Mittwoch, 23. September 2026

Alternativlos - oder: Das geht nicht anders

Vor kurzem war ich zu Gast in einer Wiesbadener Altbauwohnung und habe zwischendurch die Toilette besucht. Als Handwerker habe ich Verständnis, dass man bei Renovierungen aus alten Beständen hier und da Kompromisse eingehen muss, nicht alles lässt sich auf den heute üblichen Stand heben, wovon manche Gewerke mehr, andere weniger betroffen sind. Elektroleitungen kann man auch in alten Wänden ohne Probleme neu verlegen, das Versetzen von Innenwänden kann schon aufwändiger sein und beim Thema Decke beziehungsweise Boden muss man je nach Anspruch in die Trickkiste greifen. Aber es geht.

Alternativlos - das geht nicht anders
Deutlich komplizierter wird es dann mit dem Abwasser. Während man Frischwasser kreuz und quer durch das Haus verlegen kann, weil es ja unter Druck steht, muss man beim Abwasser ein gewisses Gefälle einhalten, hat zum Teil recht dicke Rohre zu verlegen und ab einem gewissen Punkt mit höchster Wahrscheinlichkeit dann eine vorhandene Verrohrung, die man nur mit absurdem Aufwand versetzen kann.

Das ist dann genau der Punkt, an dem eine Mischung aus Fachkundigkeit und Einfallsreichtum gefordert ist. Wobei bei den Installateuren natürlich der erste Punkt im Vordergrund steht, Einfallsreichtum oder gar Ästhetik hatten sie nicht in der Berufsschule.

Ich habe das Ergebnis dann persönlich begutachten können und war entsetzt. Ein Rohr, das quer von der Wand in den Boden verschwand, ein altmodischer Tiefspüler mit Abstand zur Wand deutlich im Raum montiert, ein dahinter in einer Nische aufgehängter Spülkasten mit mehreren Bögen angeschlossen und ein je nach Perspektive unübersehbares Abwasserrohr.

Es funktionierte alles, kein Grund für eine Reklamation. Hätte ich den Handwerker auf sein Werk angesprochen hätte er mir erklärt: "Das geht nicht anders". - "Doch", wäre meine Antwort gewesen, "das geht anders. Weg mit dem Aufputz-Spülkasten, ein Unterputz-Spülkasten in die Nische, Verkleidung davor, alles zentrieren und ein moderner Tiefspüler dran. In der Verkleidung verschwindet dann auch gleich noch dieses abenteuerliche Diagonalrohr, auf Wunsch kann man den ganzen Zauber noch verputzen oder mit modernen Fliesen verkleiden." Möglicherweise hätte sich eine Diskussion über DIN sowieso angeschlossen, dass ich die Verantwortung für den zu geringen Abstand zur Toilettenbürste trage und überhaupt auch an Behinderte denken müsse. Und natürlich im Auge behalten sollte, dass mein exotischer Wunsch auch montiert werden muss, was angesichts der räumlichen Enge für den Installateur eine kaum zu bewältigende Aufgabe darstellt. Aber am Ende hätte er mit der schriftlichen Versicherung meiner Verantwortung für die Unterschreitung des Bürstenabstandes und unter Maulen und Wehklagen in der Enge des Räumchens ein topmodernes Gäste-WC eingerichtet.

Also, es geht anders. Auch wenn ein erwiesener Fachmann eine bestimmte Lösung konzipiert und umsetzt, sie gegen Änderungswünsche verteidigt. Mit schwierig nachzuprüfenden Begründungen kommt, warum nur sein Vorschlag sinnvoll oder regelkonform ist. Und da sind wir an dem Punkt, den ich immer wieder höre: Eine Entscheidung, ein Weg, eine Maßnahme sei alternativlos. Woher dieses Wort aufgetaucht ist und sich jetzt auf der Bühne der Sprache breit macht, ist mir unbekannt. Aber wenn man darauf achtet, sind zahlreiche Diskussionen von diesem Begriff geprägt. Er steht als Behauptung im Raum und plötzlich ist man in der Defensive. Da kann nicht ich als Kunde zwischen verschiedenen Optionen wählen, nein, ich muss dem Fachmann auf Augenhöhe sagen können, wie und warum er meine favorisierte Lösung umsetzen kann und soll.

Was beim Handwerker notfalls mit Nachdruck funktioniert, wird auf der politischen Bühne wesentlich schwieriger. In Gremien getroffene Entscheidungen sind nun mal fixiert, um im Bild zu bleiben sind der Aufputz-Spülkasten und der Tiefspüler schon bestellt. Jetzt werden mir die Entscheider nur noch wortreich begründen, warum sie auch montiert werden müssen. So eine Art Retoure und Bestelländerung ist an diesem Punkt gar nicht mehr möglich. Und ohne Überzeugung des Gremiums schon gar nicht. Willkommen in diesem Zusammenhang der Begriff der Alternativlosigkeit, und schon kann man entweder das eigene Denken abschalten oder auf das Denken von Anderen, zum Beispiel von Gutachtern verweisen.

Heraus kommt dann vielleicht ein funktionales Gäste-WC – schön ist was anderes.

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Mittwoch, 16. September 2026

Pisa – mal systemtheoretisch betrachtet

Mein Blog erhebt den Anspruch, interdisziplinär zu sein. In diesem Sinne spannen wir heute den Bogen zwischen den Ergebnissen der Pisa-Studie 2025 und der Soziologie, vertreten durch Niklas Luhmann (1927 bis 1998) und seiner Systemtheorie.

Die „Zitate“ (kursiv gesetzt) sind fiktiv, also vermutete Aussagen des Soziologen, wenn er heute mit der aktuellen Situation konfrontiert würde.

Pisa – mal systemtheoretisch betrachtet

Die Ausgangslage ist bekannt. Die deutschen Schülerinnen und Schüler erreichen bei Pisa 2025 in Mathematik 464, im Lesen 465 und in den Naturwissenschaften 486 Punkte. Gleichzeitig ist der Anteil der Jugendlichen mit sehr niedrigen Kompetenzständen langfristig gestiegen.

Die übliche Schlussfolgerung lautet: Das Bildungssystem muss besser werden.

Luhmann: „Warum wird ein Problem, das in einer Gesellschaft entsteht, eigentlich immer demjenigen System zugerechnet, in dem es sichtbar wird?“

These 1: Das Bildungssystem ist nicht die Gesellschaft

Das klingt zunächst banaler als es ist.

Schule findet nicht im luftleeren Raum statt. Kinder kommen nicht als unbeschriebene Blätter in die erste Klasse. Sie bringen ihre familiäre Sozialisation, ihre Sprache, ihre Medienerfahrungen, ihre Lerngewohnheiten und ihre Vorstellungen von Leistung bereits mit.

Familie, Medien, Wirtschaft, Politik, Recht und Bildung sind bei Luhmann unterschiedliche gesellschaftliche Systeme. Sie funktionieren nach unterschiedlichen Logiken.

Die Familie orientiert sich an Zugehörigkeit und persönlicher Beziehung. Die Wirtschaft an Zahlung und Nichtzahlung. Das Recht an Recht und Unrecht. Die Politik an Macht und Entscheidung. Die Wissenschaft an wahr und unwahr. Und das Bildungssystem? An Lernen.

Das Problem beginnt dort, wo die Erwartungen dieser Systeme in der Schule zusammenlaufen.

Luhmann: „Die Schule kann nur das leisten, was sie als Schule leisten kann. Dass die Gesellschaft von ihr mehr erwartet, verändert zunächst nur ihre Belastung – nicht ihre Funktion.“

These 2: Gesellschaftliche Veränderungen werden im Klassenzimmer sichtbar

Nehmen wir beispielsweise das Smartphone.

Das Mediensystem produziert Kommunikation, die auf Aufmerksamkeit angewiesen ist: schnell, emotional, visuell und ständig neu. Schule dagegen verlangt Konzentration, Abstraktion und eine Belohnung, die möglicherweise erst nach einer Stunde, einem Schuljahr oder einem Abschluss kommt.

Das ist keine moralische Bewertung. Es sind unterschiedliche Kommunikationslogiken. Die übliche Fragestellung lautet: „Warum können Schüler sich schlechter konzentrieren?“

Luhmann: „Welche Veränderungen in der gesellschaftlichen Kommunikationsumwelt machen bestimmte Formen schulischer Kommunikation zunehmend unwahrscheinlich?“

These 3: Die Schule soll zunehmend Probleme lösen, die sie nicht selbst erzeugt

Sprache, Erziehung, Integration, soziale Konflikte, psychische Belastungen, Medienkompetenz, Inklusion – all das landet irgendwann im Bildungssystem. Vieles davon ist zweifellos sinnvoll und notwendig.

Aus systemtheoretischer Sicht entsteht eine interessante Verschiebung: Die Schule soll immer mehr gesellschaftliche Funktionen mit übernehmen und gleichzeitig ihre eigentliche Funktion erfüllen – Lernen zu ermöglichen.

Luhmann: „Je mehr Fremderwartungen ein System verarbeiten muss, desto interessanter wird die Frage, wie viel Kommunikation für seine eigentliche Funktion noch übrigbleibt.“

These 4: Auch die Politik kann das Bildungssystem nicht einfach steuern

Politik kann Lehrpläne ändern, Programme auflegen, Schulformen verändern, Digitalisierung beschließen und Evaluationen anordnen. Aber jede politische Entscheidung muss anschließend vom Bildungssystem verarbeitet werden.

Mehr politische Entscheidungen erzeugen deshalb zunächst einmal mehr Kommunikation, nicht automatisch mehr Lernen. Damit entsteht möglicherweise ein bemerkenswerter Kreislauf:

* Pisa misst → Politik reagiert → Schule reformiert → Schule wird erneut gemessen. *

Pisa beobachtet also das Bildungssystem und erzeugt damit selbst neue Kommunikation über das Bildungssystem. Das ist ziemlich genau die Art von Beobachtung zweiter Ordnung, für die Luhmann sich interessiert hätte.

Luhmann: „Kann Politik das Bildungssystem überhaupt steuern – oder kann sie nur Entscheidungen produzieren, die das Bildungssystem anschließend nach seiner eigenen Logik verarbeitet?“

Wobei uns die Systemtheorie bezüglich der Pisa-Studie helfen kann

Vielleicht ist der Pisa-Rückgang gar nicht einfach ein „Versagen der Schule“.

Eine Gesellschaft verändert sich. Familie verändert sich. Medien verändern sich. Wirtschaft verändert sich. Politik reagiert darauf. Recht setzt neue Rahmenbedingungen. Und all diese Veränderungen treffen auf ein Bildungssystem, das weiterhin nach seiner eigenen Logik funktionieren muss. Übliche Frage: „Wer ist schuld an den schlechten Pisa-Ergebnissen?“

Luhmann: „Welche gesellschaftlichen Systeme erzeugen welche Erwartungen an Bildung – und wo geraten diese Erwartungen miteinander in Konflikt?“

Pisa – mal systemtheoretisch betrachtet

Das wäre keine Erklärung der Pisa-Ergebnisse im empirischen Sinne. Luhmanns Theorie ist keine Pisa-Kausaltheorie, sondern vielmehr ein Beobachtungsinstrument. Aber die Systemtheorie fragt nicht, wie wir das Bildungssystem reparieren, sondern hilft uns zu verstehen, dass wir von einem einzigen System erwarten, die Folgen der Veränderungen fast aller anderen Systeme zu reparieren.

Was heißt das jetzt

Im Sinne meines Blogs und des gewohnt philosophischen Untertons schließe ich mit einer Frage, die ich dem großen Soziologen in den Mund lege und die ich gerne den allgegenwärtigen Besserwissern und Talkshow-Moderatoren zurufen möchte.

Luhmann: „Wenn wir die Gesellschaft nicht von außen beobachten können, sondern immer nur aus einem bestimmten System heraus – wie kommen wir dann überhaupt auf die Idee, es gäbe eine zentrale Lösung für ein Problem, das in mehreren Systemen gleichzeitig entsteht?“

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Mittwoch, 9. September 2026

Überraschung

Das Wetter war von Westen herangezogen. Der Himmel dunkel, ein paar erste dicke Tropfen fallen hier und da auf den Boden, wo sie auf einen Gegenstand treffen, hört man ein leises Geräusch. Ich schaue hoch, gerade war es noch hell, der Himmel blau, keine Anzeichen von heraneilendem Niederschlag. Meine Gartengeräte sind verteilt, hier liegt ein Spaten, dort eine Hacke, ein paar Eimer, die Schubkarre und Säcke, teils mit Dünger, teils mit Erde.

Ein Blick auf die Regen-App zeigt eine dunkelblaue Wolke mit rotem Kern, da wird einiges herunterkommen. Als ich vor einer Stunde in den Garten gegangen bin, war davon noch nichts zu sehen. Kein noch so kleines Wölkchen, keinerlei noch so ferne Andeutung von Unwetter. Und jetzt zurückblickend im Zeitverlauf sieht man, wie sich aus dem Nichts ein klitzekleines Pünktchen auftut, einigermaßen in der Nähe, schnell größer wird und dann zu diesem furchteinflößenden Gewitterkonstrukt entwickelt.

Hastig laufe ich durch den Garten, erst mal die wasserempfindlichen Sachen einsammeln, Dünger unter Dach, Schubkarre mit Werkzeug beladen in den Schuppen, die Erdsäcke können notfalls liegenbleiben. Mittlerweile regnet es deutlich, nicht nur gelegentliche Tropfen, ich fühle, wie mein T-Shirt nass wird, das muss jetzt egal sein. Da hinten habe ich noch einige Handwerkzeuge und ein Paar Handschuhe. Ich hechte zu den Handschuhen bevor sie durchweichen, noch den Spaten im Vorbeilaufen und durch den strömenden Regen in Richtung Haus.

Überraschung
Es ging schnell, unerwartet und lässt mich staunen, während ich aus dem Haus den wüsten Wolkenbruch verfolge. Angesichts von Heerscharen von Meteorologen, fortlaufender Verbesserung der Wettermodelle, Computern mit höchster Rechenleistung und so fort bin ich über die Ungenauigkeit überrascht, die sich in meinem Fall innerhalb einer knappen Stunde aus der Unsichtbarkeit zu einem tobenden Unwetter entwickelt hat.

Wieviel größer sind dann erst die möglichen Abweichungen in Fällen ohne diesen enormen Einsatz von Manpower, Forschung und Technik? Wenn nur eine einsame kleine KI die Kundenströme abschätzen und in die Zukunft projizieren soll. Wenn Wachstumsprognosen, Produktentwicklungen oder Trends vorhergesagt werden sollen. Jüngstes Beispiel die Fensterbaufirma Velux, die durch den heißen Sommer von der explosionsartig ansteigenden Bestellmenge an Hitzeschutz und Markisen völlig überrumpelt wurde.

Und natürlich auch Wertentwicklungen, sei es von physischen, aber erst recht bei virtuellen Produkten wie Aktien und deren Ableger. Da malen Analysten allerlei Linien, lassen sich alle möglichen Unternehmensdaten zuliefern, schauen sich auch die Underlyings an, berücksichtigen die bisherigen Verläufe, den Markt, die Branche und gießen das Ganze in aufwändige Modelle. Um am Ende eine Genauigkeit wie mein Wetter-App zu erreichen. Ist im einen Fall vielleicht ein Präsident auf einen protektionistischen Einfall gekommen, ist im anderen Fall eine zunächst kleine Störung im Geldstrom verantwortlich für das Scheitern des Modells.

Zukunft lässt sich in vielen Fällen auch heute noch nicht zuverlässig vorhersagen. Ob es das Wetter betrifft, den Kunden (dieses scheue Wild) oder Aktienkurse. Und zumindest bei den Aktienkursen scheint das niemand zu stören. Beim Kunden beißen sich die Marketingabteilungen die Zähne aus, beim Wetter haben wir resigniert. Einzig beim bequemen Leben, dem liebgewordenen Komfort: Da wollen wir es nicht wahrhaben. Nein, wir extrapolieren in die Zukunft was das Zeug hält, ignorieren naturgegebene Randbedingungen und wundern uns, wenn dann zu irgendeinem Stichtag plötzlich alles in sich zusammenbricht.

Modelle und Berechnungen sind was Feines, aber sie haben ihre Grenzen und spontan überraschende Unzulänglichkeiten. Nicht nur beim Wetter.

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Mittwoch, 2. September 2026

Silberfischchen, Karneval und Leistungsbereitschaft

Im Heizungskeller neben der Waschküche haben sich in letzter Zeit einige Silberfischchen blicken lassen. Ich habe nichts gegen diese Tierchen, aber hier wächst es sich langsam zu einer Epidemie aus und streut vereinzelt bis in die Waschküche. Um dieser Situation Herr zu werden habe ich beim Drogeriemarkt einen Köder gekauft, das ist ein kleiner leimbelegter Papierstreifen, in den man eine für Silberfischchen attraktive Tablette klebt.

Silberfischchen, Karneval und Leistungsbereitschaft
Doch nichts geschah. Die Silberfischchen liefen munter über den Boden, ja, selbst wenn ich mit dem nach Aufbauanleitung als Dreieck gefalteten Köderhäuschen hinter ihnen herlief oder es ihnen direkt vor die Nase stellte machten sie eher einen Bogen drum herum. Ob der Köder veraltet war oder unbrauchbar? Hatte ich Tierchen, die auf diese Köder nicht ansprachen?

Ich fragte nach und die Antwort war verblüffend einfach. "Der Köderstreifen funktioniert vermutlich einwandfrei, aber die Fischchen finden offensichtlich so viel andere Nahrung, dass sie kein Interesse am Köder haben. Sie sind schlichtweg satt."

Das leuchtete mir ein. Wenn in irgendwelchen Ritzen und Nischen, hinter Fußleisten und in Fugen der Verkleidung Ernährendes versteckt ist, dann gibt es keine Motivation, sich mit der Köderkonstruktion zu beschäftigen; Wobei ich noch nicht einmal beurteilen kann, wie attraktiv diese aus der Perspektive eines Silberfischchens ist.

Aber ich kenne die Perspektive der Zuschauer bei Karnevalsumzügen. Wer keine Bonbons hat, zu Hause nicht auf Bergen von Schokoladen oder Popcorn sitzt und dennoch gerne Süßigkeiten mag, der bückt sich für alle Gaben, die von den Fußgruppen und Wagen in das närrische Volk geworfen werden. Die andere Fraktion, also gut versorgt, muss entweder besonders aufregende Pralinen erhalten, diese direkt in den Sammelbeutel gelegt bekommen oder wirft sie unzufrieden den Zugteilnehmern wieder zurück.

Und in der nächsten Stufe - den Angestellten in Unternehmen - oder von mir aus sogar noch allgemeiner in der Gesellschaft - verhält es sich durchaus ähnlich. Wer genug Geld hat, der engagiert sich nicht bei der Arbeit, und wer sich in seiner Versorg-mich-Mentalität auf Kosten des Staates (das ist ein Sammelbegriff für uns alle) wohl fühlt, der ist wie ein Silberfischchen einfach nur satt. Da kann man mit einem wie auch immer gearteten Köder und noch so einfallsreichen Motivationen nur hilflos hinterherlaufen.

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Mittwoch, 26. August 2026

Entscheidungen und die Rembrandt-Frage

Ein bekannter Sketch von Otto Waalkes nahm Quizsendungen auf die Schippe und formulierte eine Frage an den Kandidaten, der sich als Rembrandt-Experte vorstellte:
"Bei einem Bild von Rembrandt wird die Frau des Malers als Göttin der Jagd dargestellt. Wie hieß der Mann der Frau des Malers?" - Antwort des Kandidaten: "Wie? Welches Malers? Rembrandt?" - "Absolut korrekt"

Einerseits führt Otto hier die Albernheit damaliger Fernsehsendungen vor. Andererseits ist es aber auch ein schönes Beispiel, wie man eine Frage so formulieren kann, dass sie vom Prüfling richtig beantwortet wird. Egal, wie gut er sich auskennt. Man könnte auch sagen, als Prüfer habe ich es in der Hand, ob der Prüfling mit Bravour besteht oder durchfällt.

Entscheidungen und die Rembrandt-Frage

Also Quizsendung oder Prüfung? Nicht nur, auch beliebige Entscheidungen und deren nach außen getragenen Begründungen gehorchen diesem Prinzip. Zuerst wird im stillen Kämmerlein ein Thema durchdacht, diskutiert, evaluiert und schließlich entschieden. Und dann, aber eben erst dann, wird die Begründung erarbeitet.

Diese passt dann perfekt zur gefundenen Lösung.

In einer Prüfung sähe das so aus: Erst mal ein lockeres Gespräch zu Sondierung, wie pfiffig ist das Gegenüber, dann ein paar Fragen, ob er das zu prüfende Fach verstanden hat. Es folgt die innere Einschätzung, wo der Kandidat fachlich steht, ob er sich gut auskennt, eine entsprechend gute Note verdient hat, oder ob er eher eingeschränkte Kenntnisse aufweist und weniger gut abschneidet. Schlimmstenfalls sogar durch die Prüfung fällt.

Und dann kommen die Fragen, die die Note begründen. Lief es bis dahin gut, dann kommt die Rembrandt-Frage. "Sehen Sie, das hat doch ganz toll geklappt, ein sehr gutes Prüfungsergebnis." Und wenn es nicht gut lief, der Daumen nach unten zeigt? Dann folgen Fragen zur Fußnote auf Seite 257. Ehrlicherweise hat der Prüfling ab diesem Punkt keine Chance mehr, aber er geht mit dem Gefühl aus der vermasselten Prüfung, dass er den Durchfaller verdient hat.

Wenn sich also ein Gremium für Option A entschieden hat, dann ist die Arbeit noch nicht fertig. Jetzt kommt noch der wichtige Teil, denn die Beteiligten und Betroffenen müssen noch „abgeholt“ werden. Man muss noch die Rembrandt-Frage formulieren, damit sie mehr oder weniger zwingend die Antwort geben, die man ihnen in den Mund gelegt hat.

Nein, das sind keine Suggestiv-Fragen. Es sind normale Fragen, die aber von der Logik her nur eine bestimmte Antwort erlauben. Und die muss Option A lauten.

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Mittwoch, 19. August 2026

Sehr vorausschauend

In der heutigen Zeit bin ich sehr froh, dass es Menschen gibt, die nicht nur an den nächsten Tag denken. Bei denen Ankündigungen, Vorbereitungen und einleitende Maßnahmen nicht hopplahopp daherkommen. Gerade im Zusammenhang mit Handwerk im öffentlichen Raum erleben wir da eine große Spreizung. Am Freitag war noch nichts zu erkennen, am Montagmorgen werden die Autos abgeschleppt, die den seit Monaten geplanten Baumfällarbeiten im Wege stehen.

Sehr vorausschauend

Aktuell das Gegenteil. Da schlendere ich durch die August-Hitze auf dem Bahnhofsparkplatz zu meinem Auto. Trotz der Schulferien muss ich bis zum anderen Ende, weil ein Teil der Parkplätze mit Schildern abgesperrt ist. Nicht nur mit Parkverbot, sondern mit absolutem Haltverbot (VZ-283). Ordnungswidrig handelt, wer auch nur stoppt, um einen Fahrgast aufzunehmen oder den Einkaufswagen ins Auto zu entleeren. Das muss ja höchste Wichtigkeit haben.

Ich bleibe im Schatten stehen und betrachte das darunter angebrachte Zusatzschild: „ab 17.12.25 bis 10.12.26“. Aha. Die immerhin bislang schon über 220 Tage genutzt, um zwei Dixi-Häuschen aufzustellen und damit die Baustelle einzurichten. Welche auch immer das sein mag. Das ist zweifellos sehr vorausschauend, man könnte auch sagen ein wenig übertrieben.

Selbst wenn es gar kein unangemessen langer Vorlauf ist, sondern eine ungeplante Verzögerung eingetreten ist: Wäre da nicht eine Neuplanung und damit einhergehend die Freigabe der jetzt gesperrten Parkplätze richtig gewesen?

In Gedanken vertieft gehe ich weiter, male mir aus, wie die Qualität der restlichen Organisation sein dürfte. Kein Wunder, wenn sich nichts bewegt, in einer Kombination aus Bürokratie und vorgeschobener Bürokratie hängenbleibt. Und machen wir uns nichts vor: Am Ende ist das nicht nur lästig für die Bürger, sondern macht jeden Vorgang auch noch für alle teurer.

Schließlich zeigen aber beide Extrema (also überfallmäßige Änderungen und sinnlose Dauerabsperrung), dass die Bürger nicht im Mittelpunkt stehen und das Verständnis fehlt, wer am Ende der Prozesskette der Auftraggeber (und Finanzierer) ist. Ein klein wenig „Der Kunde ist König“ sollte in den Köpfen der Verwaltung auch für den Kunden Bürger vorhanden sein.

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Mittwoch, 12. August 2026

Es geht doch!

Die typische deutsche Baustelle. Insbesondere zu beobachten auf Autobahnen. Im Vorfeld bekommt man es in der Presse mit, vielleicht ist es auch kurz in den Nachrichten. Demnächst - zum Ende des Jahres - wird irgendwas an der Fahrbahn gemacht. Dann passiert erst mal nichts. Oder doch, denn ein beladener Transporter rückt an und stellt erste Schilder auf. Eine Woche Pause, es folgt ein ganzer Laster, der die demnächst zu bearbeitende Spur absperrt.

Pause. Einige Wochen passiert nichts, dann kommt ein PKW, begutachtet die Absperrung, verschwindet wieder, hat vermutlich ein Reinigungskommando bestellt, denn nur wenige Tage später wird mit einer Kehrmaschine die langsam verstaubende Fahrbahn gefegt. Und dann endlich kommt ein Bautrupp, verteilt über die Kilometer irgendwelche Baugeräte, Werkzeuge, stellt ein Dixie-Häuschen auf. Dann kehrt wieder Ruhe ein, die Handwerker werden wohl auf einer anderen Baustelle gebraucht.

Ein Bagger trifft ein, das ist zwar angesichts der langen Baustelle ein wenig unterbesetzt, aber zumindest ein Anfang. Allerdings steht er erst mal nur da, gebaggert wird nicht. Der Zustand hält ein paar Wochen, insgesamt ist die Baustelle schon einige Monate alt, die nicht gemähten Randstreifen verlottern langsam. Ein zweiter Bagger trifft ein, sogar ein dritter. Und Baggerführer, Laster für den Abtransport der jetzt allmählich entfernten Oberdecke.

Wie es scheint ist dieser Arbeitsschritt nun erledigt, denn die Bagger werden wieder abgezogen, die Absperrung bleibt, ansonsten wird es wieder leer auf der Baustelle. Etwa einen Monat später kommen andere Bagger. Sie machen sich an der Seite zu schaffen, wie man im Laufe der nächsten Wochen beobachten kann, sind sie wohl für die Entwässerung zuständig, erstellen Gräben, heben altes Rohrwerk aus und warten wie gewohnt auf die Lieferung der neuen Rohre.

Die Zeit geht ins Land, die alten Rohre sind entfernt, Abläufe sind eingemessen und auf die neue Verrohrung montiert, die Unterdecke hat über den Winter stark gelitten. Ein Gutachterteam war da und hat festgestellt, dass sie unter diesen Umständen ebenfalls ausgetauscht werden muss. Es kommt zu Verzögerungen im weiteren Verlauf, aber am Ende kommt die erste Firma mit ihren drei Baggern wieder angerückt und baut die Unterdecke aus.

So geht es schrittchenweise voran, kurze Arbeitsphasen folgen auf lange Pausen, Wechsel der ausführenden Unternehmen, gelegentliche Instandhaltung der nicht betroffenen Fahrbahn. Nach einer Nettozeit von wenigen Monaten und einer Gesamtlaufzeit von knapp zwei Jahren können die Autos wieder über die bearbeitete Spur rollen. Im Radio wird das freudige Ereignis gebührend gefeiert und geht einen Tag lang durch die Lokalnachrichten.

Die Bürger fragen sich, warum das in Deutschland so schleppend läuft und schielen nach China. Zu Corona-Zeiten haben Bautrupps dort in wenigen Wochen ein ganzes Krankenhaus hingestellt. Vielleicht nicht für die Ewigkeit, aber auch nicht so improvisiert, dass es direkt wieder zusammengebrochen wäre. In Deutschland haben wir zu dieser Zeit länger gebraucht um vorhandene Turnhallen zu Impfzentren umzuwandeln.

Und jetzt das.

Es geht doch!

Im März tauchen nach kurzer Ankündigung Transporter an der Einmündung der L3273 auf die B275 auf, ändern mit Schildern die Verkehrsführung, installieren eine Ampel und machen den Weg frei für Bagger und LKW. Schlag auf Schlag ist der alte Belag weg, Erdreich entfernt, wird der abgesperrte Bereich etwas verschoben, die Ampel nachjustiert. Schon nach wenigen Tagen lässt sich erahnen, wo der neue Kreisverkehr entstehen wird, zügig und systematisch werden verschiedene Seiten der Baustelle vorangetrieben, Erdreich bewegt, Rohre verlegt. Jeden Tag sieht man auch als Laie einen Fortschritt, staunt über die dennoch aufgeräumte Fläche. Keine verträumten Bauarbeiter, kein herumfliegender Müll, stattdessen von Zeit zu Zeit kurze Visite der Bauaufsicht und weiter geht’s.

Es ist eine Freude zuzuschauen, fast macht es Spaß, wenn man kurz an der Baustellenampel warten muss, weil man wieder etwas Neues entdecken kann. Waren es gestern die Randsteine um das Rondell, ist es heute die Erdfüllung darin. Ich bin geradezu neugierig, was ich morgen sehe. Und das bei der freudigen Mitteilung, dass die Bauarbeiten im Plan liegen.

Es geht doch.

Mit guter Planung und vielleicht einem Quäntchen Glück ist eine Baustelle auch in Deutschland 2026 kein Hexenwerk. Wer auch immer dafür verantwortlich ist, dass hier mal etwas so läuft, wie ich es früher normal gefunden hätte: Dieser Mensch hat einen Orden allein schon dafür verdient, dass er mir wieder Mut macht. Mut, dass wir vielleicht doch etwas schneller hinbekommen, als es zerfällt.

Oder liegt es am Ende daran, dass die ausführende Baufirma (Eiffage) aus Frankreich kommt?

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Donnerstag, 6. August 2026

It's business, my friend

Vor einigen Wochen war ich bei einem Vortrag, in dem es unter anderem um unser Verhältnis zu Amerika ging, das transatlantische Bündnis und die langjährige gute Zusammenarbeit. Ja, sogar das Wort Freundschaft fiel in diesem Zusammenhang und die tollen Ergebnisse, die beide Seiten im Laufe der Jahrzehnte erzielt hatten. Die legendäre Luftbrücke wurde angesprochen, auch die enge wirtschaftliche Zusammenarbeit, von Kooperationen und militärischen Operationen ganz zu schweigen.

Doch dann kam die Sprache auf die aktuelle Administration, auf die Regierung unter Donald Trump und den Abbau dieses altgewohnten Teamplays. Unter dem zentralen Motto "make amerika great again" beginnt Politik mit einem Blick in den Spiegel, nach oben erhoben, um das auf dem Boden stehend Porzellan nicht sehen zu müssen. Dem großen Ziel werden Beziehungen untergeordnet, alle Verknüpfungen auf den Prüfstand gestellt. Und insbesondere wird das Wort 'Freundschaft' durch das Wort 'Business' ersetzt. Heute Schulterklopfen, morgen Rausschmiss, so wie wir es schon oft in den amerikanischen Spielfilmen gesehen haben.

It's business my friend

Das ist für Europäer, insbesondere vielleicht sogar Deutsche, schwer zu verstehen. Wir gehen von einem anderen Verständnis einer Beziehung aus, rücken Tugenden wie Unvergänglichkeit, zumindest aber Nachhaltigkeit, in den Mittelpunkt. Das kollidiert natürlich mit einer rein geschäftlich basierten Zusammenarbeit, die so etwas wie Kursschwankungen kennt und sich auch schon mal ändern kann. Den Wunsch nach Planbarkeit muss man damit zurückstellen oder zumindest ganz anders umsetzen. Volatilität ist Teil des Zusammenspiels, nicht nur eine exotische Panne.

Und diese Mentalität kriecht dann nicht nur in die höchsten politischen Ebenen, sie findet sich auch in Unternehmensführungen, im sozialen Umfeld oder in Partnerschaften wieder. Ob das Modell eines lebenslangen Arbeitsverhältnisses bei ein und derselben Firma heute noch zeitgemäß ist, sei dahingestellt. Dass ein erzwungenes Hin- und Her in Deutschland noch nicht en vogue ist, ist aber auch unübersehbar. Denn es ist ja nicht nur der Wechsel des Unternehmens und vielleicht einiger Aufgaben, auch das gesamte Umfeld, Netzwerke, Abläufe sind neu. Und noch viel schlimmer wird durch einen erzwungenen Wechsel auch das Selbstwertgefühl angekratzt.

Wer sich für seine Aufgabe engagieren soll, die von Managern gewünschten leuchtenden Augen bekommen soll, der muss dafür motiviert sein. Das kann für eine gewisse Zeit ein äußerer Impuls sein, Geld oder schicker Dienstwagen vielleicht, aber irgendwann muss dann die intrinsische Motivation greifen. An der Stelle wird es emotional und wer hier mit Rationalität antwortet, der bringt das vormals vorhandene Engagement schnell zum Erliegen. Den Mitarbeitern klar zu machen, dass das Arbeitsverhältnis eine reine Geschäftsbeziehung ist, der einzelne Mitarbeiter eine austauschbare 'human ressource' darstellt, ist für freiwillige Zusatzarbeit von Leistungsträgern fatal.

Schachzüge in dieser Richtung stellen eben auch das bisherige Verhalten der Führung in Frage. Wo ist denn die Wertschätzung, wenn es auf einmal nicht mehr auf individuelle Qualitäten oder besondere Leistungen ankommt? Retrospektiv werden dann auch in der Vergangenheit liegende positive Erfahrungen in Frage gestellt, Neubewertungen stehen ins Haus, das Vertrauen bröckelt. "It's business, my friend" kombiniert mit einem freundlichen Händedruck, mit dem man auch gleich die Klappbox für die persönlichen Wertsachen übergibt, kann gerne Schule machen. Nur bitte nicht in Deutschland.

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Mittwoch, 29. Juli 2026

Fools, Tools, Daten

Ein Sprichwort sagt "A Fool with a tool is still a fool". Wenn wir das ein wenig abstrahieren, können wir die Begriffe ersetzen und kommen wieder zu einer aktuellen und höchst zutreffenden Erkenntnis. Sagen wir "A KI without data is still a stupid robot", oder so ähnlich. Will sagen: Wir dürfen nicht erwarten, dass Künstliche Intelligenz einen Mangel an Daten oder deren Qualität ausgleichen kann. Da hat sich in den letzten Jahrzehnten auch nichts geändert: Solange ich mich erinnern kann empfehlen renommierte Beratungshäuser die Beschäftigung mit Daten, deren Bereitstellung und Qualitätssicherung.

Fools, Tools, Daten
Also alles nicht neu, oder doch? Neu ist, dass die Mängel heute nicht mehr so offensichtlich sind, zum Teil aber auch der geradezu naive Glaube an die Allmacht eines Sprachmodells über die Unzulänglichkeiten hinwegtäuscht. Was an den Daten unbrauchbar, widersprüchlich, lückenhaft oder falsch zugeordnet ist soll irgendein Algorithmus retten. An dieser Stelle geschieht ein Wunder, möchte man meinen. Aber es geschieht eben nicht.

In seinem Buch "Charakter ist kein Handicap" stellt Rupert Lay die Frage, was passieren muss, damit man einlenkt, seine Meinung ändert, zur Einsicht kommt. Dies wundervoll universelle Frage möchte ich hier auf die Priorisierung der Datenqualität loslassen. Was, liebe Entscheider, muss denn passieren, damit ihr erkennt, dass Datenqualität kein Schmuck am Nachthemd ist, sondern die Basis für alle auf Daten beruhenden Entscheidungen?

Egal, ob wir Prozessketten aufbauen, Kundengruppen identifizieren, Strategien entwickeln oder Entwicklungen priorisieren: Ohne verlässliches Datenmaterial geht es nicht. Da helfen keine automatisierten Workflows, intelligente Roboter, mehrdimensional Grafiken. Was vorne nicht stimmt kann hinten nicht zum richtigen Ergebnis führen. Und selbst die mühselige und aufwändige Arbeit der Verbesserung und Ergänzung ist bestenfalls ein Schritt in die richtige Richtung. Entscheidend ist, schon bei der Quelle anzusetzen und nicht zu sparsam mit Prüfungen zur Plausibilität, Dubletten und Vollständigkeit umzugehen.

Nicht allein, dass die Korrekturkosten am Anfang des Lebenszyklus eines Datensatzes relativ gering sind, hier kann man ohne übergroßen Aufwand mit modernen Methoden viel Arbeit durch Computer erledigen lassen. Eine unscharfe Suche in der Datenbank, ein Vergleich mit ähnlichen Datensätzen, die Validierung oder Einschränkung eingegebener Daten zum Beispiel bei einer Datumswahl können viel Müll vermeiden. Wer dann noch weitere künstliche oder menschliche Qualitätssicherer einsetzt, Erfahrungswerte in Regeln überführt und Querchecks einbaut kann schnell ein Niveau erreichen, das Mitbewerber neidisch macht.

Nächste Ausbaustufe ist die regelmäßige Kontrolle der Daten, Aktualisierung, allerlei Kreuz- und Querchecks zur Lebenszeit des Datensatzes. Ist noch alles plausibel, haben sich nach Informationen aus anderen Systemen möglicherweise Änderungen ergeben? Lässt sich aus einem Briefwechsel ableiten, dass der Kunde umgezogen ist, ohne dass der Bearbeiter dies in den Stammdaten nachgezogen hat?

Und die Beerdigung? Sie wird gerne völlig unterschätzt. Grundsätzlich kann man verlorene Kunden in einer separaten Datenbank vorhalten, aber für aktuelle Entscheidungen sollte man sich auf den tatsächlichen Stand beziehen. Was nicht mehr gebraucht wird muss weg, zumindest durch eine Markierung als ruhend erkennbar sein. Simple Maßnahme, aber wichtig. Im erweiterten Sinne gilt nämlich auch für die Arbeit der KI das Need-to-know-Prinzip. Der Bot soll nur das wissen und in seine Ergebnisse einfließen lassen, was er wissen muss und sinnvolle Basis ist.

Also, liebe Manager: Glaubt nicht an himmlische Möglichkeiten der KI, glaubt lieber an die allgegenwärtige Bequemlichkeit der Mitarbeiter, die geringe Halbwertszeit ursprünglich korrekter Daten und die Notwendigkeit des regelmäßigen Aufräumens. Da steckt in so manchem Vorgang noch viel vom Kleinkind, das lieber spielen als lernen möchte und lieber Spielzeug aus dem Schrank holt, als dorthin zurückzuräumen.

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Mittwoch, 22. Juli 2026

Ich bin das nicht schuld

Ich bin das nicht schuld
Wie gewohnt sitze ich morgens am Bahnhof, der Zug ist wie gewohnt verspätet, also die Zeit nutzen, schon mal das Notebook herausholen, anmelden, ein paar Gedanken notieren. Ein etablierter Ablauf, ich merke schon gar nicht mehr, dass er nicht dem Plan, sondern der Realität entspricht. Was ich aber merke ist der harte Sitz: Da ist unter mir eine aus Stahlrohren gefertigte Bank. Die Sitzfläche ist eine Art Stahlrost, es zieht von unten, die einzelnen Streben sind einfach nur hart. Entweder hat man einen Po, der ausreichend gepolstert ist oder man hat ein Polster dabei oder man stört sich nicht daran oder man muss leiden.

"Unbequem! Eine Zumutung! Warum gibt es nichts bequemeres?" möchte man den Monteuren dieser Sitzgelegenheit zurufen. Doch die zucken nur mit den Achseln, wurden lediglich beauftragt, diese Stahlkonstruktionen auf dem Bahnsteig zu platzieren.

Es liegt nämlich an den Schlossern, die haben das Teil zusammengebaut oder mit Maschinen hergestellt, sie hätten eine weichere Oberfläche einsetzen müssen. Darauf angesprochen verweisen sie auf ihren Auftrag, da ist kein Wort von Polsterung die Rede, das Werkstück wurde streng nach den Vorgaben gefertigt.

Woher mögen also die Zeichnungen kommen? Wir befinden uns auf der Planungsebene. Ein Konstruktionsbüro hat die Statik berechnet, Querschnitte festgelegt, Abstände der Stahlrohre, Traglast und Scherkräfte ermittelt und eine Montagemöglichkeit berücksichtigt. Polsterung ist allerdings nicht dabei, sie gehört nicht zur Tragfertigkeit des Bauelementes.

Die Vorgaben für dieses Büro kommen von einem Konsortium des eigentlichen Auftraggebers, das ist irgendein Unternehmen der Deutschen Bahn. Ein Gremium an Verantwortlichen wälzen Aktenordner an formalen Vorgaben, berücksichtigen Budgets und lassen sich von Erfahrungen mit den bisherigen Wartebänken berichten. Haltbarkeit, Kosten, aber auch typische Schwachstellen und Wartungsaufwände. An dieser Stelle kommen auch Gebrauchsspuren bis hin zu Vandalismusschäden in Betracht.

Polsterung fällt an dieser Stelle heraus, ist nicht dauerhaft zu reinigen, verschleißt oder wird beschädigt. Sie kostet Geld, verbessert aber nicht die Grundfunktion, also die Möglichkeit, sich hinzusetzen. Also: weg damit.

Sind also diese Sachbearbeiter, Entscheider, Auftraggeber die Auslöser meiner Schmerzen am Po? Eigentlich nicht, sie treffen auf der Basis ihrer Informationen eine sinnvolle Entscheidung. Auf einer zur Hälfte herausgerissenen oder mit Bier vom Vorabend durchtränkten Sitzfläche möchte ich ja auch nicht sitzen. Also stabil, unverwüstlich, durchlässig, aber eben auch hart bauen.

Ich bin das nicht schuld

Die eigentlichen Steuerer sind also die Asozialen, die das bereitgestellte Equipment missbrauchen, beschädigen, sich nicht zu benehmen wissen. Die Sachen kaputt machen, ihre Kräfte messen oder darauf pinkeln. Und damit haben wir das Ende der Kette erreicht, haben den Punkt identifiziert, der in großer Tiefe - auf den ersten Blick vielleicht sogar unsichtbar - als Ausgangspunkt bezeichnet werden kann.

Wenn ich also das nächste Mal eine unbequeme Situation erlebe, mich über einen Ablauf oder eine Entscheidung ärgere, dann werde ich mal genauer hinschauen, in die Tiefe gehen und vermutlich auch bei steigenden Kosten der Krankenkassen, vermeintlich unfähigen Angestellten eines Unternehmens oder sonstigen Ärgernissen einen ganz anderen Kern herausbekommen.

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Mittwoch, 15. Juli 2026

Alles dreht sich um Software

"Daten sind das neue Gold", erzählen die Berater und pfeifen damit im dunklen Wald, denn Daten zu bearbeiten, verteilen, organisieren ist ein Geschäft, das ihnen wohlbekannt ist. Da kann man im Laufe der Jahre ständig neue Ansätze entwickeln, Modelle einführen, Computerprogramme installieren und damit bei Entscheidungsträgern leuchtende Augen hervorrufen. Daten sind was Feines, sind sie beim Kunden vorhanden kann man mit ihnen irgendwas Nützliches machen, hat er sie nicht kann man für den Aufbau einer Datenübersicht sorgen.

Alles dreht sich um Software

Ganz anders ist das mit Software. Diese mehr oder weniger aufwändigen Computerprogramme haben sich längst verselbstständigt. Heute interessiert es nur noch am Rande, in welcher Sprache ein Tool geschrieben ist, selbst Integrierbarkeit oder Lauffähigkeit in sogenannten Containern werden immer mehr zur Selbstverständlichkeit. Und im Grunde unbemerkt werden die ehemals deterministischen Algorithmen immer klüger, selbst wenn sie nicht explizit als KI deklariert werden.

Der Slogan müsste also "Software ist die neue Basis" heißen. Produkte, die ihre Qualität früher im Wesentlichen aus ihrer Hardware schöpften, werden mit Software ergänzt. Erst wird die eingebettete Software zu einem wichtigen Kaufkriterium, schließlich übernimmt sie die Führung und die Hardware ist nur noch der nun einmal notwendige Körper um die Bits und Bytes. Wir beobachten diesen Trend beispielsweise bei Automobilen. Ein VW Käfer bestand vorwiegend aus Metall und ein paar Drähten, die die Lampen mit Strom versorgten. Sein Enkel (der New Beetle) ist bereits mit über hundert Sensoren ausgestattet, die in mehreren Bordcomputern ausgewertet werden und Motorzustand sowie Fahrparameter steuern. Und bei Autos von Tesla ist es kein Geheimnis, dass wir es mit einem rollenden Rechenzentrum zu tun haben.

Ähnliches gilt für Fotokameras, bei denen die Präzision der Optik immer unwichtiger wird, weil die Software hinter dem Chip geräteindividuell die Abbildungsfehler herausrechnet. Züchtung von immer lichtempfindlicheren Chips ist unsinnig, weil auch hier schlaue Algorithmen Verwacklungen verfolgen und entfernen können. Der Body ist nur noch die Hülle für die Montage des Objektivs, einen Bildschirm und Bedienelemente. Viele Smartphones machen das nebenher.

Doch auch vor vermeintlich konservativen Branchen macht dieser Trend nicht Halt. Jüngst verkündete Jamie Dimon, der CEO der Großbank J. P. Morgan, dass sie zukünftig weniger Banker und mehr KI- und Technologieexperten einstellen wollen. Ein Wechsel der gesuchten Personalprofile, Tendenz also auch hier, Fachlichkeit durch Software und KI zu ersetzen. Und so wenig wie wir im täglichen Leben (und ohne nostalgische Gefühle) einen VW Käfer fahren wollen, so wenig werden wir auf Dauer ohne die allseits vorrückende Software zufrieden sein. Ein erfahrener Bankberater ist toll, aber wenn ich bessere Ratschläge von ChatGPT bekomme, ist er überflüssig.

Der Zug rollt, nicht nur die fortschreitende Technisierung, auch deren Vernetzung sind in Bewegung geraten und nicht aufzuhalten. Immer selbstverständlicher und für den Anwender unbemerkt tauschen Computer untereinander ihre Daten aus, bestellen ohne menschliche Intervention Ersatzteile oder steuern Produktionsstraßen. Längst reicht es nicht mehr, wenn eine Maschine Löcher stanzt, sie muss auch "teamfähig" mit den zugelieferten und weitergereichten Werkstücken umgehen können sowie auf Befehl der zentralen Orchestrierung ihre Arbeit anpassen.

Maschinen und deren Steuerung werden menschlicher, und dafür brauchen sie eben Software, zusätzlich zu den Motoren, Lagern und Werkzeugen. Ohne es zu merken ist auch hier eine Welle der Stilllegung im Gange, der Ersatz etablierter Technik durch eine neue Generation "smarter" Hardware. Nicht nur Mitarbeiter müssen umgeschult oder gar durch Menschen mit anderen Kompetenzen ersetzt werden, auch Geräte sind von immer kürzeren Verwendungszyklen betroffen.

Anmerkung: In diesem Zusammenhang mag man sich fragen, wie dieser hohe Veränderungsdruck und die Notwendigkeit der Flexibilität und regelmäßigen Umschulung zur Erhöhung des Rentenalters passt.

Halten wir fest, dass eine Werteverschiebung stattfindet, weg von Hardware hin zu Software. Und damit natürlich auch eine Verschiebung der Schwerpunkte der jeweiligen Produktion (Maschinenbau versus Software-Entwicklung), was wiederum zu Umdenken auf allen Unternehmensebenen von der operativen Ebene bis zum Vorstand und vom Einkauf bis zum Vertrieb führt.

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Mittwoch, 8. Juli 2026

Mein Schwammtuch wird älter

Mein Schwammtuch wird älter

 Da liegt es vor mir im Waschbecken, ein wenig zuerknautscht und die Ränder stehen hoch. Trocken, ziemlich steif und mit dem einen oder anderen Fleck, der sich im Laufe der Zeit im Schwamm festgesetzt hat. Die Grundfarbe des Schwammtuches ist noch weitgehend erhalten geblieben, ein wenig verblichen vielleicht, aber der lilafarbene Ton ist noch deutlich zu erkennen.

Ich erinnere mich an das Auspacken aus der dünnen Plastikfolie, in der es mit seinen Kameraden zum Kauf angeboten worden war. Durch irgendeine Substanz war es zu diesem Zeitpunkt ganz weich und geschmeidig, obwohl es wochen- oder gar monatelang keine Feuchtigkeit von außen abbekommen hatte. Also erst mal durchwaschen, kneten und dann in strahlender Frische am Waschbecken bereitlegen.

Täglich dann der Einsatz, wenn es darum ging, die Wasserreste aus dem Waschbecken zu entfernen. Saugstark und ohne Rückstände zu hinterlassen sorgte es für einen strahlenden Waschtisch. Seifenreste mit einem Wisch entfernt, Wassertropfen wie von Zauberhand verschwunden. Ausdrücken, noch mal drüberwienern und fertig.

Das fällt ihm heute viel schwerer. Manchmal muss ich eine Stelle zweimal putzen, mal lässt es sich nicht so einfach ausdrücken oder das Aufwecken aus der nächtlichen Steife dauert länger. Auch die durch den Gebrauch angesammelten Rückstände nehmen natürlich mit der Zeit zu. Immer häufiger muss ich das Schwammtuch mit einem Haushaltsreiniger durchspülen und die Mischung aus Kalk, Makeup, Seife und Rasur zu entfernen.

Aber trotz der Pflegemaßnahmen und dem behutsamen Gebrauch merke ich doch, dass die Leistung nachlässt, die Flecken zunehmen und die Saugkraft langsam zu wünschen übriglässt. Keine Frage: Ich lasse den Schwamm trocknen, gebe ihn in den Müll und ersetze ihn durch ein neues Exemplar.

So einfach ist das mit einem Schwammtuch. Wegwerfen und ersetzen. Das geht mit mir selbst und meinen Mitmenschen nicht so leicht. Wenn ich morgens aufstehe und erst mal die Beine ausschütteln muss, vielleicht sogar an irgendeiner Stelle meines Körpers etwas schmerzt, dann kann ich meinen Alterungsprozess vielleicht mit sportlicher Aktivität verlangsamen, aufhalten kann ich ihn nicht.

Schlimmer noch die geistige Alterung. Wie beim Schwammtuch sammeln sich in meinem Gedächtnis immer mehr Rückstände an, unangenehme Erinnerungen, negative Erfahrungen, mehr oder weniger verarbeitete Durchhänger in meinem Leben. Und die einschneidenden Erlebnisse haben langfristige Veränderungen in mir ausgelöst, ähnlich wie die endgültig eingezogenen Flecken im Schwamm.

Wenn es doch nur mich beträfe. Aber das ist natürlich nicht der Fall. Alle Menschen um mich herum werden ja auch älter, steifer, starrer. Auch sie haben irgendwelche vielleicht negativen Erfahrungen gemacht, gehen nicht mehr vorbehaltlos an Situationen heran oder auf andere Menschen zu. Und selbst die "Seifenreste", Positives also, lässt sich nicht mehr mit einem Schwenk entfernen. Da steigen die Ansprüche, denn der legendäre Zelturlaub mit dem lustigen Zwischenfall am Baggersee kann heute nur noch durch eine Karibik-Kreuzfahrt getoppt werden.

Schließlich kennen auch die Unternehmen dieses Phänomen. Ältere Angestellte haben mehr Erfahrung, im Idealfall sitzt jeder Handgriff. Aber die Wendigkeit und der Umgang mit neuen Ansätzen ändern sich, ein 'das haben wir immer so gemacht' kommt immer öfter. Man muss sich nicht wundern, dass diese Arbeitnehmer dann mehr oder weniger lautlos gegen jüngere Ressourcen ausgetauscht werden. Im Sinne von 'neue Schwammtücher saugen gut' kehr die notwendige Geschmeidigkeit wieder ein, sind die Widerstände gegen Veränderung verringert.

Das kann man von zwei Seiten betrachten, zum einen aus der Perspektive der Personalabteilung, zum anderen aus dem Blickwinkel der Mitarbeiter. Zwar ist der Alterungsprozess unausweichlich, aber wie deutlich der Altersstarrsinn von uns Besitz ergreift liegt schon in unserer Hand. Sorgfältige Selbstbeobachtung, Einholen von Feedback echter Freunde und bei Bedarf beherztes Gegensteuern sind die Mittel der Wahl. Damit wir nicht wie fleckige und versteifende Schwammtücher vom Arbeitsmarkt entsorgt und ersetzt werden.

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Donnerstag, 2. Juli 2026

Reisegruppe und Selbstorganisation

Bei uns im Büro ist das neue Paradigma der Selbstorganisation von Teams angekommen. Da gibt es keine vorgegebenen Strukturen mehr, keiner hat von Vornherein klar die Führung, da kommen einfach ein paar Personen zusammen und - schwupps - wie auf dem Hühnerhof gibt es eine Ordnung. Nein, nein, ich würde nicht von Hackordnung sprechen, laut Fachkundigen ist es mehr das Ergebnis gegenseitiger Einsicht und daraus erwachsender Führung und Unterordnung.

Reisegruppe und Selbstorganisation

Gerade habe ich das bei einer kleinen Reisegruppe erlebt. Wir waren zu viert unterwegs, kein ausgewiesener Reiseführer, aber einer von uns war schon mal hier gewesen. Es hätte sich also angeboten, dass er den kleinen Trupp angeführt, die Richtung vorgegeben hätte. Aber das war nicht der Fall. Zwar fachkundig war er so gar kein Führungsexperte, mehr so der Mitläufer-Typ. Ob er aus dem Herzen heraus die mit Vorauslaufen verbundene Verantwortung scheute oder ob er einfach keine Lust darauf hatte: Keine Ahnung. Jedenfalls machte er keine Anstalten, seine drei anderen hinter sich zu versammeln.

Erst mal gab es eine kleine Pause, zwei unterhielten sich, damit sie nicht in die Verlegenheit der Routenführung kamen, der dritte holt sein Handy heraus und startet Google. "Mir nach!" ruft er, saust vorneweg und übersieht dabei einen Abzweig, so dass die kleine Truppe eine Weile in die falsche Richtung läuft. Seinem Selbstvertrauen schadet es nichts, voller Elan stürmt er voran, die Gesprächigen laufen einfach hinterher, der Ortskundige bildet den Abschluss.

Mit leichter Verspätung wegen der ungeschickten Bögen und mehreren notwendigen Neuorientierungen kommen wir am Ziel an. Das ganze Team hat gute Laune, vorneweg der selbsternannte Reiseführer, die ungestörten Plaudertaschen und der in Stille versunkene Fachmann. Würde man sie jetzt in einer Review-Runde befragen würde keinem eine Optimierung einfallen, sind doch alle mit dem Ergebnis zufrieden und ihrer jeweiligen Rolle und ihrem Charakter glücklich.

So funktioniert also Selbstorganisation. Ich sage ja nicht, dass sie nicht funktionieren kann, auch nicht, dass sie ein grundsätzlich schlechtes Modell ist. Aber in der Praxis ist der Mensch mit der größten Klappe oder derjenige, der irgendeine Rolle an sich reißt, nicht unbedingt die Idealbesetzung. Und das Schlimmste: Das Team merkt es noch nicht mal. Wie die Lemminge stürzen sie sich freudestrahlend kollektiv ins Meer.

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Mittwoch, 24. Juni 2026

Das Bauchgefühl der KI

Das Bauchgefühl der KI
Vor Jahrzehnten – der Begriff der Künstlichen Intelligenz war nur in Forschungsinstituten bekannt – kam ein großes Kreditinstitut auf die Idee, auch in sozialen Brennpunkten oder weniger wohlhabenden Gegenden Kredite auszugeben. Grundlage für die Vergabe war ein Ranking des Antragstellers, in das verschiedene Faktoren einbezogen wurden.

In Vorbereitung dieser Maßnahme wurden alle Kreditvergaben der vergangenen Jahre untersucht und alle zur Verfügung stehenden Informationen in die Beurteilung aufgenommen. Da waren Alter, Geschlecht, Adresse, Körpergröße, Automarke und diverse Informationen über das Umfeld und die Nachbarschaft enthalten (Datenschutz war damals noch nicht so empfindlich wie heute).

In mühsamer Arbeit wurden die ganzen Eingangsparameter bezüglich ihrer Auswirkungen auf die Kreditwürdigkeit untersucht und am Ende kamen nur fünf Eingangsgrößen heraus, die als Paket eine sehr hohe Trennschärfe ermöglichten. Absolut überraschend war einer der Parameter die Automarke des Nachbarn.

Niemand der Experten konnte die Auswahl erklären, aber es war unübersehbar und selbst nach wiederholten und sorgfältigen Testläufen konnte man sich mit dieser Auswahl in die Praxis wagen. Und tatsächlich funktionierte das Modell, war der Geschäftsfall positiv. Auch wenn für die Entscheider oder die Antragsteller unbefriedigend, konnte der Spreu vom Weizen getrennt werden.

Was man daraus lernt ist die Möglichkeit, aus der Strukturierung von Daten überraschende Schlüsse ziehen zu können. Wir kennen dieses Phänomen ja aus heutigen KI-Prozessen und könnten in diesem Zusammenhang von einem „Bauchgefühl der KI“ sprechen. Und so, wie wir erfahrenen Vertriebsmitarbeitern eine gute „Menschenkenntnis“ zuschreiben, so kann man dies offensichtlich auch in technischen Prozessen abbilden.

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Mittwoch, 10. Juni 2026

Mischung und Entmischung

Mein Schokomüsli ist eine Mischung aus Schokostückchen, Kakaopölsterchen und Haferflocken. Das alles in einem definierten Verhältnis, das zu diesem spezifischen Produkt führt, mit seinen Nährwerten und seinem typischen Geschmack.

Wenn ich die Umverpackung aus dem Supermarkt öffne und den Plastikbeutel mit dem Müsli herausnehme, dann sehe ich zwar die verschiedenen Bestandteile, aber sie sind nicht gleichmäßig verteilt. Vielmehr haben sich die Haferflocken deutlich sichtbar von den restlichen Ingredienzien getrennt und diese wiederum sind auch nicht überall gleichermaßen vertreten.

Mischung und Entmischung
Ich nehme den Beutel, stelle ihn auf den Kopf, schüttele ihn durch, knete, schüttele wieder und drehe ihn unter fortgesetztem Schütteln auf verschiedene Seiten. Langsam scheint sich der Inhalt zu einer einheitlichen Mischung zu formen. Aber schon beim Umfüllen in mein Vorratsglas geht ein Teil der mühsam erkämpften Gleichmäßigkeit wieder verloren.

Ähnliche Phänomen können wir auch in der Gesellschaft beobachten. Projekte zur Auflockerung allzu homogener Strukturen bezüglich Alter, Herkunft, sozialer Ebene oder anderer Eigenschaften verlaufen nahezu immer im Sande. Generationsübergreifendes Zusammenleben funktioniert ebenso selten wie die Kombination aus sozialem Wohnungsbau und Komfortbebauung.

Auch in Unternehmen bildet sich typischerweise eine bestimmte Mischung aus Mitarbeitern aus, die sich an der Kultur und der vorhandenen Struktur orientiert. Reorganisationen stören zwar die entstandenen lokalen Domänen, aber mit der Zeit bilden sich dann doch wieder kleine Abschnitte mit intern homogenem Kern aus.

In allen Fällen ist die Herstellung einer bunten und gleichmäßigen Mischung – sei es an menschlichen Charakteren, intellektuellem Niveau, Wohnkultur etc. – ein energieraubender Antritt. Leichtgängig und ohne äußeres Zutun treten mit der Zeit Entmischungseffekt ein. Es entsteht ein „Chinatown“, setzen sich die Akademiker gegenüber den Kollegen ohne Hochschulabschluss ab.

Übrigens findet man diesen Effekt auch bei Kunden. Hier sind die Auswirkungen schon lange bekannt und werden in Form verschiedener Modellreihen oder sogar verschiedenen Marken differenziert bedient. Sehr clever, denn in diesem Fall wird keine Energie in die Herstellung einer Mischung verwendet, sondern die nun mal vorhandene Entmischung akzeptiert und darauf reagiert.

Genau das ist es, was wir auch bei allen anderen Themen als Option im Auge behalten sollten. Ist eine Mischung überhaupt notwendig oder wünschenswert? Oder ist es nicht viel geschickter, den Status Quo zu akzeptieren und das weitere Vorgehen daran auszurichten.

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Mittwoch, 27. Mai 2026

Predictive Maintenance: Menschen und Autos

Wer auf Nummer sicher gehen will und es sich leisten kann, der fährt sein Auto regelmäßig zur Inspektion. Da werden die Flüssigkeiten kontrolliert, Riemen ausgetauscht, Filter ersetzt. Manches dabei nach Begutachtung, anderes nach vorgegebenen Serviceintervallen. Der Zahnriemen ist alle hunderttausend Kilometer dran, egal wie gut er noch aussieht - wer hier pennt wird teuer bestraft.

Doch ist das wirklich so? Wie steuern wir denn die Wartung bei unserem menschlichen Körper? Da wird auch nicht die weibliche Brust entfernt, nur weil man ab Mitte 50 mit einem erhöhten Krebsrisiko rechnen muss. Oder Hüftgelenke in vorauseilendem Servicegedanken durch künstliche Bauteile ersetzt, um der anstehenden Arthrose zuvor zu kommen. Da geht den Eingriffen oder medikamentösen Maßnahmen eine Diagnose voraus, in die konkrete Messwerte des Körpers, Risikoabschätzungen und Statistiken eingehen.

Für heutige Technik - Stichwort Künstliche Intelligenz - ein Kinderspiel. Die Auswahl der notwendigen Informationen, Sensoren, Auswertung von Erfahrungswerten und Statistiken sind die Basis von sinnvollen Einschätzungen der Notwendigkeit von Wartungsmaßnahmen. Starre Vorgaben sollten der Vergangenheit angehören, das gilt für unsere Autos genauso wie für die Check-up-Untersuchungen beim Onkel Doktor.

Predictive Maintenance: Menschen und Autos
Nicht wahr, beim Automobil gibt es jährlich einen TÜV-Report. Da gehen Daten aller untersuchten Autos ein und sorgen so für ein recht klares Bild, an welcher Stelle bei welchem Modell besonderes Augenmerk gefordert ist. In Kombination mit den vorhandenen Sensoren und Fehlerprotokollen der Bordcomputer eine solide Grundlage für individuelle Wartungsmaßnahmen.

Ähnlich braucht man nicht für alle Menschen die gleichen Vorsorgeuntersuchungen, erst recht nicht zu gleichen Zeitabständen. Bisherige Untersuchungen, familiäre Vorgeschichte, Statistiken und einige wenige aussagekräftige Messungen geben ein gutes Bild. Und Künstliche Intelligenz kann die hieraus abzuleitenden Schlüsse von der Erfahrung oder Fachkompetenz entkoppeln, dem Arzt mit tiefem Detailwissen auf dem neuesten Stand der Erkenntnis zur Seite stehen.

Der Haken bei der Sache: Es gibt nicht wenige Interessengruppen, die gar nicht begeistert von dieser Entwicklung sind und mit den einfallsreichsten Argumenten gegenhalten. Da wird Angst geschürt, weil man sein Leben angeblich unkontrollierbar in die Hände von Technik legt. Weil Empfehlungen gegeben werden, die auf den ersten Blick überraschend sind und deren Grundlage man sich erst erarbeiten muss.

Und welche Werkstatt möchte schon Kunden, die erst den Zahnriemen wechseln lassen, wenn er wirklich in diesem Fahrzeug, bei dieser Fahrbelastung und diesem Fahrstil auf die Verschleißgrenze zugeht.

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Mittwoch, 20. Mai 2026

Nach-Nachhaltigkeit

Mich faszinieren Begriffe, die irgendwann in der öffentlichen Wahrnehmung und Kommunikation auftauchen, eine Weile als Schlagzeilen, in Foren, Vorträgen und Politiker-Statements zu finden sind, und dann wieder rückstandslos verschwinden.

Nachhaltigkeit ist so ein Thema. Wenn man darunter Rücksicht auf die Umwelt versteht, dann war ich als Kind viel nachhaltiger als es heute Mode ist. Alte Radios wurden nicht weggeworfen, sondern repariert, hilfsweise ausgeschlachtet und zu kleinen Verstärkern umgebaut.

Nach-Nachhaltigkeit
Geschäfte waren persönliche Vorgänge, Kunden wurden nicht verbraucht, sondern aufgenommen und über die Zeit betreut, das Verhältnis gepflegt und im wörtlichen Sinne nachgehalten. Es war vielleicht unangenehm, wenn der Mann hinter dem Schalter mich als Bub fragte, was ich denn mit dem vom Sparbuch abgehobenen Geld machen wollte, aber es war eben auch eine Form von Nachhaltigkeit.

Und heute sind wir in einer Phase der Nach-Nachhaltigkeit. Sei es, dass Kunden als nachwachsender Rohstoff missverstanden werden, sei es, dass Nachhaltigkeitssiegel wichtiger sind als die Verfolgung des Grundgedankens.

Nachhaltigkeit ist eng mit dem Zeitbegriff verknüpft. Sie bindet unser aktuelles Verhalten als Fortentwicklung der Vergangenheit mit einer Zielsetzung für die Zukunft. Wenn wir also von Nachhaltigkeit sprechen, dann betrachten wir die Vergangenheit bis zur Gegenwart und steuern so, dass die gewünschte Zukunft entsteht.

Ähnlich einem Spiegel im Spiegel sollte damit auch die Nachhaltigkeit nachhaltig sein. Dazu muss sie immer mal wieder auf den Prüfstand. Und außerdem ist sie langfristig zu verstehen, ein paar kurzfristig eingeleitete Maßnahmen oder punktuelle Kundenbindungsprogramme sind zwar lobenswert, aber sicher nicht als wirklich nachhaltig zu bezeichnen.

Wir brauchen Nachhaltigkeit, sie ist eine strategische Forderung auch bei Geschäftsmodellen mit eher kurzem Zeithorizont. Wer Kunden schneller verschleißt als er sie gewinnt oder mit Rohstoffen so verschwenderisch umgeht, dass die Wirtschaftlichkeit gefährdet ist, der läuft schon nach kurzer Zeit gegen die Wand.

Weg also von Nachhaltigkeit für die Galerie, rein in die Geschäftsprozesse, die Produkte, die Kundenbeziehungen, den Mitarbeiterumgang (Kultur) und so weiter. Nachhaltigkeit 2.0 umfasst alle Seiten des Unternehmens und wirft schnell auch messbare Deckungsbeiträge ab.

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Mittwoch, 13. Mai 2026

Lasst die Kreativität heraus

Jetzt ist wieder Abiturzeit. Da hat es sich in den letzten Jahren etabliert, dass die Eltern oder Geschwister oder Freunde allerlei Plakate anfertigen, die sie vor der Schule aufhängen und damit den Prüflingen Mut spenden wollen. Eine schöne Mode, die zeigt, wie einfallsreich manche Menschen sind und wie nahezu unerschöpflich der Pool an bemerkenswerten Sprüchen ist.

Lasst die Kreativität heraus!

Ja, wenn wir diese Kreativität doch gleich auch für andere Bereiche nutzen könnten. Sind die Eltern vermutlich knapp fünfzig Jahre alt, dann kann man vermuten, dass sie noch mitten im Berufsleben stehen. Wo sie ja gerne auch ihren Einfallsreichtum beweisen können. Doch wie traurig ist die Verschwendung dieser Ressource, weil Menschen in diesem Alter nicht mehr für Innovation angesprochen werden.

Nein, Neuerungen müssen von jungen Menschen kommen. Da scheiden Eltern von Abiturienten aus, viel zu alt, nur noch für Routinearbeit zu benutzen, komplett eingefahren in ihren Abläufen und deshalb keine Kandidaten für spannende Impulse.

Warum denn? Nicht alleine, dass die Möglichkeiten der älteren Generation ungenutzt verloren gehen, es ist auch die Motivation und die Freude zur Mit- und Neugestaltung, die brach liegt. „Eltern, wehrt euch“, möchte ich sagen, denn Kreativität ist kein Privileg junger Leute, vielmehr eine Eigenschaft, die wir zwar als junge Menschen mitbekommen, die aber mangels Training im Laufe des Lebens verloren gehen kann.

Eigentlich sollte es ja im Interesse der Unternehmen sein, diese Kreativität, diesen Einfallsreichtum zu fördern und zu fordern. Doch was ich so erlebe, wird dies nur recht halbherzig gemacht. Es ist also an der Zeit, den Spieß umzudrehen, nicht auf die Aufforderung zu warten, sondern die Ärmel aktiv hochzukrempeln und auch dort Impulse zu geben, wo sie nicht ausdrücklich angefordert werden.

Das Entfesseln der eigenen Kreativität muss ja nicht nur in der Mal-AG passieren; Oft hilft ein Blick auf die persönlichen Neigungen, begeisternde Aktivitäten in der Kindheit, die Freude an Gestaltung in privat anmutenden Themen. Und plötzlich kommt wieder Leben in eine langsam langweilig werdende Tätigkeit, kann man Kolleginnen und Kollegen mitreißen und Führungskräfte von Alternativen überzeugen.

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Mittwoch, 6. Mai 2026

Das Aussetzen normaler Regulierungsprozesse

Gerade sitze ich mal wieder in der Regionalbahn. Mir schräg gegenüber eine Mutter mit ihrem Kind, beide kommunizieren in einer mir fremden Sprache. Was ich mitbekomme ist das lautstarke Kreischen des Kindes, vermutlich weil es sich einer Anweisung der Mutter widersetzen will. Da ich kein Wort verstehe, kann ich nicht beurteilen, ob es ein mehr oder weniger normales Gequengel ist, oder ob das Kind geistig behindert ist und deshalb seine Lautstärke und wilden Tritte nicht kontrollieren kann.

Das Aussetzen normaler Regulierungsprozesse

Der gesamte Wagon ist belästigt, ein klarer Gedanke ist keinem anderen Fahrgast möglich. Trotzdem greift keiner ein, beschwert sich bei der Mutter oder weist gar das Kind zu Recht. Nein, ein einzelner junger Mensch terrorisiert rund zwei Dutzend Mitmenschen. Würde ich an seiner Stelle Lärm machen, herumrandalieren und für ähnliche Unruhe sorgen, dann wäre der Teufel los. Im einen wie im anderen Fall bildet sich schnell ein gemeinschaftlicher Konsens. Beim Kind sind sich die anderen Fahrgäste einig, dass das Verhalten störend, aber zu tolerieren ist. Es ist ja nun mal ein Kind. Ausländisch jedenfalls, geistig eingeschränkt möglicherweise.

Auch bei Störungen durch mich wären sich die Fahrgäste einig und in der Deckung der vermuteten Gleichgesinnung würde sich unverzüglich der eine oder andere finden, der mich zu Recht weist. Die Gemeinschaft nimmt die Störung auf, reagiert darauf und sorgt für Ruhe. Aber genau dieser Regulierungsprozess setzt im Falle des Kindes aus.

Auch in anderen Situationen zum Beispiel bei Betrunkenen, bei besonders bulligen oder aggressiv wirkenden Zeitgenossen, in bestimmen Fällen auch gegenüber Ausländern setzen diese Regulierungsprozesse aus.

Mal ist es die Angst vor aggressiver Gegenwehr oder die Sorge vor der Unterstellung böser Absichten, Ausländerfeindlichkeit, Intoleranz oder egoistischen Interessen. In anderen Fällen ist es die Einsicht, dass eine Intervention nicht zielführend ist, man bei der anzusprechenden Person kein Verständnis oder keine Änderung herbeiführen kann. Ein Betrunkener, der in der vollen S-Bahn seine Hose herunterzieht und ungeniert masturbiert wird nicht aufgefordert, sich wieder anzuziehen. Vielmehr schauen alle mehr oder weniger beschämt weg.

Und auch die Bestrafung ist ein Feld, das an durchschnittlichen "normalen" Menschen orientiert ist. Wer kein Geld hat, dem kann man keine Geldstrafe auferlegen. Wer auf der Straße schläft, wird sich über eine Übernachtung im Gefängnis vielleicht eher freuen als davor gruseln.

Ein recht komplexer Prozess, diese Selbstregulierung. Von allerlei äußeren Faktoren, der Kultur, dem Umfeld und natürlich der aktuellen gesellschaftlichen Grundeinstellung abhängig. Da darf man sich nicht wundern, wenn er mal mehr, mal weniger funktioniert. Ärgerlich nur, wenn man selbst das Opfer ist, wenn er gerade aussetzt.

Ach ja, gilt auch in Unternehmen. Wie sich Abteilungen formieren, die Angestellten sich gegenseitig in ihrer Haltung zu Mitarbeitern oder Prozessen aufstellen, das unterliegt theoretisch auch einer Selbstregulierung. 

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Mittwoch, 29. April 2026

Die blöden Eingeborenen

Als wir noch richtige Eroberungszüge gemacht haben, da sind wir auch immer mal mit schweren Holzkisten zu den Stämmen gezogen, haben diese Kisten geöffnet und den Eingeborenen die wunderbar glitzernden, aber total wertlosen Glasperlen gezeigt.

In ihrer großen Dummheit haben die Ureinwohner dann ihre Dorfältesten befragt, die mangels besseren Wissens diesen Tand als wunderschöne Geschenke der von weit hergereisten Gäste verstanden haben. Objektiv war der Kram für die Eroberer praktisch ohne Wert und wurde benutzt, um die Stämme zu betrügen. Und damit nicht genug, wurden sie hinter den Kulissen für ihre vermeintliche Blauäugigkeit auch noch verhöhnt.

Die blöden Eingeborenen
Ja, die schlauen Seeleute waren den Eingeborenen in jeder Hinsicht überlegen, konnten ihnen irgendwelche vermeintlichen Schätze vorlegen und ihnen unwahre Geschichten dazu erzählen. Ihren Informationsvorsprung konnten sie nutzen, um die anderen über den Tisch zu ziehen und sich Vorteile zu verschaffen.

Das ist ja heute ganz anders. Wir haben alle unser Internet, sind kluge und gebildete Menschen und lassen uns nicht so leicht einen Bären aufbinden. Oder doch?

Auch und gerade die Nutzung der zahlreichen Angebote an Künstlicher Intelligenz erinnert mich sehr an die Glasperlen, die die Eroberer seinerzeit den gutgläubigen Ureinwohnern vorgelegt haben. Da glitzert es im Internet, ist jedes Bild ein bestaunenswertes Kunstwerk. Sind die Texte von literarischem Tiefgang und die musikalischen Kompositionen besser als die Erzeugnisse der Komponisten.

Doch bei kritischer Betrachtung stellt man fest, dass wir minderwertige Glasprodukte erhalten haben, nicht zu vergleichen mit den Zuchtperlen einer seltenen Muschelsorte. Leicht verdaulich und auf den ersten Blick attraktiv kommen von den selbstbewussten Chatbots Ergebnisse, die mit den mühsam erarbeiteten Werken großer Künstler mithalten zu können scheinen.

Und da stellt sich die Frage, ob wir nicht selber die „blöden Eingeborenen“ sind, die die Qualität und den Wert völlig falsch einschätzen. Die gut gemachte Kombination von Versatzstücken schon für kreativ halten und ein mäßiges Plagiat nicht von einem Original unterscheiden können.

Dabei darf man ja durchaus die Leistungen einer KI nutzen, ihre Ergebnisse in der Produktion von Bildern, Texten oder anderem nutzen und zu schätzen wissen. So wie auch die Eingeborenen sich gerne mit den Glasperlen behängen dürfen und mit ihnen um das Lagerfeuer tanzen. Nur diesen Tand als hochwertige Dinge zu bewerten und einen entsprechenden Gegenwert anzubieten, das ist natürlich fehl am Platz.

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