Interdisziplinäre Ansätze - Analogien, Gleichnisse, Anregungen für Perspektivenwechsel. Neuigkeiten jeden Mittwoch.
Mittwoch, 26. Juli 2023
Das mache ich mit links
Mittwoch, 19. Juli 2023
Ein Hoch auf das Großraumbüro
Beschäftigen wir uns doch heute mal mit der glorreichen
Entwicklung von Großraumbüros. Nein, das sind nicht etwa diese Legebatterien,
in denen Mitarbeiter auf gesetzlich geregelter Mindestfläche zusammengepfercht
und zu hochwertigem Multitasking unter Berücksichtigung aller um sie herum
geführten Gespräche gezwungen werden. Es sind auch nicht die Tempel der
Kommunikation, in denen wir alle Hörschwellen überschreiten, abschirmende
Hüllen fallen lassen und aus dem Vollen schöpfen, was der im Raum eingesperrte
Schwarm an Intelligenz entwickelt. Ebenso wenig verstehe ich darunter jene
Räume, in denen die gemeinschaftlich verbreiteten Gerüche, Geräusche, Gespräche
mit einem Cocktail der Emotionen verrührt und bei einer demokratisch bestimmten
Temperatur auf den Schreibtisch gebracht werden.
Es geht um Fortschritt. Ein Segen, dass die Arbeitsbedingungen des neunzehnten Jahrhunderts weit hinter uns liegen. Schritt für Schritt und sukzessive wird die Fähigkeit zum Multitasking weiter ausgebaut. Wie sonst sollte man Mitarbeiter an das New Work mit seinen Floorfluencern heranführen, aus ihnen die anvisierten Cloudworker machen? Es grenzt an Selbstlosigkeit, wieviel Geld die Unternehmen in die Hand nehmen, um Denkwände zwischen den altmodischen Büros einzureißen, immer wieder erinnert es mich an die Wiedervereinigung und an die Dankbarkeit der Neuen Bundesländer, als sie endlich auch in den Genuss des Kapitalismus mit seinen wunderbaren Seiten kamen.
Der Faden reißt – die Realität erwartet mich, denn die Innenarchitekten haben ganze Arbeit geleistet. Ist es die Haltlosigkeit der nicht vorhandenen Begrünung oder sind es die fehlenden persönlichen Accessoires, die die Großraumbüros zu Aufenthaltsräumen mit dem Charme eines Wartesaals im Provinzbahnhof machen? Und wollte nicht die allgegenwärtige Kommunikation ihren Siegeszug auch in diese Hallen bringen, die von vielen Menschen als Arbeitsräume missverstanden werden? Da heißt es aufräumen bei den angestaubten Vorstellungen, entsorgen von oldfashioned Mindsets und Einführung von Multitasking und Agilität. Sind wir nicht alle ein bisschen agil, liegt hier nicht der Schlüssel für die Tür in die Zukunft?
Arbeit wird Spiel und Spiel wird Arbeit, Startups machen es uns vor, aus der Hängematte lässt sich ein Unternehmen leichter an die Wand fahren als auf der Basis von validierten Zahlen. Spielen wir also mal Großraumbüro und zeigen der Welt, dass unsere Konzentration entgegen der Natur nicht schon bei gleichzeitiger Aufmerksamkeit auf drei Vorgänge auf infantiles Niveau absinkt. Das Mantra des Austausches und der Zusammenarbeit wie eine Monstranz vor uns her getragen, Messdiener durch Unternehmensberater ersetzt und der Baldachin über dem Controller, der seine Ländereien abschreitet und an der einen oder anderen Station innehält, um eine Rede über die Betriebswirtschaftlichkeit zu halten.
Ganz ehrfürchtig lauschen wir seinen Worten, im Herzen voller Verständnis für die globale und allgemeingültige Grundhaltung. Wir tauchen ein ins Metaverse, verorten uns in den Endlichkeiten zwischen Software und Avataren. Nur als Komponenten einer Blockchain mit Badeoption im Data Lake fühlen wir die Unwichtigkeit unserer Existenz als Human Ressource, deren Produktivhaltung nicht mehr als Arbeitsvertrag, sondern als Wartungsvertrag sichergestellt wird. Da liegt es nahe, die Supply Chain der Mitarbeiter durch Bevorratung in einer effizienten Form darzustellen, wozu energieoptimierte und möglichst kostenneutrale Ersatzteillager menschlicher Kompetenz gehören.
Deutlich erkennt man, dass die aktuellen Konzepte wie das Alternativangebot von Free Seating oder mobilem Arbeiten nur ein vorübergehender Zustand sein können. Bezahlt in diesem nur halb fortschrittlichen Modell der Arbeitnehmer seinen Arbeitsplatz im Homeoffice selbst, so kann er in den nächsten Schritten über Human Agility zur Human Cloudability und weiter in Richtung Knowhow-on-demand weiterentwickelt werden. Gerade die Skalierbarkeit von menschlicher Denkleistung stellt die Unternehmen ja bislang vor erhebliche Herausforderungen, der man durch Container-Technologie zur Haltung von Fachexperten begegnen kann.
Und genau dafür bietet der old school Ansatz der Großraumbüros die richtige Basis. Mein Votum also eindeutig in Richtung Schreibtischhaltung bei gleichzeitiger Ausweitung des Outsourcings auch auf die bislang festangestellten Kolleginnen und Kollegen. Warum sollte man Menschen fest einstellen, wenn die angeforderte Arbeitsleistung bei Computern nach Bedarf erhöht oder verringert werden kann. Stabile Unternehmen werden sich auf Dauer nur mit Mitarbeitern halten können, die ein agiles Mindset mitbringen, ihre Arbeitsleistung on-demand erbringen und uneingeschränkt Multitasking-fähig sind.
Ein Hoch demnach auf alle Formen der Verdichtung, sei es im Bereich der Arbeits-Quantität oder der räumlichen Kompression.
Mittwoch, 12. Juli 2023
Meine Meinung!
Mittwoch, 5. Juli 2023
Das kann ich mir jetzt merken
An manchen Tagen komme ich mir vor wie das klassische
Bandlaufwerk eines Anrufbeantworters. Unzählige Menschen rufen mich an,
schreiben mir E-Mails und Chatnachrichten, erläutern mir etwas in einer
Präsentationsrunde. Alles prasselt auf mich ein, wie soll ich mir das denn
alles merken?
Verlässliche Zahlen zum Anstieg der Informationsmenge gibt es nicht; Nicht belegte Daten und schwierig zu widerlegende Behauptungen werden kolportiert. Gehen wir mal von 6.000 Informationen aus, die wir täglich präsentiert bekommen. Diese müssen von unserem Gehirn gefiltert, in Zusammenhang gebracht (d. h. logisch einsortiert) und bei Bedarf weiterverarbeitet oder gespeichert werden. Eine Mammut-Aufgabe.
Welche Mechanismen könnte man nutzen, um diese Flut in den Griff zu bekommen.
(1) Man
kann direkt an der Quelle ansetzen. Soweit man es beeinflussen kann, einfach
mal auf Informationen verzichten. Das ausgiebige Stöbern in sozialen Netzen ist
zwar gelegentlich reizvoll, die nützlichen Informationen aber meist sehr
überschaubar.
(2) Neben
dem Nachfolger der Regenbogenpresse sind es auch auf den ersten Blick bildende
Angebote, deren Nutzung man in Frage stellen sollte. Ich erinnere mich an
Sendungen des WDR Mittagsmagazins, in denen über Stunden hinweg die
Tischordnung einer Diplomatensitzung kommentiert wurde.
(3) Ebenso
kritisch sollte man mit Informationen umgehen, die bestenfalls in
Spezialsituationen einen Mehrwert bieten. Sie gehören in meine Rubrik „Lexikon
des unnützen Wissens“
(4) Bei
den unvermeidlich einlaufenden Informationen (z. B. im Rahmen der
Arbeitstätigkeit) wird es schon schwieriger. Anders als die öffentlich
verteilten Nachrichten (Broadcast) kann man aber normalerweise den Absender
identifizieren. Also hier ansetzen und geduldig darauf dringen, dass nur die
wirklich betroffenen Personen adressiert werden. Das ist eine Arbeit, die
langen Atem erfordert, sich aber lohnt.
(5) Was
nun noch übrig bleibt wird wie beim Juristen im ersten Semester mit der Frage
konfrontiert: „Bin ich zuständig“? Bei Verneinung kann man seinem Gehirn die
weitere Beschäftigung ersparen.
(6) Bleiben
wir beim Juristen. Zweite Frage im ersten Semester: „Ist das zulässig?“ Wenn
nicht, dann ebenfalls weg damit.
(7) Jetzt
kommen wir zum merk-würdigen Anteil. Erleichterung schafft die Einordnung in
bekannte Zusammenhänge, Kombination mit Vorhandenem. Gibt es ein Bild, das den
Sachverhalt darstellt, (handschriftliche) Notizen dazu, einen (elektrischen)
Ordner, in dem alles zu einem Thema sammeln kann. Sehr schwieriges Feld, da man
die technischen Randbedingungen beachten und die Arbeitsmethoden der Kollegen
berücksichtigen muss.
Unser Gehirn kann bis zur physiologischen Grenze erhebliche Mengen an Informationen verarbeiten und speichern. Um sich vor Überlastung zu schützen ist es mit einem Filter, dem Thalamus versehen. (Technisch könnte man von Firewall sprechen.) Hier ist noch mal ein Hebel, an dem man ansetzen kann. Denn unserer Entstehungsgeschichte folgend ist dieser Filter so gebaut, dass er in erster Stufe nur überlebenswichtige Informationen durchlässt und dann (bedingt beeinflussbar) auch immer unwichtigere Daten passieren lässt. Unstrittig, dass die Duftbezeichnung eines beworbenen Deodorants nicht überlebenswichtig ist. Für den späteren Einkauf kann sie aber eine Rolle spielen. Wie beim Börsenhandel heißt es für die Information jetzt kaufen oder verkaufen, hopp oder top.
Ein spannendes Selbstexperiment besteht darin, sich bewusst mit diesem gehirntechnischen Türsteher anzufreunden. Nicht falsch verstehen, ein guter Türsteher lässt nicht jeden rein, hat aber ein geschultes Auge für die Personen, die zum Zielpublikum gehören.
Mittwoch, 28. Juni 2023
Im Quartett
Heute ausgestorben haben wir als Kinder voller Begeisterung
Quartett gespielt, besonders an den Regentagen oder wenn wir vom Herumtollen
langsam müde wurden. Die Spielkarten gab es in großer Auswahl, besonders
erinnere ich mich an ein Quartett mit Schiffen und eines mit Automobilen. Bei
letzterem waren verrückte Sportwagen von Lamborghini dabei,
„Repräsentationslimousinen“ wie Mercedes-Benz Pullmann, aber eben auch
Kleinwagen von Ford, Opel und – nicht zu vergessen – Volkswagen. Der Käfer also, in diesem typischen Orange
der 70er Jahre, mit technischen Daten, bei denen man nur verlieren konnte.
Nein, da war kaum etwas, womit man einen Stich machen konnte, höchstens
vielleicht gegen einen Fiat 500.
Ein Jahrzehnt später sah die Welt anders aus. Ich war stolzer Besitzer eines altersschwachen VW 1200, mit seinen 34 PS, Front- und Heckspoiler war er zwar nicht gerade ein Rennwagen der ersten Stunde, aber er war Freiheit. Raus aus dem Haus, da stand er in himmelblauem Lack vor der Tür, wartete auf mich und sprang mit für ihn eigenem Sound schon beim Berühren des Zündschlüssels an. Für die Fahrt zur Freundin in den Nachbarort, zur Disko oder ins Kino brauchte ich nicht mehr zu fragen oder zu organisieren.
Die ungeliebte Karte im Quartett war einer geliebten Vergrößerung meiner Reichweite gewichen. Und es war wirklich Liebe, die sich von der Pflege über die tägliche Beschäftigung bis zum Tuning durchzog.
Was ist denn die Botschaft, könnte man sich fragen. Nun, wenn wir unsere Mitmenschen mal auf Karten drucken, bei jedem ausgewählte Eigenschaften bewerten und dann Quartett damit spielen… was würde dabei herauskommen? Und wie würde es sich in einem Jahrzehnt anfühlen? Der ungeliebte Mitmensch, der bei Pünktlichkeit zwar 10 Punkte, bei Partyspaß aber nur auf 3 Punkte kommt – ist der nicht beim Erreichen eines gemeinsamen Zieles plötzlich ein zentral wichtiger Zeitgenosse?[Andere Blogs: Dienstliche Glossen, Feingeistiges]
Mittwoch, 21. Juni 2023
Endlich Geburtstag
Mittwoch, 14. Juni 2023
Gib mir den Sinn
Um mich herum herrscht Leben, alles ist in Bewegung, ständig
passiert irgendetwas, verändert sich, führt zu Fort- und Rückschritt. Und ich
mittendrin. Genau besehen ist sogar jeder von uns jeweils mittendrin, denn niemand
kann festlegen, wo die Ursprungskooordinaten dieses unendlichen Systems sind: „Gebt
mir einen festen Punkt und ich hebe die Welt aus den Angeln.“ (Archimedes von
Syrakus)
Genauso schwer tun wir uns mit einem Koordinatensystem unserer Gedanken- und Wertewelt. Selbst wenn es uns gelingt, mehr oder weniger nüchterne Fakten zusammenzustellen werden diese unvermittelt mit anderen Fakten ins Verhältnis gesetzt. Einzige Ausnahme sind Daten, die wir gleich den Nummern in einem Telefonbuch ohne logische Struktur nebeneinanderlegen. Aber unser Gehirn verlangt von Natur aus danach, Informationen miteinander zu verknüpfen, es ist ein Assoziativ-System. Dafür ist es (biologisch) optimiert, das kann es richtig gut.
Als Folge dieser Funktionsweise sorgt unser Denkapparat automatisch dafür, dass einfließende Informationen mit vorhandenem Wissen zusammengeführt, verglichen, eingeordnet und wenn irgendwie möglich zu einer wachsenden Struktur ergänzt werden. Dabei ist das Gehirn nicht wählerisch, es müssen nicht unbedingt Fakten sein, die zugemischt werden, auch Vermutungen oder unterbewusst verknüpfte Eigenschaften werden ohne Anmerkung mit verwendet. Wenn ich einen DHL-Paketboten gesehen habe, dann muss das Auto gelb gewesen sein, weil alle DHL-Fahrzeuge gelb sind. Das würde ich dann bei Bedarf auch vor Gericht aussagen, weil mein Gehirn ganz fest davon überzeugt ist.
Natürlich muss das nicht zwingend richtig sein, aber da hat sich mein Logikapparat selbständig gemacht ohne mich darauf hinzuweisen. Und er ergänzt ohne Umschweife auch noch, dass der beobachtete Mann eine Warenlieferung aus dem Fahrzeug zu Haustür des Nachbarn gebracht hat. Das macht einfach Sinn, findet mein Gehirn und speichert es neben den anderen ihm geläufigen Vorkommnissen. Tatsächlich war der Mann gar kein Paketbote, das Auto hatte eine rote Farbe (weil nicht von DHL), der große Karton leer für die Befüllung mit Altkleidern und sollte eigentlich zu einer anderen Adresse.
Diese kleine Geschichte demonstriert, wie wir Beobachtungen mit dem ergänzen, was wir für naheliegend halten. Manche Mitmenschen sind da sehr einfallsreich, vermuten vielleicht in jedem Paket eine Bombe, andere sind sich sicher, dass jeder Paketbote männlich ist und bei DHL arbeitet. Aber wie nüchtern und bedacht auch immer der Einzelne ist, ausnahmslos jeder Mensch macht aus einer Feststellung einen für ihn Sinn-vollen Vorgang.
Und weil das jeder macht, dabei aber mit dem Gewürzkasten seiner Erfahrungen unterschiedlich agiert, kommt individuell ein anderer Sinn heraus. So besehen müsste ich sagen: „Gib mir Deinen Sinn.“






