Mittwoch, 27. Dezember 2023

Zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren
Da sind wir also mittendrin: In der Zeitlücke, die sich durch die Diskrepanz zwischen christlichem und weltlichem Kalender ergibt. Wir machen Urlaub „zwischen den Jahren“ und haben keine Angst, in eine Art Zeitloch zu fallen.

Diese Tage sind so eine Art zeitliches Niemandsland. Hat das Christentum sein Jahr mit dem 24. Dezember abgeschlossen und startet am 25.12. in das neue Jahr, haben die Menschen des ursprünglich römischen Reichs noch ein paar letzte Jahrestage bis zum 31.12. vor sich.

Wie gut, dass unser Körper weder auf den einen noch auf den anderen Kalender Rücksicht nimmt. Er stellt nur fest, dass es eine kurze Pause von Schlemmerei und Sozialkontakten gibt, bis es mit lauten Geräuschen, ausgedehnten Essensgelagen und großen Treffen erneut hoch hergeht.

In der Wirtschaft gibt es unterschiedliche Situationen. Einige Unternehmen haben höchste Last, müssen noch Abschlüsse erstellen, Folgeverträge schließen oder Zielerreichungen durchziehen. Bei anderen Unternehmen geht der Ablauf unverändert weiter, weil die Konsumenten auch in den Tagen nach Weihnachten in den Supermarkt kommen oder der Müll abgefahren werden muss.

Aber gerade in Dienstleistungsbranchen mit hohem Beratungsanteil, beispielsweise rund um das Finanzwesen, gibt es eine ausgedehnte Phase mit deutlich reduzierter Produktivität. Tatsächlich endet das Jahr hier etwa Mitte Dezember und beginnt Mitte Januar. Die Zeit dazwischen kann man mit Fug und Recht „zwischen den Jahren“ nennen.
 
Und während die Arbeiter noch für die 35-Stunden-Woche kämpfen haben Berater diese längst in Form des 11-Monats-Jahres eingeführt.

Mittwoch, 20. Dezember 2023

Weihnachten kann kommen

Er rückt wieder mal unerbittlich näher: Dieser Festtag, der häufig im Kreise der Familie begangen wird, der sich durch den Austausch von Geschenken auszeichnet und meist auch mit ganz viel Essen verbunden ist.

Weihnachten kann kommen

Aber der Heiligabend wirft natürlich auch seinen Schatten voraus. Da müssen Geschenke erdacht, vielleicht sogar gebastelt werden. Und natürlich ist Einkaufen angesagt, Vorbereiten der Mahlzeiten, Überlegungen bezüglich der Gäste und eventuell deren Unterbringung und Bespaßung.

Das wiederholt sich bekanntlich jedes Jahr und ebenso regelmäßig sind viele Menschen überrascht, ja geradezu überrumpelt, wenn der Heilige Abend vor der Tür steht. Hektisch werden noch ein paar Gaben eingekauft, das letzte Schnitzel aus der Kühlung des örtlichen Supermarktes geholt und eilig der Getränkevorrat aufgestockt.

Sicher, in der Adventszeit geht es oft beruflich nicht so besinnlich zu wie wir es uns wünschen. Jahresabschluss hier, Vertragsverlängerungen da, unabdingbare Arbeiten vor der abzusehenden Ruhephase in den Weihnachtsferien. Da ist verständlicherweise kaum Zeit, sich Gedanken zu machen oder gar liebevoll eine denkwürdige Feier vorzubereiten. Aber man könnte ja mit der Vorbereitung ein wenig früher beginnen. Zwar lässt sich nicht jedes Geschenk schon im Oktober kaufen, einige aber schon und einen durchaus merklichen Teil der Arbeit kann man bereits deutlich vor der stressigen Adventszeit erledigen. Die Pension buchen für Tante Jutta zum Beispiel. Oder die Lebkuchenpakete für die Cousinen bestellen.

Ich weiß nicht, ob wir uns bei der Weihnachtsplanung nicht auch an den Profis aus der Wirtschaft orientieren könnten. Die haben alle paar Monate Quartalsabschluss und fangen auch nicht am vorletzten Tag an, die Zahlen zusammenzutragen. Vielmehr wird fortlaufend gesammelt und nur die Berechnung und der Feinschliff erfolgen zum Schluss.

Andererseits erlebe ich aber auch im Berufsleben immer wieder einen „Weihnachts-Effekt“. Da ist jedem Mitarbeiter bewusst, dass er bestimmte Tätigkeiten machen muss. Aber am Ende der schon lange bekannten Deadline wird es dann doch hektisch. Und natürlich ist es nicht möglich, das Thema zu bearbeiten, weil man aktuell so viel auf dem Schreibtisch hat.

Sicher, bei voller Auslastung ist die Erledigung weiterer Aufgaben nicht möglich. Aber mit ausgesprochen hoher Wahrscheinlichkeit war davor doch mal eine Zeitlücke, in der man die regelmäßige Standardaufgabe hätte erledigen können.

Weihnachten einerseits, berufliche Arbeit andererseits, aber auch Aktivitäten für den Sportverein, private Verpflichtungen oder die Steuererklärung: Ganz vieles kommt gar nicht so unverhofft, wie wir es empfinden und dann auch entrüstet nach außen darstellen. Hier kann man sich an dem alten Sprichwort „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ orientieren.

Denn dann kann der Heiligabend kommen, ganz ohne Vorbereitungs-Stress.

Dienstag, 12. Dezember 2023

Das muss dich doch interessieren!

Das Schöne an Physik ist, dass sie auch dann funktioniert, wenn man sie nicht versteht. Man muss nichts über Verbrennungsmotoren wissen, um eine Auto fahren zu können, auch die Kenntnis von Quantenübergängen sind für die Nutzung eines Smartphones nicht erforderlich. Von den wissenschaftlichen Grundlagen für die Klebkraft von Tesa ganz zu schweigen.

Das muss dich doch interessieren

Also, wir leben immer ganz selbstverständlich mit den gerade in unseren Alltag aufgenommenen neuen Erkenntnissen. Nur ganz so selbstverständlich entstehen diese Erkenntnisse nicht, vielmehr sind sie meist das Ergebnis langer Forschung, Logikketten, Ausprobieren und jeder Menge Mathematik. Aber auch Irrwegen, Missdeutungen, fehlgeschlagenen Experimenten und falscher Theorien.

Diese Seite der menschlichen Entwicklung bezeichnen wir als Wissenschaft und bewundern Menschen, die ganz in diesen Denkstrukturen unterwegs sind, in Einzelfällen scheinen sie geradezu in die unergründlichen Tiefen ihrer Welt abzutauchen. Das führt dann dazu, dass sie den Alltag mehr am Rande mitmachen, in einem wie man sagt Elfenbeinturm leben. Eine Ausprägung ist der sprichwörtliche zerstreute Professor.

Konsequenterweise ist bei diesen Menschen kein Platz, sich mit dem nahen oder gar fernen Umfeld zu beschäftigen. Kommunalpolitik mag sie noch berühren, aber spätestens Weltpolitik ist ihnen fremd, interessiert sie einfach nicht. Wer selbst politisch interessiert oder gar engagiert ist, der bemängelt diese Sichtweise. Es scheint ein Mangel zu sein, denn jeder sollte sich doch mit Umständen befassen, die ihn mehr oder weniger direkt beeinflussen.

In der anderen Richtung werfen allerdings Wissenschaftler Politikern nicht vor, sich nicht für Mathematik oder Technik zu begeistern. Ihre Genugtuung an den eigenen Erkenntnissen, dem Verstehen von Sachverhalten reicht. Die Analogie, dass man sich dafür interessieren müsste, weil man ja schließlich auch selbst betroffen ist, diese Analogie wird höchst selten bemüht.

Jedenfalls können wir froh sein, dass es sowohl Politiker als auch Wissenschaftler gibt. Wirklich verstehen können sich diese beiden Fraktionen nicht, obwohl sie jeweils aufeinander angewiesen sind. Und das gilt natürlich in abgewandelter Form auch für andere Disziplinen, die im Sinne einer Gesamtheit miteinander auskommen müssen, sich vielleicht sogar brauchen, aber selbst mit gutem Willen kein inneres Verständnis für einander erreichen können.

Mittwoch, 6. Dezember 2023

Tarzan

Zu den Wurzeln von Hollywood gehört Walt Disney. Viel mehr als ein Name, mehr als eine Firma, eher ein Traum in der Traumfabrik. Magie scheint in diesem Namen zu stecken, ich verbinde Begriffe wie Phantasie oder moderne Märchen damit. So weit entfernt, dass man die Inhalte nicht als Schau spielen kann. Und dann der geniale Ansatz, auch dieses Unspielbare auf die Leinwand zu bekommen, indem man es zeichnet.

Neben dem Meistern technischer Herausforderungen und dem enormen Einfallsreichtum bei der Umsetzung seiner Idee, war es notwendig, genügend Menschen für das Projekt zu gewinnen; Zeichner vorwiegend, die die Figuren in immer neuen Posen darstellten, kolorierten und für die große Zahl der erforderlichen Bilder sorgten.

Die Faszination für diese Form der Bewegtbilder hat bis heute angehalten. Die zentrale Funktion der Zeichner ist Entwürfen am Computer gewichen. Vor den Bildschirmen der Hochleistungsrechner sitzen heute Designer, für den Betrieb braucht man Rechenzentren und die notwendige Software wird von ausgezeichneten Programmierern bereitgestellt.

Tarzan
In den Vordergrund treten nun ganz andere Berufe. Ich las, dass die Produzenten des Zeichentrickfilms Tarzan sich von einem Profi-Skateboarder inspirieren ließen, weil dieser für die fließenden Bewegungen Pate stehen konnte. Und dass das Projekt von einem Anatomie-Professor begleitet wurde.

Walt Disney stand schon immer für einen bemerkenswerten Einfallsreichtum. Den er sogar auf seine eigene Kreativität anwendete, legendär die auf ihn zurückgehende Kreativitätstechnik mit den verschiedenen Hüten. Manchmal wird ihm nachgesagt, dass er sich fortlaufend neu erfunden hat. Aber das stimmt nicht. Im Grunde ist er einem Weg gefolgt, der zwar nicht immer gerade oder eben war, aber stets voran führte.

Was jedenfalls stimmt, ist, dass er nie gerastet hat und immer bessere Zeichentrickfilme immer besser produziert hat. Und dabei fortwährend mit der Zeit gegangen ist. Neben seiner bereits erwähnten Kreativität eine weitere zentral wichtige Eigenschaft, die Walt Disney zu der Ausnahmeerscheinung gemacht hat, die er war.

Ein klein wenig können wir uns natürlich davon abschauen. Nie müde zu werden, auch mal abwegige Ideen zu verfolgen, auf den ersten Blick unnütze Ansätze zu verfolgen. Und Vorbilder und Berater aus ganz anderen Disziplinen zu bemühen. Wer weiß, vielleicht kann sich eine Versicherung auch Tipps von einem Unfallarzt holen oder ein Krankenhaus von McDonalds lernen.

Mittwoch, 29. November 2023

Krrrrk – Ich habe Sie nicht verstanden

War das auf dem Bahnhof, oder war es eine Besprechung mit Microsoft Teams? Jedenfalls wurden gerade relevante Informationen durchgegeben, als der Ton plötzlich…. „krrrk“… weg war. Kurzen Moment abwarten, vielleicht kann ich gedanklich überbrücken, die entstandene Lücke sinngemäß ergänzen.

Krrrrk ich habe sie nicht verstanden
Ja, jetzt bin ich sicher, es muss auf einem Bahnhof gewesen sein, denn die Informationen waren im Wesentlichen irgendwelche Zahlen, Zugnummern vermutlich mit Zeiten und damit zusammenhängenden Details für die Fahrgäste. Da endet natürlich die Möglichkeit, sinngemäß zu ergänzen, die Zahl nach der Ankündigung eines Gleiswechsels lässt sich nicht logisch interpolieren.

„Ich habe Sie nicht verstanden“, möchte ich sagen, aber mein Mund bleibt geschlossen, es wäre auch gar nicht möglich, eine Wiederholung zu erwirken, weil ich zwar potentiell hören kann, allerdings vom Mann am Mikrofon nicht gehört werde. Was nur tun, frage ich mich. Mit etwas Glück wird die Durchsage wiederholt, wenn dann nicht wieder eine Störung auftritt ist es hoffentlich noch früh genug, eventuelle Umplanungen oder Maßnahmen einzuleiten.

Ich werde mit der Unsicherheit leben müssen, die fehlende Nachricht setzt mich aber leider unter Stress. Was, wenn ich auf dem falschen Bahnsteig stehe und den pünktlichen aber umgeleiteten Zug verpasse. Oder der Zug ausfällt und ich keine Chance habe, mir eine Alternativverbindung herauszusuchen. Oder (nicht ganz so dramatisch) den Zug nur im Laufschritt erreiche, die lange vor mir eingestiegenen Fahrgäste schon alle Plätze besetzt haben und ich stehen muss.

Andererseits, denke ich mir, andererseits geradezu philosophisch. Wer hat schon alle Informationen, um sein Leben zu steuern, die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Da ist doch auch alle Naselang ein krrrk in der Leitung, muss ich Informationen ergänzen, mit mangelhaften Angaben versuchen ans Ziel zu kommen. Oder doch nicht philosophisch, sondern eher organisch, unser Körper bekommt auch nur einen Bruchteil der Messwerte mit und muss trotzdem über viele Jahrzehnte fehlerarm arbeiten.

Ja, genau, da ist der Körper ja ein echtes Wunderwerk, und wenn man es sich so überlegt, liegt seine Stärke in diesem Zusammenhang in seiner ausgeprägten Fehlertoleranz. Eine Niere ausgefallen? Macht nichts, die andere übernimmt. Blutdruck zu hoch? Macht nichts, erst mal Gefäßquerschnitt und Herzsteuerung anpassen. Und so weiter. Bis wir bleibende Schäden davontragen muss schon einiges passieren.

Zurück im Alltag: Fehlertoleranz kann man in vieler Hinsicht erreichen. Sei es, indem man Puffer (z. B. bezüglich der Zeit) einbaut, sei es, indem man von vorneherein ein breiteres Zielfenster aufmacht. Wenn es schlichtweg egal ist, wann man ankommt ist eine Verspätung völlig nebensächlich. Jeder, der im Urlaub ein paar Tage auf eigene Faust unterwegs war, kennt dieses Gefühl. Der Weg ist das Ziel, der liebe Gott ist ein guter Mann. Erst der Anspruch an die Pünktlichkeit, der Versuch der Verdichtung von Tätigkeiten auf der Zeitachse machen aus Planabweichungen Problemfälle.

Eben meldet sich der Lautsprecher wieder, die Durchsage wird tatsächlich wiederholt, Glück gehabt, zumindest mein Informationsschnipsel wird ohne Problem übertra… krrrk… nein, doch nicht. Ruhe bewahren jetzt, die Schwarmintelligenz hilft weiter, irgendein Reisender hat offensichtlich mit einem Bahnmitarbeiter gesprochen und weiß nun etwas, was ich nicht wusste, jedenfalls setzt sich die ganze Reiseschar jetzt in Richtung Treppe in Bewegung.

Auch eine Möglichkeit, mit dem Krrrk des Alltags umzugehen. Denn ohne Mitmenschen hätten wir diese Probleme nicht (Pünktlichkeit bei Treffen gäbe es nicht, weil wir alleine wären), aber wir hätten auch keine Unterstützung bei der Suche nach Lösungen.

Mittwoch, 22. November 2023

Dafür haben wir keinen Sensor

Ich stehe mit meinem Auto vor der roten Ampel. Kaum wird sie grün lege ich den ersten Gang ein, lasse die Kupplung los und gebe Gas. Das Auto setzt sich in Bewegung, wird langsam schneller und erreicht die erlaubten fünfzig Stundenkilometer. Ich fahre ein Stück in dieser Geschwindigkeit bis zur nächsten roten Ampel, vor der ich auf die Bremse trete und das Auto wieder zum Stillstand kommt.

Beim Warten auf grün komme ich ins Grübeln und stelle fest, dass ich für die Bewegung überhaupt keinen Sensor habe. Das Anfahren und Beschleunigen habe ich als leichten Druck in den Rücken gemerkt, die konstante Fahrt am gleichmäßigen Motorgeräusch und gelegentliche Vibration der Karosserie festgestellt und das Abbremsen als Entlastung des Rückens und Berührung des Sicherheitsgurtes.

Im eigentlichen Sinne habe ich also gar nichts gemerkt, mein Gehirn hat nur aus den verschiedenen Signalen Schlüsse gezogen und dabei ein Gemisch aus Druck auf den Rücken, den visuellen Eindrücken und wahrgenommenen Geräuschen die Phasen Beschleunigung, gleichmäßige Fortbewegung und Abbremsen unterschieden.
Dafür haben wir keinen Sensor
Immerhin hat also mein Körper unbemerkt eine Art Ersatz-Sensor geschaffen. Das ist eine tolle Leistung, durch die mein Wahrnehmungsspektrum vergrößert wird. Aber da dies unbewusst geschieht besteht natürlich auch die Gefahr, dass mir gar nicht klar wird, dass ich in diesem Zusammenhang nur etwas vorgespielt bekomme. Im Flugsimulator bekomme ich Geräusche aus Lautsprechern, Bilder auf Monitoren und durch Kippen der Kabine das Gefühl von Beschleunigung bis zum Absturz vorgegaukelt.

Dann gibt es aber auch Sensoren, die wir zwar haben, die wir aber nicht abrufen können. Ein gutes Beispiel ist der Blutdruck. Zwar wird er von unserem Körper fortlaufend gemessen, aber wir können nicht auf das Ergebnis zugreifen. Weder zu hohen noch zu niedrigen Blutdruck können wir ohne externe Messapparatur feststellen. Entsprechend liegen wir mit einer Selbsteinschätzung meist falsch und können nicht mit eventuell notwendigen Maßnahmen reagieren.

Ein besonderes Feld sind die Sensoren, die wir haben, die wir aber nicht kennen und zumindest bisher nicht erforscht haben. Wetterfühligkeit ist wenig fassbar, noch unklarer wird es bei der Beeinflussung unseres Lebens durch Mondphasen. Hier scheint unser Körper auf äußere Einflüsse zu reagieren, aber trotz intensiven Nachdenkens und der Suche nach dem Auslöser können wir den Wirkmechanismus nicht benennen. Es scheint Dinge oder allgemein Phänomene zu geben, die wir bislang nicht betrachten.

Mit diesem seltsamen Set an vorhandenen oder simulierten, bewussten oder unbewussten Sensoren steuern wir durchs Leben. Die gute Nachricht: Das scheint in der Natur in den letzten Jahrtausenden gut gelungen zu sein, wir leben ganz gut mit dieser Ausstattung. Aber wie stets in der Forschung stellt sich die Frage, ob wir nicht noch besser leben könnten, wenn wir über dieses Thema mehr wüssten. Denn im Moment gilt leider noch der Leitsatz eines bekannte Bestsellers: „Denken hilft zwar, nützt aber nichts.“

Dienstag, 14. November 2023

Das Tier im Unternehmen

In früheren Zeiten wurden Gruppen mit einem Wahrzeichen verbunden, für Familien gab es ein Wappen, für Heere und Reiche Schilder. Das ist zwar längst abgelöst, lebt aber in Form von Logos in veränderter Form weiter. Nun sind diese Logos nicht mehr an Tieren orientiert und oft auch eher auf ansprechende oder eingängige grafisch Gestaltung ausgerichtet. Aber wenn sie gelungen sind, dann stellen auch sie eine Botschaft, fröhliche Smileys, einladende Aufforderungen.

Doch wenn man den Spieß einmal herumdreht kann man sich fragen, welche Eigenschaften ein Unternehmen hat oder haben soll und ihm dann ein Fabeltier zuordnen. Hier ein paar Beispiele, welche Tiere in der klassischen Fabel genannt werden und welche Eigenschaften ihnen dabei zugeschrieben werden [studyflix.de]:

Das Tier im Unternehmen
Affe     eitel, hinterhältig
Bär         freundlich, gutmütig
Elster diebisch
Esel         faul, störrisch, dumm
Fuchs schlau, listig
Hahn eitel, stolz
Hase vorsichtig, ängstlich
Hund treu, freundlich, sorglos
Löwe stark, mächtig, gütig
Rabe besserwisserisch, diebisch
Schaf schwach, unschuldig
Wolf böse, verlogen
Ziege unzufrieden, leichtgläubig

Sicher, im Idealfall haben wir es nur mit Löwen zu tun. Unternehmen wollen stark sein und streben nach (Markt-)Macht. Oder die Attribute eines Fuchses vertreten, also schlau agieren. Aber es gibt nun mal auch den eher diebischen Antritt (Rabe), Kunden zunächst zu binden und ihnen dann das sprichwörtliche Fell über die Ohren zu ziehen. Diese Form ist nicht selten bei großen Software-Anbietern oder privaten Krankenkassen zu finden.

Daneben gibt es die Hähne, sie stolzieren aufgereckt über den Markt, sind begeistert von ihren Produkten und kommen nicht auf die Idee, dass sich daran etwas ändern könnte. Hochmut, so würde man an anderer Stelle formulieren, kommt vor dem Fall, im technischen Umfeld ist der Kunde ein scheues Reh und echte Treue ist eher selten. Neueres Design, fortschrittlichere Technik – und tschüss!

In anderen Branchen scheint es eine Mischung aus Schafen und Eseln zu geben. Während Arbeitskräfte dem vermeintlichen Unternehmenserfolg geopfert werden, ist die Leitung eher störrisch unterwegs. Ohne diese giftige Kombination wäre unser Gesundheitswesen vermutlich nicht in der aktuell zu beobachtenden misslichen Situation.

Schließlich kann man hier und da auch Hasen und Ziegen finden, manchmal sind es die kleinen oder neuen Marktteilnehmer, die entweder unsicher oder leichtgläubig agieren. Gerade Startups vertreten meist die Meinung, mit ihrem ach so sensationellen Produkt die Welt revolutionieren zu können.

Und dann könnte man mal das Selbstbild (Logo, Werbeaussagen, Kundenversprechen) mit dem Außenbild vergleichen. Ich wette, dass hier nur in seltenen Fällen eine Deckung zu erkennen ist. Oder um im Bild der Fabeltiere zu bleiben: ein Wolf im Schafspelz, ein Affe im Hundekostüm.



Mittwoch, 8. November 2023

Zu viele Berater, zu wenig Beratene

Zu viele Berater zu wenig Beratene
Allgegenwärtig sind wir umgeben von Beratern. Wollen die einen uns auf einen guten Weg durch unser Leben führen, bieten die anderen die Optimierung unserer Arbeitsabläufe an. Oder soll es lieber eine Anregung zu unserer Work-Life-Balance sein? Jeder ist ein Coach, mehr oder weniger eindringlich drängt er zur Berücksichtigung dieser oder jener Aspekte.

Wem trauen, wem folgen? Es gibt einfach zu viele Berater auf dieser Welt, die Zahl scheint immer mehr zu steigen und durch die Möglichkeiten des Internets scheinen sie auch immer präsenter zu werden. Und wie das mit einem Überangebot, ja einer Flut, so ist, greifen dann unverzüglich dämpfende Mechanismen. Je nach Charakter hören die Menschen überhaupt nicht mehr hin, vielleicht weil sie die Marktschreier nicht von den tibetanischen Mönchen unterscheiden können. Oder sie laufen wie eine aufgescheuchte Herde mal nach rechts und mal nach links.

Und die Berater? Deren Herausforderung besteht darin, sich Gehör zu verschaffen. Wer im Getümmel eines ausverkauften Fußballstadions philosophische Texte an den Mann bringen will, der hat es schwer. Falsche Inhalte, falsches Timing, zu viel Grundrauschen.

Und schließlich: Wer will denn überhaupt beraten werden? Oft grenzt es an Übergriffigkeit, wie die Besser-Wisser ihre Lebensweisheit mit Lockungen und Drohungen an uns herantreten. Da entwickelt sich schnell eine spontane Abwehrhaltung, die dann die Ohren nicht nur für diese, sondern auch für alle anderen Impulsgeber schließen. Ein Effekt, den man gerade bei Kindern beobachten kann, die aus purer Opposition heraus bestimmte Dinge anders gestalten, als die Eltern ihnen empfehlen. Wir brauchen also weniger Berater, dafür aber mehr Kompetenz, um die relevanten Ratschläge für uns aufnehmen. So werden wir von (Zwangs-)Beratenen zu Impulsnehmern.

Mittwoch, 1. November 2023

Hebammen und Erzieher guter Ideen

Hebammen und Erzieher guter Ideen
Es gibt ja im menschlichen Leben ein paar Elemente, die uns alle verbinden. Unabhängig vom Lebensweg und dessen Dauer sind wir irgendwann auf diese Welt gekommen und früher oder später werden wir sie wieder verlassen. Dazwischen liegen je nach Ort und Zeit, sozialem Umfeld und vielen weiteren Faktoren einige mehr oder weniger interessante Jahre, in denen wir als Menschen leben.

Das kommt mir bekannt vor. Auch neue Ansätze, Verfahren, Technologien kommen irgendwann auf den Markt, beeinflussen ihn vielleicht eine Weile, um dann in manchen Fällen zu verschwinden oder abgelöst zu werden. Es lohnt sich also, einen Blick auf die natürlichen Abläufe zu werfen, um Schlüsse für das technische Umfeld ziehen zu können.

Mit Geburten, dem Päppeln und Erziehen von jungen Menschen haben wir schon viele tausend Jahre Erfahrung

  1. Als erstes ist der Wunsch vorhanden, ein Kind zu bekommen.
  2. Wir prüfen, ob wir diesen Wunsch prinzipiell erfüllen können, das Kind ernähren und bis zur Selbständigkeit betreuen können. Einen Teil dieser Prüfung nimmt uns die Natur automatisch ab (Zeugungsfähigkeit bzw. Fruchtbarkeit).
  3. Die Natur hat es so eingerichtet, dass die Befruchtung mit Lust verbunden ist.
  4. Durch die Befruchtung der Eizelle legen wir den Grundstein für die Entwicklung eines neuen Lebewesens. Ob das überhaupt geht hängt von der Erbsubstanz ab (wie in der Tierwelt bekannt kann man nicht beliebig „kreuzen“), die ihrerseits in den zusammengeführten Informationen (DNA) bereits einen Teil des Bauplans enthält.
  5. Der heranreifende Fötus ist im Mutterleib vor der Außenwelt geschützt und kann sich ungestört entwickeln. Ein ausgeklügelter Mechanismus sorgt dafür, dass zwar ein getrennter Organismus entsteht, dieser aber zunächst noch an den Stoffwechsel der Mutter angekoppelt ist.
  6. Bei der Geburt wird der neue Körper vollständig autark, die Nabelschnur kann gekappt werden. Er ist aber noch nicht ohne Unterstützung überlebensfähig, vielmehr ist noch Hilfe und Ernährung erforderlich.
  7. Im Heranwachsen lernt das Kleinkind Grundfertigkeiten wie Kommunikation, Koordination von Bewegung und soziale Kompetenzen wie das Einfügen in das persönliche Umfeld.
  8. Nach den ersten Steuerungsimpulsen durch die Eltern übernehmen in vielen Ländern weitere Personen die Erziehung, seien es Verwandte oder professionelle Erzieher. Sie sorgen für eine möglichst gute Entwicklung mit dem Ziel, einen möglichst hohen Wertbeitrag für die Familie oder die Gesellschaft zu erhalten.
  9. In der Pubertät erarbeitet sich der inzwischen körperlich weitgehend ausgewachsene Mensch auch seine psychische Reife.
  10. Etwa zu dieser Zeit beginnt die Produktivität; Lernen und Weiterentwicklung begleiten zwar weiter, treten aber zunehmend in den Hintergrund.

Vielleicht fehlen in diesem Modell ein paar Meilensteine, aber der Grundablauf ist klar. Und er zeigt deutlich, wie ein Prozess im Unternehmen von dem ersten Gedanken bis zum Erreichen eines positiven Deckungsbeitrages verläuft. Wenn man die oben aufgeschriebene Liste noch einmal liest und bei jedem Punkt die Aspekte einer menschlichen Geburt durch unternehmerische Begriffe ersetzt kommt zum Beispiel folgende Aufstellung heraus:

  1. Neuerungen sollen her, es werden Änderungen an Abläufen, Produkten oder Prozessen gewünscht.
  2. Ist für die Einleitung von Veränderungen, Aktualisierungen oder Marktanpassungen Geld vorhanden, ist die Belegschaft dafür geeignet?
  3. Innovation muss Spaß machen, die Beteiligten müssen Lust auf neue Ansätze und Veränderung haben.
  4. Kreative Köpfe aus verschiedenen Disziplinen bringen verschiedene Aspekte mit Lösungen aus ihrem Tätigkeitsfeld zusammen.
  5. Unter Laborbedingungen wird ein Prototyp entworfen, der in dieser frühen Phase die vorhandene Infrastruktur nutzt, aber perspektivisch auch ohne diese funktionstüchtig ist.
  6. Es schließt sich eine Pilotphase an, in der der Proof of Concept zu einem Minimum Viable Product (MVP) weiterentwickelt wird.
  7. Integration in die vorhandene Landschaft bzw. technische Architektur unter Einsatz der vorgegebenen Basissysteme
  8. Das Produkt oder der geänderte Prozess wird durch geeignetes Tuning auf hohen Wertbeitrag oder RoI optimiert.
  9. Rollout in begrenztem Umfang, Optimierung gemäß Anwenderfeedback, Bedienbarkeit, Praxistauglichkeit.
  10. Vollständige Inbetriebnahme mit regelmäßiger Begutachtung und Weiterentwicklung. Orientierung an geeigneten Messgrößen (KPI) und Einleitung eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses (KVP).

Mittwoch, 25. Oktober 2023

Mittwoch, Wartungstag

Es ist Mittwoch. Allwöchentliches Wartungs-Ritual.

„Ding-Dong“ die Haustürklingel. Es ist noch früher Morgen, ich schlurfe zur Tür: „Ja, bitte?“

Vor dem Eingang steht ein junger Mann, vielleicht Ende Dreißig, Schildmütze auf dem Kopf, gepflegte Monteurkleidung. „Ich komme zur Wartung Ihres Hauses.“ Ich schaue ihn prüfend an: „Wer schickt Sie?“, knurre ich.

„Ihre Versicherung.“ Und dann nach einer Pause: „Ich kontrolliere den Wohnzustand und die technische Ausstattung.“ – „Aha. Und das heute Morgen?“ Ich bin noch ein wenig verschlafen und habe überhaupt keine Lust auf den ungeplanten Besuch.

„Darf ich reinkommen?“ – „Also, ehrlich gesagt passt es mir jetzt gerade gar nicht. Ich will jetzt frühstücken und danach an den Computer.“ „Kein Problem“, strahlt mich der junge Mann an, „dann komme ich einfach morgen wieder. Oder übermorgen.“

Mir wird klar, dass ich ihn nicht loswerde, schlimmer noch, er wird so lange bei mir klingeln, bis er seine Arbeit gemacht hat. „Also gut, kommen Sie rein“ höre ich mich sagen und schon hat er seinen bis dahin unsichtbaren Koffer unter dem Arm und stürmt an mir vorbei in den Flur. Mit sicherem Schritt geht er auf den Sicherungskasten zu und öffnet das Türchen.

„Sie können gerne frühstücken und an den Computer, ich arbeite gerade meine Checkliste ab und dann bin ich auch schon wieder weg. Wenn ich was brauche sage ich Bescheid.“ Das hört sich in der Tat ganz gut an, meine Laune verbessert sich ein wenig und ich setze mich in Richtung Küche in Bewegung. „Oh, halt, noch eins: Zur Leitungsprüfung der Dreiphasenleitung muss ich kurz den Strom für die Küche abschalten.“ Das bedeutet, dass ich erst mal keinen Kaffee kochen kann, meine Laune verschlechtert sich wieder.

„Ist ok“, raune ich, „dann mache ich später den Kaffee, ach was, das ganze Frühstück verschiebe ich erst mal. Sagen Sie Bescheid, wenn sie fertig sind.“ Statt in die Küche laufe ich jetzt in mein Arbeitszimmer, setze mich an den Schreibtisch und starte den Computer. Die Programme erscheinen nach und nach auf dem Bildschirm, ich beginne mit der Sichtung der E-Mails. „Hallo“, höre ich eine Stimme hinter mir, „hallo, die Küche ist jetzt fertig, als nächstes würde ich mir das Büro vornehmen. Können Sie vielleicht gerade noch mal den Computer herunterfahren.“

Einerseits gut, dann kann ich meinen Kaffee machen, andererseits schlecht, denn ich hatte gerade mit einer Bearbeitung angefangen. „Also gut, ja, dann machen Sie. Können Sie nicht erst mal einen anderen Teil Ihrer Checkliste abhaken?“ – „Doch, doch, natürlich. Dann gehe ich erst mal die Fenstersicherungen durch. Können Sie mir die Schlüssel geben?“.

Pest oder Cholera. Ob ich meine dienstliche Mailbearbeitung wegen der Stromabschaltung unterbreche, oder weil ich die Schlüssel für die Fenstergriffe suchen muss. „Was brauchen Sie denn noch“, will ich missmutig wissen. „Gar nichts, nur die Schlüssel für die Oliven. Eventuell später noch mal Daten für das Codeschloss an der Haustür. Das ergibt sich bei der Kontrolle der Smart Home Komponenten.“

Ich seufze. „Gut, gut, dann fahre ich jetzt den PC herunter, Sie können die Leitung prüfen und währenddessen suche ich nach den Schlüsseln für die Fenster und Terrassentüren.“ – „Sehr gerne“ flötet mein unerträglich gut gelaunter Gast.

Eine knappe Stunde später hat er alles durchgecheckt, ich bin ihm mehr oder weniger unfreiwillig die ganze Zeit zur Hand gegangen und habe weder gefrühstückt noch gearbeitet. Meine Laune bessert sich erst, als er sich mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen verabschiedet. Noch auf dem Weg zur Tür verspricht er, dass er nächste Woche wiederkommt, eine Differenzprüfung durchführt und an der einen oder anderen Stelle noch Wartungsarbeiten – voraussichtlich an der Kaltwasserversorgung - durchführen muss.

Uff, er ist weg, jetzt aber schnell in die Küche oder zuerst den Computer wieder hochfahren, die Schlüssel von den Fenstern abziehen und in den eigentlichen Arbeitstag starten. Soweit der Plan, dann jetzt sehe ich, dass er die Fenstergriffe getauscht hat. Die neuen Griffe sind ganz anders zu bedienen, die Schlüssel passen natürlich nicht mehr. Oder genau genommen passen sie noch, aber nur bei den Terrassentüren, denn an denen hat er nur die Griffe, aber nicht die Schlösser getauscht. Die schöne Schließanlage ist damit in zwei nicht zueinander passende Teile aufgeteilt. Zukünftig muss ich für die Fenster die neuen Schlüssel, für die Türen die alten Schlüssel nehmen.

Mittwoch, 18. Oktober 2023

Die Demokratisierung des Fußballspieles

Demokratisierung des Fussballspieles
Ein wenig augenzwinkernd wird dargestellt, dass es in Deutschland rund 80 Millionen (besserwisserische) Trainer für die Fußball-Nationalmannschaft gibt. Sicher ein wenig hoch gegriffen (ich gehöre jedenfalls schon mal nicht dazu), aber in der Tat gibt es ausgesprochen viele Menschen, die mehr oder weniger fundierte Meinungen zur Optimierung des Trainings oder genau genommen zur Erhöhung des Erfolgs der Mannschaft von sich geben.

Ja, sollte man diese Schwarmintelligenz in der heutigen Zeit nicht über das Internet und geeignete Plattformen für unseren 11-Freunde-Sport nutzen? Da wird in Echtzeit über die Spielerauswahl, die Formation, Trainingseinheiten oder Spieltaktik abgestimmt. Spielführung per Mausklick, jede Meinung zählt, jede Facette wird im Sinne eines demokratischen Prozesses berücksichtigt.

Da braucht man keine großen Wahlkämpfe, Abgeordnete oder Gremien. Vor, während und nach den Spielen hat jeder selbsternannte Trainer seinen Einfluss auf den Verlauf. Und da die Summe der Meinungen bekanntlich treffsicherer ist als die fachkundige Expertise eines Teams von ausgebildeten Fachleuten muss das Ergebnis besser ausfallen als es bislang der Fall sein konnte.

Ein Prototyp, so scheint mir, der sich in die politische Landschaft vorarbeiten könnte. Endlich hört das Gemaule über die Politiker auf, kann jeder jederzeit seine Gedanken in den Entscheidungstopf werfen und mitbestimmen. Ob man es besser weiß oder das nur von sich denkt, spielt dabei keine Rolle. Was viele Junior-Trainer für richtig befinden, dass zählt im Mehrheitsprinzip besonders stark.

Was natürlich so auch für die politischen Weichenstellungen in der Innen- oder Außenpolitik gilt. Denn bekanntlich steckt in jedem Deutschen nicht nur ein Fußballtrainer, sondern auch ein versierter Minister (je nach Situation eher für Wirtschaft, Gesundheit oder Umwelt). Ein ungeheures Potential, das bislang in geradezu mittelalterlicher Manier ungenutzt bleibt.

Mittwoch, 11. Oktober 2023

Umgang mit Pannen und absehbaren Fehlern

Banken machen es uns vor: Das A-und-o ist ein gutes Risikomanagement. Wer sein verliehenes Geld wiedersehen möchte, der ist gut beraten, wenn er vorher genau prüft, an wen er es ausgibt. Ein wenig Streuung verringert die Ausfallwahrscheinlichkeit, ein durchdachtes Ranking der Schuldner auch. Aber selbst bei sorgfältiger Begutachtung bleibt trotzdem ein Restrisiko, vielleicht verliert der an und für sich gute Kunde seine Stelle und wird zahlungsunfähig, vielleicht kommen überraschende Zinsentwicklungen der eigenen Kalkulation in die Quere. Auch diese Unwägbarkeiten gilt es also einzupreisen und mehr oder weniger verdeckt in die Verträge mit dem Kunden einzubringen.

Umgang mit Pannen und absehbaren Fehlern
Und so ist das auch im täglichen Leben. Egal was wir machen, sobald wir uns in irgendeiner Form bewegen gehen wir ein Risiko ein. Ich kaufe einen Gegenstand, der sich nachher als minderwertig herausstellt, gerate an einen Händler, der mich belügt oder betrügt. Daraus entwickelt sich möglicherweise ein finanzieller Verlust, den ich bei meinen geschäftlichen Aktivitäten vor Augen haben muss. Auf tausend einwandfreie Transaktionen kommt auch mal ein Problemfall und der sollte hoffentlich nicht zum Ruin führen und andererseits auch innerlich ins Verhältnis zu den gut gelaufenen Geschäften gesetzt werden.

Aber auch typische Lebenssituationen kann man unter dem Gesichtspunkt Risikomanagement bewerten. Um zu vermeiden, dass ich zu spät komme ist es eine übliche Strategie, in die Anfahrt eine Pufferzeit einzukalkulieren. Wie leicht kann man in einen Stau geraten, eine Bahn Verspätung haben oder das Auto eine Panne haben. Je nach Verkehrsmittel kann man noch weitere Mitigationsmaßnahmen vorsehen, sei es die Verfügbarkeit eines anderen Fahrzeuges, eine alternative Bahnstrecke oder eine Umgehungsroute.

Oder das Verhältnis zu einem Mitmenschen. Natürlich habe ich mir ein Bild gemacht, ob mein Freund zuverlässig ist. Aber wie bei den Banken bleibt ein Restrisiko, das kann daran liegen, dass man seinen Kameraden falsch eingeschätzt hat, aber auch daran, dass etwas Unerwartetes dazwischen kommt. Die bislang immer stabile Verabredung zu einer gemeinsamen Freizeitgestaltung endet durch das Kennenlernen einer neuen Partnerin. Wer in diesem Moment nur auf eine Person gesetzt hat, der steht unvermittelt allein da. Risikostreuung wie bei einer Geldanlage ist ein durchaus sinnvoller Ansatz.

Das Leben ist bekanntlich nur bedingt planbar, ob man die notwendigen Umplanungen oder Kursänderungen als Panne sieht ist sicher individuell unterschiedlich. Aber sie sind leider unumgänglich und je leichter wir uns dann mit einer Neuorientierung tun oder im Idealfall sogar einen Plan-B in der Tasche haben, das liegt schon in unseren Händen.


Mittwoch, 4. Oktober 2023

Eine Bahnfahrt, die ist lustig

Kleiner Blick zurück, nennen wir es mal Stufe 0: Die Zeit der Kurs-Bücher, Bahnhofs-Vorsteher, Aushang-Fahrplänen und Papier-Fahrkarten. Alles hatte einen Bindestrich, aber auch eine Ordnung. Man musste zum Bahnhof laufen, sich in der Schlange vor dem Schalter einreihen, das Reiseziel angeben und bekam von einem mehr oder weniger unfreundlichen Beamten eine Verbindung zusammengestellt und ein Ticket verkauft. Die Reise selbst verlief eher unspektakulär, hatte man sich in den ersten Zug gesetzt begann trotz diverser Umstiege der entspannte Teil und die weitgehend pünktliche Fahrt.

Stufe 1: Man konnte sich im Vorfeld über die Reise informieren, mit einer gekauften CD seine Verbindung zusammenstellen. Für nicht zu komplizierte Fahrten war der Kauf einer Fahrkarte am Automaten möglich. Allerdings wurden die Verbindungen unpünktlicher, insbesondere Anschlüsse neigten dazu, Wackelkandidaten zu werden. Lieber einen Zug früher starten, die Umstiegszeit nicht zu knapp kalkulieren. Eine normale Reise war möglich, aber immer mal wieder musste man den Schaffner nach Alternativen fragen. Mit ein wenig Kreativität und nicht zu knappem Zeitpuffer ließ sich die Entspannung einer Bahnfahrt erhalten.

Stufe 2: Sowohl Beratung, Verbindungswahl als auch Fahrkartenkauf wurden ins Internet verlagert. In Kombination mit Zugriffsmöglichkeit über das Smartphone waren Echtzeitdaten verfügbar. Was allerdings in der Praxis nicht immer zuverlässig funktionierte. Verspätungen und Zugausfälle waren jetzt viel häufiger, aber von überall abrufbar. Als Fahrgast war man jetzt Teil der Prozesse, recherchierte, plante, durchlief Was-wäre-wenn-Szenarien und ließ sich am Ende doch zwangsweise von der Realität überraschen. Um eine vorgegebene Uhrzeit am Ziel einhalten zu können war die Buchung einer komplett früheren Reise mit zeitlichen Übergangsmöglichkeiten in die eigentlich erforderliche Planung notwendig. Entspannung wich einer Daueranspannung, ständiger Blick auf Uhr, Navigator-App, kurzfristigen Umplanungen und Improvisation neuer Verbindungen.

Stufe 3: Die Verlässlichkeit der Informationen wurde der Unzuverlässigkeit der Zugfahrten angepasst. Die Fahrten verliefen weitgehend unabhängig von Fahrplänen, nicht nur die Fahrgäste, auch die Bahnmitarbeiter waren zu Opfern instabiler Abläufe, Häufung von Störung und mangelhaften Ersatz- oder Ausweichmöglichkeiten geworden. Zur Einhaltung eines wichtigen Termins war eine Vorabend-Anreise dringend geboten. Zur planerischen Unsicherheit kam noch eine erhebliche emotionale Komponente, die sich je nach Charakter in Aggression oder Resignation äußerte. Selbst überzeugte Bahnkunden stellten sich die Frage, ob der Individualverkehr eine sinnvolle Alternative darstellt oder man nicht auf Reisen verzichten kann.

Stufe 4: Die Bahn hat sich selbst abgeschafft, nach Auswertung von Verspätungsdaten, Fahrgastbefragungen und rückläufiger Nutzung, jahrzehntelang herausgezögerter Materialwartung und nicht mehr aufzufangendem Investitionsstau wurde der Verkauf aller mobilen Objekte ins Ausland in die Wege geleitet. Ehemalige Mitarbeiter wurden in die Burnout-Betreuung überstellt, der Umstieg vom altmodischen Schienenverkehr zu Transport-on-demand als zeitgemäßer Fortschritt gefeiert. 

Bahnfahrt, die ist lustig

Was am Beispiel der Deutschen Bahn jedem direkt aus der Alltagserfahrung vor Augen ist, das erleben wir alle aber leider auch in zahlreichen anderen Branchen. Fast möchte ich sagen, es begleitet mich in jeder Hinsicht durch den Tag. Menschen, die früher zuverlässig bereit standen werden sukzessive schwieriger planbar, ein Ausweichen auf andere Personen und Neuplanung von Terminen ist mittlerweile integraler Bestandteil meines Tages. Je nach Tätigkeit und Charakter der Beteiligten sehe ich vieles auf Höhe von Stufe 2 – und lesen wir doch noch mal, was da über die emotionale Komponente steht: „Entspannung wich einer Daueranspannung, ständiger Blick auf Uhr, Navigator-App, kurzfristigen Umplanungen und Improvisation neuer Verbindungen.“

So erhöht sich also nicht nur die Arbeitslast und führt zu qualitativer und quantitativer Überlastung, durch Rückkopplung der involvierten Strukturen verschärft sich die Situation noch weiter. Vielleicht ist das Festhängen am Gedanken der Planbarkeit einfach nur altmodisch, ein weiter-so schlicht nicht zu erwarten. Nach dem Verschleiß des Materials sind unübersehbar auch die menschlichen Ressourcen zunehmend angeschlagen. Die Strategen nehmen die Änderungen wahr, gehen aber davon aus, den Änderungen mit bewährten Mitteln begegnen zu können. Das ist aber bei komplexen Systemen – wie wir sie hier zweifellos vorliegen haben – grundsätzlich nicht möglich.

Um unsere technische und menschliche Umwelt angemessen gestalten zu können und mit ihr in die Zukunft zu gehen erleichtert es wie immer, auch hier einen vereinfachten Ansatz, ein Modell, zu verwenden. Und dafür kann man in diesem Artikel noch mal weiter oben bei der Deutschen Bahn ansetzen, sich fragen, wann und womit der Untergang begonnen hat und auf welcher Stufe welches Gegensteuern noch gegriffen hätte.

Mittwoch, 27. September 2023

Was ich wahrscheinlich nie erfahre

Ich saß hinten im Auto. Vor mir meine Freundin, auf dem Fahrersitz ein junger Mann, der mich mit seinem Auto vom Bahnhof abgeholt hatte. Ich kannte ihn bis dahin nicht, meine Freundin schien aber ziemlich vertraut mit ihm. Sie hatte mir nie gesagt, dass unsere Beziehung zu Ende wäre, auch jetzt war das in keiner Weise erkennbar. Und doch war ich wie vor den Kopf geschlagen. Wer war dieser Fahrer, warum hatte sie ihn nie erwähnt, was machte er hier. Und vor allen Dingen: Seit wann ging das schon so?

Eine ganz schlimme Frage, denn rückwirkend wurde ich total unsicher. Eine Beziehung hinter meinem Rücken, das war sicher nicht besonders schwierig, da wir uns nur am Wochenende sahen. War er nur ein Kumpel, war sie in ihn verliebt, was trieben die beiden ohne mein Wissen? Waren ihre  kleinen Liebesbeweise gelogen, womöglich seit Monaten nur noch ein Spiel?

Was ich wahrscheinlich nie erfahren
Tatsächlich war das wie ein Stöpsel, den sie aus meinem Liebesfass gezogen hatte. Ich konnte sie nicht mehr ansehen, geschweige denn küssen oder gar lieben. Innerhalb eines einzigen Augenblickes war es nicht nur zu Ende, es war auch mit einer kleinen Geste rückwirkend viel kaputt gegangen. Vielleicht hätte ich es besser verarbeitet, wenn sie mir die Geschichte und den Verlauf erzählt hätte, aber ich habe es nie erfahren.

Gerade in diesen Tagen denke ich wieder an diese schmerzhafte Trennung. Wieder hat mich ein Mensch verlassen, in diesem Fall aber nicht nur mich, sondern alle Mitmenschen. Aus dem Leben geschieden und auf einmal stelle ich mir Fragen, die ich nicht mehr beantwortet bekomme. Was waren das für letzte Stunden in seinem Leben, was mag er im Vorfeld gedacht haben? Hätte ich mit mehr Aufmerksamkeit etwas merken, eventuell sogar ändern können? Muss ich mir Vorwürfe machen, weil ich zu sehr auf mich und zu wenig auf ihn geachtet habe?

Offensichtlich gibt es Situationen, in denen unsere gewohnte Kommunikation an ihre Grenzen stößt. Sei es, weil jemand den Austausch verweigert, sei es, weil er aus irgendwelchen Gründen nicht mehr stattfinden kann. Und das hinterlässt dann die Gegenseite in Unsicherheit und mit einer Hand voll Fäden, deren Enden sie nicht mehr verbunden bekommt.

Mittwoch, 20. September 2023

Künstliche Intelligenz ist menschlich

In den letzten Jahren entsteht in der Computerwelt ein ganz neues Imperium. Fast unbemerkt macht sich hier eine Technik breit, die von Fachleuten als Künstliche Intelligenz bezeichnet wird. Waren die ersten Versuche noch eher ein wenig tapsig, hat sich der Ansatz zu einer allgegenwärtigen Begleiterscheinung gemausert.
Nicht nur Verkaufsanbieter optimieren die Reihenfolge der Vorschläge, auch Suchmaschinen setzen auf intelligente Verbesserung der Ergebnisse. Und wir erleben die Diskussion um Texte, Bilder und Videos, die von Computern generiert werden.
Ein spannender Fall ist die Suche nach Mustern und daraus abgeleiteten Entscheidungen. Vor einigen Jahren hat die Postbank alle Daten potentieller Kunden gesammelt, deren sie habhaft werden konnte. Und aus diesem Datenpool hat sie mit einem Algorithmus ableiten lassen, welche Kriterien erfüllt sein müssen, um eine möglichst geringe Kreditausfallwahrscheinlichkeit zu haben. Ohne Rücksicht auf logische Zusammenhänge durften in die Einschätzung auch Augenfarbe, Herkunft, bisherige Transaktionen oder Fragen nach dem sozialen Umfeld eingehen. Aus der Vielzahl der erhobenen Daten bildeten sich in der Masse dann bestimmte Cluster und Häufungspunkte. Warum die Ausfallwahrscheinlichkeit erhöht war, wenn der Nachbar einen Opel fährt, deutlich verringert aber, wenn der Nachbar einen BMW besitzt, kann man vielleicht irgendwie begründen, aber so richtig logisch war es nicht.
Aber die KI des Computers fragt nicht nach Logik. Die kann man dann nachträglich hineininterpretieren, sich vielleicht Gedanken machen, warum dieser oder jener Parameter eine Rolle spielt. Aber letztlich ist das völlig egal, denn im Kern kommt es beim Beispiel der Postbank ja darauf an, dass der Kreditgeber sein Geld zurück erhält. Und dass die Wahrscheinlichkeit von der Automarke des Nachbarn abhängt, das ist zwar überraschend, die Begründung aber letztlich egal.

KI ist menschlich
Und da denke ich an Menschen, die besonders zuverlässig gute Entscheidungen treffen. Wenn man sie fragt sagen sie meist, dass sie diese aus dem Bauch heraus treffen. Was bedeutet, dass sie sich der logischen Zusammenhänge selbst nicht bewusst sind. Vielmehr entsteht die Entscheidung nur zu einem Bruchteil aus den bekannten Faktoren, doch den größten Einfluss haben ebenfalls messbare Parameter, nur dass man nicht auf die Idee kommt, diese zu messen. Ein erfolgreicher Investor wird vielleicht auf Bilanzen und Quartalszahlen der in Frage kommenden Unternehmen verweisen. Warum er aber am Ende Aktien des Unternehmens X kauft, jene von Unternehmen Y aber verschmäht obwohl die Kennzahlen eine andere Sprache sprechen, ist ihm nicht zu entlocken. Tatsächlich hat er seine Entscheidung gar nicht zufällig getroffen, sondern Dinge einbezogen, die man üblicherweise gar nicht abfragt. Wie war das doch gleich mit der Automarke des Nachbarn? Im Fall der Investition spielt vielleicht die Haarfarbe des Firmengründers eine Rolle, das Alter der Ehefrau oder die Anzahl der leiblichen Kinder. Das alles steht nicht in der Bilanz, ist auch nicht als direkt logischer Indikator für eine Kaufempfehlung zu verstehen, aber im Sinne von Häufungspunkten dann eben doch relevant – warum auch immer.

Und so stelle ich fest, dass Künstliche Intelligenz durchaus menschliche Züge hat. Man kann aber den Spieß auch umdrehen und an der einen oder anderen Stelle die künstliche Intelligenz als Vorbild nehmen, einfach mal zulassen, dass man nicht jede Entscheidung nach Quartalszahlen oder sonstigen offensichtlichen Indikatoren treffen muss, sondern sich an der Erfahrung orientieren darf und gerne auch mal Energie in die Suche nach den Gemeinsamkeiten bestimmter guter Entscheidungen steckt.

Dienstag, 5. September 2023

Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen

Vielleicht sollte ich vorweg schicken, dass ich nur selten Auto fahre. Und wenn, dann mit meinem altmodischen Benziner. Weder habe ich ein Elektroauto noch habe ich ein Dieselfahrzeug. Und so ist das schon seit vielen Jahren. Die Diskussion zur Manipulation von Messeinrichtungen in Dieseln habe ich am Rande mitverfolgt. Wirklich berührt hat sie mich nicht, höchstens in dem Sinne, dass vielleicht an anderer Stelle auch Benziner betroffen sein könnten. Das war es.

Mittlerweile ist Ruhe eingekehrt, rund acht Jahre sind vergangen, seit es um VW hoch her ging. Der ohnehin eher ferne Ruf ist bei mir komplett verhallt. Bis heute. Da kam ein Brief von meiner Rechtsschutzversicherung, in dem mit den üblichen Jammertönen beteuert wurde, dass sie eine Beitragserhöhung trotz Anstrengung nicht vermeiden könnten. So weit, so gut, doch bei der Begründung merkte ich dann doch auf. Das Klagevolumen hätte sich deutlich erhöht, insbesondere die Auseinandersetzungen wegen „Dieselgate“ hätten enorm zugenommen.

Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen
Dieselgate. Ich neige nicht zu Rechtsstreiten, fahre keinen Diesel und bin auch kein Kunde von VW. Und doch erwischen mich Auswirkungen der illegalen Machenschaften rund um die Motorsoftware. Ich bin Opfer ohne je einem Täter begegnet zu sein und muss für etwas bezahlen, dass nicht nur bestimmte Kundengruppen geschädigt hat, sondern indirekt (über die Kostenerhöhung der Rechtsschutzversicherung) auch zunächst scheinbar unbeteiligte Menschen.

Mit einem Zeitversatz von zig Jahren holt es mich gnadenlos ein. Fast möchte man diese Spätfolgen auch als Kosten an den Verursacher zurückgeben. Nicht nur der Primärschaden, nein auch die Kollateralschäden müssen bei einer ganzheitlichen Betrachtung einbezogen werden. Nebenbei ist noch zu berücksichtigen, dass die Beiträge der Rechtsschutzversicherung nur deshalb steigen, weil manche der angestrengten Prozesse zu Lasten der Kläger (das dürften in der Mehrzahl Dieselfahrer sein) ausgehen. Offensichtlich geben die Gerichte in merklichem Umfang den Autokonzernen Recht oder lasten die Prozessgebühren aus anderen Gründen den Klageführern an.

So oder so: Unbeteiligt und doch betroffen, ganz nach dem alten Sprichwort „Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen“.

Mittwoch, 30. August 2023

Maria, Laundry-Managerin

Maria Laundry-Managerin
Gerade hat Maria ihren Bachelor in Laundrymanagement abgeschlossen. Demnächst wird sie noch eine Masterarbeit schreiben, das Thema wird der Einsatz von Künstlicher Intelligenz bei der Reinigung von Seidenblusen sein. Maria ist Teil eines Exzellenz-Clusters der Hochschule, das die Zusammenarbeit von Stoffdesignern und Chemikern fördert. Im Kern geht es um die Vernetzung von technischen Stoffeigenschaften und chemischen Vorgängen bei der Reinigung. Daneben spielt aber auch die Verarbeitung eine wichtige Rolle, so dass Maria bei verschiedenen Schneidereien im Ausland Vorträge hält.

Neu ist die Erforschung zum erweiterten Einsatz von Computern. Schon lange werden Rechner für die Steuerung von Waschvorgängen eingesetzt. Auch die Zahl der Sensoren ist im Laufe der Jahre sprunghaft angestiegen. Nicht nur Drehzahl und Temperatur, auch Durchflussgeschwindigkeit, Wassermenge, Vibration und viele weitere Indikatoren werden technisch beobachtet. Da liegt es nahe, mit KI nach geeigneter Wahl dieser Parameter zu suchen.

Maria hat also im Grunde gar nichts mit Bekleidung und deren Reinigung zu tun. Sie organisiert Treffen mit Computerfachleuten, vermittelt Gespräche mit Ingenieuren und informiert sich bei Vertretern der chemischen Industrie über neue Tenside. Keines der Themen ist ihre Kernkompetenz, fragt man sie nach der Entfernung eines Kirschflecks auf der Jeans muss sie passen. In seltenen Momenten des täglichen Lebens wird sich Maria unsicher, ob sie vielleicht den Bodenkontakt verloren hat. Die Beschäftigung mit Laundrymanagement kommt ihr seltsam fremd vor, aber dann sagt sie sich immer, dass sie Treiberin des Fortschritts ist, dass KI die Zukunft gehört und dass ausgerechnet sie daran mitwirkt.

Und doch: Kein physischer Kontakt, kein Anfassen von Stoff, kein Geruch oder Gefühl verbindet sie mit ihrer Tätigkeit. Die Tortendiagramme und Excel-Tabellen auf dem Computer sprechen nicht zu ihr, eher ist es tote Materie, zu der ihr die Beziehung fehlt. Ist das in den ersten Jahren der Karriere noch nicht so recht erkennbar gewesen, empfindet Maria dies zunehmend als Leere. In Kombination mit den hohen Anforderungen, die an sie gestellt werden mutiert ihre Tagesarbeit zunehmend zur Bewegung im Hamsterrad.

Emotionale Bindung an die eigene Berufsarbeit, sinngebende Bestandteile im Aufgabenportfolio und bleibende Werte bei der Wahl der beruflichen Weiterentwicklung gehören zu den Kernelementen für nachhaltigen Einsatz von Arbeitskräften. Ebenso spielt auch die persönliche Nähe, im Idealfall sogar die Anfassbarkeit des Produktes eine große Rolle. Ideen, Theorien oder Prozesse sind zwar wichtig, aber letztlich oft austauschbar. Nur die individuelle Beziehung zwischen Mensch und bearbeitetem Objekt schafft hier auf Dauer Zufriedenheit.

Mittwoch, 23. August 2023

Maria, Kleiderreinigungsfachangestellte

Maria ist schon lange in ihrem Beruf tätig. Angefangen hat alles nach der Schule mit einer Lehre als Wäschefrau in der örtlichen Wäscherei. Sie lernte, wie man Wäsche für die verschiedenen Waschgänge sortiert, Flecken erkennt und behandelt, die richtige Temperatur und das richtige Waschmittel wählt. Mit den Jahren entwickelte Maria für alle relevanten Aspekte der Wäscherei ein gutes Gespür und so war es nicht überraschend, dass sie im Betrieb als Fachfrau gehandelt wurde. Insbesondere bei schwierigen Fällen und besonders hartnäckigen Flecken wurde sie um Rat gefragt.

Es gab natürlich keine offiziellen Schulungen, aber der Wechsel von Waschtrögen zu ersten Waschmaschinen erforderte schon ein Umdenken. Expertin zu bleiben war eine Herausforderung, die Maria aber mit Bravour meisterte. Ihr Feingefühl für die unterschiedlich einzusetzenden Waschbretter und –bürsten war nicht mehr gefragt, dafür musste sie die richtige Befüllung der großen Trommeln und das Austarieren der richtigen Drehzahl verinnerlichen. Die neue Technik erforderte mehr Denken, dafür weniger Handarbeit. Maria war jetzt nicht mehr einfache Wäschefrau, sie nannte sich jetzt Kleiderreinigungsfachangestellte.

Als die Wäscherei vom Senior zum Juniorchef übergeben wurde, kam der nächste Ruck bei der Modernisierung der eingesetzten Maschinen. Zum ersten Mal kamen jetzt Waschmaschinen in den großen Kesselraum, die über Kabel mit einem Computer verbunden waren. Vor den Trommeln wurden Fließbänder installiert und an der Wäscheabgabe sorgte eine Sortiermaschine für die Zuordnung der Wäsche. Maria brauchte sich nicht mehr um die Befüllung und auch nicht um die Steuerung der Drehzahl zu kümmern. Dafür verlangte man jetzt, dass sie sich mit Lochkarten und mit Computerprogrammen auskennen musste. Mittlerweile war sie Laundry-Managerin, aber durch ihr zunehmendes Alter (sie ging auf die Rente zu) fiel es ihr schwer, mit dem Fortschritt mitzuhalten.

Einst engagierte Einsteigerin, hochgearbeitet zur Expertin. Dann der eiserne Wille, mit der Zeit zu gehen und am Ball zu bleiben. Auch noch der Versuch, dem erheblich geänderten Berufsbild und der neuen Technik gerecht zu werden. Und schließlich die berufliche Erschöpfung, die Frustration nicht mehr gut genug zu sein und von den Entwicklungen schlichtweg überrollt zu werden.

Maria Kleiderreinigungsfachangestellte

Natürlich kann man auf Maria verzichten, schließlich hat sie zwar goldene Hände bei der Reinigung von Wäsche aber keine Ahnung von Computern. Aber sie ist eine Arbeitskraft, die man nicht einfach abschreiben darf. Bei aller Begeisterung für technischen Fortschritt dürfen wir es uns nicht zu leicht machen. Die derzeitige Veränderungsgeschwindigkeit ist so groß, dass die wenigsten Arbeitnehmer ihr Leben lang ein auch nur halbwegs konstantes Berufsbild verfolgen. Und auch mit Weiterbildung und Schulungen kann man einen Menschen, der als Handwerker eingestiegen ist nicht unbedingt zum Bediener von Computer-Maschinen umbiegen. Da brauchen wir insgesamt viel mehr Kreativität und mehr Einfallsreichtum sowohl bei den Beratern als auch bei den Führungskräften.

Und wer glaubt, dass das nur für Wäschereien gilt: Weit gefehlt. Der Innovationsdruck hat längst die meisten Branchen erreicht, zwar steigen mit den Anforderungen auch die Gehälter, aber auch die Frustrationsraten bei den zahllosen Überforderten. Und bevor sie resignieren, mental ausgelaugt und frustriert in psychische Probleme abrutschen muss sehr sorgfältig geprüft werden, ob man die (ursprüngliche) Kernkompetenz nicht anderweitig verwenden kann. Wie gesagt, das ist auch aus Sicht der Personalentwicklung ausgesprochen anspruchsvoll, lohnt sich aber.

Mittwoch, 16. August 2023

Maria, Wäschefrau

Maria ist Spezialistin für die Reinigung von Wäsche. Sie ist die Hüterin der Tröge, kennt sich mit der Befeuerung aus und hat ein gutes Gefühl für die Dosierung der Seife. Und durch ihre Erfahrung ist sie im Detail über alle möglichen Kleinigkeiten im Bilde. Angesprochen auf das Thema Verbesserung denkt sie an bestimmte Hölzer für die Waschbretter und empfiehlt dringend die Montage von Thermometern an den Waschbütten.

Ein Jahrzehnt später sieht die Welt anders aus. Es ist inzwischen gelungen, die Wassererwärmung von Kohle auf elektrische Beheizung umzustellen. Die Steuerung übernimmt ein Thermostat, so dass kein zu kontrollierendes Thermometer mehr erforderlich ist. Die Tröge sind in diesem Zusammenhang von offenen Bottichen zu geschlossenen Trommeln mit Antrieb umgestellt worden. Da diese aus Metall sind stellt sich auch nicht mehr die Frage nach der Holzsorte für Waschbretter. Maria hat die Umstellung mit großer Skepsis mitverfolgt, es widerspricht schlicht ihrer Erfahrung, dass man Wäsche ohne manuelles Scheuern und Schrubben sauber bekommt. Am Anfang war schien sie auch Recht zu behalten, aber nach Weiterentwicklung der sogenannten Waschmaschinen gelang es zusehends, ausgesprochen respektable Ergebnisse zu erzielen.

Maria Wäschefrau
Inzwischen ist Maria auch mit diesen neuen Geräten vertraut, ihre Optimierungswünsche gehen in Richtung Steuerung der Umdrehungszahl für den Waschvorgang, Dosierungsmöglichkeit für die Zumischung des Waschmittels und Unterscheidung nach verschiedenen Wäschearten. Auch die leichte Entnahme der sehr feuchten Wäsche zur Trocknung liegt ihr am Herzen.

Wir springen gedanklich wieder ein paar Jahre. Die Waschmaschine hat eine Steuerung bekommen, der Bediener kann aus zahlreichen sogenannten Programmen wählen. Diese heizen unterschiedlich schnell auf, differenzieren in Vor- und Hauptwaschgang und kombinieren mit unterschiedlichen Drehzahlen der Trommel. Sogar das Schleudern von Wäsche zur weitgehenden Trocknung ist möglich. In dieser Phase denkt die professionelle Wäschefrau an ruhigeren Lauf der Trommel (gerade beim Schleudern) und einfachere Bedienbarkeit.

Und so geht es weiter. In jeder Entwicklungsphase ergeben sich andere Verbesserungsaspekte, solange noch ein Kupferkessel über Kohle erwärmt und die Wäsche auf dem Waschbrett geschrubbt wird kann man nicht über Internetanbindung und Smart Home nachdenken. Die Produkte entwickeln sich oft evolutionär, vielleicht in Stufen (durch technischen Fortschritt), aber nur selten revolutionär. Und wenn man Fachleute fragt, dann bekommt man meist zum einen evolutionäre Verbesserungen zu hören, zum anderen schlägt einem viel Skepsis entgegen. Sei es, weil der eigene Arbeitsplatz in Gefahr gerät, man sich umstellen muss oder weil die Zukunftslösung nicht mit der bisherigen Erfahrung in Einklang ist.

Wer seine Prozesse und Produkte weiterentwickeln will oder muss, der sollte zwar mit Maria sprechen, die Aussagen aber nicht uneingeschränkt übernehmen. Ein sehr schwieriges Feld, da man Neues wagen muss ohne die Expertise der bisherigen Fachleute zu ignorieren oder sie vor den Kopf zu stoßen.

Mittwoch, 9. August 2023

Der Satire-Test

Satire-Test
Wie war das damals, diese Aufbruchstimmung bei der Eroberung des Mondes. Die gesamte Forschung konzentrierte sich auf den Weltraum, egal ob Elektronik, Antriebstechnik, Klebebänder oder was auch immer – alles drehte sich um das eine Thema. Alles schien möglich, heute der Mond, morgen der Rest des Weltalls. Die Phantasie war grenzenlos.

Zeitsprung: Etwa fünfzig Jahre später wieder Aufbruchstimmung. Computer können alles, das wird jetzt ganz offensichtlich, sie können nicht nur menschliche Sprache verstehen, in ihr antworten, sich Portraits in realistischer Qualität „ausdenken“, auch Musik im Stil berühmter Komponisten oder Gemälde angelehnt an Klassiker sind kein Problem mehr.

Eine neue Ära bricht an, heute die Sprache und die Ausdrucksmöglichkeiten, morgen die Gefühlswelt. Wieder scheint alles möglich, die Phantasie schlägt Purzelbäume. Zeit, einen Maßstab heranzuziehen, wie ihn 1950 Alan Turing erstellt hat und der noch heute genutzt wird. Doch während sich die Messung bei Turing im Wesentlichen auf kluge Antworten bezieht und Wissensfragen oder geschickte Interaktionen adressiert, brauchen wir jetzt eine Möglichkeit, weitere Ebenen der menschlichen Kommunikation zu vergleichen.

Von Kindern wissen wir, dass sie nichts mit Ironie anfangen können. Die Fähigkeit, eine weitere Ebene als solche zu erkennen entwickelt sich erst im Lauf der ersten Lebensjahre. Ähnlich können die heutigen Sprachmodelle hier noch nicht „erwachsen“ reagieren. Noch schwieriger wird es mit Humor, eine interessante Herausforderung wäre die Generierung eines (neuen) Witzes, den ein Bot erzählt.

Königsdisziplin aus meiner Sicht ist aber die politische Satire. Aktuelle Gegebenheiten aufzuspießen, Prominente in Wortspiele zu verfangen, Ironie mit Überspitzung zu kombinieren und zu bisweilen mit Spott verbrämter Kritik zu verdichten. Gelingt es einem Computer, auch dieses Format zu besetzen bzw. dieses als solches zu erkennen, so dass wir nicht mehr gegenüber Böhmermann, Nuhr oder Priol unterscheiden können, dann würde ich den Test als bestanden bezeichnen.

Mittwoch, 2. August 2023

Die vier Seiten der Kunst (Schulz von Thun)

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Oder: Das Kunstwerk spricht mich an. In beiden Fällen Begriffe, die etwas mit Kommunikation zu tun haben. Es liegt also nahe, die Interaktion zwischen Kunstwerk und Rezipient unter dem Gesichtspunkt der Kommunikation zu betrachten. Und da bietet es sich an, das bewährte Modell von Thun zu verwenden.

Die vier Seiten der Kunst

In der Kommunikationstheorie spricht Schulz von Thun von vier Seiten, die eine Nachricht hat. Der Sprecher offenbart etwas über sich selbst (Selbstkundgabe), transportiert eine Botschaft (Sachinhalt) und wendet sich mit einem Aufruf (Appell) an den Empfänger. In der Äußerung finden sich aber auch Hinweise auf das Verhältnis der beiden Personen (Beziehungsebene).

Diese vier Seiten gibt es aber eben nicht nur in der (gesprochenen) Sprache, sondern auch in der Kunst. Was dem Betrachter eines Bildes als erstes ins Auge springt, ist das dargestellte Objekt. Was ist auf dem Bild zu erkennen, wie stehen die Bildinhalte zueinander im Verhältnis, welche Farben spielen eine Rolle und welche Stilelemente kamen zum Einsatz. Das ist im Bild von Thun die Sachebene, je nach Bild mehr oder weniger deutlich zu erkennen. Bei Inhalten, die man erst entdecken, möglicherweise sogar dechiffrieren muss, spricht man von abstrakten Gemälden.

Schon schwieriger wird es bei der Appell-Seite. Was will mir dieses Bild sagen, das ist eine Frage, die sich viele Betrachter stellen. Möglicherweise möchte der Künstler einen Auftrag platzieren, will den Empfänger für ein Thema sensibilisieren oder sogar zu einer Handlung animieren. Als Beispiel nenne ich sozialkritische oder pazifistische Motive, es können aber auch rein humoristische Aspekte sein.

Oft eher undeutlich, aber jedenfalls auch vorhanden gibt es eine Beziehungsebene. Der Produzent stellt sich zum Betrachter in ein bestimmtes Verhältnis, mal im Sinne einer belehrenden Eltern-Rolle, mal in Form der kameradschaftlichen Gemeinsamkeit. Ebenso kann das Bild auch durch das Einfühlungsvermögen einer guten Partnerschaft geprägt sein.

Und dann ist da noch die Selbstkundgabe. Diese Perspektive wird meist übersehen und offenbart sich erst im Zusammenspiel mit anderen Werken. Je nach Sachinhalt und Appell kann man Rückschlüsse auf politische Ausrichtung und Mission des Künstlers ziehen. Aber seine Charaktereigenschaften sind eher verborgen, jedoch meist erkennbar, wenn man darauf achtet. Schon die Wahl der Farben und Kontraste, Strichstärke und Aufdruck geben Hinweise. Und durch Betrachtung der Motivauswahl wie auch der Komposition ist eine Detaillierung möglich.

Kunstwerke – hier am Beispiel von Gemälden – kann man also durchaus als Gesprächspartner verstehen. Und wenn ein Bild eine grüne Ampel zeigt… dann könnte das auch eine Anspielung auf Schulz von Thun sein.

Mittwoch, 26. Juli 2023

Das mache ich mit links

Vor ein paar Wochen habe ich mich bei der Handarbeit verletzt und musste ein paar Tage mit einem Verband herumlaufen. Nicht gerade spektakulär, aber die rechte Hand stand für die üblichen Tätigkeiten wenig bis gar nicht zur Verfügung. Die Kaffeemaschine kann ich auch mit links bedienen, auch im restlichen Alltag ist die temporäre Einschränkung zu verkraften, ja selbst auf der Tastatur kann man mit verringerter Geschwindigkeit weiterarbeiten.

Ganz anders bei der Handschrift. Den Stift in der linken Hand nehme ich Anlauf, mir in gewohnter Weise Notizen zu machen. Es geht nicht. Heraus kommt trotz viel Anstrengung ein nahezu unlesbares Gekritzel und Gekrakel. Upps, denke ich, das ist ja schon bemerkenswert. Ich weiß, was ich schreiben will, kenne die Buchstaben und die Bewegung, um diese zu Papier zu bringen und trotzdem ist die Qualität mangelhaft und es fällt mir schwer, sie innerhalb kurzer Zeit wieder zu steigern.

Das mache ich mit links
Liebe McKinseys dieser Welt, so geht es allen Mitarbeitern, wenn man bei ihnen mal so eben die gewohnten Abläufe und Prozesse verändert. Den routinierten Kollegen ist klar, wie sie ein „e“ schreiben sollen, aber in der neuen Software und eingebettet in ungewohnte Prozesse oder geänderter Software wird selbst diese bis dahin schlafwandlerisch ausgeführte Aufgabe zur Herausforderung.

Changemanagement also, bei meinem kleinen Unfall wäre das der Change von rechts zu links. Harmlos, wie es auf den ersten Blick scheint. Und dennoch ist eine ausgewachsene Schulung mit Übungsteil (Schreibtraining) notwendig, um mit einer gewissen Geduld und mit Verständnis für den zwischenzeitlichen Qualitätseinbruch vielleicht den vorher etablierten Zustand (leserliche Schrift) wieder zu erlangen.

Probieren Sie es! Schreiben Sie mal so lange mit links, bis es tatsächlich wieder aussieht wie mit rechts. Das schafft Verständnis dafür, wie mühsam die Neuausrichtung ist, dass es nicht reicht, den Change zu kommunizieren und Anweisungen zu erlassen. Es genügt auch nicht, die Mitarbeiter von der Notwendigkeit zu überzeugen und die Übergangsphase als temporären Durchhänger in der Planung zu berücksichtigen. Man muss auch verstehen, dass es Ausführende gibt, die aus welchem Grund auch immer sehr lange für die Umgewöhnung brauchen oder schlimmstenfalls überhaupt nicht damit zu Recht kommen.

In Einzelfällen geben die Ausführenden auch schlichtweg auf. „In meinem Alter lerne ich das nicht mehr.“ Als Aussage ist das nachweislich falsch oder zumindest höchst unwahrscheinlich, vielmehr handelt es sich um einen Mangel an Überzeugung zum Mitmachen. Aber wer ein neues Tool vorgehalten bekommt und höchstens eine Einweisung erfährt, ist schnell an dem Punkt, dass er mangels Motivation die Umstellung verweigert.

Mittwoch, 19. Juli 2023

Ein Hoch auf das Großraumbüro

Beschäftigen wir uns doch heute mal mit der glorreichen Entwicklung von Großraumbüros. Nein, das sind nicht etwa diese Legebatterien, in denen Mitarbeiter auf gesetzlich geregelter Mindestfläche zusammengepfercht und zu hochwertigem Multitasking unter Berücksichtigung aller um sie herum geführten Gespräche gezwungen werden. Es sind auch nicht die Tempel der Kommunikation, in denen wir alle Hörschwellen überschreiten, abschirmende Hüllen fallen lassen und aus dem Vollen schöpfen, was der im Raum eingesperrte Schwarm an Intelligenz entwickelt. Ebenso wenig verstehe ich darunter jene Räume, in denen die gemeinschaftlich verbreiteten Gerüche, Geräusche, Gespräche mit einem Cocktail der Emotionen verrührt und bei einer demokratisch bestimmten Temperatur auf den Schreibtisch gebracht werden.

Ein Hoch auf das Großraumbüro

Es geht um Fortschritt. Ein Segen, dass die Arbeitsbedingungen des neunzehnten Jahrhunderts weit hinter uns liegen. Schritt für Schritt und sukzessive wird die Fähigkeit zum Multitasking weiter ausgebaut. Wie sonst sollte man Mitarbeiter an das New Work mit seinen Floorfluencern heranführen, aus ihnen die anvisierten Cloudworker machen? Es grenzt an Selbstlosigkeit, wieviel Geld die Unternehmen in die Hand nehmen, um Denkwände zwischen den altmodischen Büros einzureißen, immer wieder erinnert es mich an die Wiedervereinigung und an die Dankbarkeit der Neuen Bundesländer, als sie endlich auch in den Genuss des Kapitalismus mit seinen wunderbaren Seiten kamen.

Der Faden reißt – die Realität erwartet mich, denn die Innenarchitekten haben ganze Arbeit geleistet. Ist es die Haltlosigkeit der nicht vorhandenen Begrünung oder sind es die fehlenden persönlichen Accessoires, die die Großraumbüros zu Aufenthaltsräumen mit dem Charme eines Wartesaals im Provinzbahnhof machen? Und wollte nicht die allgegenwärtige Kommunikation ihren Siegeszug auch in diese Hallen bringen, die von vielen Menschen als Arbeitsräume missverstanden werden? Da heißt es aufräumen bei den angestaubten Vorstellungen, entsorgen von oldfashioned Mindsets und Einführung von Multitasking und Agilität. Sind wir nicht alle ein bisschen agil, liegt hier nicht der Schlüssel für die Tür in die Zukunft?

Arbeit wird Spiel und Spiel wird Arbeit, Startups machen es uns vor, aus der Hängematte lässt sich ein Unternehmen leichter an die Wand fahren als auf der Basis von validierten Zahlen. Spielen wir also mal Großraumbüro und zeigen der Welt, dass unsere Konzentration entgegen der Natur nicht schon bei gleichzeitiger Aufmerksamkeit auf drei Vorgänge auf infantiles Niveau absinkt. Das Mantra des Austausches und der Zusammenarbeit wie eine Monstranz vor uns her getragen, Messdiener durch Unternehmensberater ersetzt und der Baldachin über dem Controller, der seine Ländereien abschreitet und an der einen oder anderen Station innehält, um eine Rede über die Betriebswirtschaftlichkeit zu halten.

Ganz ehrfürchtig lauschen wir seinen Worten, im Herzen voller Verständnis für die globale und allgemeingültige Grundhaltung. Wir tauchen ein ins Metaverse, verorten uns in den Endlichkeiten zwischen Software und Avataren. Nur als Komponenten einer Blockchain mit Badeoption im Data Lake fühlen wir die Unwichtigkeit unserer Existenz als Human Ressource, deren Produktivhaltung nicht mehr als Arbeitsvertrag, sondern als Wartungsvertrag sichergestellt wird. Da liegt es nahe, die Supply Chain der Mitarbeiter durch Bevorratung in einer effizienten Form darzustellen, wozu energieoptimierte und möglichst kostenneutrale Ersatzteillager menschlicher Kompetenz gehören.

Deutlich erkennt man, dass die aktuellen Konzepte wie das Alternativangebot von Free Seating oder mobilem Arbeiten nur ein vorübergehender Zustand sein können. Bezahlt in diesem nur halb fortschrittlichen Modell der Arbeitnehmer seinen Arbeitsplatz im Homeoffice selbst, so kann er in den nächsten Schritten über Human Agility zur Human Cloudability und weiter in Richtung Knowhow-on-demand weiterentwickelt werden. Gerade die Skalierbarkeit von menschlicher Denkleistung stellt die Unternehmen ja bislang vor erhebliche Herausforderungen, der man durch Container-Technologie zur Haltung von Fachexperten begegnen kann.

Und genau dafür bietet der old school Ansatz der Großraumbüros die richtige Basis. Mein Votum also eindeutig in Richtung Schreibtischhaltung bei gleichzeitiger Ausweitung des Outsourcings auch auf die bislang festangestellten Kolleginnen und Kollegen. Warum sollte man Menschen fest einstellen, wenn die angeforderte Arbeitsleistung bei Computern nach Bedarf erhöht oder verringert werden kann. Stabile Unternehmen werden sich auf Dauer nur mit Mitarbeitern halten können, die ein agiles Mindset mitbringen, ihre Arbeitsleistung on-demand erbringen und uneingeschränkt Multitasking-fähig sind.

Ein Hoch demnach auf alle Formen der Verdichtung, sei es im Bereich der Arbeits-Quantität oder der räumlichen Kompression.