Mittwoch, 10. Juli 2024

Die Krux mit der Messung

Auf halber Strecke nach Frankfurt zweigt eine kleine Bahnlinie ab. Die Schienen sehen recht rostig aus, aber das Gleisbett ist freigeschnitten und grundsätzlich könnte es sein, dass hier noch Züge fahren. Vor ein paar Tagen kam ich mit dem Fahrrad an der Stelle vorbei und entschloss mich spontan, den Radweg entlang der Linie zu nehmen. Tatsächlich gibt es kurz nach dem Abzweig einen Bahnsteig, kein Bahnhofsgebäude, aber immerhin eine Plattform, an der ein Zug halten und die Fahrgäste ein- und aussteigen können.

Ich stieg ab, schaute mir das Wartehäuschen an, kein Aushangfahrplan, nur eine notdürftig überdachte Bank. Nichts deutete darauf hin, dass hier ein Zug fahren könnte. Ich schaute auf die Uhr, kurz vor zwölf, Zeit für eine Mittagsstation. Mit ein paar Handgriffen hatte ich den Rucksack vom Gepäckträger auf die Bank gestellt, packte mein Picknick aus und setzte mich auf die Bank.

Den schönen Ausblick genießend entschloss ich mich, diese Zwischenstation nun zukünftig in meine Radtouren zu integrieren. Und so war dieses Wartehäuschen in den Sommermonaten mein stetes Ziel auf den ansonsten wechselnenden Ausflügen. Ende September waren mal die Pflanzen rund um meine Bank geschnitten, das Unkraut entfernt. Ansonsten passierte nichts, insbesondere habe ich keinen Zug gesehen.

Nach und nach verfestigte sich meine Überzeugung, dass es sich um eine stillgelegte Bahnstrecke handelte. Hier fuhr offensichtlich nie ein Zug. Bestimmt hatte die Deutsche Bahn die Strecke nicht mehr in Gebrauch, musste aber aus irgendwelchen formalen Gründen die Pflege fortsetzen. Eigentlich schön, dass auch diese Teile der Infrastruktur in Schuss gehalten wurden, obwohl sie nicht mehr in Betrieb sind.

Die Krux mit der Messung
Doch meine Gedanken zur Nutzung der Strecke waren falsch, wie ich bei einer Radtour an einem spätherbstlichen Werktag feststellte. Ich hatte ein paar Tage Urlaub genommen, wie gewohnt mein Rad aus der Garage geholt und saß - diesmal noch früher Morgen - wieder auf meiner Aussichtsbank. Und da hörte ich von Ferne einen Zug kommen, eine schwere Diesellokomotive schleppte einen kurzen Zug mit wenigen Wagons diese Nebenstrecke entlang. Zu meiner Überraschung hielt sie sogar an der Plattform an und ein paar Personen stiegen aus.

Vielleicht konnten sie meinen fragenden Gesichtsausdruck sehen, jedenfalls sprach mich ein älterer Mann an. Wir kamen kurz ins Gespräch und ich erfuhr, dass diese Strecke täglich für Berufstätige befahren wurde, jeweils morgens und abends drei Züge im Stundentakt. Das erklärte natürlich, warum die Schienen freigeschnitten waren und bei sorgfältiger Betrachtung hätte mir möglicherweise sogar das niedergetretene Kraut rund um das Wartehäuschen verdächtig sein können. Aber ich war im Laufe der Monate so von der Stilllegung überzeugt, dass ich meine Einschätzung gar nicht mehr in Frage gestellt hatte.

Ich verabschiedete mich von dem weitereilenden Mann, setzte mich wieder auf die Bank und schaute dem davonschnaufenden Zug hinterher. Irgendwie bemerkenswert, dachte ich, zum einen, weil ich bestimmt auch in anderen Situationen nach einiger Zeit mein Urteil nicht mehr in Frage stelle. Sei es bezüglich gekaufter Produkte, Abläufen oder auch Mitmenschen und Beziehungen. Und zum anderen, wie krass ich mit der Folgerung, hier führe überhaupt nie ein Zug daneben gelegen hatte. Ausgehend von eigentlich punktuellen Messungen hatte ich in unzulässiger Weise verallgemeinert. Auch das ein Phänomen, das mir im Alltag immer wieder unterkommt. Mal erwächst hieraus ein unangemessenes Vertrauen, mal stelle ich eine Leistung in Frage, weil ich unbemerkt stets im selben falschen Moment hinschaue.

Messungen sind also immer so eine Sache. Es kommt nicht nur auf die Präzision und die gemessenen Werte an, sondern mindestens genauso wichtig auf die Randbedingungen wie zum Beispiel den Zeitpunkt oder die Perspektive. Nur weil man immer wieder dasselbe feststellt muss es deswegen keine Konstante sein.

Mittwoch, 3. Juli 2024

Erfindungen zu ihrer Zeit

In meiner Studentenzeit habe ich in weinseliger Stimmung mit einem Freund mal ein ESP für Koffer entworfen. Damals waren die Koffer ziemlich schmal, hatten an der kurzen Seite zwei Räder und waren entsprechend kipplig. Was also lag näher, als das bei Autos bewährte Prinzip des Elektronischen Stabilitäts Programms auf den Koffer zu übertragen. Wir wollten die Schräglage des Koffers mit Sensoren messen und ab einem bestimmten Winkel das eine oder das andere Rad sanft bremsen, um so den Koffer über das Einleiten einer leichten Kurve wieder in die aufrechte Position zu bekommen.

Man könnte dieses Prinzip in der heutigen Zeit noch mit Künstlicher Intelligenz ausstatten, die notwendigen Steuerimpulse der Radbremsen der Fahrsituation anpassen, die Kofferbeladung bestimmen und überhaupt aus den Systemreaktionen lernen lassen.

Erfindungen zu ihrer Zeit

Doch was macht irgendein anderer findiger Mensch? Er schraubt statt der bisher zwei Rädchen gleich vier unter den Koffer. Keine Sensoren, keine Elektronik, keine KI und doch ist die Gefahr des Kippens erheblich verringert. Bringt man jetzt noch den Griff so an, dass man die breite Seite zieht, ist ein Umkippen praktisch ausgeschlossen.

Was ist geschehen? Wir hatten einen schönen Abend, haben uns prima amüsiert und in immer verrückteren Details mit dem Problem beschäftigt. Dabei aber nur in eine Richtung gedacht, nämlich den seinerzeit marktüblichen Standard genommen und optimiert. Was fehlte war die Abstraktion, das Abwenden von der mehr oder weniger oberflächlichen Behandlung der Symptome.

Wir hätten zum Beispiel überlegen können, was Kippen im technischen Sinne heißt und wie man es beheben kann. Über Betrachtung des Schwerpunktes, seiner Bewegung und deren Beeinflussung hätte sich vielleicht die Montage weiterer (rollbarer) Unterstützungspunkte ergeben. Alternativ hätten wir (unter Alkoholeinfluss vielleicht sogar noch besser) drauflos phantasieren können, die beiden Reifen in Gedanken abgeschraubt, einen fliegenden Teppich montiert und schließlich beim quergezogenen Vierräderer landen können.

Natürlich, das erleben wir ja immer wieder: Entwicklungen überholen sich, mit einer automatischen Tränke für Pferdekutschen könnte man heutzutage keine Begeisterung mehr hervorrufen. Und ebenso hätten wir vor 40 Jahren vielleicht noch ein Koffer-ESP verkaufen können, heute würde man uns ungläubig anschauen.

Aber neben dem Zahn der Zeit geschuldeten Vergänglichkeit von Entwicklungen entdecke ich immer wieder Neuerungen, die absehbar schon deshalb eine kurze Halbwertszeit haben, weil sie nur Symptome bearbeiten, statt der Ursache auf den Grund zu gehen.

Anmerkung in dieser Sache: Die derzeit viel propagierte Allmacht der Künstlichen Intelligenz heilt in vielen Anwendungsfeldern auch nur Symptome, angefangen bei mangelhafter Datenqualität über Probleme mit der Bereitstellung bis hin zu Schludrigkeit in der Datenauswertung. Und unterstützt an vielen Stellen marode Prozesse, die nach gehöriger Optimierung auch ohne KI flutschen würden.

Mittwoch, 26. Juni 2024

Verzweifelte Suche nach der Wahrheit

Verzweifelte Suche nach der Wahrheit
Bei mir im Badezimmer steht eine Wetterstation, die mir auch die Luftfeuchtigkeit anzeigt. Und daneben im Moment noch ein kleines Hygrometer, das ich gerne mal in den Koffer packe, um auch am Urlaubsort die Feuchtigkeit ablesen zu können. Beide haben also derzeit dieselbe Position und müssten deshalb grundsätzlich auch gleiche Werte anzeigen. Doch das ist nicht der Fall. Tatsächlich weichen die Messwerte deutlich voneinander ab. Welcher stimmt denn jetzt?

Schauen wir mal genauer hin, was sich aus den unterschiedlichen Ergebnissen ableiten lässt. Halten wir zunächst fest, dass die Luftfeuchtigkeit nur einen bestimmten Wert haben kann, also keiner Auslegung oder Diskussion unterworfen ist.

Fall 1: Eines der Messinstrumente zeigt den richtigen Wert an. Nur: Welches? Ist es die Wetterstation oder die mobile Variante?

Fall 2: Beide streuen um den richtigen Wert, dann könnte man sich diesem durch Mittelwertbildung nähern.

Fall 3: Beide zeigen (nahezu) identische Werte, aber dieser stimmt nicht.

Fall 4: Beide zeigen (nahezu) identische Werte und stimmen mit dem tatsächlichen Wert überein.

Fall 5: Wir nehmen ein weiteres Messinstrument dazu, dessen Anzeige z. B. der Wetterstation entspricht. Das heißt aber nicht, dass dieser Wert stimmt (siehe Fall 3)

Schon dieses simple Beispiel zeigt, wie schwierig es ist, die "Wahrheit" herauszufinden. Dass man aus einer Informationsquelle nur in recht speziellen Fällen (bei Messinstrumenten würde man es als Eichung bezeichnen) die Realität herausbekommt, liegt auf der Hand. Aber selbst eine zweite Quelle als Ergänzung hilft nicht unbedingt weiter. Immer noch befinden wir uns bei den gerade beschriebenen Fällen. Menschlich nutzen wir in Fall 1 Argumente wie Verlässlichkeit oder Vertrauen, aber das sind eher gefühlte als belastbare Faktoren. Besonders trügerisch ist Fall 3, denn hier urteilen wir aus einer Art Demokratieverständnis grundlegend falsch.

Nun sind wir im täglichen Leben - insbesondere bei Nachrichten - mit sehr vielen Informationsquellen konfrontiert. Und aus diesen vielen Quellen die eine (oder wenige) richtige gemäß Fall 1 herauszufinden ist nahezu unmöglich. Wie zu erwarten setzen wir auf Fall 2, fordern Beweise für die präsentierte Darstellung und führen im Kopf eine Art Durchschnittsbestimmung aus. Aber nur weil eine Mehrheit eine bestimmte Meinung vertritt muss sie ja nicht richtig sein. Und zusätzlich bilden wir uns eine Meinung ohne zu erkennen, dass sie von der Konstruktion her auf einer Statistik beruht; die von Natur aus eine Verteilungsfunktion ist und damit durchaus auch Aussagen links und rechts vom Maximum der Verteilungskurve kennt.

Heißt: Wenn es schon schwierig ist, die tatsächliche Luftfeuchtigkeit in meinem Badezimmer zu bestimmen, wie soll man dann in den Gemengelagen der Nachrichtenportale eine belastbare Aussage treffen? Hier fließen neben den berichteten Fakten noch ganz wichtig Themen wie Vertrauen, wenn irgendwie möglich Belege und schließlich möglichst viele Perspektiven eine Rolle.

Und noch weiter: Erweitern wir den Blick von Nachrichten auf Informationen im Privat- oder Berufsleben, die wir als Basis für Entscheidungen nutzen. Auch hier sind die Messmöglichkeiten (Einschätzung der Fachleute) ähnlich schwierig zu verwenden wie im Falle der Luftfeuchtigkeit. Wir müssen damit leben, dass wir in der Praxis nur höchst selten Fall 4 (korrekte Anzeige / Beratung) bekommen.

Diese Erkenntnis ist sicher unbefriedigend, entspricht aber der Realität. Die Forderung nach „richtigen“ Nachrichten und zutreffenden Bewertungen ist unrealistisch. Wir können die Datenbasis nur bedingt verbessern und müssen zwingend mit der diskutierten Unsicherheit leben.

Dienstag, 18. Juni 2024

Komplexität? – Nicht einfach!

Komplexe Systeme zeichnen sich dadurch aus, dass sie verschiedene Einflussfaktoren (Input) haben, gleichzeitig mehrere Ergebnisse (Output), diese Kanäle auch noch miteinander verbunden sind (Rückkopplung) und schließlich Reaktionen nicht streng proportional erfolgen (Nichtlinearität).

Komplexität nicht einfach
Im täglichen Leben sind wir hiervon umgeben, insbesondere die Politik ist ein typisches Feld von Komplexität. Wenn ich einen Wirtschaftszweig subventioniere beschwert sich ein anderer Zweig, beiden ist aber gemeinsam, dass sie bestimmte Verbraucherreaktionen hervorrufen, die sich allerdings in den Zielgruppen unterscheiden. Und so weiter.

Wenn man dies bei der Betrachtung und Beobachtung von politischen Entscheidungen berücksichtigt, wird klar, dass man in praktisch allen Fällen feststellen muss: "Die Welt ist nicht so einfach". Es gibt nur in seltenen Fällen eindeutig richtige oder falsche Entscheidungen (dann handelt es sich eben nicht um komplexe, sondern maximal um komplizierte Systeme). Und da der gewünschte Effekt entweder qualitativ oder quantitativ anders eintritt als erwartet und zudem unerwartete oder gar unerwünschte Nebeneffekte aufweist muss man viel herumprobieren.

Als weitere Schwierigkeit kommt hinzu, dass geeignete Lösungen sowohl zeitlich als auch regional unterschiedlich aussehen können. Was heute gut ist, kann morgen schlecht sein. Was in Deutschland ein toller Ansatz ist, kann in einem anderen Land in die falsche Richtung gehen. Aus der Vergangenheit lernen, von einem anderen Land abschauen oder auch nur sehr ähnliche Vorgänge nachzuahmen geht mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit schief.

Ebenso hohe Wahrscheinlichkeit des Scheiterns findet man vor, wenn eine Ideologie auf ein komplexes System trifft. Starre Sicht, fixierte Glaubenssätze, dogmatische Vorgaben und unflexible Organisation sind für die Behandlung von Komplexität von der Basis her ungeeignet.

Schauen wir auf die Hippie-Bewegung und ihre Vorstellung einer freiheitlichen Sozialstruktur. Dass der Ansatz nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, können alle jüngeren Leute bestätigen. Aber selbst die bemerkenswerten Versuche, dieses Modell in kleinem Rahmen zu etablieren sind bei unvoreingenommener Betrachtung gescheitert. In der dänischen Freistadt Christiania kann man sich dies einmal anschauen.

Übrigens machen auch viele Firmen oder Teams die Erfahrung, dass Selbstorganisation im Optimalfall funktioniert und motiviert, aber oft eher zu Durcheinander oder Unzufriedenheit führt. Man kann dieses Modell nicht als die grundsätzlich richtige Lösung bezeichnen, weil es stark von der Situation, den handelnden Menschen (und deren Teamtyp) sowie weiteren Randbedingungen abhängt.

Dies zu verstehen und in allen hieraus resultierenden Konsequenzen zu akzeptieren fällt den meisten Menschen überaus schwer. Sie sagen dann "das kann doch nicht so schwierig sein, wofür gibt es Fachleute?", oder "Das leben uns die Skandinavier doch vor, warum machen wir es nicht auch so?" oder bei Kindern und Managern beliebt: "Will ich aber!". Diese Fehleinschätzung führt nicht nur zu unberechtigter Kritik, auch die hieraus scheinbar logisch gezogene Konsequenz ist verkehrt.

Weder ein noch so versierter Fachmann noch ein beliebig ausgefuchstes Computersystem können eine eindeutig richtige Antwort geben. Gerade in Zeiten von ChatGPT, einem scheinbar allwissenden Berater, muss man sich das noch mal sehr deutlich vor Augen halten. Einziger eventueller Vorteil ist, dass ein Computer im Sinne der Spieltheorie in kürzester Zeit ganz viele Möglichkeiten durchspielen (simulieren) kann und damit - ein geeignetes Modell vorausgesetzt - einen guten Vorschlag für einen praktischen Probelauf machen kann.

Abschließend aber auch der Hinweis, dass man selbst bei Probeläufen und Tests geschickt oder ungeschickt agieren kann. Ob man ein wissenschaftliches Experiment durchführt, ein neues Rezept ausprobiert oder die Reaktion seiner Mitmenschen auf eine ungewöhnliche These einschätzen will: Es gibt Ansätze, die mit Sicherheit scheitern und andere, die eine gewisse Erfolgswahrscheinlichkeit haben. Nur Mut also, aber je verwegener der Antritt, desto wichtiger ist eine möglichst umfassende Systembeobachtung und bedarfsweise Anpassung der Parameter.

Dienstag, 11. Juni 2024

Kultur, Individuum und ChatGPT

Kultur, Individuum und ChatGPT
Gerade in meinem Umfeld scheine ich von Individuen umgeben zu sein. Jeder ist etwas Besonderes oder fühlt sich so oder gibt sich so. Jedenfalls gibt wenig verbindende Eigenschaften, könnte man meinen. Das ist natürlich nicht der Fall. Vielmehr leben wir in einer sozialen Struktur mit gewissen Eigenschaften, die sie zu einer Gemeinschaft, zu einer Kultur machen.

Da gibt es in verschiedenen Rubriken absolut unterschiedliche Eigenschaften. Reden Amerikaner sehr direkt, gibt es in asiatischen Kulturen einen umfangreichen Subtext, den man als Zuhörer erst entschlüsseln muss – die eigentliche Botschaft ist oft versteckt oder verklausuliert. In anderer Rubrik ist das Austeilen und Entgegennehmen von Feedback sehr unterschiedlich. Schätzt die eine Nation den direkten und offenen Ton, gilt dies in anderen Ländern als grob und unhöflich.

Diese nationalen Eigenschaften werden dann natürlich noch von den individuellen Charakteren überdeckt. Nicht alle Deutschen wünschen eine hierarchiearme Unternehmensstruktur, nicht jeder Amerikaner ist Gegner deduktiver Argumentation. Vielmehr schauen wir bei der Ausbildung von „Kultur“ auf eine Art Mittelwert, versuchen eine Typologisierung hinzubekommen.

Und in diesem Umfeld bewegt sich natürlich auch jeder multinationale Roboter. Welche Kultur soll ein ChatGPT haben, hat er eine eigene Kultur, passt er sich in seinen Antworten an sein Gegenüber, also an den Benutzer an? Ich glaube, diese Technik spricht zwar viele Sprachen, aber bezüglich der Kultur ist sie dann doch eher an amerikanischen Ansätzen orientiert – schließlich kommen ja auch die Trainer aus diesem Kulturkreis.

Mittwoch, 5. Juni 2024

Dann merk ich mir halt irgendwas anderes

Ich sitze im Wartezimmer einer Arztpraxis, in der Ecke ein paar Holzspielsachen auf einem abgenutzten Teppich, das ist wohl das Angebot für Kinder, die Zeit totzuschlagen, die man hier verbringen muss. Für Erwachsene ist nicht gesorgt, vielleicht ist das auch nicht mehr zeitgemäß, weil sich jeder seine Unterhaltung auf dem Handy mitbringt. Mein Gehirn hat Leerlauf, es gibt nichts irgendwie Bewegendes oder Bemerkenswertes.

Da fällt mein Blick auf ein Plakat an der Wand mir gegenüber. In etwas sperriger Formulierung wird für ein Diagnoseverfahren geworben. Ich lese etwas über die verwendete Technik und die erzielbaren Erkenntnisse sowie die leider notwendige Zuzahlung als individuelle Gesundheitsleistung. Obwohl für mich irrelevant studiere ich den Aushang bis ins letzte Detail, sehe noch ganz klein unten links die Druckerei mit ihren Kontaktdaten.

Merk ich mir irgendwas
Gerade habe ich eine Reihe überflüssiger Informationen aufgenommen, mein Speicher hat sich mal wieder selbständig gemacht und da sonst nichts zu merken war das Erstbeste zumindest bis in das kurzzeitige Gedächtnis aufgenommen. Wie schade, denke ich, da lasse ich mein Gehirn mal einen Moment ohne Aufsicht, schon macht es was es will. Mit ein bisschen Führung hätte ich meditieren, etwas wiederholen oder einen bis dahin nicht abgeschlossenen Gedankengang weiterverfolgen können.

Unsere Sinne, besonders Ohren und Augen, liefern uns pausenlos irgendwelche Informationen. Ob wir sie verwenden, abwehren oder verwerfen ist der nachgelagerten Verarbeitung überlassen. Und die können wir (bis zu einem gewissen Grad) beeinflussen. Nur weil ein Plakat vor meiner Nase hängt muss ich es nicht eingehend studieren. Dabei ist es andererseits eine normale Reaktion, dass wir ein neues Umfeld erst mal sorgfältig betrachten - das Reptil in uns lässt grüßen.

Interessant ist die Aufmerksamkeit, die wir unseren Gedanken widmen. Nicht nur den Inhalten, auch der Themenwahl und den hieraus abgeleiteten Reaktionen, Überlegungen und Gefühlen sind wir ja nicht schutzlos ausgeliefert. Vielmehr ist Führungsstärke gefragt. Ähnlich einem guten Sekretär oder einem Mitarbeiter muss ich schon Instruktionen erteilen, was ich will. Sonst kommt irgendwas heraus (was ich mir merke).

Mittwoch, 29. Mai 2024

Hilfe! Mein Gehirn wurde gekapert!

Ich bin schon eine Weile auf der Landstraße unterwegs. Es ist ein bedeckter Tag, überwiegend wolkenverhangen sind nur von Zeit zu Zeit ein paar Sonnenstrahlen zu sehen. Die Strecke führt in weiten Bögen durch die Landschaft, die Fahrt läuft weitgehend unterbewusst; mit rund 80 gleite ich meinem Ziel entgegen. Nur in Ortschaften muss ich natürlich herunterbremsen.

Und bei so einer Gelegenheit geschieht es dann. In Zeitlupentempo biegt ein topmoderner Mercedes in die Hauptstraße ein, platziert sich vor mich und scheint nicht daran zu denken, auf die übliche Geschwindigkeit zu beschleunigen. Auch nach Verlassen der Ortschaft wird das Fahrzeug nur ein bisschen schneller, aber von der problemlos möglichen Geschwindigkeit ist es weit entfernt.

Leider kann ich nicht überholen, die Kurven auf der Strecke sind zu unübersichtlich und ich möchte kein Risiko eingehen. In Gedanken gehe ich den weiteren Weg durch, gibt es da nicht eine längere Gerade, auf der ich mich von diesem lästigen Bremsklotz befreien kann? Oder kann ich zwischendurch abbiegen und komme auf einer Alternativroute schneller ans Ziel? Wacht der Fahrer - es ist bestimmt ein Rentner! - vielleicht irgendwann auf und beschleunigt?

Gehirn wurde gekapert

Meine Gedanken kreisen um das Auto vor mir, die bisher vorherrschende Ruhe ist einer Spannung gewichen. Alles dreht sich um das rollende Hindernis, wie ich es hinter mich bringen und damit meine Anspannung wieder beenden könnte. Dabei habe ich es eigentlich gar nicht eilig und die geringere Geschwindigkeit ist an und für sich gar kein Problem. Aber der Verstand setzt aus, ich will, nein, ich muss diese Schnecke vor mir loswerden. Ich muss! Das Auto ist einfach lästig, lästig, lästig.

Endlich halbwegs freie Strecke und wie fast befürchtet gibt mein Vordermann jetzt Gas. Hier, wo ich endlich überholen könnte flutscht er plötzlich los. Mit Sicherheit macht er das mit Absicht, will mich ärgern, denn vor der nächsten Kurve bremst er wieder ab und schleicht wie vorher. So ein Idiot! Und gegen seinen flotten Benz habe ich auf den kurzen Geraden keine risikofreie Chance.

Kurz vor meinem Ziel biegt er, selbstverständlich bis auf Fußgängergeschwindigkeit abbremsend, mit weitem Bogen in einen Hof ein. Uff, diese Kröte bin ich los. Völlig genervt lege ich noch die letzten Kilometer zurück, parke und trinke erst mal einen Kaffee. Nein, ich habe mir nicht wie sonst üblich ein paar Gedanken zum Tag gemacht, habe nichts gedanklich vorbereitet, bin nicht schon mal im Kopf meinen Terminkalender durchgegangen. 

Tatsächlich, das fällt mir jetzt auf, ist das Fatale gar nicht die kaum nennenswerte Verspätung. Es ist die Tatsache, dass meine gesamte Gedankenwelt nur noch von diesem Auto beherrscht war. Abgesehen von der zweifellos lästigen Situation hätte ich ohne weiteres meine üblichen Überlegungen anstellen können. Habe ich aber nicht, stattdessen habe ich es zugelassen, dass meine Denkressourcen komplett missbraucht wurden. Das war noch nicht einmal Schuld des Autos vor mir, das war lediglich der Auslöser. Die Schuld lag einzig bei mir. Mit konsequentem Management, was mein Gehirn bearbeiten sollte und was nicht, wäre das nicht passiert.

Letztlich neigt man natürlich dazu, sich in irgendetwas hinein ziehen zu lassen, sogar hineinzusteigern. Sobald man das erkennt ist aber beherztes Eingreifen empfehlenswert, Schluss machen mit Überlegungen zu Dingen, die wir in diesem Moment ohnehin nicht ändern können. Die aktuelle Lage als ärgerlich, aber nicht als Nerv-tötend einstufen und dann möglichst gelassen zur üblichen Tagesordnung zurückkehren.