Mittwoch, 4. September 2024

Laufen, kämpfen oder wegrennen?

Wenn man an die Fortbewegung auf unseren zwei Beinen denkt, dann kommt man schnell vom Stolzieren über das Gehen zum Laufen. Doch warum laufen wir eigentlich? Das kann bei genauerer Betrachtung eine Reihe von Gründen haben.

Da ist erst mal die reine Freude an der Bewegung. Zu viel Zeit auf dem Sofa, am Schreibtisch, im Auto oder überhaupt sitzend zu verbringend ist langweilig. Wie gut tut es da, sich mal zu bewegen, die Beine zu „vertreten“. Oder man geht als Erlebnis spazieren oder joggt durch den Wald, weil die Luft frisch ist und man in der morgendlichen Dämmerung allerlei scheue Tiere zu Gesicht bekommt. Es gibt kein explizites Ziel, keine Zeitvorgaben, bestenfalls eine „Runde“, die man vor dem Frühstück dreht.

Das geht nahtlos in die Rubrik Wettkampf über. Man will mit dem Laufen ein bestimmtes Ziel erreichen. Sei es, dass man eine bestimmte Zeit unterschreiten will, sei es, dass man eine gewünschte Fitness anpeilt. Oder sich für einen Vergleich mit anderen Läufern vorbereitet.

Laufen kann aber auch erforderlich sein, weil man selbst- oder fremdverschuldet seinen Zielpunkt sonst nicht zur vorgesehenen Uhrzeit erreicht. Vielleicht bin ich zu spät dran und muss im Laufschritt zum Bahnhof, um den Zug noch zu erreichen. Das ist dann ein erzwungener Lauf, den ich je nach Situation einlegen muss.

Ebenfalls erzwungen, aber nicht ausgelöst durch einen Fahrplan, ist das Weglaufen. Ich muss oder möchte einem Verfolger entkommen, ich will einen Ort möglichst schnell verlassen oder einen anderen möglichst schnell erreichen. Da geht es nicht um Freiwilligkeit, auch der sportliche Aspekt ist ausschließlich indirekt enthalten. Die Motivation liegt irgendwo zwischen wünschenswert und lebenswichtig.

Laufen, Kämpfen, Wegrennen

Mal ein übertragender Blick auf die tägliche Arbeit. An den meisten Tagen durchwandern wir den Tag, aber manchmal verfallen wir auch in Laufschritt. Ist es ein innerer oder äußerer Antritt, der uns beschleunigen lässt, oder haben wir einfach Lust, mehr oder schneller mit der Arbeit umzugehen?

Viele Führungskräfte sind tatsächlich begeisterte Läufer, setzen sich selbst mehr oder weniger ehrgeizige Ziele und verfolgen diese mit viel Engagement. Aus deren eigenen Einschätzung der Motivation für Laufen sind sie dann der Ansicht, mit den Mitarbeitern umgehen zu können, als wäre ein Stadtmarathon zu bewältigen. Dabei laufen manche Mitarbeiter nun mal nicht für eine Medaille, sondern für die Rehe und Füchse, die sie bei Sonnenaufgang treffen.

Wettkampf und die Aussicht auf Gewinnen und Medaillen, das will ich damit sagen, ist für den einen oder anderen ein starker Anreiz. Aber es gibt daneben noch eine Vielzahl anderer Motivatoren. Dazu kann man mal in die verschiedenen Auslöser für das Laufen und Joggen am Anfang des Artikels schauen und sie auf die Tätigkeit im Unternehmen übertragen.

Und daneben ist auch stets die Frage, ob wir überhaupt laufen müssen oder wollen. Man kann ja mal notgedrungen zum Zug spurten, aber am nächsten Tag sollte man dann einfach ein paar Minuten früher aufstehen (oder was auch immer zu diesem Umstand geführt hat). Abgeleitet vom Analogon mit dem Laufen kann man also neben der Betrachtung der Motivationsaspekte auch über Auslöser, Prozessverbesserungen und Änderung der Start- oder Randbedingungen nachdenken.

Mittwoch, 21. August 2024

Ihr müsst es dreimal sagen

ChatGPT muss es schon vor über 200 Jahren gegeben haben, denn im Original von Goethes erster Veröffentlichung von „Faust“ finden wir folgende Passage:

Faust: Es klopft? Herein! Wer will mich wieder plagen?
Mephistopheles: Ich bin's.
Faust: Herein!
Mephistopheles: Du mußt es dreimal sagen.
Faust: Herein denn!
Mephistopheles: So gefällst du mir.

Ihr müsst es dreimal sagen

In die heutige Zeit übertragen hört sich der Dialog so an:
Ich: Wie lautet das Tastaturkürzel, um innerhalb einer Outlook-Mail zu suchen?
ChatGPT: Verwende  Strg-F oder F4, um das Suchfeld zu öffnen.
Ich: Das funktioniert leider nicht.
ChatGPT: Entschuldigung für die Verwirrung. Das Suchfeld öffnet sich mit Strg-E. Um innerhalb einer E-Mail zu suchen verwende F3 oder Strg-H.
Ich: Das scheint immer noch nicht korrekt.
ChatGPT: Entschuldigung für die Verwirrung. Das erweiterte Suchfeld erreichst du mit Strg-Umschalt-F. Für die einfache Suche drückst du F4 oder Strg-F (wenn sich das Suchfeld öffnet und nicht die Weiterleitung aktiviert wird). In einigen Fällen könnte auch Strg-B funktionieren.

Man muss also dreimal fragen, um sich der richtigen Antwort zu nähern. Hier ist keine absichtliche Irreführung eingeschaltet, es gibt auch keine politischen Gründe, die zu den (zunächst) falschen Antworten führen. Nein, der Assistent wurde schlichtweg falsch angelernt. Und was noch schlimmer ist, er verkündet seine Meinung mit überzeugender Darstellung.

Was man in diesem Fall sehr einfach nachprüfen kann, erweist sich an anderen Stellen als deutliches Problem. Naheliegend, dass man im offenen Bereich des Internets nicht gerade lebenswichtige Empfehlungen von diesem Roboter holen sollte. Aber selbst weniger kritische Themen sind nur mit äußerster Vorsicht zu genießen.

Um auf die Einleitung zurückzukommen sind wir alle gefährdet, einem Mephistopheles zu folgen, mehr oder weniger rauschende Feste in Auerbachs Keller zu feiern, am Ende dann aber voller Ernüchterung des Pudels Kern zu entdecken.

Mittwoch, 14. August 2024

Das Mantra der Selbstorganisation

Im Zusammenhang mit erfolgreicher Teamarbeit wird gerne der Aspekt der Selbstorganisation genannt. Das scheint der Schlüssel zu sein, um aus einer Zusammenstellung von Arbeitskräften die maximale Arbeitsleistung herauszuholen. Da wird nichts von außen vorgegeben, nur die Aufgabe genannt und ab dann passiert – plopp, magic – ein Automatismus, der zu allgemeinem Wohlbefinden führt.

Das Mantra der Selbstorganisation
Ist das so? Und warum scheitern dann Konzepte wie Kommunen und WGs oft an genau diesem Paradigma? In einer idealen Vorstellung findet jedes Mitglied einer Gemeinschaft genau die Aufgabe, die es gerne und engagiert erledigen kann. Die ihm kein anderer streitig macht, weil nur er hierfür die perfekte Besetzung ist.

Und ein weiterer elementarer Aspekt ist die Vollständigkeit der Abdeckung. Wird jede nun mal zu erledigende Tätigkeit von mindestens einer Person erledigt, dann sind alle Vorgänge gut zugeordnet. Was aber tun, wenn es lästige Sachen gibt, die keiner machen möchte. Im technischen Umfeld könnte das das Schreiben von Dokumentationen oder die Ausführung von Tests sein. In der WG ist es die Reinigung der Wohnung.

Menschlich normal gibt es aber auch unterschiedlich leistungsfähige Mitarbeiter, ja, und in der Praxis müssen wir natürlich auch die Faulpelze und Drückeberger im Auge behalten. Ist es nicht ziemlich naiv anzunehmen, dass sich solche Charaktere freiwillig und selbstständig Arbeit suchen und einen Teil der Aufgaben übernehmen?

Unter bestimmten Voraussetzungen kann Selbstorganisation funktionieren. Wenn wir ein Team aus leistungsbereiten Performern haben. Mit Flexibilität bezüglich der Aufteilung. Mit der Bereitschaft, zumindest anteilig auch die ungeliebten Aufgaben zu erledigen. Mit Rücksicht auf die Belange und Möglichkeiten der Anderen. In jedem Fall aber mit einem gewissen von außen vorgegebenen Rahmen, zum Beispiel hinsichtlich Ziel, Zeitrahmen, Ressourcen und Budget.

Man kann auch mal einen Blick auf die kleinsten Teams werfen, die Partnerschaft von zwei Menschen. Schon hier ist die Aufteilung oft eine mehr oder weniger ungelöste Herausforderung, die mit regelmäßigem Streit, wenig tragfähigen Kompromissen und Unzufriedenheit einhergeht. Da mag man sich schon fragen, warum es in betrieblichen Abläufen, Softwareprogrammierung oder Sachbearbeitung besser laufen sollte.

Was aber geht, und das ist die gute Nachricht, ist das Anfertigen einer Aufstellung der Kompetenzen der einzelnen Teammitglieder. Und dann erst mal diese Qualitäten nutzen, danach die verbleibenden Jobs verteilen und so eine Mischung aus mache-ich-gerne und unterstütze –ich-das-Team erreichen, die von einem merklichen Teil der Zusammenarbeitenden akzeptiert wird.

Mittwoch, 31. Juli 2024

Agilität ist natürlich

Agilität ist natürlich
Ein Kernelement agilen Vorgehens ist das Ausprobieren, Heranarbeiten an die bestmögliche Lösung durch kleine Schritte und Schauen, ob dieser kleine Schritt in die richtige Richtung ging. Das macht uns die Natur schon seit Millionen von Jahren vor und wir nennen es Evolution. Kleine Abweichung vom Standard, dann wird es spannend, ob sich diese Modifikation behauptet. Durch diese Miniveränderungen in der Entwicklung kommt mit jeder Generation eine ein klein wenig andere Ausprägung auf die Welt. Das beobachten wir beispielsweise in der Anthropologie der Menschheit, aber auch im Entstehen und Aussterben ganzer Populationen.

Auf deutlich kleinerer Zeitskala spielt in diesem Entwicklungsprozess auch die Pubertät eine wichtige Rolle. Wir probieren aus, was wir machen können, loten die persönlichen Möglichkeiten aus und - ganz wichtig in dieser Lebensphase: wir manövrieren uns durch Trial-and-Error in unser Ich. Partnersuche spielt eine bedeutende Rolle, Nachwuchs entsteht und bildet die nächste Generation.

Ein besonderes Auge hatte ich auf Angela geworfen. Meine Gedanken kreisten nur noch darum, wie ich mit ihr zusammen kommen könnte. Schließlich erfüllte sie alle Wünsche, die ich an eine Freundin hatte. Mit ihren dunklen Augen wirkte sie immer sehr nachdenklich, hatte herrlich fließende Bewegungen und über ihren schlanken Beinen einen knackigen Po. Alle Jungs wurden unruhig, wenn sie in der Nähe war und heimlich wurde darüber spekuliert, wie sich ihr Busen anfühlte.

An diese Traumfrau heranzukommen war eine Herausforderung, zumal die Konkurrenz sich auch alle erdenkliche Mühe gab. Lud sie der eine Mitschüler zum Eis essen ein, versuchte der andere sie mit seinen sportlichen Leistungen zu beeindrucken. Hausaufgaben wurden gemeinsam erledigt, Mutproben vor ihren Augen veranstaltet und in der Klasse eine gewisse Aufmüpfigkeit an den Tag gelegt. Und jedes Mal spielte es eine Rolle, wie Angela reagierte, welcher der zahlreichen Verehrer von ihrer Seite den Zuschlag erhielt.

Erfolgreich war am Ende dann ein Junge, der sie nach all der intensiven Anmache seitens der anderen Buben durch eine merkliche Hartnäckigkeit und einfallsreiche Variation seiner Annährung für sich gewinnen konnte. Im Nachhinein betrachtet näherte er sich in kleinen Schritten, probierte mal dies, mal jenes und blieb immer am Ball, auch wenn mal etwas nicht funktionierte. Ein Vorgehen, das wir doch auch bei Agilität im technischen Umfeld immer wieder propagieren und gegenüber den Kunden wählen sollen.

Agilität ist also älter als die Menschheit, eher so alt wie das Universum und damit in uns und unserer Art schlichtweg angelegt. Die Adaption und Anwendung auf den Umgang mit Kunden, die Verfolgung dieses Antritts bei der Projektierung von Vorhaben oder Strukturierung von Umsetzungen liegt also nicht nur nahe, sondern ist schlicht in uns verankert. Ach ja, und der für manche Erwachsene für Agilität erforderliche Mut, das Einlassen auf Neues, das Zulassen von Fehlern, das haben wir beim Kennenlernen von Partnerinnen oder Partnern doch schon gehabt. Also einfach mal denken, man wollte einen attraktiven Mitmenschen begeistern und auch im Projektalltag alle (Agilitäts-)Register ziehen.

Mittwoch, 24. Juli 2024

Ehen und sonstige Versicherungen

Bei genauer Betrachtung haben menschliche Ehen und Versicherungen viele Gemeinsamkeiten. In Kurzform ein paar Parallelen, die zum Nachdenken anregen. So kann man seine eigene Beziehung an etabliertem Vorgehen von Versicherungen orientieren oder andersherum als Anbieter von Policen aus den Abläufen in Ehen lernen.

Der Einfachheit halber habe ich mir 10 Phasen angeschaut und die Bezeichnungen gegeneinandergehalten.

Ehenund sonstige Versicherungen
  1. Kennenlernen / Werbung
    Hier spielen äußere Faktoren eine Rolle, zum Beispiel Plattformen, Bewertungen, Orte mit hohem Flirtfaktor und so weiter.
  2. Annährung / Akquise
    Ist ein erster Kontakt zu Stand gekommen, heißt es nachlegen und die beiden Seiten für einander zu interessieren.
  3. Freundschaft / Probephase
    Nun wird ausprobiert, ob der erste Eindruck stimmt. Passen die Partner zusammen, ist das Versicherungsprodukt geeignet?
  4. Hochzeit / Vertragsabschluss
    An dieser Stelle wird es verbindlich.
  5. Hochzeitstag / Bestandspflege
    Während der Ehe bzw. Laufzeit der Versicherung ist eine gewisse Aufmerksamkeit für die Gegenseite wichtig für die dauerhafte Zufriedenheit. Jahrestage oder gelegentliche Kundenanschreiben sorgen für die Erhöhung der Treue
  6. Bedürftigkeit / Schadensfall
    Ist ein Partner aus irgendeinem Grund auf den anderen angewiesen, dann zeigt sich, wie stabil die Gemeinschaft ist. Entspricht dem Umgang im Leistungsfall.
  7. Fremdgehen / Leistungsstörung
    Wird das Versprechen nicht gehalten, dann ist der Vertrag einseitig verletzt. In der Beziehung ist es der Seitensprung, bei Versicherungen entweder Zahlungsaussetzer oder mangelhafte Zahlung im Leistungsfall.
  8. Eheberatung / Vertragsumstellung
    Retten, was zu retten ist. Ursachen erforschen, neue Wege finden.
  9. Scheidung / Kündigung
    Wenn die Nachbesserung fehlschlägt, wird meistens der Vertrag gekündigt, was im Falle der Ehe als Scheidung bezeichnet wird.
  10. Tod / Vertragsablauf
    Das reguläre Ende.

Mittwoch, 17. Juli 2024

Die Gelassenheit des Sommers

Die Gelassenheit des Sommers
Regen läuft die Scheibe herunter – mal wieder. Mittlerweile ist Juli, seit Monaten gibt es keine zusammenhängende Trockenperiode. Bestenfalls ist mal ein regenfreier Tag zwischen den wolkenverhangenen und wasserreichen Phasen. Und das, obwohl ich dieses Jahr einige Arbeiten im Garten erledigen wollte.

Auf das Wetter habe ich keinen Einfluss, die Arbeiten müssen warten. Und selbst wenn es mal vorübergehend keinen Niederschlag gibt, muss ja die Erde erst mal ein wenig trocknen und der notwendige Handwerker ist auch nicht kurzfristig zu bekommen. Das Gartenprojekt muss also warten, ob mir das nun gefällt oder nicht.

Natürlich könnte ich jetzt überall jammern und klagen, das würde aber die Situation nicht verändern. Und bezüglich Wetter ist auch ein Umplanen nicht möglich. Niemand weiß, wann die ergiebigen Wassermassen endlich ein Ende finden und man nach Trocknung und Organisation der Handwerker anfangen kann. Ob es mir gefällt oder nicht: Ein neuer Termin ist partout nicht festzulegen.

Das ist eine Situation, die man nur mit Gelassenheit angemessen behandeln kann. Gerade dieser Begriff der Gelassenheit, des Zulassens, der Akzeptanz eines nicht beeinflussbaren Zustandes ist hier zentral. Man kann sich nicht dagegen stemmen, es gibt auch bezüglich der Wetterentwicklung keine Alternativwege, weitere Planung ist nicht sinnvoll.

Was wir beim Wetter mehr oder weniger zähneknirschend akzeptieren, wollen wir in anderen – auch betrieblichen – Situationen nicht wahrhaben. „Es muss doch irgendwie gehen“, scheint die Maxime zu sein. Und wenn es dann eben nicht geht, wird die Suche nach einem Schuldigen eingeleitet, der pro forma die Verantwortung übernehmen muss und sanktioniert wird.

Gerade mir ist an manchen Stellen ein lapidares „geht nicht“ ein absolutes Ärgernis. Energie in die Suche nach Alternativen zu stecken wird gar nicht in Betracht gezogen, und wenn überhaupt, dann nur recht zurückhaltend. Das ist nicht der Sinn der Sache; Engagiertes Abklopfen aller denkbaren Lösungen, Bewertung und möglichst Umsetzung sollten im Mittelpunkt stehen. Aber wenn sich selbst nach sorgfältiger Betrachtung – analog zum Wetter – herausstellt, dass man einfach nichts machen kann, dann muss man es lassen. Ge-lassen.

Mittwoch, 10. Juli 2024

Die Krux mit der Messung

Auf halber Strecke nach Frankfurt zweigt eine kleine Bahnlinie ab. Die Schienen sehen recht rostig aus, aber das Gleisbett ist freigeschnitten und grundsätzlich könnte es sein, dass hier noch Züge fahren. Vor ein paar Tagen kam ich mit dem Fahrrad an der Stelle vorbei und entschloss mich spontan, den Radweg entlang der Linie zu nehmen. Tatsächlich gibt es kurz nach dem Abzweig einen Bahnsteig, kein Bahnhofsgebäude, aber immerhin eine Plattform, an der ein Zug halten und die Fahrgäste ein- und aussteigen können.

Ich stieg ab, schaute mir das Wartehäuschen an, kein Aushangfahrplan, nur eine notdürftig überdachte Bank. Nichts deutete darauf hin, dass hier ein Zug fahren könnte. Ich schaute auf die Uhr, kurz vor zwölf, Zeit für eine Mittagsstation. Mit ein paar Handgriffen hatte ich den Rucksack vom Gepäckträger auf die Bank gestellt, packte mein Picknick aus und setzte mich auf die Bank.

Den schönen Ausblick genießend entschloss ich mich, diese Zwischenstation nun zukünftig in meine Radtouren zu integrieren. Und so war dieses Wartehäuschen in den Sommermonaten mein stetes Ziel auf den ansonsten wechselnenden Ausflügen. Ende September waren mal die Pflanzen rund um meine Bank geschnitten, das Unkraut entfernt. Ansonsten passierte nichts, insbesondere habe ich keinen Zug gesehen.

Nach und nach verfestigte sich meine Überzeugung, dass es sich um eine stillgelegte Bahnstrecke handelte. Hier fuhr offensichtlich nie ein Zug. Bestimmt hatte die Deutsche Bahn die Strecke nicht mehr in Gebrauch, musste aber aus irgendwelchen formalen Gründen die Pflege fortsetzen. Eigentlich schön, dass auch diese Teile der Infrastruktur in Schuss gehalten wurden, obwohl sie nicht mehr in Betrieb sind.

Die Krux mit der Messung
Doch meine Gedanken zur Nutzung der Strecke waren falsch, wie ich bei einer Radtour an einem spätherbstlichen Werktag feststellte. Ich hatte ein paar Tage Urlaub genommen, wie gewohnt mein Rad aus der Garage geholt und saß - diesmal noch früher Morgen - wieder auf meiner Aussichtsbank. Und da hörte ich von Ferne einen Zug kommen, eine schwere Diesellokomotive schleppte einen kurzen Zug mit wenigen Wagons diese Nebenstrecke entlang. Zu meiner Überraschung hielt sie sogar an der Plattform an und ein paar Personen stiegen aus.

Vielleicht konnten sie meinen fragenden Gesichtsausdruck sehen, jedenfalls sprach mich ein älterer Mann an. Wir kamen kurz ins Gespräch und ich erfuhr, dass diese Strecke täglich für Berufstätige befahren wurde, jeweils morgens und abends drei Züge im Stundentakt. Das erklärte natürlich, warum die Schienen freigeschnitten waren und bei sorgfältiger Betrachtung hätte mir möglicherweise sogar das niedergetretene Kraut rund um das Wartehäuschen verdächtig sein können. Aber ich war im Laufe der Monate so von der Stilllegung überzeugt, dass ich meine Einschätzung gar nicht mehr in Frage gestellt hatte.

Ich verabschiedete mich von dem weitereilenden Mann, setzte mich wieder auf die Bank und schaute dem davonschnaufenden Zug hinterher. Irgendwie bemerkenswert, dachte ich, zum einen, weil ich bestimmt auch in anderen Situationen nach einiger Zeit mein Urteil nicht mehr in Frage stelle. Sei es bezüglich gekaufter Produkte, Abläufen oder auch Mitmenschen und Beziehungen. Und zum anderen, wie krass ich mit der Folgerung, hier führe überhaupt nie ein Zug daneben gelegen hatte. Ausgehend von eigentlich punktuellen Messungen hatte ich in unzulässiger Weise verallgemeinert. Auch das ein Phänomen, das mir im Alltag immer wieder unterkommt. Mal erwächst hieraus ein unangemessenes Vertrauen, mal stelle ich eine Leistung in Frage, weil ich unbemerkt stets im selben falschen Moment hinschaue.

Messungen sind also immer so eine Sache. Es kommt nicht nur auf die Präzision und die gemessenen Werte an, sondern mindestens genauso wichtig auf die Randbedingungen wie zum Beispiel den Zeitpunkt oder die Perspektive. Nur weil man immer wieder dasselbe feststellt muss es deswegen keine Konstante sein.