfolglosen Anläufen von Firmengründungen voraussichtlich den Rest seines Lebens Schulden abbezahlen muss. Dass selbst mittelgute Gesangsqualitäten nicht gereicht haben, um auch nur in kleinen Clubs auftreten zu können.

Ja klar, ein merklicher Teil der Mitmenschen hat nicht den Erfolg der Lichtgestalten. Und wieviele das sind, das kann man im wörtlichen Sinne als Dunkelziffer bezeichnen. Unbekannt.

In unserem Gehirn laufen aber von Natur aus Prozesse ab, die in der Bewertung und Gewichtung alles andere als objektiv sind. Es wischt die nüchterne Erkenntnis, dass auf einer Bühne nun mal kein Platz für tausende von Rockstars ist, dass es an der Börse mehr Verlierer als Gewinner gibt oder die Welt nicht auf jede Geschäftsidee gewartet hat, beiseite. Mal ganz abgesehen davon, dass in vielen Fällen gar nicht die nach Außen dargestellten Fähigkeiten, sondern verdeckte begünstigende Eigenschaften eine viel größere Rolle spielen. (Ich habe es den „Dieter Bohlen Effekt“ genannt.) 

Ratsam also, sehr bewusst die Taschenlampe auszupacken und auch mal in die dunklen Ecken zu leuchten, wo die ganzen gescheiterten Kreaturen ein schlimmstenfalls glückloses Leben führen.

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