Mittwoch, 3. Mai 2023

Analoge Chat-GPT

Klaus ist auch so einer. Ich liebe ihn für seine Spontanität und sein Improvisationstalent. Wenn man mit ihm zusammensitzt, vornehmlich nach einer guten Mahlzeit und einem alkoholischen Getränk vor sich, dann wird es meist lustig, zumindest aber kurzweilig. Es ist nicht nur die Vielzahl der Themen, die er im Laufe des Abends streift, nein, aus zwei hingeworfenen Stichworten kann er eine kleine Story machen. Die klingt selbst dann völlig überzeugend, wenn sie an den Haaren herbeigezogen ist.

Ich habe Klaus mal gefragt, ob er auch im Berufsleben so ist. Neigt er auch in Besprechungsrunden zum Erzählen von spontan ausgedachten Geschichten, sind die wie selbstverständlich zitierten Zahlen ein Erzeugnis seiner Phantasie. Diplomatisch und erfinderisch wie gewohnt hat er mir geantwortet, dass es die Mischung macht. So gut es geht unterlegt er die Fakten, die ihm bekannt sind und der Rest, nun der wird mehr oder weniger deutlich erkennbar zugemischt. Aber das nimmt ihm keiner übel, nimmt er seine Zuhörer doch besser mit als jede Powerpoint-Folie oder Excel-Tabelle.

Analoge Chat-GBT
Da muss ich an die Chat-GPTs [Sprach-Roboter, der auf maschinellem Lernen beruht] denken. Eine neue Technologie, sogenannte Sprachmodelle, die Antworten in perfektem Deutsch formuliert aus einzelnen Suchtreffern zusammenbauen. Genau wie Klaus muss das nicht immer so ganz zutreffen, werden Fakten auch mal falsch zusammengeführt oder irreführend ausgebaut.

Wer würde an dieser Stelle an die Boulevardpresse denken, wer glaubt an die Neutralität großer Internet-Suchmaschinen oder ist von der Ausgewogenheit seriöser Nachrichtendienste überzeugt? Irgendwie steckt in jedem ein Klaus und ob der nun aus Fleisch und Blut ist oder ein trainierter Computer seinen Dienst tut: Trau schau wem.

[Andere Blogs: Dienstliche GlossenFeingeistiges]

Mittwoch, 26. April 2023

Berührt, geführt

Berührt Geführt
Ich war überrascht, dass im spanischen Sprachraum ein Musikinstrument nicht gespielt, sondern berührt wird. Was für ein schönes Bild, denn eigentlich veranstalten wir ja kein Spiel mit dem Klangerzeuger, sondern gehen eine körperliche Interaktion mit ihm ein. Erst durch die mechanische Initiative entsteht ein Ton, mal durch Spannung einer Membran, einer Saite oder auch durch Kompression einer Luftsäule. Jedenfalls entsteht das Geräusch erst durch mein Zutun, von alleine kommt kein Ton heraus. Daneben spielt auch die Resonanz ein wichtige Rolle und mit ihr zusammenhängend die Bildung von Obertönen, die erst die Klangfarben der unterschiedlichen Instrumente hervorrufen.

Berührung ist in diesem Sinne also eine Aktion meinerseits, die zu einer Reaktion (im Falle des Musikinstrumentes ein Ton) führt. Wie ich berühren muss hängt vom Instrument ab: Ein Klavier hat Tasten, eine Geige einen Bogen, eine Trommel Stöcke und so weiter. Und was als Reaktion zurückkommt ist zwar als Frequenz messbar und kann als Note aufgeschrieben werden, ist aber unterschiedlich laut und klingt je nach Instrument anders.

Ich möchte auf gewisse Parallelen zum Umgang mit Mitmenschen, ich nenne es mal Führung (im weiteren Sinne) hinweisen. Wie in meinen Erläuterungen zum Musikinstrument muss ich den Menschen berühren, ihn abholen und mitnehmen. Das ist nicht körperlich zu verstehen, sondern im emotionalen oder argumentativen Sinne, ja sogar Drohung und Gewalt gehören prinzipiell dazu. Schlägt diese Berührung fehl, dann passiert gar nichts, es gibt keine Reaktion, entsteht keine Handlung. Und individuell ist die Empfindlichkeit für Berührungen in diesem Verständnis sehr unterschiedlich, auch die kitzligen Stellen sind bei jedem Menschen anders verteilt. In diesem Zusammenhang wird oft auch der Begriff der Motivationsknöpfe verwendet. Nichts anderes als die berührungsempfindlichen Stellen des jeweiligen Charakters.

Auch die entstehende Handlung, also die Form, der Umfang und sonstige Ausprägung ist je nach Mensch deutlich unterschiedlich. Von der verlässlichen Grundlage eines Basses bis zu den punktuellen Highlights einer Trompete ist musikalisch wie auch charakterlich alles im Spektrum enthalten.

Und schließlich noch der Hinweis, dass wir es im Leben mit Solisten, Duetten bis hin zu Bigbands und Orchestern zu tun haben. Einleuchtend, dass hier nicht eine einzige Motivation funktionieren kann, sondern jeder Mitspieler oder jedes Ensemble gezielt zur Resonanz angeregt werden muss.

[Andere Blogs: Dienstliche GlossenFeingeistiges]

Mittwoch, 19. April 2023

So prägt es sich ein

So prägt es sich ein
Der Witz geht so: Da sitzt ein Pärchen beim romantischen Picknick, auf einmal kommen aus dem Gebüsch zwei fremde Gestalten, offensichtlich Bewohner einer fernen Galaxie mit Ohren wie Spock. Nach anfänglichem Schrecken freunden sich die beiden Paare an und in angetrunkener Laune lassen sie die Hemmungen fallen und tauschen die Partner. Einige Zeit später sind die Außerirdischen wieder verschwunden und das Menschenpaar tauscht sich über das Erlebnis aus. „Das war schon sensationell“, berichtet die Frau, „der Mann war so zierlich, aber als er an seinem linken Ohr gezogen hat, da wurde seine Männlichkeit immer dicker und mit dem rechten Ohr konnte er auch noch die Länge variieren! Und wie war es bei dir?“ – „Eher nicht so aufregend, die Frau war zwar sehr zärtlich, aber sie hat eigentlich die ganze Zeit nur an meinen Ohren herumgefummelt.“

Die bildliche Vorstellung und die Pointe dieses Witzes muss man sich nicht einbläuen, und doch prägt sich beides gut ein. Ab jetzt denkt man an Außerirdische und die Steuerung von Geschlechtsorganen, wenn man an den Ohren berührt wird. Ob man will oder nicht.

Was ist passiert? Unser Gehirn hat die Szene abgespeichert, weil sie mit Gefühlen und obendrein einer Prise Humor kombiniert war. Die erste Hürde – ist die beschriebene Situation merk-würdig? – wurde lässig überwunden und damit die Grundlage geschaffen, um in den Speicher zu gelangen. Und dort war zwischen anderen feuchtfröhlichen Späßen, Albernheiten und Absurditäten noch Platz für die dauerhafte Ablage.

Das ist sie also: Eine der Türen, um sich ohne großen Aufwand, ohne Gewalt und Mühsal Zugang zum Dauerspeicher zu verschaffen. Könnte ich mir eine Telefonnummer ähnlich gut merken? Grundsätzlich ja, Schlüssel ist nämlich die geschickte Verquickung von Daten (Ohren = Steuerorgan) mit Gefühl (Lustig, erregt). Logischerweise kann ich kein komplettes Telefonbuch in diesem Stiele auswendig lernen, aber ich kann relevante Informationen hierdurch viel schneller und besser verankern.

Denn wie bei der Pointe im Witz kommt es auf das Unerwartete, vielleicht auch abwegige an und wie im Witz oben auch auf das, was nicht gesagt, sondern der Phantasie überlassen wird (was bedeutet es denn, dass die Ufo-Frau an den Ohren herumgefummelt hat?). In jedem Fall will unser Gehirn belustigt werden, Spaß haben und den hat es, wenn es amüsant wird.

Anmerkung: Das Wort lustig ist verwandt mit Lust, einem starken Gefühl. Und wie beschrieben sind Gefühle wichtige Türöffner vom Vorzimmer der Wahrnehmung in den Besprechungsraum unserer Erfahrungs-Bibliothek.

Mittwoch, 12. April 2023

Nochmal Corona: Zusammenspiel im Team

Nochmal Corona Zusammenspiel im Team
Die ersten Wochen der hereinbrechenden Pandemie habe ich als Kombination aus Schockstarre, Experimentierlust und verzweifelte Aufbruchsstimmung erlebt. Während sich manche Menschen zurückgezogen, ja geradezu eingeigelt haben, wollten andere es jetzt erst recht wissen. Ja, Lockdown bedeutete eingeschränkte Bewegungsfreiheit, radikales Umstellen von Gewohnheiten. Aber das Leben ging trotzdem weiter und musste den neuen Randbedingungen angepasst werden. Ausprobieren von bis dato eher vernachlässigten Möglichkeiten, Zusammenrücken trotz oder gerade wegen der angeordneten Zwänge erforderte ungewohnte soziale Kooperationen. Und drittens erkannten viele Mitmenschen, dass auch in dieser Krise ein erhebliches Potential für Neuerungen lag. Nicht nur die Etablierung von Homeoffice oder der kometenhafte Aufstieg von Lieferdiensten, auch neue Optionen der Netzwerkbildung wurden etabliert.

Zu meiner Überraschung gab es aber eine erhebliche Lücke beim gemeinsamen Musizieren. Eine wirklich funktionierende Lösung für das Zusammenspiel mehrerer Musiker war weit und breit nicht zu bekommen. Mehr noch: Es gab keinerlei brauchbare Ansätze, diese Lücke zu schließen. Längst waren Telefonkonferenzen für Teilnehmer mit verschiedenen Endgeräten realisierbar, schufen eine Handvoll Plattformen die Möglichkeit, Videokonferenzen abzuhalten. Nur Proben selbst kleiner Bands konnten nicht durchgeführt werden, blieben im Experimentierstadium stecken. Tapfere Versuche erforderten unverhältnismäßig großen Aufwand, Tonspuren mussten in mühsamer Handarbeit mehr oder weniger erfolgreich zusammengeführt werden.

Jetzt liegt Corona hinter uns, die Bands können sich wieder in den Probenräumen treffen, sowohl das Üben als auch das Erlebnis der Gemeinsamkeit erreichen langsam wieder das Niveau von vor der Pandemie. Aber neben der Dankbarkeit für diese früher selbstverständlichen Punkte kann man daraus auch lernen, dass wir (zumindest bislang) bestimmte Aspekte nicht technisch adäquat lösen können. Stabil funktionierende Videokonferenzen gaukeln uns vor, dass wir nahezu die Qualität von Präsenzveranstaltungen erreicht haben. Aber wie wir bei den Musikern abschauen können gibt es neben der Ton- und Bildübertragung noch entscheidend wichtige weitere Anforderungen, die wir eben nicht abdecken. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, was hier die entscheidende Rolle spielt. Ist es die nonverbale Kommunikation, der Augenkontakt in die Runde oder der unablässige Abgleich des Timings? So bleibt also vorerst nur, die Technik weiter zu optimieren und zu akzeptieren, dass sie sowohl für bestimmte Einsatzszenarien als auch für bestimmte Menschen ihre Grenzen hat.

Mittwoch, 5. April 2023

Sechs Wochen später

Kleiner Rückblich auf den Aschermittwoch: Gerade mal sechs Wochen war jetzt Fastenzeit, eine besondere Phase im Jahresverlauf vieler Gläubigen. In der Fastenzeit geht es auf den ersten Blick um Verzicht, ursprünglich vielleicht auf Verzicht auf Nahrung. Das setzt eine gewisse Selbstdisziplin voraus, die einige Wochen lang trainiert wird.

Etwas weiter gefasst ist in der Fastenzeit Gelegenheit, inne zu halten, Gewohnheiten zu prüfen und das eigene Verhalten auch für die Zeit nach Ende der Fastenzeit dauerhaft zu ändern. Nur so kann (insbesondere bezüglich Essen) der bekannte Jojo-Effekt vermieden werden.
Sechs Wochen später
Doch ich möchte mich mit dem Fasten, dem Innehalten, der Prüfung des Gewohnten und der Änderung der Gewohnheiten nicht nur auf Ernährung beschränken. Auch im Umgang mit den Mitmenschen, bei der Gestaltung meines Tages und bei der Leistung meiner Arbeit kann ich diesen Ansatz einbringen. Unvermeidlich schleichen sich nämlich allenthalben schlechte Gewohnheiten ein, die ich aber nur erkennen kann, wenn ich mir einen Moment der Ruhe gönne und mich sehr sorgfältig selbst beobachte. Und wie bei Reduzierung der Nahrungsmenge oder des Alkohols oder der Zigaretten ist auch in diesem Fall möglicherweise ein Verzicht unangenehm oder sogar schmerzhaft.

Sogar Aufbau- und Ablauforganisationen können den Gedanken einer Fastenzeit gut gebrauchen. Hat sich nicht möglicherweise ein Wasserkopf gebildet, sind Prozesse ausufernd geworden, ist nicht eine Straffung des Produktportfolios angesagt? Das ist – wie gesagt – möglicherweise nicht einfach und vor allem nicht ohne Widerstände zu bewerkstelligen (analog zur Entwöhnung, oder gar Entziehung).

Am Ende der Fastenzeit steht aber in jedem Fall ein Finale, im christlichen Glauben in Form eines besonderen Todes (am Karfreitag), der aber nicht endgültig ist. Vielmehr gibt es nach kurzer Phase der Konsolidierung einen Aufbruch zum Wachstum (Ostern). Auch dies gilt für umgestellte Essensgewohnheiten genauso wie für geändertes Verhalten im Umgang oder eben auch für Justierung von Prozessen und Produkten in der Wirtschaft.

Dienstag, 28. März 2023

Selbst-Vertrauen

„Ich bin immer so unsicher, ich habe gar kein Selbstvertrauen.“ – Diesen Satz höre ich immer mal wieder, ein wenig mitleidheischend, aber meist als Aufforderung, das mangelnde Selbstbewusstsein zu stärken. Sei es durch Lob, gutes Zureden oder Negieren.

Dabei ist das in jedem Fall ein Irrweg. Der Name drückt ja schon aus, dass es bei Selbstvertrauen um Vertrauen geht, das man sich selbst gibt. Wie soll ich denn von außen etwas beeinflussen, was nur von innen bereitgestellt wird. Natürlich kann ich meine wohlwollende Beobachtung vorstellen, die Qualität einer Handlung oder einer Fähigkeit thematisieren. Aber das führt nur sehr bedingt zu einer Veränderung des Selbstvertrauens.

Ansetzen muss man hier nämlich über die innere Bewertung seiner selbst. Vertrauen heißt grundsätzlich, dass etwas in der Vergangenheit gut gegangen ist und man davon ausgeht, dass es auch in Zukunft wieder gut wird. Also eine Projektion vergangener Perioden auf die Situationen, die vor einem liegen.

Ich habe mal im Supermarkt meine Geldbörse im Einkaufswagen gelassen, während ich an der Tiefkühltheke irgendwas gesucht habe. Als ich zum Wagen zurückkam, war das Portemonnaie noch da, kein Mensch hatte es entwendet. Auch beim nächsten und übernächsten Mal passierte nichts, mein Geld blieb unberührt. Nach einiger Zeit bildete ich mir ein, dass das nun immer so bleiben müsste, weil die Menschheit ehrlich ist. Mit der Zeit hatte ich ein unspezifisches Vertrauen aufgebaut.

Nun gibt es einerseits die Möglichkeit, dass man dieses Vertrauen immer weiter in sich verankert, nach einiger Zeit auch gar nicht mehr darüber nachdenkt und es überhaupt nicht gefährlich findet, seine Börse unbeaufsichtigt im Einkaufswagen zu lassen. Vielleicht denkt man auch darüber nach, dass dieses Verhalten zu dieser Zeit und in diesem Supermarkt unkritisch ist. Oder man stuft es entgegen der bislang gemachten Erfahrungen als kritisch ein und nimmt das Geld wieder in einen sicheren Ort auf.

Zurück zum Selbst-Vertrauen. Mit ähnlichem Blick kann ich durch die Welt gehen. Sie tut mir nichts, das Feedback ist weitgehend positiv und mit der Zeit gehe ich in meiner Einschätzung davon aus, dass das der Normalfall ist. Ich werde vielleicht sogar ein wenig mutiger und lote aus, wie mein Umfeld auf dies oder das reagiert. Und schon in diesem Moment stelle ich mein in mich selbst gesetztes Vertrauen auf den Prüfstand. Ob ich mich wie bei den fortwährenden Ehrlichkeits-Erlebnissen im Supermarkt einlullen lasse oder trotz durchweg positiver Erfahrung skeptisch bleibe – das ist jedenfalls eine Bewertung, die in mir und nur in mir und nur durch mich vorgenommen wird.

Wie ausgeprägt mein Selbstvertrauen ist, hängt also nur zu einem Bruchteil von den Aussagen meiner Freunde ab. Einzuklagen, sie mögen doch bitte meine Zweifel oder mein unterentwickeltes Selbstbewusstsein heilen ist damit abwegig. Das muss ich schon selbst machen, wenn ich Defizite feststelle.

[Andere Blogs: Dienstliche GlossenFeingeistiges]

Mittwoch, 22. März 2023

The future's not ours to see

„Papa, wie lange fahren wir noch?“ Eine Frage, die jeder Vater früher oder später schon mal gehört hat. Heute ist die Frage ja recht leicht zu beantworten, ein Blick auf das Navi und schon kann man auf die Minute genau Auskunft geben. Egal, ob das Kind etwas mit der Antwort anfangen kann, denn das Zeitgefühl entwickelt sich erst im Laufe der Jahre.

Normalerweise geht das ganz gut, aber manchmal kommen unvorhergesehene, ja sogar unvorhersehbare Situationen dazwischen. Ein Unfall mit nachfolgender Vollsperrung der Autobahn, ein umgestürzter Baum, ein Defekt des eigenen Fahrzeugs oder eine Zwangspause, weil das Kind über Übelkeit klagt.

„Herr CEO, wie wird sich das Geschäft im kommenden Jahr entwickeln?“ Ja, bin ich denn von Kindern umgeben? Selbst wenn man einen Blick in die Geschäftszahlen und Kenngrößen wirft, kann man die Frage kaum mit einem einzelnen Satz beantworten. Da wird eine Zahl angegeben, dabei aber der Hinweis, dass es neue Geschäftsfelder gibt, dass die neuen Produkte in der Hochlaufkurve sind und überhaupt das Nearshoring. Immerhin ist mit einer sorgfältigen Analyse der Entwicklungen eine halbwegs belastbare Antwort möglich.

The future is not ours to see

Aber wir können nun mal nicht in die Zukunft schauen. Was bislang immer zutraf muss sich nicht in die Zeit fortsetzen, die vor uns liegt. Das ist die große Krux mit Hochrechnungen und allen Formen von Prognosen. Ursache hiervon ist die Komplexität unserer Welt, kleine Auslöser können den Markt durchrütteln oder sogar ein einzelnes Virus unser menschliches Leben in seinen Grundfesten erschüttern.

Konkurrenzprodukte, neue Technologien, Reputationsschäden oder Überraschungen wie das Auftreten einer Pandemie führen eine Vorhersage leicht ad absurdum. Und auf einmal schwenkt die Aufgabe der Unternehmensführung von kompliziert zu komplex. Bewährte wenn-dann-Mechanismen greifen nicht mehr, Experten (das sind die Beherrscher komplizierter Systeme) sind angesichts der nie dagewesenen Nebenbedingungen ratlos.

Und auf einmal sind Vorstände oder in anderem Zusammenhang Politiker in der Vaterrolle. Alle schauen sie erwartungsvoll an, verlangen eine Antwort. Mein Vater, der Held, der Mensch, der immer weiß, wo es lang geht. Aber er weiß es nicht, er muss – ob er will oder nicht – eine komplexe Situation handhaben. Berücksichtigung aller verfügbarer Informationen, Betrachtung der Handlungsalternativen, dann aber auch beherztes Handeln sind angesagt. Und immer wieder sorgfältige Beobachtung der Entwicklung, gerade auch der Nachbargebiete; Kurzfristige Lösungen sollten nicht zu mittelfristigen Problemen führen. Alle Kraft muss sich in diesem Moment darauf konzentrieren, die Reaktion des ganzen Systems aus Menschen, Gruppen, Markt und so weiter im Auge zu behalten und ohne Zögern gegenzusteuern, wenn man sich (gesamtheitlich) vom anvisierten Ergebnis entfernt.

Doch es gibt auch Trost: Nach jeder (im mathematischen Sinne) chaotischen Phase folgt grundsätzlich wieder eine deterministische, also vorherbestimmbare Phase. Die Steuerer – seien es Führungskräfte, Politiker oder Eltern – rühmen sich dann, die Situation in den Griff bekommen zu haben. Nun ja, aus meiner Sicht wäre die Formulierung des geschickten Überstehens in den meisten Fällen passender.